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Weltreisender in den Diensten der Kinematographie Das abenteuerliche Leben des Rudolf Jellinek

Paolo Caneppele/Günter Krenn

In einem mit angejahrten Fotos und vergilbten Zeitungsausschnitten gefüllten Album, asserviert in den Nicht-filmischen Sammlungen des Österreichischen Filmmuseums, verbirgt sich eine faszinierende Lebensgeschichte. 
 

Inhalt

Sie erschliesst sich über drei in den uruguayischen Zeitungen El Tiempo, La Razón und La Pelicula publizierte Artikel, illustriert mit dem Konterfei eines gewissen Rudolf Jellinek.1 Fast ein wenig überrumpelt wirkt er auf dem Bild, obwohl er es längst gewohnt ist, zu repräsentieren. Sein Anzug verrät Stil, ohne dem Gegenüber das Gefühl zu vermitteln, aus besserem Zwirn gefertigt zu sein als dessen Kleidung. Unter der hohen Stirn sind Augen, die viel von der Welt gesehen haben, daran gewöhnt, mehr in anderen zu lesen, als man es in ihnen zu tun vermag. Nichts an ihm will auffallen, alles begnügt sich damit, einen positiven Eindruck zu hinterlassen, nie wichtiger zu erscheinen als das Produkt, mit dem er handelt. Der Text würdigt daher primär seine zwanzig Jahre dauernde Arbeit für die amerikanische Produktionsgesellschaft Paramount Pictures, deren Erfolgsgeschichte 1912 in Hollywood beginnt. Zu den Menschen, die entscheidend mithelfen, dass es der Firma gelingt, ein weltweit erfolgreiches Verleihsystem aufzuziehen, gehört Rudolf Jellinek. Geboren wird er am 13. Juni 1892 in Wien als Sohn von Jindřich und Marie Anna Jellinek. Beide – und daher auch ihr Sohn – besitzen die tschechoslowakische Staatszugehörigkeit. Seine jüdische Konfession legt Rudolf aus unbekannten Gründen am 29. Dezember 1930 ab.
Im Ersten Weltkrieg dient Rudolf als Gefreiter im k.u.k. Infanterieregiment „Erzherzog Karl Stephan“ Nr. 8, das in Brünn stationiert ist, und wird ab Dezember 1915 in den Verlustlisten als Kriegsgefangener geführt.2 Er verbringt drei Jah-
re in Sibirien und danach ebenso lange Zeit in Moskau.3 Am 28. Juni 1919 heiratet er auf einem Moskauer Standesamt die Russin Antonia Nikolajevna Smirnova, die Ehe wird am 10. November 1933 am Kreiszivilgericht von Prag geschieden.4 Ab 1921 arbeitet er in Prag, als „Filmkaufmann“ für Tricolor Film, United Artists und schliesslich Fox Film. Letztere Firma schickt ihn ins Baltikum, wo er in Kontakt mit Paramount kommt.5 Offiziell beginnt Jellinek seine Karriere bei Paramount am 1. Juni 1925 in den Vertriebsbüros für die Baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.6 Er residiert im Hauptbüro im lettischen Riga, Filialen befinden sich in Kaunas (Litauen) und Tallinn (Estland). Bis Ende 1926 arbeitet er im Baltikum, um danach auch in Polen das lokale Vertriebssystem auszubauen, wo man ihm die Direktion der Filiale von Warschau und deren Zweigstellen in Lemberg, Kattowitz und Posen anvertraut. Seine firmeninterne Reputation vergrössert sich dadurch weiter, weshalb er von Polen im März 1928 in die Tschechoslowakische Republik abberufen wird, wo er neben der Filiale in Brünn eine weitere in Prag etabliert. Ende 1929 präsentiert Jellinek im Technischen Museum von Prag den ersten Tonfilm in tschechischer Sprache. Paramount hat früh auf den neuen Trend reagiert, der bald den Stummfilm verdrängen wird, in teure Tonsysteme investiert und bleibt dadurch 1930 die finanziell erfolgreichste Produktionsfirma.
Im Jahr 1934 wird Jellinek Supervisor aller Paramount-Büros in der Tschechoslowakei, Polen und den Baltischen Staaten, also seiner gesamten bisherigen Arbeitsbereiche.7 Alles läuft zufriedenstellend in seinem Leben und er krönt seine goldene Zeit in der Heimat mit einer zweiten Ehe. Seine Braut ist die am 1. Dezember 1910 in Prag geborene Melitta Hirschova. Ihr Passfoto verewigt sie als attraktive Frau mit blonden, ondulierten Haaren und entwaffnendem Lächeln. Die Trauung findet am 3. Februar 1934 im Altstädter Rathaus statt, am 5. Dezember 1935 komplettiert ihr Sohn Jiří die Familie.


Im September 1938 initiiert Jellinek eine Werbeaktion für Paramount-Filme in Prager Mode- und Schuhgeschäften; in den Bericht dazu fliessen Bemerkungen über die politische Situation mit ein. Die angesprochenen Spannungen betreffen die beunruhigenden Entwicklungen in Deutschland. Im Oktober 1938 besetzt die Wehrmacht das Sudetenland und es muss Jellinek zu jenem Zeitpunkt bereits klar gewesen sein, dass Hitler sich nicht mit diesem kleinflächigen Landgewinn zufriedengibt. Am 15. März 1939 marschieren die deutschen Truppen weiter und besiegeln mit dem Protektorat Böhmen und Mähren das politische Ende der Tschechoslowakei. Am 21. März 1939 reicht Melitta Jellínková bei den Prager Behörden einen Antrag auf die Ausstellung eines Reisepasses für sich und ihren Sohn Jiří ein, nach dessen Erteilung verlassen Mutter und Sohn das Land.8 Rudolf schafft es erst Monate später unter dramatischen Bedingungen, die beiden in Italien wiederzutreffen.9 Im Gegensatz zu vielen tschechischen Juden, die aus ihrem okkupierten Land in Richtung Polen flüchten und so in einer Falle landen, entscheidet sich Jellinek für den Süden. Während die bisherigen Reisen beruflicher Natur waren und es allenfalls um wirtschaftliche Aspekte dabei ging, wird dies eine Fahrt ins Ungewisse, um zu überleben. Familie, Freunde, Vermögen und Beruf muss er zurücklassen. Eine Rückkehr ist ebenso ungewiss wie die Antwort auf die Frage, ob die Flucht gelingt. Die Einreise nach Italien ist bis 1940 möglich, weil man kein Visum dafür braucht und ein gültiger Reisepass genügt.10 Auch gibt es für die Immigranten keinerlei Verbote, was die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit betrifft. Im faschistischen Italien gelten zwar seit September 1938 antisemitische Rassengesetze, die den Jellineks zum Verhängnis werden hätten können, doch erfolgt ihre strenge und letale Umsetzung erst 1941-1943.
Die Familie verbringt zwei Jahre in Italien, Jellinek bleibt auch dort weiterhin seiner Firma verbunden. Die italienischen Niederlassungen der Paramount beliefern neben Italien auch die Türkei, Griechenland und Bulgarien. Dem regional geprägten Verleihsystem Italiens angepasst, hat Paramount Filialen in Rom, Neapel, Florenz, Bologna, Mailand, Turin und Venedig. Dazu kommen noch Büros auf Sizilien, in Triest und Genua.11 Der Hafen der letztgenannten Stadt symbolisiert bis Mitte 1940 für tausende mitteleuropäische Juden das Tor nach Amerika. Später bleiben einzig die Häfen auf der Iberischen Halbinsel offen für Passagierschiffe in Richtung Südamerika. Erich Maria Remarque porträtiert die bedrückende Flüchtlingssituation, in der ein Mensch ohne gültigen Pass keinerlei Bedeutung mehr besitzt, in seinem Roman Die Nacht von Lissabon: „Die Küste Portugals war die letzte Zuflucht geworden für die Flüchtlinge, denen Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz mehr bedeutete als Heimat und Existenz.“12 Vom solcherart literarisch verewigten Lissabon aus erreicht Familie Jellinek auf dem spanischen Linienschiff Cabo de Hornos am 17. Mai 1941 Argentinien, nach zwei Jahren eines Lebens auf der Flucht.13

Am Rio de la Plata
Auf der ersten Seite des scrapbooks, wie man Jellineks Fotoalbum fachlich bezeichnet, findet sich das Ankunftsdatum als von Melitta auf Tschechisch angeführte handschriftliche Anmerkung. Der Inhalt widmet sich Jellineks beruflicher Karriere, beginnt jedoch mit einem klaren politischen Statement: Auf das Vorsatzblatt wird eine mexikanische Karikatur geklebt, die Hitler und seinen Verbündeten, den japanischen Kaiser Hirohito, zeigt, als Insassen eines Käfigs, gebildet aus Fahnenstangen, auf denen die Flaggen der Alliierten wehen.
Das südamerikanische Exil erweist sich als beträchtliche Herausforderung für den Tschechen aus Wien, aber der ist es gewohnt, Schwierigkeiten zu meistern. Nach nur acht Monaten spricht er fliessend Spanisch, ist mit den lateinamerikanischen Landessitten und den Modalitäten des lokalen Filmgeschäfts vertraut. Angesichts der positiven Entwicklung bestellt ihn der Generaldirektor der argentinischen Paramount, John B. Nathan, zum Direktor der Zweigstelle in Rosario in der Provinz Santa Fe. Im Dezember 1943 wird Jellinek von dort nach Montevideo transferiert. Ein Abschiedsfoto, datiert mit 5. Dezember 1943, zeigt die argentinische Belegschaft der Filiale, die Rudolf und Melitta Jellinek am Bahnhof in Rosario verabschieden.14 In Montevideo begeht der erfolgreiche Manager am 1. Juni 1945 sein 20-jähriges Dienstjubiläum. Nicht nur dieser Umstand muss ihn glücklich gestimmt haben, sondern auch, dass Hitler tot und der Krieg in Europa beendet ist. Der Weitgereiste kann nun seine Rückkehr auf den Alten Kontinent planen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ihn die Aufgabe reizt, mitzuhelfen, den europäischen Markt für seine Firma wieder aufzubauen.
1947 wird den Jellineks noch im Exil die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft zuerkannt.15 Wahrscheinlich legt das Ehepaar diese wieder ab, nachdem die Kommunistische Partei beim Februarputsch 1948 in Prag die Macht übernimmt und die Tschechoslowakische Republik zu einem Satellitenstaat der Sowjetunion mutiert. Ab diesem Moment sind die Jellineks staatenlos und reisen dank eines Passes, den sie von der International Refugee Organization erhalten. Anfang 1949 ist Jellinek wieder in Lissabon, um den portugiesischen Manager der Paramount, Moises Israel, zu treffen.16 Man kann sich vorstellen, welche Gefühle ihn beim Wiedersehen mit Lissabon bewegt haben mögen. Im selben Jahr verlassen die Jellineks Südamerika in Richtung Deutschland, wo Rudolf wieder eine leitende Funktion bei der Paramount einnimmt.17 Sein Büro ist in Frankfurt und er ist ab 1951 nicht nur für den deutschsprachigen, sondern auch für den holländischen Vertrieb verantwortlich.18
1951 mietet das Ehepaar ein Haus in Neu-Isenburg in der Nähe von Frankfurt, im August 1952 verlässt Melitta Europa mit dem Sohn George, wie sich Jiří mittlerweile nennt, weil er in den U.S.A. zur Schule gehen soll. Von März 1954 bis Dezember 1956 verzeichnet sie einen weiteren U.S.A.-Aufenthalt und erhält in der Zeit auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ein Jahr davor zelebriert Rudolf sein 30-jähriges Dienstjubiläum. Ebenfalls 1955 unterzeichnen die Alliierten in Österreich den Staatsvertrag, weshalb Paramount Rudolf im Februar 1956 nach Wien beordert, wo er 1957 einen österreichischen Reisepass erhält.
Eine Wohnung in Wien beziehen die Jellineks ab März 1956 in der Mariahilfer Strasse 103, vorher wohnten sie in derselben Strasse auf Nummer 71A im Hotel Kummer. Die Wohnung im 6. Bezirk behalten sie bis zum Februar 1957. Von April 1957 bis November 1963 sind sie im 14. Bezirk in der Zichygasse gemeldet. 1961 wird Rudolf Vizemanager von AFEX, der American Films Export Association, die mit Paramount verbunden ist.19 Seinen letzten Wohnsitz bezieht Rudolf Jellinek im November 1963 in der Schottenfeldgasse 42-44 im 7. Bezirk. Am 8. Februar 1965 stirbt der Weltreisende in den Diensten der Kinematographie mit 73 Jahren in seiner Geburtsstadt Wien.20 Melitta überlebt ihren Mann um ein Jahrzehnt und stirbt im März 1975 im Alter von 65 Jahren. 

Ein Stern, der keinen Namen trägt
Rudolf Jellinek lebt und arbeitet innerhalb von 32 Jahren in elf Nationen und das immer in führender Position. Addiert man noch seinen Aufenthalt in Russland, bei dem er seine erste Ehe schliesst, ergibt das in Summe zwölf Länder auf zwei Kontinenten. Sein Beispiel zeigt, dass man die Geschichte der Kino-Exilanten nicht auf die Persönlichkeiten der Filmindustrie, die in den Bereichen Schauspiel, Regie, Drehbuch oder Musik tätig sind, reduzieren darf. Der Filmwissenschaftler Anthony Slide schreibt: „There can be no complete history until the work of every company, however obscure, every technician, and every actor has been excaminated and recorded.”21 Das Logo von Paramount zeigt einen markanten Berg unter einem Sternenkranz. Er hat ebenso wenig einen Namen wie die Sterne im Ring über ihm. Hollywoods prominentes Personal erhält mit Namen versehene Sterne am legendären Walk of Fame. Der Stern von Rudolf Jellinek, so mag man es sich vorstellen, leuchtet als einer von 22 über dem scheinbar unvergänglichen Firmenzeichen. Unbezeichnet, namenlos, aber essenziell für die Erfolgsgeschichte eines weltumspannenden Unternehmens.

1 Cumple veinte años de labor en Paramount Pictures el sr. Rodolfo Jellinek in: La  Pelicula, Mai 1945, Nr. 73, S. 1; Paramount Films inicia hoy el mes „Jellinek“, in El Tiempo, 1. Juni 1945, o. Nr., o. S; Junio será el „mes Jellinek“ de Paramount en el Uruguay, in La Razon, 1. Juni 1945, Montevideo, o. Nr., o. S. Eine gekürzte Fassung dieses Artikels findet sich in der Tageszeitung La Tribuna Popular, o. Datum, o. Nr., o. S. Alle Artikel in: Jellinek scrapbook, 1941-1945, ÖFM Nicht-filmische Sammlungen. Weitere Details aus dem Leben von Rudolf Jellinek lassen sich aus Akten des United States Tax Court, datiert mit 11. August 1961, rekonstruieren. In diesen Dokumenten wird über einen Prozess berichtet, den Jellinek 1961 gegen Paramount Pictures führte. https://www.leagle.com/decision/196186236cctc8261782.
2 http://des.genealogy.net/search/show/16966719
3 Cumple veinte años de labor en Paramount Pictures el sr. Rodolfo Jellinek in: La Pelicula, Mai 1945, Nr. 73, S. 1.
4 Archiv der Hauptstadt Prag, Magistrat der Hauptstadt Prag I., Magistratszweigstelle Königliche Weinberge, Sign. H 5/3548.
5 Cumple veinte años de labor en Paramount Pictures el sr. Rodolfo Jellinek in: La Pelicula, Mai 1945, Nr. 73, S. 1.
6 Paramount Films inicia hoy el mes „Jellinek“, in El Tiempo, 1. Juni 1945, o. Nr., o. S; Junio será el „mes Jellinek“ de Paramount en el Uruguay, in La Razon, 1. Juni 1945, o. Nr., o. S.
7 Paramount International News, 1. Juli 1934, Bd. 1, Nr. 13, S. 1.
8 Polizeidirektion Prag II – Register, 1931-1940, Signatur J 1122/16, Blatt 7083, Melitta Jelínková, Polizeipräsidium in Prag, datiert 22. März 1939.
9 Cumple veinte años de labor en Paramount Pictures el sr. Rodolfo Jellinek in: La Pelicula, Mai 1945, Nr. 73, S. 1.
10 Matteo Stefanori, Le strade che portano a Roma. Ebrei stranieri nella capitale, 1933–1945. Primi risultati di una ricerca in corso. In: Zeitschrift Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, 2019, Bd. 99, S. 387-427, hier S. 392.
11 Paramount around the World, 1. August 1928, Bd. 1, Nr. 5, S. 23.
12 Erich Maria Remarque, Die Nacht von Lissabon, Köln 2017 [1962], S. 7f.
13 Centro de Estudios Migratorios Latinoamericanos (CEMLA), in https://cemla.com/buscador/. Letzter Zugriff am 4. Januar 2021.
14 Jellinek scrapbook, 1941-1945, ÖFM Nicht-filmische Sammlungen, S. 23.
15 Archiv der Hauptstadt Prag, Magistrat der Hauptstadt Prag I., Konskriptionsreferat IV., Staatsbürgerschaftsagenda, Signatur: 37235/47.
16 Paramount International News, 20. März 1949, Bd. 7, Nr. 3, S. 21.
17 Rudolf Jellinek in Wien. In: Österreichische Film und Kino Zeitung, 3, März 1956, Nr. 501, S. 3.
18 Motion Picture Daily, 3. Dezember 1951, Bd. 78, Nr. 106, S. 2.
19 https://www.leagle.com/decision/196186236cctc8261782.
20 Das Grab befindet sich am Zentralfriedhof in der Abteilung ML, Gruppe 184, Nr. 4.
21 Anthony Slide, Aspects of American Film History Prior to 1920, Scarecrow, Metuchen/London 1978, S. XI.