Ein unvergängliches Denkmal für die ermordeten Grosseltern
Der Vater der französischen Comic-Nationalhelden Astérix und Obélix, René Goscinny, kam am 14. August 1926 in Paris V, in der rue-du-fer-à-Moulin 42 zur Welt. Er wurde in eine
aschkenasische Familie geboren: seine Vorfahren väterlicherseits stammten aus Polen, sein Vater Stanislas Simcha Goscinny, chemischer Ingenieur, war 1905/06 auf der Flucht vor Pogromen aus Warschau nach Paris gekommen und heiratete hier 1919 Anna Hannah Beresniak. Beide Eltern erhielten die französische Staatsbürgerschaft 1926, kurz vor der Geburt des Sohnes René.
Russisches Reich und Ostgalizien
Gościć bedeutet auf Polnisch, jemanden zu bewirten, gościna ist der Besuch oder Empfang, goscinny das dazu gehörige Adjektiv in der Bedeutung "gastfreundlich". Zur väterlichen Familie zählten Renés Grosseltern Abraham Goscinny (1844–1919), ein Rabbiner in Warschau, und Helena Silberblick (1845–1905), die Tochter von Israel Silberblick. Sie brachte ihren Sohn Stanislas Simcha am 27. September 1887 in Warschau, das damals zum Russischen Reich gehörte, zur Welt. Renés Vorfahren mütterlicherseits stammten aus der heutigen Ukraine: Lazar Abraham Beresniak (1862–1943, nach anderer Angabe: 1855–1944), war der Sohn von Pinkus Beresniak und seiner Frau Lea Cohen, einer Tochter von David Nathan Cohen und Chaja Samson, deren Vorfahren interessanterweise aus Amsterdam beziehungsweise sogar aus Surinam stammten, also wohl ursprünglich sefardische Juden waren. Lazar Abraham Beresniak heiratete Feige Garbel (1861–1939), die Tochter eines Rabbiners Garbel und seiner Frau Glika Goucharenko. Aus dieser Verbindung stammte Stanislas Simcha Goscinnys spätere Ehefrau, Anna Hannah Beresniak, die im Shtetl Chodorów (heute Khodorkov, oblast Lwíw, Ukraine, damals Ostgalizien, Österreich-Ungarn) am 7. Mai 1899 auf die Welt gekommen war. Verwandtschaftliche Verbindungen bestehen hier zum französischen Schriftsteller und Philosophen Daniel Béresniak (Paris 1933–2005) und zu dessen Sohn, dem Schweizer Arzt und Wissenschaftler der öffentlichen Gesundheitsvorsorge Ariel Beresniak (geboren 1961 in Paris).
Ein Shtetl als Vorbild fürs gallische Dorf
René Goscinnys mütterliche Vorfahren aus der heutigen Ukraine waren ebenfalls auf der Flucht vor Pogromen nach Paris gekommen. Überliefert ist innerhalb der Familie, dass sie nicht orthodox religiös waren, wiewohl die Mutter oft erwähnte, ihr Elternhaus sei deshalb in Brand gesetzt worden, weil ihr Vater Rabbiner im Shtetl war. René Goscinnys Tochter, die Schriftstellerin Anne Goscinny meint, Vorbild für das Dorf von Astérix und Obélix sei ein jüdisches Ghetto gewesen, als Metapher für das zentraleuropäische Stetl, den letzten Rückzugsort einer als (zumindest im Glauben) unbesiegbar erhofften Armee vor den mitleidlosen, feindlichen Angriffen. In einer Ausstellung über das Werk ihres Vaters im Musée d'Art et d'Histoire du judaisme in Paris 2017/18 leitet Anne Goscinny die Inspirationsquellen des berühmten Astérix-Texters aus seiner jüdischen Familiengeschichte her. Sie ist davon überzeugt, die Tatsache, dass seine mütterlichen Grosseltern ebenso wie viele weitere Verwandte in der Shoah ermordet worden sind, habe ihn ganz wesentlich beeinflusst, und zwar unabhängig davon, dass er kein religiöser Mensch war. Vor allem die Briefe der Familie, die ihn aus dem besetzten Frankreich erreichten, hätten ihn tief beeindruckt, meint Anne Goscinny. 1
Die Druckerei der Grosseltern in Paris
Lazar Abraham Beresniak, der Vater von Goscinnys Mutter, gründete 1912 in der Pariser rue Lagrange 12 eine Druckerei, Beresniak & fils. Seine Druckerei spielte eine wichtige Rolle für die jüdische Gemeinschaft von Paris, da sie nicht nur Werke in Hebräisch, Französisch, Russisch, Jiddisch und Polnisch druckte, sondern auch in kyrillischen Buchstaben jiddische Zeitschriften setzte. Lazar Abraham verfasste 1939 das einzige bislang in Frankreich publizierte, hebräisch-jiddische Wörterbuch. Während der Zeit der deutschen Besatzung stellte die Druckerei, unter Todesgefahr für Eigentümer und Angestellte, gefälschte Ausweispapiere her. Abraham Lazar Beresniak und Feige Beresniak (geborene Garbel) wurden in der Shoah ermordet, weitere drei Onkeln mütterlicherseits, die antideutsches Schriftgut gedruckt hatten, wurden denunziert und in den Lagern Pithiviers und Auschwitz ermordet. Die Druckerei hingegen existierte noch bis 1976, nachdem sie 1973 Alexander Solschenizyns Roman Archipel Gulag im russischen Original herausgebracht hatte; das Manuskript war heimlich aus Russland herausgeschmuggelt worden.
Rettende Emigration nach Argentinien
René Goscinnys Eltern emigrierten mit ihrem Kind 1928 nach Argentinien, wo der Vater 1927 in Buenos Aires einen neuen Posten als Chemie-Ingenieur im Bereich der Agrarindustrie bei der Baron Hirsch-Stiftung (Jewish Colonisation Association, 1891 gegründet, um Pogrom-Flüchtlinge aus dem russischen Ansiedlungsrayon aufzunehmen und ihnen eine bessere Zukunft zu bieten) angetreten hatte. Zu Hause wurde Jiddisch gesprochen. Goscinny wuchs in Argentinien auf und besuchte dort die französische Schule, sein Zeichentalent zeigte sich schon früh. Seine Biografen Aymar du Chatenet und Caroline Guillot zitieren ihn mit den Worten: "Tout petit, j'adorais amuser les autres. Pour qu'on m'aime." (dt. in etwa: "Als ich noch ganz klein war, hat es mir bereits gefallen, andere zum Lachen zu bringen. Damit ich geliebt werde.") Der Vater ermöglichte seinem Sohn wiederholt, zu den Verwandten nach Paris zu reisen, wo René die Druckerei seiner mütterlichen Grosseltern kennenlernte, sich mit der Typographie vertraut machen konnte und die Entstehungsschritte eines Druckwerkes erfuhr: wie man einen Gedanken in möglichst kurze Sätze fasst, damit der Platz auf der Seite bestmöglich gefüllt ist, und welche Schrifttypen optimal zum Inhalt des zu setzenden Textes passen. Sein Vater verstarb 1943 in Buenos Aires, als René, siebzehnjährig, gerade das Abitur abgelegt hatte, an einer Gehirnblutung. Anstatt auf die Akademie der schönen Künste studieren zu gehen, war er nun gezwungen, Geld zu verdienen und landete bald in einer Werbeagentur.

René Goscinny mit seinem älteren Bruder, seinen Eltern und seinen mütterlichen Grosseltern Abraham Lazar und Feige Beresniak in Belgien am Strand, Sommerferien 1930. Quelle: https://www.institut-goscinny.org/de-limprimeur-au-scenariste/, abgerufen am 13.10.2026.
Rückkehr nach Frankreich
1945, nach Kriegsende, wanderte René mit seiner verwitweten Mutter in die U.S.A. aus (wo die Mutter dann 1974 in New York verstarb). Er hielt sich eine Zeitlang als Übersetzer in New York auf, ging aber 1946 nach Frankreich, um nicht in die U.S. Armee eingezogen zu werden und kehrte erst nach Ablauf seines Militärdienstes in Frankreich nach New York zurück, wo er als Zeichner in einer Presseagentur und als Buchillustrator arbeitete. Die Agentur World Press schickte ihn im Winter 1951 für einen Auftrag nach Paris. Dort traf er im Büro auf den Champs-Elysées den Zeichner Albert Uderzo (1927–2020), einen Sohn italienischer Einwanderer, der ebenfalls für die Agentur arbeitete. Goscinny bezeichnete die Begegnung als "Liebe auf den ersten Blick" ("coup de foudre"), die beiden verstanden sich blendend. Erste gemeinsame Erfolge umfassten neben Figuren wie Jehan Pistolet, Benjamin et Benjamine oder Poussin et Poussif vor allem den Indianerhelden Oumpah-Pah le Peau-Rouge, das Vorbild für den späteren Obélix. Als die von Goscinny, Uderzo und zwei weiteren Kollegen gegründete Presse- und Werbeagentur, der Verlag Édifrance/Èdipresse, 1959 das Magazin Pilote gründete, schufen Goscinny und Uderzo für die erste Ausgabe am 29. Oktober ihr berühmtestes Figurenpaar: Astérix und Obélix.

René Goscinny, 1966. Foto: Studio Harcourt. Quelle: https://pop.culture.gouv.fr/notice/memoire/APU312989VA, abgerufen auf Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:ReneGoscinny-StudioHarcourt-1966.png

Figuren aus den "Asterix und Obelix"-Comics von Goscinny und Uderzo, Comicwand in Brüssel, 33 rue de la Buanderie. Foto: Lin Mei. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ast%C3%A9rix_%26_Ob%C3%A9lix_Bruxelles_rue_de_la_Buanderie_(cropped).jpg
Der Szenarist René Goscinny
Als Comic-Autor kamen Goscinny seine kosmopolitische Lebenserfahrung und seine Liebe für Sprachen entgegen; die Kindheit fern von Frankreich mit den vielen tragisch verlorenen Angehörigen setzte er für sich in ein idealisiertes Bild von Frankreich um. Sein beruflicher Werdegang wurde von entscheidenden Begegnungen geprägt, vor allem mit dem kongenialen Albert Uderzo, aber auch anderen: als einer der Chefredakteure der Zeitschrift Pilote spielte Goscinny eine der Hauptrollen in der Welt der französischen Zeichentrickjournale. Er war nicht nur der sprachliche Schöpfer von Iznogoud (Zeichnungen von Jean Tabary) und Petit Nicholas (Zeichnungen von Jean-Jacques Sempé), sondern auch langjähriger Autor von Lucky Luke (mit Maurice De Bevere genannt Morris) und wurde mit weltweit rund 500 Millionen verkauften Exemplaren einer der meistgelesenen französischen Autoren. Nachdem er überraschend im Zuge einer Fahrradergometrie-Untersuchung am 05. November 1977 an einem Herzstillstand verstorben war, sprang seine Ehefrau, die Regisseurin Gilberte Polaro-Millo (Nizza 1943–3.2.1994) als Autorin mehrerer Folgen der Lucky Luke-Zeichentrickserie ein. René Goscinny fand seine letzte Ruhestätte am Friedhof cimetière du Château in Nizza.

Blick zum Friedhof cimetière du Château in Nizza. Foto: esby. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cimétière_du_chateau_de_Nice_depuis_les_hauteurs_de_Cimiez_-_2016-08-23-_P1540461.jpg

Grabmal von René Goscinny auf dem Friedhof cimetière du Château in Nizza. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.
Vom typografischen Zeichen zum unbesiegbaren Gallier
Anlässlich der Einweihung einer Statue vor der letzten Wohnung ihres Vaters in Paris 2020 strich Anne Goscinny heraus, Astérix, den "unbesiegbaren Gallier", möge man sich als zur Hälfte osteuropäisch-aschkenasisch vorstellen, als einen jüdischen Überlebenden von Pogromen und NS-Verfolgung, und an dem ihm zugedachten Lebensmotto "solange er lebt, leistet er Widerstand" solle man sich ein Beispiel nehmen:
"Souriez-lui et n'oubliez jamais qu' Astérix, l'un des symboles de la France dans le monde, est à moitié juif ashkénaze. Comme vous, il vient d' Ukraine et de Pologne, a été victime des pogroms et a échappé de justesse aux nazis. Tant qu'il vivra, il résistera: prenez exemple sur lui." 2
Das Denkmal, das René Goscinny dem Andenken seiner ermordeten Grosseltern setzte, besteht in der Namensgebung seiner berühmtesten Helden: Astérix und Obélix – sie erinnern auf immer an die Druckerei Beresniak & fils. Als Astérisque (griech. asterískos, kleiner Stern, lat. asteriscus, dt. Asterisk, oder Sternchen) bezeichnet die Buchdruckerkunst ein typographisches Zeichen, das auf eine Anmerkung am Seitenende hinweist. Der Held Astérix ist Goscinnys ganz persönliche Fussnote zur französischen Geschichte, ebenso wie Obélix, denn ein Obélisque (griech. obelískos, kleiner Spiess, lat. obeliscus) 3 bezeichnet ebenfalls ein typographisches Zeichen, das auf eine Anmerkung am Seitenende hinweist. Ein Obélisque wird benutzt, wenn zuvor bereits ein Sternchen benutzt worden ist – der starke Dicke des Comics ist also eine Fussnote zum schlauen Kleinen und somit eine Verdoppelung, oder ein Witz im Witz. Astérix hingegen hat im Wortspiel die Oberhand: die Namensendung -rix, ursprünglich keltisch, verweist auf den Anführer (dt. König), und damit verleiht Goscinny dem Helden Astérix seine für immer unsterbliche Würde – als König der Sternchen.
Anmerkungen
1 12.3.2028, https://www.francedimanche.fr/actualites/rene-goscinny-le-village-d-asterix-etait-un-ghetto-juif, abgerufen am 14.10.2026.
2 AFP, 23.01.2020, https://www.langloys-sculpteur.com/commandes-publiques/rené-goscinny/, abgerufen am 14.10.2026.
3 im Französischen etymologisch abgeleitet von obèle, dt. Spiess; im englischen Sprachraum als dagger (dt. Dolch) bekannt. In der Paläografie als obelus bezeichnet, erfunden vom ersten Bibliothekar der Bibliothek von Alexandria, Zenodotus, und weiterentwickelt von seinem Schüler Aristophanes von Byzanz, und zwar als textkritisches Zeichen für die Edition alter Manuskripte unklarer Autorschaft in den homerischen Epen. Ab der Spätantike in der Textedition antiker Schriften bezeichnet als crux critica oder crux desperationis, wenn eine Textpassage unklaren Ursprungs oder schwer lesbar ist. Das Aussehen des obelus war ursprünglich vergleichbar dem heutigen Zeichen für Division, ein waagrechter Strich mit Punkt darüber und darunter; in der modernen Typographie tritt es kreuzförmig oder doppelkreuzförmig auf. Die Anmerkungsfunktion gliedert sich in eine erste Anmerkung, asteriscus, Sternchen, eine zweite Anmerkung, obèle, und eine dritte Anmerkung, doppelter obèle (mehr nicht vorgesehen). Ganz im Gegensatz zum englischen und französischen Sprachraum wird das Schriftzeichen im Deutschen als "Kreuz" oder "Langkreuz" bezeichnet, wobei die Form primär als christliches Kreuz aufgefasst und in der Genealogie vor allem im deutschen Sprachraum bevorzugt als Zeichen für das Sterbedatum, in Biografien und Bibliografien als Zeichen für untergegangene Formen eingesetzt wird. In der Zoologie, Paläontologie und Linguistik dient es als Zeichen für ausgestorbene Arten beziehungsweise Sprachen.
Nachlese
Claude Leblanc, « René Goscinny: Le village d’Astérix était un ghetto juif! », sur francedimanche.fr via Internet Archive, 12 mars 2018, Quelle:
https://web.archive.org/web/20220826003550/https://www.francedimanche.fr/actualites/rene-goscinny-le-village-d-asterix-etait-un-ghetto-juif, abgerufen am 14.10.2026.
Aurélia Vertaldi, « La face cachée de René Goscinny au Musée d'art et d'histoire du judaïsme [archive] », sur lefigaro.fr, 27 septembre 2017, Quelle: https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/2017/09/27/03015-20170927ARTFIG00105-la-face-cachee-de-rene-goscinny-au-musee-d-art-et-d-histoire-du-judaisme.php, abgerufen am 14.10.2026.