
Klaus S. Davidowicz, Georg Markus und Ariel Muzicant: Für eine bessere Welt. Prägende jüdische Persönlichkeiten aus Österreich. Hrsg. von Judaica Forschung gemeinnützige GmbH Dr. Ariel Muzikant. Wien: Amalthea Signum, 2026.
Hardcover, 368 Seiten, 212 Abbildungen (Portraits), Preis: 35,00 Euro
ISBN-13: 978-3-99050-300-3
„Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 200.000 Juden in Österreich, davon 176.000 in Wien. Das waren immerhin 10 Prozent der Wiener. Sie prägten das Stadtleben, das Denken, das Wirtschaften, das Streiten und das Schmähführen dieser Stadt in einem Ausmaß, das man erst so richtig bemerkt, seit sie fehlen. [...] Dieses Buch versucht ansatzweise zu zeigen, welch ungeheure Leistungen diese zahlenmäßig kleine Gruppe von Menschen in Kunst, Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – und damit für Österreich insgesamt – erbracht hat. [...]Die Auswahl der hier vorgestellten Persönlichkeiten ist zwangsläufig unvollständig und – wir geben es offen zu – ein wenig willkürlich. Der Umfang des Buches setzte Grenzen. Wir mussten auf etwa hundert Personen aus Platzmangel verzichten [...] Ebenso haben wir uns weder streng an das jüdische Religionsgesetz gehalten – wonach die Mutter Jüdin sein muss – noch an die zynischen Definitionen der Nationalsozialisten. Bei uns reicht auch ein jüdischer Vater oder Großvater. Alle genannten verbindet jedenfalls eine Familiengeschichte; die einzige Ausnahme ist Fritz Muliar, der bei einem jüdischen Stiefvater aufwuchs und dadurch eine ganz eigene Beziehung zum Judentum entwickelte.“ Soweit Ariel Muzicant in seinem Vorwort. (S. 11-13)
Wer ist Jude, wer Jüdin? Die Frage ist bekanntlich komplexer als es auf den ersten Blick scheinen mag. Der Auswahl der Personen in diesem Buch liegt eine diffuse Definition des Begriffs „Jude“ zugrunde. Es ist eine „ausgedünnte“ Form des Begriffs, hat also etwas von Beliebigkeit. Dadurch wird auch das jüdische Lebensprinzip „Tikkun Olam“ (Die Reparatur der Welt) ein Stück weit relativiert. Es wird postuliert, dass bei Personen jüdischer Herkunft eine besondere Affinität zu Wissenschaft, Kunst und Kultur erkennbar ist. Die Auswahl folgt zugleich einem Mythos, der als positiver Nachhall der Shoa auf uns gekommen ist: ein Philosemitismus, der jüdischen Menschen besondere Fähigkeiten zuschreibt. Trotz des gegenwärtig wieder grassierenden Antisemitismus ist „Jude“ oder „jüdisch“ erstmals in der Geschichte positiv besetzt. Man ist stolz darauf, jüdische Menschen zu kennen, mit ihnen Umgang zu haben. Im Grunde geht es in diesem Buch um das Phänomen der sozialen Einbindung von Menschen in die jüdische Kultur, wie sie bei Fritz Muliar besonders deutlich hervortritt. (S. 180-182) Grundlage dafür ist jene charakteristische Ausformung des assimilierten Judentums, das der späten Habsburgermonarchie seinen Stempel aufdrückte – mit seinen Nachhall bis auf unsere heutigen Tage.
Das Buch präsentiert Kurzbiographien von 217 Personen. Es versteht sich nicht als wissenschaftliches Lexikon, folglich enthält es auch keine Literatur- oder Quellenangaben. Es sind eher essayartige Geschichten, erzählt von den drei Autoren mit unterschiedlichem Schreibstil und Herangehensweise: anekdotisch, sachlich-fundiert oder persönlich-freundschaftlich.
Dem Buch fehlt ein alphabetisches Namensverzeichnis. Dieses wird durch ein detailliertes Inhaltsverzeichnis ersetzt. Darin sind die Biographien jeweils einer der 21 Kategorien zugeordnet: Kabarett, Politik, Fernsehen, Medizin, Zeitzeugen, Gesellschaft, Fotografie, Finanzen, Film, Psychiatrie und Psychologie, Malerei, Wissenschaft, Theater, Rechtswesen, Musik, Soziales Engagement, Journalismus, Sport, Wirtschaft, Jüdische Gemeinde, Literatur. Dabei hätte man wohl Fernsehen und Journalismus zusammenlegen können. Nach Namen, die innerhalb der Artikel zusätzlich vorkommen, kann allerdings nicht gesucht werden.
Es ist unmöglich im Rahmen dieser Rezension eine sinnvolle Auswahl aus den 217 Namen zu präsentieren, die im Buch biographisch behandelt werden. Das Buch-Cover zeigt uns 9 bekannte Gesichter: die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek (geb. 1946), Bundeskanzler Bruno Kreisky (1911–1990), den Universalkünstler Arik Brauer (1929–2021), den Kabarettisten Oskar Bronner (1922–2007), die ORF-Auslandskorrespondentin Susanne Scholl (geb. 1949), den „Opernfreak“ Marcel Prawy (1911–2003), den Schriftsteller Friedrich Thorberg (1908–1979), den „Nazijäger“ Simon Wiesenthal (1908–2005) und „Die schönste Frau der Welt“ Hedy Lamarr (1924–2000).
Das Buch enthält auch Biographien von Persönlichkeiten, deren jüdische Herkunft nicht so allgemein bekannt ist, wie z.B. die der Schauspieler Fritz Echardt (1907–1995), Michael Schottenberg (geb. 1952) und Erwin Steinhauer (geb. 1951) oder die Mediziner Siegfried Meryn (geb. 1954) und Thomas Szekres (geb. 1963). Unverzichtbar wäre eine Biographie von Kurt Schubert (1923-2007) gewesen, der als Nichtjude zum Doyen der österreichischen Judaistik wurde. Ein wirkliches Desideratum! Auch der jüdische Publizist Martin Engelberg (geb. 1960) wäre einer Erwähnung wert gewesen. Doch wurde auf den Platzmangel bereits im Vorwort hingewiesen.
Der Band ist ein interessantes Lesebuch, das auch als Nachschlagewerk benutzt werden kann.
Dem Buch scheint eine breite Leserschaft garantiert.
Die Autoren
Klaus S. Davidowicz
Prof. Klaus Samuel Davidowicz (geboren 1963 in Berlin) ist Professor für Judaistik an der Universität Wien und unterrichtet jüdische Geschichte an der Zwi-Perez-Chajes-Schule. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kabbala und visuelle jüdische Kulturgeschichte.
Georg Markus
Prof. Georg Markus (geboren 1951 in Wien) ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller und Zeitungskolumnisten Österreichs. Er lebt in Wien, wo er sich als Autor grosser Biographien einen Namen gemacht hat.
Ariel Muzicant
Dr. Ariel Muzicant (geboren 1952 in Haifa, Israel), engagiert sich seit über 56 Jahren im jüdischen Leben Wiens und bekleidete zahlreiche Ämter und Funktionen in fast allen jüdischen Institutionen. Er ist Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC).
Christoph Tepperberg