Ausgabe

Sehnsucht nach der verlorenen Heimat

Inhalt

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Kalman Segal: Erzählungen aus dem toten Städtchen.
Aus dem Polnischen von Agnieszka Jankowska.
Mit einem Vorwort von Magdalena Ruta und einem Nachwort von Agnieszka Jankowska. Mit Illustrationen von Leon Getz.
Kraków/Budapest/Siracusa: Austeria Verlag 2018.
284 Seiten, Paperback, Euro 11,52.- 
ISBN: 978-83-7866-256-3
Vor drei Jahren erschien im Austeria Verlag dieser bemerkenswerte Band mit sechs Erzählungen des Schriftstellers Kalman Segal über die verschwundene jüdische Welt Polens. Im Jahre 1956 übersetzte der Autor seine in Jiddisch verfassten Geschichten selbst ins Polnische. Die Erzählungen werden durch stimmungsvolle Illustrationen des ukrainischen Malers Leon Getz (1896 – 1971) ergänzt.
Die Erzählungen des Buches beschreibt menschliches Handeln und Schicksale der armen Bevölkerung, die ums tägliche Überleben kämpfen musste. In Die Orangen schildert ein Sohn die schwere Krankheit seines Vaters und die Sprachlosigkeit über das Leid: „Wie schlimm, dass wir einfache Menschen waren, die keine weichen und zärtlichen Worte kannten, wir konnten unser Gefühle nicht in Silben kleiden, wir kannten nicht die Musik der beruhigenden Worte, die Hoffnung ausdrücken und an denen sich der Mensch in Momenten des Schmerzes und des Unglücks tröstet und freut. Wir waren arm.“ (S. 49) Die Erzählung Die Dotterblumen spielt im Konzentrationslager Majdanek, wo Frau Gutman, einer jungen Mutter, ihr Sohn Jurek weggenommen wird. Der Bub beklagt sich nicht über sein Schicksal, bleibt ruhig und nachdenklich. Manchmal trifft er seine Mutter auf der anderen Seite des Stacheldrahts, wo beide sich unterhalten – doch sie werden sich nie mehr wieder sehen können.
In ihrem Vorwort  schreibt Magdalena Ruta, die an der Krakauer Jagiellonen-Universität tätig ist: „Kalman Segal (…) ist ein zeitgenössischer polnisch-jüdischer Schriftsteller, der sich in seinen Prosawerken viel mit dem jüdischen Schtetl befasst. Dieses Motiv ist nicht neu in der jüdischen Literatur, aber in den literarischen Bildern der jüdischen und polnischen Nachkriegsliteratur haben Nostalgie und Sehnsucht nach dem Schtetl ihre Spuren auf ganz besondere Weise hinterlassen. Die Sehnsucht ist nicht nur die Suche der verlorenen »Heimat« der Kindheit, sondern auch nach dem jüdischen Lebensraum, der im Holocaust vernichtet wurde.“ (S. 7)
Zum Autor Der Schriftsteller, Publizist und Radiojournalist Kalman Segal wurde am 29. Dezember 1917  als Sohn einer armen jüdischen Familie in der galizischen Kreisstadt Sanok geboren. Als Schüler sympathisierte er mit dem Kommunismus. Den Zweiten Weltkrieg überlebte er in der UdSSR in einem Lager im Kolmya-Gebirge, wohin er mit seiner Familie deportiert wurde. Nur seine Mutter Ida und Kalman Segal selbst kehrten 1946 nach Polen zurück. 1969 wanderte Kalman Segal nach Israel aus, wo er einige Zeit in Haifa lebte und sich dauerhaft in Jerusalem niederliess. Ab den 1970ern war er in der jiddischen Abteilung von Kol Israel Radio tätig. In seinen Gedichten und Prosawerken, die hauptsächlich in Jiddisch und manchmal in Polnisch verfasst sind, erinnert er an die Zeit seiner Kindheit. Der Schriftsteller starb am 18. Mai 1980 in Jerusalem an einem Herzinfarkt.
Homepage: http://kalmansegal.pl/
Monika Kaczek