Diese Aufzeichnungen sind Erinnerungsskizzen aus meiner Kindheit in Nowgorod-Sewersk, Bezirk Tschernigowski, Ukraine
Ich habe in verschiedenen Städten und Ländern gelebt, jetzt lebe ich in Deutschland. Über alle Abschnitte meines Lebens könnte ich Bücher schreiben, aber beschränke mich hier bewusst auf den Lebensabschnitt in Nowgorod-Sewersk, 1 wo ich meine Kindheit verbracht habe. Wir sind damals umgezogen, weil mein Vater in Nowosybkov, Russland, Arbeit gefunden hatte. Als ich diesen Text zu schreiben begann, wurde mir klar, dass es nicht nur um mich, sondern auch um meine Familie und um die Geschichte der Juden in der Ukraine gehen würde. Deshalb sind meine Erinnerungen mit Lebensabschnitten meiner Angehörigen und dem geschichtlichen Hintergrund verflochten. Ich beanspruche keine historische Präzision – alles hier Niedergeschriebene ist Ausdruck meiner Gedanken und Eindrücke, die persönlicher Natur und somit subjektiv sind. Das Einzige, was ich beanspruche – das ist die Wahrhaftigkeit, die ich aus der Entfernung der Zeit von neuem mit den Augen eines Kindes sehe. Im Text benutze ich die veröffentlichten Erinnerungen meines Vaters Agranowskij Mark Aleksandrowitsch, Familienunterlagen und historische Quellen, die zugänglich sind. Ich hoffe, dass meine bescheidene Arbeit dazu dient, die Erinnerung an die Geschichte der Juden in der Ukraine, in Nowgorod-Sewersk, Bezirk Tschernigowski und an meine Familie wach zu halten.
Die Strasse
Die Strasse war lang und voller Abenteuer. Nicht deshalb, weil sie wirklich lang war, sondern weil der Bus, der kleine alte Bus, der mich und Papa aus Nowosybkow, Bezirk Brjansk, nach Nowgorod-Sewersk, Bezirk Tschernigowski, brachte, nicht einmal 150 Kilometer in einem Rutsch schaffen konnte! Einer derartig anspruchsvollen Aufgabe, wie uns nach Nowgorod-Sewersk zum Haus in der Karl-Marx-Strasse 12, zur Grossmutter Chaja und zur Tante Stera zu fahren, konnte der Autobus nicht gerecht werden, ohne zu seufzen, zu schniefen, sodann anzuhalten und für eine kleine Reparatur schlapp zu machen. Die Pannen wiederholten sich manchmal. Der Chauffeur machte sich vor Ort unter kollektiven Ratschlägen der Passagiere an die Reparatur. Als ungeachtet dessen nichts passierte und der Chauffeur sich weiter mit dem Motor abmühte, breiteten sich die Passagiere auf dem Gras am Strassenrand für ein Picknick aus. Sie holten Butterbrote heraus, gebratene Koteletts, verkohlte Hühnerschenkel, gekochte Eier, Gurken, Tomaten und Wasser in Glasflaschen. Der Knoblauchgeruch der gebratenen Frikadellen mischte sich in den Duft des gemähten Grases wie ein ungebetener Hochstapler. Bekanntschaften wurden geschlossen, die Leute teilten Proviant miteinander. Dann legten sie sich ins Gras, die Nase zum Himmel gereckt und bedeckten ihr Gesicht mit einem sauberen Zeitungsblatt. Das war alles, bis zu dem Augenblick, als der Motor plötzlich nicht mehr krampfhaft schluchzte und danach unwillig knurrte. Ich hatte sogar ein wenig Mitleid mit dem Bus – warum liess man ihn eigentlich arbeiten, wenn er alt war und nirgends hinfahren wollte? Die Leute horchten zuerst ungläubig – hielt er lange durch? Dann sprangen sie schnell auf und liefen zum Bus. Erfasse dein Glück! Und wieder – die Strasse, die schlummernden Wälder ringsum, die bald dichter wurden, bald vor sonnigen Wiesen zurückwichen. Papa ärgerte sich über den Autobus, aber ich genoss jeden Augenblick dieser interessanten Reise, die Strasse, Wald und Feld vereinte. Warum sich beeilen? Das sind doch wunderbare Abenteuer: der Autobus hat oft eine Panne, man kann gehen und etwas erleben oder etwas Neues sehen. Und man muss nirgendwohin laufen! Besser kann es nicht sein! „Weil sie auf uns warten“, sagt Papa. Wir hatten unser Kommen vorher in einem Telegramm angekündigt, zu jener Zeit besassen wir kein Telefon und auch kein Smartphone. Gemäss Telegramm und Fahrplan des Autobusses fuhren wir früh morgens in der Dämmerung ab und sollten am Tage ankommen. Aber das geschah nie. Wir kamen spät am Abend an, als am Himmel schon Sterne blinkten und im erleuchteten Fenster des Häuschens, zu dem wir fuhren, Grossmutter Chaja zu sehen war. Sie weinte. Auf dem Bänkchen an der Haustür sass meine Tante. „Sie hat den ganzen Tag am Fenster gesessen und auf Euch gewartet“, sagte die Tante. „Unterwegs kann so viel passieren!“
Das Haus
Zuerst umarmt uns meine Tante, danach meine Grossmutter, die immer noch weint. Wir gehen durch die Haustür von der Strasse ins Haus. Hinter uns schliesst sich die Tür und verschwindet der Sternenhimmel. Papa öffnet den grossen Koffer mit den Geschenken, die Tante holt mit einem langen Eisengriff einen Topf Essen aus dem rissigen Ofen, der mitten im Zimmer steht. Die Grossmutter kocht immer morgens, schliesst dann die Ofentür und das Essen bleibt bis abends warm. Die Töpfe enthalten oft Buchweizengrütze mit Fleisch oder Kartoffeln. Als die Grossmutter den Topf öffnet, verbreitet sich der Duft augenblicklich in der ganzen Küche. Die Tante deckt schnell den Tisch. Nach dem Essen setze ich mich auf die alte Truhe am Ofen, versinke allmählich in der Wärme, die teils der Ofen, teils meine Grossmutter ausstrahlen, und schlafe ein. Und die Erwachsenen sitzen am Ofen und erzählen, erzählen… Sie plaudern auf Jiddisch – das war in jener Zeit unsere Muttersprache. „Du hast so tief geschlafen, dass du nicht einmal wach wurdest, als wir dich ins Bett trugen“, sagt mir die Tante am nächsten Morgen. Die Augen sind noch geschlossen, aber durch den Schleier des Schlafes dringt Licht durch die Spalten der geschlossenen Fensterläden. An diesem Morgen fühle ich nicht nur mit einer leichten Berührung den Lichtstreifen im Gesicht, sondern höre das klappernde Geräusch von Rädern auf der Strasse. Tuk, tuk, tuk, und es hört nicht auf…
Im Zimmer herrscht Halbdunkel und noch am Abend von meiner Grossmutter behaglich eingewickelt, versuche ich nach der langen Fahrt wach zu werden und zu verstehen, was das für Geräusche sind – tuk, tuk, tuk, und gehe zum Fenster. Durch die Ritzen sehe ich Pferde, Fuhrwerke, die gleichmässig auf dem Pflaster klappern, und Bauern auf den Wagen. Die Pferde wiehern, die Leute unterhalten sich laut, mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, Fussgänger eilen auf dem Bürgersteig zum Markt. Sie sind ganz nah, vor den Fenstern, sehen mich nicht und ich bin noch im Halbschlaf, aber dort – eine breite Strasse und auf der Strasse ist Leben! Sie gehen an den Fensterläden vorüber und berühren fast meine Nase, wie mir scheint. Die Tante hat gesehen, dass ich aufgestanden war, geht durch die Haustür auf die Strasse und beginnt die Fensterläden zu öffnen. Die Fensterläden knurren und winseln wie hungrige Hunde, die nach draussen gelassen werden. Und der Morgen ist endlich mit dem feierlichen Klappern der Räder auf dem Pflaster und den Schreien vom Markt ins Zimmer gedrungen. „Heute ist Markt“, sagt meine Tante. „Willst du mit mir zum Markt gehen?“ –
„Natürlich!“
Ich wasche mir das Gesicht mit Wasser aus dem Waschbecken draussen im Hof und schon gehen wir mit Beuteln zum Markt. Mitten auf dem zentralen Platz bieten die Bauern ihre Waren an, die alten Einkaufspassagen sind geöffnet, es gibt nichts, was es dort nicht gibt!
Meine Tante kauft Gemüse – von allem etwas, ich schaue eine weisse, bestickte ukrainische Bluse, Wyschiwanka, mit roten Rosen an. „Eine schöne Wyschiwanka, aber sehr teuer“, sagt meine Tante. „Wir bestellen Dir besser ein Kleid bei einer Schneiderin. Stell Du Dich bei den Gurken an, ich bringe inzwischen die Einkäufe nach Hause und schaue, wie es Oma geht.“
Die Wyschiwanka konnten wir uns damals nicht leisten. Es war die Zeit, in der die Gurken eingelegt wurden. Viele Leute wollten Gurken einlegen, aber es gab nur wenig Gurken im Angebot. Die Schlange im Obstladen war lang und man musste geduldig warten. Ich verkürzte mir die Zeit, indem ich die Bauern, die Strasse, die Fussgänger beobachtete und die wertvolle Wyschiwanka betrachtete, die unerreichbar über den anderen Waren hing, wie blauen Damenunterhosen und weissen T-Shirts, die auf Bänken lagen. Die bestickte Bluse schwebte über ihnen auf einem Kleiderbügel, unerreichbar, zauberhaft und der Wind bewegte ihre Ärmel, die Engelsflügeln glichen.
Ich habe sehr lange keine Wyschiwanka besessen. Diejenigen, die ich sah und die ich kaufen konnte, waren nie ganz nach meinem Geschmack – bald gefiel mir das Muster nicht, bald war die Qualität nicht so, wie sie sein sollte. Wahrscheinlich deswegen, weil die ersehnte Bluse dortgeblieben war, in meiner Kindheit, auf dem Markt in Nowgorod-Sewersk und ich ihrem Gedenken unbewusst treu bleiben wollte. Aber letztes Jahr kaufte ich mir eine Wyschiwanka auf dem Weihnachtsmarkt in Köln. Die Blusen verkaufte ein junger Mann, der sich – man weiss nicht, wie – auf diesem Markt befand. Hinter seinem Rücken hing ein buntes Sammelsurium verschiedener gestickter Blusen dicht aneinandergedrängt auf Kleiderbügeln, und dahinter erhob sich in freundlichem Scheinwerferlicht stolz und mächtig der Kölner Dom. Vielleicht war der Verkäufer vor dem Kriegsdienst geflohen. Die Handwerker, das ist klar, waren in der Ukraine und zwischen ihrer Arbeit und den Bombardierungen stickten sie. Sie warteten wahrscheinlich auf jeden Euro, der ihnen nach Teilung mit dem Zoll, den Chauffeuren und den Verkäufern aus dem Ausland zukommen sollte. Unter diesen Umständen war es einfach unmöglich, keine zu kaufen. Die Luft wirbelte auf, ich begriff, dass dieser Augenblick eingetreten war: mit dem Ende der Feiertage schliesst der Weihnachtsmarkt, aber der Krieg in der Ukraine geht weiter und die ukrainischen Blusen sind beinahe bereit, in das Vergessen der Fantasie zu fliegen, wie auch die unerreichbare Bluse meiner Kindheit. Ich kniff die Augen zusammen, betrachtete das unerträglich bunte Angebot, seufzte, gewann Boden unter den Füssen und deutete mit dem Finger auf etwas, das dem, was ich in Nowgorod-Sewersk gesehen hatte, völlig entgegengesetzt war. „Packen Sie mir bitte diese ein.“ Die begehrte Bluse meiner Kindheit war voll roter Blumen auf weissem Stoff. Diese, die jetzt mir gehört, ist anders, bescheidener: auf grauem Leinenstoff ein blaues Muster. Farblich kann man sich vorstellen, auf dem Klosterhügel in Nowgorod-Sewersk zu stehen und von der Höhe zu sehen, wie graue Wolken über dem Fluss Desna stehen und zwischen ihnen am Horizont Flecken von blauem Himmel hindurchschauen.
Geschichten aus dem Haus und von draussen
Mein Vater Mark Agranowskij schrieb Erinnerungen aus seinem Leben in Nowgorod-Sewersk auf, die sich als so wertvolle historische Dokumente erwiesen, dass sie in dem Sammelband „ЕВРЕИ ЛИВОБЕТЕЖНОЙ УКРАИНИ“ (dt. Juden in der Ukraine vom linken Ufer des Dnjepr, Kulturgeschichte, Materialien des XV. internationalen Seminars, Tschernigiw, Widawez Losowij B. M. 2020) veröffentlicht wurden. In diesen Erinnerungen berichtet mein Vater als Augenzeuge über die Geschichte der Stadt Nowgorod-Sewersk vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert und die Geschichte meiner Familie, die von den Pogromen und den Erschütterungen des Zwanzigsten Jahrhunderts verschont blieb. Diese Geschichten wurden uns Kindern oft erzählt, waren ein Bestandteil unseres Alltagslebens und fügten sich ganz natürlich in die individuelle Erfahrung eines jeden ein.
Zur Zeit meiner Kindheit reichte die Strasse direkt ans Haus heran. Man konnte durch einen engen, kleinen Flur aus dem Zimmer, in dem ich auf einem alten eisernen Bett schlief, auf die Strasse gehen. Im Flur war es dunkel und roch nach eingelegten Gurken, die dort in bauchigen Gläsern auf Regalen standen. Hinter den Gläsern befand sich die Eingangstür. Durch diese waren einst viele Leute gegangen, denn in dem Zimmer hatte sich einmal ein Friseurladen befunden, die Familie hingegen hatte in der Küche mit dem Ofen und in zwei winzigen Zimmern gewohnt. In dem Friseurladen hatte mein Grossvater, der Friseur war, den Bewohnern von Nowgorod-Sewersk und Umgebung die Haare geschnitten und Bärte gestutzt.
Mein Grossvater – Agranowskij Alexander (Sender) wurde 1876 in Nowgorod-Sewersk geboren, 1900 ging er nach Amerika und kehrte 1905 zurück. „28. Januar 1903. Im Gedenken an meine lieben Eltern“ – schreibt er mit kalligraphischer Schrift und schwarzer, hochwertiger Tinte aus dem fernen Amerika, aus der Stadt Philadelphia, nach Nowgorod-Sewersk. „Elias Goldensky“ entziffre ich nach über hundert Jahren den Stempel auf der Rückseite der Fotografie. Das war also eine in einem populären Fotoatelier in Philadelphia angefertigte Fotografie, dessen Besitzer mit den Porträts jüdischer Emigranten reich wurde und Filialen in verschiedenen amerikanischen Städten eröffnen konnte. Was tat mein Grossvater in Philadelphia, so weit von Nowgorod-Sewersk entfernt? Das ist eine lange Geschichte, die ich später erzählen werde.
Goldensky hörte wahrscheinlich viele Geschichten von seinen Kunden. Seine Familie war 1890 aus Krementschuk (Gouvernement Poltawa, Russisches Kaiserreich, heute Ukraine) nach Amerika geflohen. Sie liess sich in Philadelphia nieder, wo viele jüdische Flüchtlinge lebten, unter anderem auch aus der heutigen Ukraine. Elias eröffnete sein Fotoatelier. Er hielt der grausamen Konkurrenz stand und machte sich dadurch einen Namen, dass ihm meisterhaft elegante Porträts mit interessanten Lichteffekten gelangen. Seine Kunden waren Juden, die in Amerika ein besseres Leben suchten. Sie arbeiteten schwer, lebten ärmlich, aber allmählich verbesserten sie ihren Lebensstandard und schickten ihren Verwandten in Europa ihre Porträtfotos. Es wurde erzählt, dass Goldensky sich für die Aufnahmen viel Zeit nahm und den Kunden niemals Posen vorschrieb – er unterhielt sich lange mit ihnen, bis sie sich öffneten und sie selbst wurden. Ich glaube, Goldensky war so erfolgreich, weil er seine Klienten nicht so fotografierte, wie sie in Wirklichkeit waren, sondern so, wie sie sich zeigten, wie sie werden wollten. Denn geradeso wollten diese Flüchtlinge aussehen! Sie, die oft durch Wälder und Sümpfe hindurch Litauens Grenzen überschritten hatten, waren gedemütigt und arm, in ihrem Heimatland hatten sie Hunger gelitten. Jetzt lebten sie in Wohlstand, vornehm, voll innerer Kraft und Vertrauen in sich und in die Zukunft. Elias Goldenskys Fotografien befinden sich in Museen und werden bis heute auf Auktionen verkauft. Und zu den Kunden von Elias Goldensky in Philadelphia gehörte mein Opa. Ich betrachte seine Fotografie, die aus dem fernen Amerika nach Nowgorod-Sewersk geschickt wurde – ein attraktiver, nach der damaligen Mode gekleideter eleganter junger Mann: Krawatte, weisses Hemd, feines Gesicht und eine modische Frisur: mit messerscharf gezogenem Scheitel, nach rechts gekämmt.
Mein Grossvater Alexander Agranowskij kehrt im Jahre 1905 nach Nowgorod-Sewersk zurück. Warum kam er zurück? Mein Vater denkt, dass sein Vater in Amerika kein Unternehmer wurde, sondern als Angestellter arbeitete. Zudem liess die Revolution in Russland die Menschen auf ein besseres Leben hoffen. Möglicherweise auch darum, weil seine jüngeren Geschwister Chasja und Jakow ebenfalls die Absicht geäussert hatten, nach Amerika auszuwandern und die hochbetagten Eltern nicht allein bleiben sollten. Um sie musste man sich kümmern. Aus Amerika brachte mein Opa einen Friseurstuhl mit, der ihm dann viele Jahre diente. Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen:
„Als er 32 Jahre alt war, heiratete er meine Mutter Chaja Pejsachowitsch aus der nahe gelegenen Stadt Gluchow. Es mag auf Unverständnis stossen, dass mein Vater Alexander hiess. Im jüdischen Umfeld sagten sie Sender zu ihm. Es gibt eine Legende: Als Alexander der Grosse (der Mazedonier) nach Jerusalem kam, verlangte er zur Verewigung dieses Ereignisses eine Büste in dem Jerusalemer Tempel aufzustellen. Die Priester erklärten ihm, dass es bei den Juden nicht üblich sei, Bildnisse im Tempel unterzubringen, es aber ein wirksameres Mittel gebe, seinen Namen zu verewigen. Von jetzt an müsse jeder Priester aus dem Stamme Levi, der in einem Tempel Dienst tue, seinen ältesten Sohn Alexander nennen und da es bei den Juden Sitte ist, ihre ältesten Söhne nach dem Grossvater zu nennen, wage ich zu hoffen, dass wir aus dem Stamme der Leviten kommen.“
Der Name Alexander klingt auf Jiddisch Sender, so wurde Grossvater von seinen Freunden und Verwandten genannt. Der Name „Sender“ war offenbar in den 1920er Jahren so verbreitet, dass bei meiner Tante Stera im Abschlusszeugnis der Mittelschule in Nowgorod-Sewersk, das in ukrainischer Sprache geschrieben und im Jahre 1931 ausgegeben wurde, Stera Senderowna zu lesen ist. In den dreissiger Jahren wird „Sender“ in allen Dokumenten drastisch in „Alexander“ geändert. So wird der weiche und häusliche „Sender“, der jedem der in jener Zeit Jiddisch sprechenden Juden vertraut ist, als Folge der Russifizierung in der endgültigen Rechtschreibung zu „Alexander“. Mein Grossvater kehrte also aus Amerika zurück und heiratete. Der Vater seiner Braut war Melamed, das heisst Lehrer der Thora und anderer heiliger Bücher. Melamed – das war ein angesehener Beruf. Bei den Juden jener Zeit stand religiöse Gelehrsamkeit über allem Reichtum und es galt als wunderbare Partie, als Schwiegervater oder als Schwiegersohn einen Kenner der heiligen Bücher zu bekommen. Mein Opa war ein guter Bräutigam – er kannte sich im Judentum aus, hatte sein Geschäft und beachtete sein ganzes Leben lang den Schabbat. Selbst in den späten Briefen, die in den dreissiger Jahren auf Russisch geschrieben waren, gab er hin und wieder Scherze zum Besten, die mit der Geschichte des jüdischen Volkes aus alten Zeiten zusammenhingen.
Für die Familie und für seine Arbeit mietete mein Grossvater ein Häuschen auf der Gubernskaja Strasse 12 (in meiner Zeit Karl-Marx-Strasse 12). Alle unsere zahlreichen Verwandten wohnten laut Aussagen Papas und der Tante nicht weit davon entfernt. Da wir zu jener Zeit viele Verwandte hatten und ein grosser Teil von ihnen auf dem alten jüdischen Friedhof beigesetzt war, so lässt sich daraus schliessen, dass einige Generationen unserer Vorfahren in Nowgorod-Sewersk gewohnt haben. Mein Grossvater heiratete also, eröffnete ein eigenes Friseurgeschäft und blieb für immer in Nowgorod-Sewersk. Bis zur Revolution 1917 ging Grossvaters Friseurgeschäft gut. Das Häuschen befand sich auf der Hauptstrasse, auf der immer Pferdefuhrwerke und Fussgänger vorbeikamen, und grenzte an den Palast des Kaufmanns Medwedew an. Die Besucher kamen, weil mein Opa als gebildeter Mensch mit guten Manieren galt, ein Meister seines Faches war und den Besuchern von Amerika erzählte. Im Geschäft war die Zeitschrift „Niwa“ vorhanden, die damals sehr populär war. Da fast niemand aus Nowgorod-Sewersk und Umgebung in Amerika gewesen war und auch nicht beabsichtigte, dorthin zu gehen, lauschten ihm alle mit Vergnügen. Häufige Besucher des Friseurladens waren Juden, die freitags vor dem Schabbat kamen, um sich die Haare schneiden und sich rasieren zu lassen, und sonntags auch Christen, die den Jahrmarkt besuchten. Am Schabbat, das war klar, arbeitete der Grossvater nicht.
Mein Vater Mark Agranovski schildert in seiner Autobiografie das Leben von Nowgorod-Sewersk und unserer Familie um 1910 sehr genau: „Die Christen mochten meinen Vater erstens wegen seiner Ungezwungenheit und Natürlichkeit im Umgang und zweitens wegen seiner Reisen in Amerika und seiner Erzählungen über das Leben dort und seine Eindrücke“, schreibt er. Das ist doch schon phänomenal – den Ozean dorthin und zurück zu überqueren. Für einen Bauern, der es gewohnt ist, Jahrzehnte in seinem Dorf zu leben, ohne es jemals zu verlassen, war das äusserst ungewöhnlich und erregte Erstaunen.
Als in den folgenden Jahren schwierige Hungerzeiten kamen, hat uns die Bekanntschaft meines Vaters mit den Christen sehr geholfen. Ziemlich oft kam Meir Schewelew – der Mann von Tante Rachil, der Schwester meines Vaters. Er war ein kluger, fröhlicher Mensch und kannte die Einheimischen in- und auswendig. Die Kunden meines Vaters unterhielt er mit verschiedenartigen interessanten Geschichten und Anekdoten. „Kurz und gut, mein Vater liebte die Menschen und die Menschen liebten ihn“, schreibt mein Vater in seinen Erinnerungen.
Und so hatte der Friseur Agranowskij unter den Christen Freunde, die ihm und seiner Familie zur Zeit der Pogrome 1918 das Leben retteten und während der folgenden Hungerjahre halfen. Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen siebzig Jahre danach über den Beginn eines Pogroms, das er in seiner Kindheit überlebte:
„Meine Erinnerungen werden mit Beginn meines siebten Lebensjahres (1917; Anm. B. Liebermann) deutlicher. Wahrscheinlich hängt das nicht nur mit dem Alter zusammen, sondern mit dem grossen Umbruch im Leben der Menschen, der nach der Oktober-Revolution stattfand und Auswirkungen auf die Kinder haben musste.
Die schlimmste Erinnerung beruht darauf, dass in der Stadt über einige Zeit Anarchie herrschte, die von Abenteurern und Banditen jeder Art ausgenutzt wurde, um Menschen zu töten und zu bestehlen, insbesondere die Juden. Besonders hat sich meinem Gedächtnis der Einfall der Rsomin-Bande in die Stadt eingeprägt, die die Juden bestahl und ermordete. Das geschah, wie ich mich jetzt erinnere, am 6. April 1918. Ich war schon acht Jahre alt. Seit dem Morgen verbreitete sich Unruhe und die Juden begannen zu flüchten und sich zu verstecken, wo es ihnen möglich war. Viele flüchteten in Schluchten des Ufers des Flusses, aber sie wurden auch dort entdeckt und erschossen.
Wir flohen nicht. Mein Vater sperrte die Haustür ab, schloss die Fensterläden und bat eine russische Frau, die bei der Nachbarin als Köchin arbeitete, sich an das Zauntor unseres Hauses zu stellen und allen Reitern zu sagen, dass alle geflohen seien und sich niemand im Hof aufhalte. Wir hatten uns in einer Erdgrube (damaliger Keller, Anm. B. Liebermann) versteckt, die sich in einer entfernten Ecke des Hofes befand.
Die Bande wütete den ganzen Tag bis zum Abend. Gegen Abend war sie dann verschwunden. Mein Vater begab sich heimlich durch die Hintertür ins Haus und beobachtete durch eine Öffnung im Fensterladen das Geschehen auf der Strasse. Als er sich davon überzeugt hatte, dass es in der Stadt ruhig war, kehrten wir ins Haus zurück. Nachdem wir in der Erdgrube gesessen hatten, schliefen wir Kinder ein, unsere Eltern aber nicht. Am nächsten Tag nahm mein Vater mich an die Hand und wir gingen in die Stadt, um die Folgen des Pogroms zu sehen.
Hauptsächlich hatten die Banditen auf der Kasatzkaja Strasse (heute Swerdlowa Strasse) und auf der Tarelkina Strasse (heute Krestjanskaja Strasse) gewütet, wo im Wesentlichen Juden wohnten. Überall waren Diebesspuren, zertrümmerte Möbel und Geschirr zu sehen und auf der Schwelle eines Hauses lag an der offenen Tür eine Frau, die durch einen Kopfschuss getötet worden war.
Ich sehe das noch, als sei es heute, und in meinem kindlichen Bewusstsein prägte sich die Verbindung ein – Revolution, Gräueltaten und Ermordung völlig unschuldiger Menschen.
Jetzt denke ich oft darüber nach, dass im Menschen zwei Anlagen verborgen sind – die g'ttliche und die teuflische. Dostojewskij sagt zu Recht, dass die Befreiung des Menschen von allen moralischen Normen und Verpflichtungen zum Triumph der teuflischen Anlage führt – alles ist erlaubt ...“
Am nächsten Tag, nach der Beschreibung am 7. April 1918, es war ein schöner Frühlingstag, fährt mein Vater fort:
„Aus irgendeinem Grund hat sich mir dieser Tag tief eingeprägt. Es lag schon kein Schnee mehr und die Sonne schien warm. Gegen Abend kamen Gerüchte auf, dass die Bande zurückkehren würde. Panik brach aus und die Juden begannen in verschiedene Richtungen zu flüchten. Wir machten uns in Richtung auf das Dorf Scheptaki auf den Weg, das – wenn ich mich nicht irre – 12 Kilometer von der Stadt entfernt ist. Wie wir dorthin kamen, weiss ich nicht, kaum zu Fuss. Offenbar war es meinem Vater gelungen, ein Fuhrwerk zu organisieren. Wie ich mich jetzt erinnere, machten wir etwa sechs Kilometer von der Stadt entfernt in einem grossen Bauernhof eines Weilers Halt, in dem sich schon viele Flüchtlinge befanden. Ich erinnere mich, als sei es heute – eine an der Zimmerdecke befestigte Kerosinlampe, Menschen, die sich auf dem Boden und auf Bänken zusammendrängten. Der eine schlief, ein anderer aber schlief nicht. Ich schlief nicht. Plötzlich kam vom Hof ein Geräusch. Mein Vater ging nach draussen, dann kam er erregt zurück und sagte, dass es Partisanen seien – Bolschewiken. Der Ranghöchste von ihnen – ein gewisser Salaj, der in der Zeit danach in Moskau einen sehr hohen Dienstposten einnahm, stiess meinem Vater die Pistole in den Bauch und warf ihm und allen anderen vor, dass sie keine Selbstverteidigung in Nowgorod-Sewersk organisiert hätten. Womit denn, mit welcher Waffe? Etwa mit Knüppeln?
In den übrigen Nachtstunden liessen sie uns in Ruhe. In der Dämmerung zogen wir weiter und nach anderthalb Stunden erreichten wir das Dorf Scheptaki. Mein Vater kannte in den Dörfern viele Bauern. Er fand einen Bekannten. Das war ein mit einem Bein hinkender, schlichter Bauer, der zwar körperlich behindert war, jedoch über eine grosse Geistesstärke verfügte, wie sich später zeigte. Der Hof war weiträumig und mit einem massiven Zaun umgeben, doch das Gebäude war ein gewöhnliches Bauernhaus. Im Inneren des Hauses stand in der Ecke neben der Tür stand ein grosser russischer Ofen. Die Familie des Hausherrn schlief in einem Teil dieses Raumes, der durch einen Baumwollvorhang geteilt wurde, das war üblich. Wenn sich mein Gedächtnis nicht täuscht, gab es keine Kinder. Unter den Ikonen stand ein Tischchen, auf dem sich eine Karaffe mit selbst gebranntem Schnaps befand, der mit irgendwelchen Kräutern und Zitronenschale angesetzt war. Warum mir das im Gedächtnis geblieben ist, weiss ich nicht, aber es war so. Wir schliefen auf Bänken. Die Besitzer waren sehr gut zu uns.
Ich sage nicht, dass sich alle Bauern gleichermassen gut uns gegenüber verhielten. Es gab welche, die uns zu töten drohten. In solchen Fällen stand der Hausherr mit einer schweren Holzstange am Tor und behielt uns im Auge. Aber offensichtlich hatten nicht alle solche Absichten, denn wir hielten uns dort in verhältnismässiger Ruhe einige Tage auf, bis es hiess, dass es in der Stadt ruhig sei. Dann brachte uns unser Retter mit seinem Fuhrwerk nach Hause, nach Nowgorod-Sewersk. Unsere Rückkehr erfolgte zeitgleich mit dem Übergang der Stadt in die Herrschaft der Deutschen und der Rada (Parlament der Volksrepublik Ukraine 1917–1918) in der Ukraine. Es war so, dass gemäss dem Vertrag von Brest 1918 die Ukraine und damit auch Nowgorod-Sewersk unter die Herrschaft des Deutschen Reiches fiel und buchstäblich am Tag unserer Rückkehr im Stadtgarten schon das Blasorchester spielte. In ihrer Freizeit flanierten die Leute über die Hauptstrasse, die damals Gouvernement-Strasse hiess. Die deutschen Soldaten wurden in den Wohnungen untergebracht. Auch in unserem Haus wohnten Deutsche. Sie verhielten sich den Hausbesitzern gegenüber ziemlich korrekt. Sie beleidigten niemanden. Ich erinnere mich an einen hageren Soldaten namens Willi. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, Speck zu braten.
Komplizierter gestaltete sich die Beziehung der neuen Macht zur dörflichen Bevölkerung, der Getreide für den Versand in das hungernde Deutschland abgenommen wurde. Es kam zu blutigen Zusammenstössen, die offensichtlich auch von den bolschewikischen Partisanen angeheizt wurden, die sich in den Wäldern hinter dem Fluss Desna versteckten. Diese Zusammenstösse endeten manchmal mit dem Tode deutscher Soldaten, was sehr grausame Racheakte zur Folge hatte. Das Dorf, in dem sich getötete deutsche Soldaten befanden, wurde gewöhnlich bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ein solches Schicksal ereilte zum Beispiel das Dorf Worobjowka. Ich erinnere mich, dass das Geschehene in der Stadt diskutiert wurde und Angst einflösste. Auf diese Weise erschienen allmählich auf dem örtlichen russischen Friedhof deutsche Gräber. Das diente in späterer Zeit (1938–1939, Anm. B. Liebermann) als Vorwand für das Erscheinen einer deutschen Delegation zur Prüfung des Zustandes des Friedhofs, in Wahrheit aber, um die umgebende Örtlichkeit zu fotografieren – es ging auf das Jahr 1941 zu. „
Ein weiteres Zeugnis für den Holodomor (Hungerjahre):
„Die deutschen Soldaten wurden nach Deutschland zurückberufen, die Soldaten des ukrainischen Parlaments wurden durch die bolschewikischen Soldaten, die von Norden einfielen, vernichtet und in der Stadt blieb die Sowjetmacht. Obwohl die Bauern per Dekret Land als Eigentum erhielten, wurde die private Industrie verstaatlicht und sogleich war der normale Warenaustausch zwischen Stadt und Land vernichtet. Als Resultat des weitergehenden Krieges fand eine Desorganisation und Verstaatlichung (Nationalisierung) der Industrie statt, das heisst, sie ging in die Hände des Staates über (und geriet völlig durcheinander). Die Stadt konnte dem Land keinerlei Waren zum Tausch gegen Getreide anbieten. Die Bauern horteten weiterhin ihr Korn und verkauften es nicht, weil sie das Geld nicht schätzten, da sie nichts dafür kaufen konnten. Die Bauern zogen es vor, das Getreide zu verstecken, als es zum Verkauf in die Stadt zu fahren. Und da wurde in Moskau eine Ablieferungspflicht beschlossen. Die Bauern wurden verpflichtet, überschüssiges Getreide an den Staat abzugeben. Überall tauchten Lebensmittelkommandos auf, die Durchsuchungen veranstalteten, die Kornüberschüsse konfiszierten und in die Stadt transportierten. Die Lage spitzte sich aufs Äusserste zu, oft kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Bauern und den Lebensmittelkommandos. Diese Periode wurde Kriegskommunismus genannt. Das Resultat war ein völliges Zerwürfnis zwischen Stadt und Land. Man kann nicht sagen, dass es den Stadtbewohnern als Resultat dieser Missstimmung besser ging. Plötzlich gab es kein Brot mehr. Obwohl Brotkarten eingeführt wurden, reichte das Brot trotzdem nicht aus. Da mein Vater viele Bekannte unter den Bauern hatte, ging er über Land, rasierte sie und schnitt ihnen die Haare. Im Gegenzug erhielt er Brot. Gegen Abend kehrte er hungrig und durchgefroren zurück und wir kleinen Kinder konnten wenigstens einmal am Tag essen. Wir hungrigen Kinder, die seit dem Morgen keinen Bissen im Mund gehabt hatten, erwarteten voller Ungeduld die Rückkehr des Vaters vom Land. Gegen Abend erschien er todmüde mit einem Sack voller Brotstücke, Gerstenpfannkuchen und Grütze-Portionen und wir stürzten uns gierig auf all diese guten Sachen.
Es war klar, dass dieser Essensvorrat nicht lange reichen konnte und der Vater diese Reisen mehrmals wiederholen musste. Es war Winter mit Frösten und Schneestürmen und man kann sich vorstellen, wie mühevoll er jedes Stück Brot erkämpfen musste. Während wir schon in verhältnismässigem Wohlstand leben, werde ich – wenn ich sehe, wie das übrig gebliebene Brot nach dem Mittagessen weggeworfen wird – ganz ungemütlich und erinnere mich an diese schweren Tage – zugefrorene Fenster, Kälte in der Wohnung und lange Winternächte. Revolutionen zerstören in erster Linie die Existenz der armen Leute, deren Leben vom täglichen Brot abhängt!
Die Kälte! Wie ich mich daran erinnere! Es gab nichts, um den Ofen zu heizen, und nachts ging der Vater mit der Axt los, um die Zäune der Gärten und Gemüsegärten zu zerschlagen. Damit wurde unser Ofen geheizt – mit Brettern, die in Stücke gehauen werden mussten.
Diese Beschäftigungen wirkten sich schrecklich auf die Gesundheit meines Vaters aus und er wurde krank – ein starker Husten zerriss seine Brust. Ein Arzt wurde gerufen. Er hiess Dumarowski mit Nachnamen. Seine Diagnose war „trockene Pleuritis“. Er nahm kein Geld für die Behandlung und wir hatten auch keines. Er war ein sehr guter Mensch. Er erzählte uns Kindern Geschichten, um uns von traurigen Gedanken abzulenken.
Aber wir mussten irgendwie leben. Mein Vater hatte einen Jugendfreund, der eine Geldsammlung bei den Juden organisierte. Ausserdem begann meine Mutter, Sachen zu verkaufen oder zu verpfänden. Die Menschen sind sehr verschieden!
Der Vater war etwa einen Monat lang krank, dann begann er sich zu erholen und obwohl noch schwach, nahm er wieder seinen Platz am Friseurstuhl ein. Das Leben nahm erneut seinen Lauf, die Leute achteten stärker auf ihr Äusseres und wurden zu ständigen Besuchern.“
In den zwanziger Jahren begann die Politik der NEP (Neue Ökonomische Politik) und den Leuten ging es allmählich besser. Mein Vater beschreibt diese Zeit folgendermassen:
„Die Menschen begannen fröhlicher zu leben und mehr auf ihr Äusseres zu achten und mein Vater bediente die Kunden von morgens bis abends – er schnitt Haare und rasierte.
Obwohl das verdiente Geld zum Leben reichte, beschäftigte sich mein Vater, der Friseur, abends mit der Fertigung von Zigaretten. Tabak konnte man kaufen, Hülsen ebenfalls, aber Fertigzigaretten gab es nicht. Das verschaffte ihm ein zusätzliches Einkommen.
Dazu muss noch erwähnt werden, dass sich die Verbindung mit dem Ausland verbesserte und Tante Chasya, die in Amerika lebte, uns Pakete mit Kleidung für die Erwachsenen und Kinder schickte. Manchmal schickte sie uns ein Kuvert mit einigen Dollars, die man in einem sogenannten Torgsin-Geschäft (Handel mit Ausländern) umtauschen konnte.“
Torgsin etablierte sich 1931 mit 1.500 Filialen im ganzen Land und wurde 1938 geschlossen. Zweck des Torgsins war die Beschaffung von Wertsachen wie zum Beispiel Edelmetallen und Ersparnissen von der Bevölkerung für die Finanzierung der Auslandsschulden und die Industrialisierung des Landes. (Anm., B. Liebermann)
„Mit dem Torgsin-Geschäft ist eine Episode verbunden, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Der Vater erinnerte sich einmal daran, dass einer seiner wohlhabenden Kunden noch vor der Revolution, als er bezahlte, einen goldenen Zehner auf den Boden fallen liess. Der Zehner rollte in eine Spalte im Fussboden. Es wurde darauf verzichtet, den Boden zu öffnen, um das Geldstück herauszuholen, und danach vergass man die Sache. Aber die Not brachte die Erinnerung daran zurück. Eines Abends beschloss der Vater, den Boden zu öffnen, um diesen Zehner herauszuholen. Für uns Kinder war das ein grosses Ereignis. Der Boden wurde nicht ohne gewisse Schwierigkeiten geöffnet und es gelang, den Zehner zu finden. Voll Bewunderung betrachteten wir das goldene Geldstück im Wert von zehn Rubeln mit dem Abbild des Zaren Nikolaj auf der Rückseite. Vater gab den Zehner im Torgsin ab (wo die Währung und das Gold in Nahrungsmittel umgetauscht werden konnten) und bekam dafür eine gewisse Menge von Sachen, die wir brauchten.
Und so wendete sich das Leben der Menschen zum Besseren.
Diese Zeit ist charakterisiert durch eine seltsame Verbindung privater Unternehmungen und der Sowjet-Macht. Das Eine störte das Andere nicht. Parallel zueinander existierten privater Kapitalismus und öffentliche Organisationen – Kommunistische Partei, Komsomol, Gewerkschaften, Pionier-Organisationen. Es wurde darauf vertraut, dass die Revolution (früher oder später) auf der ganzen Welt triumphiere und dann sei es nicht weit bis zum Kommunismus. Aber bis sich im Alltag die Ideen der Wegbereiter der kommunistischen Ideen realisierten, musste man widerwillig Fisch bei dem jüdischen Fischhändler Kutikow kaufen, dessen Geschäft immer übervoll mit Fischen aller möglichen Arten war, die in Wagons aus dem Süden kamen.
Ich erinnere mich an ein solches Lebensmittelgeschäft unseres Nachbarn Kaufman, bei dem man immer reinste in Pergamentpapier eingewickelte Butter kaufen konnte – immer frisch, aromatisch und bemerkenswert geschmackvoll. In diesem Geschäft konnte man alles für das Essen Notwendige bekommen. Im Winter gab es normalerweise Zitronen, Apfelsinen und Trockenfrüchte. Brot wurde mit reinstem Roggenmehl gebacken.
Ich erinnere mich, dass meine Mutter selbst Brot buk. Aus dem Ofen kamen duftendes köstliches Brot und zugleich auch Roggen-Piroggen, gefüllt mit Stampfkartoffeln und Zwiebeln.
Manchmal machte die Mutter auch zusammen mit dem gebackenen Brot den sogenannten Kulaga. Das war eine dicke Flüssigkeit von dunkelbrauner Farbe und säuerlichem Beigeschmack und ungewöhnlich lecker. Die Zubereitung dieser Speise habe ich vergessen, doch höchstwahrscheinlich war es ein Nebenprodukt aus fermentiertem Teig.
Die religiösen Feiertage, unter ihnen auch der Schabbat, wurden immer eingehalten. Am Schabbat arbeitete mein Vater nicht, obwohl er kein besonders religiöser Mensch war. Freitagabends wurden Kerzen in Kerzenhaltern aus Messing angezündet. Abend- und Mittagessen für den Sonnabend wurden vorher im grossen Ofen zubereitet, der alles 24 Stunden warmhielt. Nach religiösem Brauch durfte der Ofen am Schabbat nicht geheizt werden.
Das Mittagessen am Schabbat war, wenn die Umstände es erlaubten, sehr reichhaltig.
Üblicherweise wurde zuerst gefilter Fisch gereicht. Selbst der ärmste Jude konnte sich das Schabbat-Essen nicht ohne gefilten Fisch vorstellen (dt. gefüllter Fisch, bei aschkenasischen Juden beliebtes kaltes Fischgericht; Anm., B. Liebermann). Nach dem Fisch folgte der sogenannte Tscholent - eine Suppe aus hausgemachten Nudeln mit Hühnerfleisch oder Bohnensuppe mit Rindfleisch, die Suppe wurde mit Buchweizengrütze gemischt. Dann gab es Kugl – Hühnerhals oder ein spezielles aus Tuch genähtes Säckchen, gefüllt mit einer Mischung aus Zwiebeln und Fett (das alles wurde natürlich vorher gekocht; Anm., B. Liebermann). Es folgten „Fächertorte“, Fladen, eine Pirogge mit Mohn und Kompott. Es ist verständlich, dass man nach einem derartig üppigen Essen schläfrig wurde. Aber ich möchte betonen, dass dies sich auf die guten Jahre bezog und davon gab es nicht so viele…“
Die letzte Fotografie meines Grossvaters Alexander, Friseur, die ich besitze, wurde in Nowgorod-Sewersk kurz vor seinem Tod 1940 aufgenommen. Er starb mit 65 Jahren. Das Foto zeigt einen alten Mann, gebeugt, mit müdem Gesicht. Er trägt einen alten, schweren, grossen Mantel, der aus einem Militärmantel seines Sohnes Lew, genäht ist. Die geäderten dünnen Hände ruhen auf seinen Knien. Hinter ihm liegen lange Jahre: Kindheit in einem ukrainischen Stedtl, Amerika, der Erste Weltkrieg, Revolutionen, Pogrome, Hunger, Kälte, Mangel, Krankheiten und ein paar ruhige Jahre zur Zeit der NEP, der Neuen Ökonomischen Politik der Sowjetzeit. Die Frisur auf dem Foto von 1940 ist aber dieselbe wie auf dem Foto aus Amerika – nach rechts gekämmte Haare, exakter Scheitel, eine Haarsträhne. Obwohl die Haare spärlich sind und grau. Sein Blick ist geblieben: klug, durchdringend und allwissend. Nur, wie bei den Alten auf Rembrandts Gemälden, etwas auf das jenseitige Leben gerichtet.
Die Familienfotos standen immer auf einem Tisch und auf einem Regal im Wohnzimmer, in dem ich schlief, und meine Tante und mein Vater erzählten mir vom Grossvater, weil sein Leben wie auch das Leben anderer Menschen auf den Fotos und ihre Geschichten ein Teil unseres Lebens waren und meines beginnenden Lebens – zeitlos.
Ich erinnere mich oft daran, wie ich in jenem Leben in Nowgorod-Sewersk aus dem Fenster auf die Strasse schaute. Das Gefühl der Teilhabe an der Geschichte meiner Familie und am Leben der Strasse verliess mich niemals. Wahrscheinlich deswegen, weil die Häuser zu jener Zeit alle nur ein- oder zweistöckig und die Strassen nicht breit waren. In der damaligen Gubernska Strasse – der Hauptstrasse der Stadt – hatten die Häuser zwei Eingänge und zwei Türen: auf die Strasse ging üblicherweise die Haustür eines Ladens oder eines ehemaligen Friseurgeschäfts, wie bei uns, während die andere Tür sich zum Hof öffnete. Jede Tür hatte ihre Funktion. Je nach Situation konnte man entweder in den Hof springen oder durch die Haustür auf die Strasse und ein Teil des Lebens auf der Strasse werden. Die Haustür ist eine Haustür, damit man abends neben ihr auf einer Bank sitzen und sich mit den Passanten unterhalten kann. Abends sitze ich mit der Tante und der Grossmutter auf der Bank und wir betrachten die Jugendlichen, die zum Park eilen, um zu tanzen. Die Mädchen begrüssen einander, sie sind fröhlich, lebhaft, schön gekleidet, einige haben Zöpfe, die bis unter den Gürtel reichen. In der Dämmerung und der Wärme verbreitet sich der Duft der Blumen und besonders aromatisch der Duft nach Tabakblüte. Irgendein mir noch unbekanntes Leben umgibt mich, geht an mir vorbei. Ich spüre sein Geheimnis und lausche dem Gespräch der Erwachsenen. Ich verstehe nicht, worum es geht – irgendwelche Gerüchte, Spässe, Geflüster, Anspielungen, Pärchen in den Gassen, rätselhafte Liebesgeschichten.
Meine Tante und meine Oma – wir sind auf der Bank an der Strasse. Wahrscheinlich werde ich, wenn ich grösser bin, auch lange Haare haben und tanzen gehen. Jetzt sind meine Haare kurz und meine Frisur ist wie bei meinem Opa auf dem Foto: nach rechts gekämmt. Aber warum soll ich überhaupt irgendwohin gehen, wenn ich mich neben dem langen Rock der Grossmutter so wohl fühle und die Tante meine Hand hält. Ich fühle mich warm und sicher bei ihnen, in unserem Haus, in dem alle unseren Verwandten gelebt haben, selbst diejenigen, die wir nur aufgrund ihrer Fotos kennen. Ich fühle mich diesem Nachtleben überlegen – als hätte ich das Leben mit meiner Tante und Grossmutter schon gelebt und brauchte von der Höhe dieses Lebens nicht mehr durch dunkle Gassen zu gehen, um glücklich und zufrieden zu sein. Ich vermute und weiss sogar bereits alles über dieses nächtliche Leben. Zöpfe wuchsen mir nie und ich musste nicht tanzen gehen. Nicht, weil ich das nicht wollte, aber es ergab sich einfach so. Als meine Oma starb und danach auch meine Tante, kamen wir nur noch selten nach Nowgorod-Sewersk. Und dann spielten auch keine Musikanten mehr zum Tanz im Park auf. Vielleicht es ist ein Zeichen der Trauer um meine Verwandten und alle Katastrophen in der Welt – so scheint es mir manchmal.
Die Familie
Der Grossvater Alexander (Sender) Agranowskij und seine Frau Chaja hatten vier Kinder: Mark, Stera, Lew und Riwa. Das älteste von ihnen war Mark Agranowskij, mein Vater. Mein Vater studierte an der Universität Charkow, und nach dem Studium unterrichtete er sein Leben lang Physik. Seine letzte Arbeitsstelle war die Fachhochschule in Novosybkov, einer kleinen russischen Stadt, nicht weit von Nowgorod-Sewersk entfernt. Die dicken Hefte des Vaters, beschrieben mit seiner kalligraphischen Schrift, sind mir heilig. Sie sind voll rätselhafter physikalischer Formeln und geometrischer Zeichnungen – es sind Mitschriften seiner Vorlesungen. Damals gab es kein Internet und keinen Computer. Bücher waren offenbar auch nicht ausreichend vorhanden und er musste sie in der Bibliothek leihen, aus verschiedenen Sprachen übersetzen und dann seine Vorlesungen mit der Hand schreiben. Ich habe immer noch den Wunsch, irgendwann einmal diese Mitschriften gründlich zu entziffern und das bemerkenswerte Fach –Physik auf höchstem Niveau – zu verstehen, wie mein Vater es verstand. Bis jetzt hat die Zeit dazu nicht gereicht, aber irgendwann werde ich diese Hefte öffnen und mich in die Schönheit der Formeln und die prägnante Schrift meines Vaters vertiefen. Mein Vater genoss den Respekt und die Zuneigung seiner Studierenden. „Das war wegen seiner Liebe zum Fach, seiner Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit zu jedem Menschen“, sagte mir einmal einer seiner ehemaligen Studenten. „Wir haben ihn nach dem grundlegenden Gesetz der Physik genannt: „Geradlinige Bewegung mit konstanter Geschwindigkeit!“
Lew, der Bruder meines Vaters, ging zum Militär, diente als Offizier und reiste mit der Armee durch die Weiten der Ukraine und Russlands. Tante Stera und Tante Riwa erhielten in Kiew eine Fachausbildung auf dem Gebiet der Buchhaltung und arbeiteten in diesem Beruf in Nowgorod-Sewersk. Während des Zweiten Weltkriegs war mein Vater Offizier in der Sowjetarmee. Seine militärische Einheit war beim Rückzug in der Nähe von Nowgorod-Sewersk und er bestand darauf, dass seine Familie in Richtung Osten zum Ural floh. Deswegen überlebte sie.
Zweiter Weltkrieg
Die Juden, die in Nowgorod-Sewersk und Umgebung blieben, wurden getötet. Die Deutschen trafen am 26. August 1941 ein, sie fanden 200 Juden in der Stadt. Die Juden waren zur „Umsiedlung“ nahe der Klostermauer zusammengetrieben und ans gegenüberliegende Ufer der Desna zum Dorf Ostroushky gebracht worden. Am 7. und 8. November 1941 wurden die verbliebenen 174 Juden von der 10. Infanteriedivision der 1. mechanisierten Infanteriebrigade der SS (unter Hauptmann Gebel) mit Unterstützung der ukrainischen Polizei erschossen. Neben den Juden wurden in Ostroushky auch Roma ermordet. Laut Zeugen wurden die Menschen in kleinen Gruppen von fünf bis zehn Personen erschossen. Der Schütze feuerte mit einem auf einem Dreibein montierten Maschinengewehr. 2
Die letzten lokalen Juden wurden 1942–1943 zusammen mit mehr als 17.000 sowjetischen Gefangenen in einem Konzentrationslager auf dem Territorium des Klosters in Nowgorod-Sewersk ermordet. Das Lager für Kriegsgefangene und Zivilisten gehörte zu einem System von Durchgangs- und stationären Lagern, die geschaffen wurden, um die Front zu „entlasten“ und Zwangsarbeit zu nutzen. Nach Dokumenten des örtlichen Heimatmuseums wird das Lager als Konzentrationslager beschrieben. Die Gefangenen wurden einer äusserst grausamen Behandlung ausgesetzt. Sie wurden für die schwersten Arbeiten herangezogen: Zum Beispiel spannte man sie statt Pferden vor Wagen und zwang sie, Unrat mit blossen Händen zu beseitigen. Jüdische Kriegsgefangene und Zivilisten wurden in einer unbeleuchteten, steinernen Scheune ohne Nahrung und Oberbekleidung festgehalten. Sie wurden isoliert und durften zu den anderen Gefangenen keinen Kontakt haben. Die Namen von 210 getöteten örtlichen Juden und 106 jüdischen Soldaten im Lager sind bekannt. Diejenigen, die im Lager umgekommen waren, sind in Massengräbern nahe der Klostermauer begraben. Es gibt dort zwei, aber nicht alle wurden in die Listen aufgenommen, weil die Deutschen sie nicht so bestatteten, wie es hätte sein sollen. Sie warfen die Körper einfach in eine Grube und bedeckten sie mit einer Erdschicht, dann folgte die nächste Schicht von Körpern und so weiter. Die Stadt wurde am 16. September 1943 befreit. Als Anfang der 2000er Jahre Restaurierungsarbeiten durchgeführt wurden, fanden Archäologen auch vor dem Eingang der Kathedrale einige grosse Gräber. Dort zeigte sich etwas, das wie eine zusammengepresste Schicht menschlicher Knochen aussah. Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers wurde ein Denkmal für die Opfer des Faschismus errichtet.
Die Tragödie des Holocaust betraf fast jede jüdische Familie in Europa. Sie verschonte auch unsere Familie nicht. Über den Holocaust zu sprechen war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht üblich. Auf den Massengräbern waren Gedenktäfelchen mit Standardinschriften angebracht: „Den gefolterten Sowjetbürgern“. Ermordet wurden Bürger unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher „Schuld“ gegenüber Hitler-Deutschland. Doch die Tatsache, dass die gefolterten Bürger hauptsächlich Juden waren, wurde absichtlich verschwiegen. Dafür gab es verschiedene Gründe. Der Hauptgrund war ausgeprägter Antisemitismus, der den Juden sogar das Recht absprach, als Juden in Erinnerung zu bleiben. Das Faktum anzuerkennen, dass die Juden geplant umgebracht wurden, nur weil Hitler einen pathologischen Hass auf sie hatte und zusammen mit seinen Komplizen auf der Wannsee-Konferenz 1942 einen Vernichtungsplan für sie ausarbeitete, würde bedeuten, den besonderen Status der Juden anzuerkennen. Das war unmöglich. Sogar in dieser Tatsache zeigt sich die verbrecherische Anmassung der Sowjetmacht, die Geschichte zu fälschen. Diese Regelung gilt auch für die Bestimmung des Status von Leben und Tod.
Nach dem Krieg war es in den jüdischen Familien nicht üblich, über den Holocaust zu sprechen. Die überlebenden Juden waren eine Randgruppe. Ihr Alltag orientierte sich am Überleben unter den Bedingungen eines wachsenden Antisemitismus. Die Erinnerung an die umgekommenen Verwandten wurde tief ins Unterbewusstsein verdrängt, weil der unerträgliche Schmerz des Verlustes kein Weiterleben gestattet hätte. Viele vermuteten auch, das Wissen um das Geschehene könnte sehr wohl den Sinn des Lebens in Frage stellen. Der Selbsterhaltungstrieb balancierte an der Grenze zur Selbsttäuschung entlang, das Unterbewusstsein drückte heimlich auf die Psyche und bereitete unvorhersehbaren Schaden vor. Die Erinnerung an Familien-Tragödien, die Suche nach verschollenen Angehörigen und die Öffnung unbekannter Konzentrationslager in der Sowjetunion begannen erst in den 1990er Jahren.
Folgendes schreibt mein Vater über das Schicksal seiner Verwandten aus Nowgorod-Sewersk während des Krieges:
„Mein Grossvater mütterlicherseits war Melamed. Er lehrte den Pentateuch (Thora) und andere Bücher und war in zweiter Ehe verheiratet. Aus der zweiten Ehe hatten sie zwei Söhne – Lew und Grischa. Lew beendete die Jeschiwa (eine jüdische religiöse Schule) und bereitete sich darauf vor, Rabbiner zu werden, aber die Revolution änderte diese Pläne. Zu dieser Zeit (Beginn der Zwanziger Jahre) verbreitete sich in der jüdischen Jugend die Idee von der Notwendigkeit, sich mit dem Ackerbau zu beschäftigen, insbesondere, da die Regierung die Leute unterstützte, die den Wunsch äusserten, sich mit der Landwirtschaft zu befassen. Im Bezirk Cherson begannen sich Kommunen oder Kooperativen zu bilden und Lew beschloss, dorthin zu fahren.
Ich weiss noch, wie er am Vorabend seiner Abreise zu uns kam, um sich zu verabschieden. Er sass in der Ecke am Fenster, ein leichter Frühlingswind bewegte die Vorhänge, er sah traurig und nachdenklich aus. Wahrscheinlich wusste er schon, dass er nicht mehr zurückkehren würde. Ich behielt diesen Abend aus irgendeinem Grunde deutlich im Gedächtnis. Andere Ereignisse sind aus meiner Erinnerung verschwunden, aber an dieses erinnere ich mich…
Das Schicksal von Onkel Lew verlief zunächst gut. Er fand im Bezirk Cherson seine wahre Berufung, wurde ein richtiger Bauer, körperlich kräftiger, gröber, bekam Kinder und kam dann in die Verwaltung der Kolchose. Aber der Krieg 1941–45 machte alles zunichte und bereitete ihm ein tragisches Ende. Ihm und seiner Familie gelang die Evakuierung nicht, alle wurden in diesem Dorf grausam gefoltert und erschossen.“
Ein grosser Teil der Familie meiner Mutter kam in Polen um. Der Weitsicht und Entschlossenheit meines Vaters ist es zu verdanken, dass seine beide Schwestern Riva und Stera und seine Mutter Chaja in den Ural flohen und dort überlebten. Nach dem Tod meines Vaters fand ich sein Notizbuch, das er während des Krieges geführt hatte. Die Einträge sind mit Bleistift geschrieben, viele davon sind verblasst. Es ist nicht möglich, sie wiederherzustellen. Dennoch ist ein Eintrag erhalten geblieben. Was gelesen werden kann, wurde auf den 07. Dezember 1942 datiert.
„Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1942
Das Schicksal hat mich in die verlassenen Steppen des Gebiets Stalingrad verschlagen. Ich sitze am Ofen in einer Erdhütte. Draussen heult der Wind, ein Sturm tobt.
Seit anderthalb Jahren schon verwüstet der Orkan des Krieges unser Land, brennt alles ringsum nieder und verwandelt alles, was mit so viel Mühe von Menschenhand geschaffen wurde, in Trümmer.
Ringsum, wohin man auch blickt, nur Ruinen. Es ist, als lebte man mitten unter Trümmern. In Ruinen verwandelt ist alles – nicht nur Gebäude, Fabriken, Häuser, Bauernhütten, sondern auch die Vergangenheit jedes einzelnen Menschen. Alles, was vor anderthalb Jahren war, erscheint fern. Mühsam versucht man, aus einzelnen Fetzen von Erinnerungen ein geschlossenes Bild zu formen, doch vergeblich huschen einzelne Gesichter, Gegenstände, Bilder der heimatlichen Natur vorbei – und all das ergibt keinen zusammenhängenden Eindruck.
Man lebt nur im heutigen Tag.
Wahrscheinlich ist nicht allein der Krieg daran schuld. Unser ganzes Leben lang haben wir gelernt, die Vergangenheit zu verachten. Von der Höhe unserer grossen Tage, unserer Stürme und Sorgen herab blickten wir mit Geringschätzung auf die Traditionen und die Geschichte vergangener Jahre, sahen in ihr nur das Schlechte und bemühten uns, Beispiele würdiger Nachahmung nicht zu bemerken.
Die Vergangenheit erschien uns in einzelnen Szenen, während die Menschen im Schatten blieben. Psychologisch bereiteten wir uns darauf vor, unsere eigene Vergangenheit zu entwerten, sodass jeder gelebte Tag für uns nur ein Sprungbrett in die Zukunft war. Bewusst blickten wir von oben herab auf die über Jahrhunderte gewachsenen Traditionen des Volkes und gewöhnten uns allmählich an den Gedanken, dass unsere eigene Vergangenheit oder die Vergangenheit unserer Familien keinen Wert habe. Allmählich verschwanden bei uns die Familientraditionen.
Ich erinnere mich an einen Vorfall.
Kurz nach meiner Ankunft in der Stadt Nowosybkow ging ich auf den jüdischen Friedhof. Er erschütterte mich durch sein verlassenes Aussehen. Kaum ein Grabmal, kein Kreuz, kein Bäumchen war zu sehen – all jene Dinge, mit denen man gewöhnlich die Ruhestätten seiner Angehörigen kennzeichnet.
Plötzlich fiel mein Blick auf eine alte Frau, die vergeblich versuchte, mit ihren kurzsichtigen Augen zwischen den Grabhügeln etwas zu erkennen. Auf meine Frage, was sie suche, antwortete sie: „Ein Gräbchen.“ Früher hatte sie das Grab ihrer Angehörigen mithilfe irgendwelcher Bäumchen und Sträucher gefunden, die jemand mit fürsorglicher Hand gepflanzt hatte. Nun aber hatten die Menschen alles ringsum abgeholzt. Verschwunden war alles, was von der Vergangenheit hätte zeugen können.
So reisst man die Erinnerung an die geliebten Menschen heraus, die ihren Lebensweg beendet haben. Ebenso zerstörten auch wir eifrig alle Wegmarken, die als Zeugnis unserer Vergangenheit hätten dienen können, und vernichteten damit – ohne es selbst zu bemerken – all die Pfade und Wege in unserem Bewusstsein, auf denen wir unsere eigene Entwicklung hätten nachverfolgen können.“
Die Aufzeichnungen in dem Kriegstagebuch meines Vaters sind bemerkenswert, denn sie sind nicht nur ein historisches Zeugnis eines Teilnehmers der Schlacht von Stalingrad, sondern auch ein Zeugnis der Gedanken meines Vaters, seiner Empfindungen und Gefühle. Sein zentraler Gedanke lautet: Die Ruinen des Krieges sind auch die Ruinen eines Lebens, in dem die Vergangenheit verloren gegangen ist. Erstaunliche Gedanken für einen Menschen, der nicht wusste, ob er am nächsten Tag noch am Leben sein würde. Die Ruine des Lebens, die mein Vater beschreibt, wurde in übertragenem Sinne zu unserem Haus. Meine Familie hatte keine Wahl, in einem anderen „Haus“ zu leben, und man sollte hierbleiben und alles erleben. Vaters Schwester Tante Riva oder Riwotschka, wie sie alle im Hause nannten, starb sehr früh. Bei der Flucht in den Ural erkrankte sie schwer und bekam Herzprobleme. Nach dem Krieg konnte ihre Herzkrankheit in Nowgorod-Sewersk nicht geheilt werden. Sie arbeitete als Buchhalterin in der Bezirkszeitung. Am ersten Januar 1957 starb sie in den Armen meiner Tante Stera im Krankenwagen. Sie war erst 34 Jahre alt. Im Jahr 1910, als mein Vater geboren wurde, wohnten in Nowgorod-Sewersk 4.386 Juden, im Jahr 1939 waren es 982 Juden, und 2025 sind es 30 Juden.
Der Friedhof
Die Tante arbeitete als Buchhalterin bei der Kreisverwaltung. Wenn sie von der Arbeit kam, war es noch hell und wir gingen oft zum Friedhof. Dort war ein grosser Teil der Familie beerdigt – Personen, die ich von Erzählungen kannte. Die Erinnerung an die Toten lebte natürlich auf Fotografien in unserem Haus weiter, aber ihren ständigen Wohnort hatten sie jetzt auf dem Friedhof. Wenn wir auf den Friedhof gingen, hielten uns Nachbarn auf der damaligen Karl-Marx-Strasse an. Abends sassen sie auf Bänken neben ihren Häusern oder hantierten in ihren Blumengärten, die neben dem Haus mit einem Ausgang zur Strasse angelegt waren. Die Tante tauschte mit ihnen Neuigkeiten aus und betrachtete die Blumen. Üppige Dahlien in verschiedenen Farben, die aromatischen Tabakblumen, Kamille, Pfingstrosen und Iris reckten ihre Köpfchen und schienen darauf zu warten, dass man sie schnitt. Das Gespräch der Tante endete immer mit einem Kompliment an die Besitzerin des Blumengartens und gewöhnlich erhielt sie eine Blume für den Friedhof als Geschenk. Alle Nachbarn wussten, wohin wir gingen – und wohin konnte man auch sonst abends gehen?
Der Weg zum jüdischen Friedhof führte durch einen herrlichen alten, schattigen Park. Im Park befanden sich ganz unterschiedliche Skulpturen. Ich erinnere mich an ein Mädchen mit einem Blumenkörbchen auf dem Kopf, das die Harmonie des Sozialismus ausstrahltе, sowie an eine Statue von Schwänen und einer Löwin. Die Löwin –Schrecken der Wüste – schaute stolz, aber ganz freundlich und arglos von der Höhe eines Sockels herab. Ich träumte immer davon, mich zu ihr zu setzen und sie zu streicheln, damit sie mir Beachtung schenkte und mir etwas von ihrer Kraft und Stärke abgab, dessen ungeachtet, dass ich klein und schwach war. Als einmal mein Vater kam und wir zusammen zum Friedhof gingen, wurde mein Traum Wirklichkeit. Mein Vater setzte mich hoch neben die Löwin und fotografierte mich. Diese Fotografie war lange mein ganzer Stolz und ein Symbol dessen, dass nichts im Leben unmöglich ist. Man muss danach streben, bisher unbezwingbare Gipfel zu erklimmen, und dann gelingt es. Wenn man es nicht selbst schaffen kann, so werden sich Menschen finden, die einen beraten und helfen, das Ziel zu erreichen!
Im Park war ein städtischer Tanzplatz, zu dem nach und nach, noch bis zum Eintritt der Dunkelheit, die Jugend der Stadt strebte. Weiters auf dem Weg befand sich ein Denkmal des berühmten Künstlers Uralow, dann kam der christliche Friedhof, wo Bekannte meiner Tante lagen, von denen sie erzählte. Wir mussten noch weiter über die staubige Uritzkij Strasse gehen. Dann zeigte sich rechts vom Weg eine kleine Pforte als Eingang zum jüdischen Friedhof. Wir gingen dorthin, als kämen wir nach Hause, und erreichten unsere Gräber. Meine Tante säuberte die Grabsteine, während ich umher spazierte und die Grabsteine betrachtete. In der Tiefe des Friedhofs waren mit Gras bewachsene Gräber, zu denen man schon nicht mehr vordringen konnte, doch wo es noch möglich war, zwängte ich mich durch das hohe Gras und las die Inschriften. Besonders erinnere ich mich an einen Gedenkstein für Abel Dolginow aus schwarzem Marmor. Er wurde 1919 von Banditen getötet. „Wie geschah das?“ frage ich meine Tante. „Dein Vater weiss das besser, er ist vier Jahre älter als ich“, antwortet sie. „Banditen haben den Menschen getötet, wir sind geflüchtet und wurden von einem Bauer im Dorf Scheptaki gerettet. Ich war 3 Jahre alt. Dein Vater wollte Erinnerungen schreiben...“
Ich sitze mit meiner Tante auf einer kleinen Bank am Friedhof. Sie sieht traurig aus und in ihren taubenblauen Augen schimmern Tränen. Sie erzählt mir, wie im Krankenwagen ihre geliebte Schwester Riwa in ihren Armen starb, es war am ersten Januar 1957 nach dem Neujahrsfest an ihrer Dienststelle. Wie sie mit ihr zu Ärzten gegangen sei und sich alle weigerten, ein krankes Herz zu behandeln. Es gab keine passenden Medikamente. Wie sie Geld sparten und Riwa in einen Kurort im Kaukasus schickten, damit sie dort geheilt würde, aber nichts habe geholfen. Es sei ein Jammer, weil Riwotschka ihr Leben nicht genug gelebt habe. Wir kehren nach Hause zurück. Wir gehen langsam, bleiben an Grabsteinen stehen und ich lese die Namen und Inschriften. Es sah so aus, als werde der Dahingegangene auf dem Friedhof für immer im Gedächtnis seiner Angehörigen bleiben. Offensichtlich ist das bei uns auch so, wenn ich sehe, wie meine Tante sich an die Verstorbenen in unserer Familie erinnert.
Nach der Beerdigung meiner Grossmutter stand für mich endgültig fest, dass der Friedhof wirklich, wie es auf Hebräisch heisst, „beit olam“ – das Haus der Ewigkeit ist. Der Friedhof wird auch „beit chaim“ – Haus des Lebens genannt. Und einen besonderen Unterschied zwischen dem Wohnort – ob dies auf der Karl-Marx-Strasse 12 oder auf dem Friedhof ist – gibt es nicht, es ändert sich nur die Anmeldung, auf dem Friedhof gilt sie für immer als die ewige Adresse. „Da ist Grossvaters Grabstein und rechts neben ihm liegen seine Freunde“, sagte Tante oft zu mir. „Es gibt ein Foto von ihnen, du hast es auf dem Regal gesehen. Dieser hier konnte sehr gut Hebräisch und las den Schriftsteller Schalom Alejchem (jüdischer Schriftsteller und Dramatiker, 1859–1916; Anm. B. Liebermann) in der hebräischen Übersetzung. Damals lasen alle Hebräisch, auch Dein Vater. Ich habe sie alle gesehen, wenn sie in den Friseurladen kamen.“
Ich erinnere mich an die Fotografie auf dem Regal: mein Grossvater, ganz jung, noch vor seiner Reise nach Amerika, und seine elegant gekleideten Freunde. Viele Jahre später lese ich die kalligraphische Beschriftung auf der Rückseite des Fotos: „1899, 23. Mai. Zur Erinnerung an eine unvergessliche Freundschaft.“ Dann ein Stempel mit Unterschrift: „Fotograf Sander. Nowgorod-Sewerskij Gouvernement Tschernigow. Negative werden nicht vernichtet.“
Daneben Stempel, die man durch ein Vergrösserungsglas oder einen Scan im Computer betrachten kann: auf dem einen Stempel drei Profile in einem Medaillon, auf dem anderen die Namen: Niepce, Daguerre, Talbot. Das sind die Namen von drei Erfindern, die die Anfänge der Fotografie entwickelt haben. Also wurde in Nowgorod-Sewersk nicht nur gut gestickt, sondern auch gut fotografiert. Fotografien und ihre Erfinder waren hier bereits 1899 bekannt und der Fotograf Sender nutzte erfolgreich diese Erfindungen, wobei er nicht vergass, gemäss allen Regeln der zivilisierten Gesellschaft bezüglich des Urheberrechts die Quelle anzugeben.
Und die Tante erzählt mir von den hier bestatteten Freunden meines Grossvaters und auch von anderen Menschen. Einige Leute kennt sie nicht und diese Ungerechtigkeit scheint mir eine Kränkung für die Verstorbenen zu sein. Dann lese ich ihre Namen auf den Grabsteinen und fange an, mit ihnen bekannt zu werden und mir ihr Leben auszudenken – was für Menschen waren das? Worüber haben sie nachgedacht, womit beschäftigten sie sich? Besonders schmerzlich ist es für die, die unter einem mit Unkraut bewachsenen Erdhügel liegen, sogar ohne Beschriftung wie: „für immer bleibst du in unseren Herzen“ oder „in Liebe von deiner Frau und deinen Kindern“. Aber wenn diese Menschen hier beerdigt sind, so bedeutet es, dass sie irgendwann geboren wurden, in Nowgorod-Sewersk gelebt haben und irgend jemand sie gekannt hat.
Viele Jahre später beginne ich Bücher zu schreiben. Mir scheint, dass das Motiv des Schreibens dasselbe ist wie auf dem Friedhof in meiner Kindheit. Es ist wie ein Kampf mit der Ungerechtigkeit des Vergessens: jenen ein zweites Leben zu geben, die schon nicht mehr sprechen können, und anderen zu ermöglichen, von sich zu erzählen. Während wir langsam vom Friedhof zurückkommen, beginnt es dunkel zu werden. Als wir den Park passieren, ist es unter den riesigen Bäumen bereits völlig finster. Auf dem beleuchteten Tanzplatz spielte Musik! Auf der Bank zu sitzen und zu sehen, wie die jungen Leute in den Park eilen, das war eine Sache, eine andere jedoch, hier zu sein, im Zentrum des Lebens!
Ich klettere auf die Plattform und lehne meine Stirn gegen die Gitterstäbe, die die Bühne begrenzen, und beobachte, was vor sich geht. Die Jugendlichen stehen in Gruppen vor der Tanzfläche und vor meiner Nase drehen sich die Paare. Das Leben ist in vollem Gange, die Musik wechselt – bald fröhlich, bald melancholisch, die Paare wechseln auch, kommen sie auf mich zu, bald verschwinden sie. Ich versuche mich in dieser Dynamik zurechtzufinden, zumindest zu bemerken, wer mit wem befreundet ist und wer mit wem tanzt, wer welches Kleid trägt, aber im Gegensatz zum Friedhof kann ich mich hier nicht konzentrieren.
Ausserdem fasziniert die Musik mich eigenartigerweise. Je länger ich die Töne des Akkordeons höre, desto stärker fühle ich den Boden unter meinen Füssen beben – die Musik allein scheint mir die einzige wunderbare Realität zu sein. Durch die Musik beginnt die Realität in ihrer Bedeutungslosigkeit zu verschwimmen. Meine Tante wird herzlichst begrüsst, man fragt sie nach ihrer Gesundheit, sie spricht mit allen, kennt alle. In der Dunkelheit sind ihre traurigen taubenblauen Augen und Tränen nicht zu sehen.
Die Stadt
Der jüdische Friedhof und unser Haus auf der Karl-Marx-Strasse 12, der schattige Park, Tänze und Musik, an was erinnere ich mich noch aus meiner Kindheit in Nowgorod-Sewersk?
Natürlich an die Stadt selbst auf den malerischen Hügeln und Schluchten an dem Fluss Desna! Manchmal kamen auch andere Verwandte zu uns auf Besuch. Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, wie die drei kleinen Zimmerchen mitunter acht Gäste beherbergen konnten. Und jeder bekam einen Teller mit warmem Borschtsch, den meine Grossmutter kochte, und einen Schlafplatz! Wir machten oft einen Spaziergang zum Fluss Desna, bei gutem Wetter badeten wir. Über gewundene Strässchen ging eine grosse Gesellschaft abwärts zum Wasser, wir Kinder sprangen vor den Erwachsenen und konnten nicht abwarten, bis endlich die Stadt auf den Hügeln hinter uns lag und danach ein Sandweg auftauchte, der zum Strand führte. Dahinter breitete sich die stille, ruhige, spiegelnde Wasseroberfläche der Desna aus, die mit Kühle, mit unbekannten Tiefen und mit geheimen Windungen ruft.
In der Desna habe ich schwimmen gelernt: ich sprang in hohem Bogen ins Wasser und schrie – Tante, schau was ich kann! Meine Tante ging seitlich von mir am Ufer entlang, beobachtete skeptisch mein Hundepaddeln und sah jedes Mal nach dem Rettungsschwimmer-Team. Sie sassen in einem Turm und brüllten immer wieder ins Megaphon wegen unvorsichtiger Schwimmer, die weit entfernt wie Bojen aus dem Wasser ragten. Wenn ich endlich aus dem Wasser herausgezogen wurde, lief ich mit den anderen Kindern bald zu den Ziegen, die in der Nähe weideten, um sie zu streicheln, bald zu den Gänsen, um sie zu jagen. Und die Erwachsenen sassen auf der Wiese in der Nähe eines Heuschobers und unterhielten sich.
Vom Strand blickte ich nach oben zum Ufer, zum Klosterhügel. Auf diesem waren deutliche Pfade zu erkennen, die zur Höhe führten, wo sich hinter einer weissen Mauer das Kloster und die Kirche zum Himmel erhoben. Hin und wieder stiegen wir vom Strand aus auf den Klosterhügel hinauf. Das war bedeutend schwerer, als nach unten zum Fluss zu laufen, wir mussten oft Halt machen. Der Pfad war steil, machte viele Windungen und von jeder Biegung bot sich ein neuer Blick auf den Fluss. Ich wunderte mich immer, wie weit entfernt der Fluss bei jeder Windung erschien und hinter ihm zeigte sich immer mehr der Raum in der Ferne. Vom Klosterhügel aus wurden die vom Hochwasser schon seit dem Frühling überschwemmten Wiesen des linken Ufers und die von Gärten umrahmten Hügel der Stadt sichtbar. Durch sie hindurch drängten sich die steinigen malerischen Strässchen der Stadt, durch die wir heute Morgen gegangen waren. Plötzlich verschwand der Pfad auf der Kuppe des Hügels und es begannen die gepflegten Wege des Erholungsheims, ein Park und dann ein breiter Weg. Der Strandspass war zu Ende und die Stadt breitete sich aus. Ein letzter Blick über die Schulter…

Alexander Agranowskij (Mitte) mit Freunden.
Auf dem Klosterhügel unter einer mächtigen Eiche war der Lieblingsplatz meines Vaters. Wie er sagte, ging er hier mit sich zu Rate, wenn er eine wichtige Entscheidung in seinem Leben treffen musste. Nach dem Abschluss des Gymnasiums nahm er eine gewisse Zeitlang an der Komsomolzen-Arbeit teil. Zu jener Zeit war diese Arbeit populär, brachte ein kleines, aber regelmässiges Entgelt ein und ermöglichte einen gewissen Wohlstand. Aber offensichtlich kam mein Vater mit der Komsomolzen-Arbeit nicht zurecht. Wie mein Vater erzählte, ist er drei Tage unter der Eiche gesessen und hat über sein Schicksal nachgedacht. Letztendlich stellte er seine Komsomolzen-Arbeit ein, meldete sich an der Universität in Charkow an und wurde aufgenommen. Es zeigte sich, dass das Gymnasium in Nowgorod-Sewersk ein hohes Bildungsniveau hatte. Seine hochgebildeten Lehrer, Liberale, noch aus der Vorrevolutionszeit, vermittelten meinem Vater die Fähigkeit, gegen den Mainstream zu sein, selbständig zu denken und unter allen Umständen unabhängig zu sein. Er bewahrte diese positiven Eigenschaften sogar in der Situation der allgemeinen Massenhysterie und Zwangsarbeit damals in der Sowjetunion, als es notwendig war, jemand zu sein, der man aufgrund seines Wesens und Erziehung nicht sein konnte. Die Tatsache, dass er kein Komsomolze war, bedeutete für ihn, dass er kein Stipendium an der Universität bekommen konnte und in äusserste Armut zu leben musste. Um irgendwie über die Runden zu kommen und in Charkow zu leben, musste mein Vater nachts auf dem Bahnhof Güterzüge entladen.
Auf dem Territorium des Erlöser-Verklärungsklosters auf dem Hügel war eine Kathedrale mit weissen Säulen. Der Architekt Giacomo Quarengi, sagte mir mein Vater, war italienischer Herkunft. Das Werk Quarenghis in Nowgorod-Sewersk unterscheidet sich ganz wesentlich von dem Häuschen an der Karl-Marx-Strasse 12. Die Kathedrale sah aus wie ein Palast eines Märchenlandes. Doch der Palast passte sich harmonisch in das Stadtbild ein, er war kein Fremdkörper, sondern schien einfach eine Notwendigkeit auf dem hohen Ufer der Desna zu sein. Wahrscheinlich lag darin auch die Meisterschaft des Architekten: das Unmögliche auf natürlichem Wege möglich zu machen. Später habe ich mehrere Male Italien besucht und habe dort alle möglichen Paläste gesehen. In jedem war Giacomo Quarenghi zu erkennen. Zu jener Zeit war die Kathedrale in Nowgorod-Sewersk schon ziemlich verfallen, aber das verlieh ihr einen besonderen Reiz. Man nennt es shabby look – eine Verbindung von Alter und Verfall (Schäbigkeit), was zu einem alltäglichen Begriff einer Modemarke geworden ist.
Auf dem Territorium des Klosters befand sich damals ein Altenheim. Die Alten spazierten durch den überwucherten Park, sahen ungepflegt aus, benahmen sich seltsam, schrien manchmal und schlugen sich. Mir taten sie leid und ich fragte die Erwachsenen, warum ihre Kinder sie nicht zu sich nach Hause nähmen. Dass es alte Menschen gibt, die keine Kinder haben, wunderte mich sehr. Einmal gingen wir rechts von der Kathedrale über eine mir unbekannte Strasse, die zur Desna führte. Dort, wo die Stadt endete, zeigte mir mein Vater einen bewachsenen Hügel. „Und hier war der alte jüdische Friedhof. Hier sind mein Grossvater und meine Grossmutter beerdigt.“ Ich riss die Augen weit auf, um wenigstens ein paar Reste von Gräbern zu sehen, und tatsächlich erblickte ich Reste von Steinen, aber durch das hohe Grass und die Büsche konnte man nicht zu ihnen gelangen. Es war eher so, dass das Gras die Steine verschlang und man das auf keine Weise beeinflussen konnte. Wahrscheinlich, damit die hier beerdigten Menschen endgültig in die Erde sanken, alles Irdische hinter sich liessen, sogar die Inschriften „für immer in unseren Herzen“, „für ewig in meiner Erinnerung“ – es gehört ihnen nicht mehr. Ausserdem sind jene, die „für immer in unseren Herzen“ schrieben, wahrscheinlich auch gestorben. Es tut doch irgendwie weh, wenn meine Tante sich an alles erinnert und auf dem Friedhof weint. Was bedeutet es, sich ewig zu erinnern, wenn Du selbst irgendwann sterben wirst? Von den Wörtern „Erinnern“ und „Herzen“ werden nicht einmal die Steine bleiben. Nur Gras, Himmel, Wolken, im Frühling überschwemmte Wiesen! Es sah so aus, als hätten die Gräber in der Erde Wurzeln geschlagen. Seither bedeutet der Ausdruck „Wurzeln schlagen“ für mich, dass die Grabsteine versinken und sich im Gras und im Boden auflösen.
Fürst Igor
In Nowgorod-Sewersk lebte in alten Zeiten Fürst Igor Swjatoslawowitsch. Von seinem Feldzug gegen die Kumanen im Jahre 1185 zeugt ein Literaturdenkmal der alten Ostslawen: „Das Lied vom Heerzug Igors“, das sogenannte Igorlied. Dieses bekannte Epos kennt nichts seinesgleichen, was seine Bedeutung und Wirkung auf die slawische Geschichte und Kultur betrifft. Historisch ist über die Entstehung des Igorliedes wenig bekannt. Aber da der Fürst Igor in Nowgorod-Sewersk gelebt hat, kann angenommen werden, dass die Dichtung hier entstanden ist. Die einmaligen Kulissen der Stadt wurden mehrmals zur Schaffung von Kunstwerken genutzt. In meiner Kindheit hatte ich das Glück, bei den Aufnahmen zu dem Film „Fürst Igor“ zuschauen, und das war ein unvergessliches Erlebnis für mich.
Unweit des überwachsenen alten jüdischen Friedhofs standen auf dem rechts von ihm gelegenen Hügel weisse Zelte, dort ging es oft hoch her: Menschen in alten langen Gewändern wie auf den Bildern in Büchern schlossen sich in Gruppen zusammen und stellten etwas dar. „Was tun sie?“ frage ich meine Tante bei einem Spaziergang. „Sie machen Aufnahmen für den Film „Fürst Igor“.“ – „Wer ist das?“ – „Ein Fürst. Er lebte in Nowgorod-Sewersk. Er unternahm einen Feldzug gegen die Kumanen und wurde gefangengenommen. Das war vor ungefähr tausend Jahren. Er flüchtete aus der Gefangenschaft. Wie du siehst, kehrte er zurück. Da, da geht er in dem weissen Kaftan. Und hinter ihm steht seine Gemahlin – Jaroslawna. Sie hat die ganze Zeit auf ihn gewartet.“
Aus der Ferne sah ich tatsächlich den Fürsten Igor, der aus der Gefangenschaft entkommen und nach Nowgorod-Sewersk zurückgekehrt war. Nach tausend Jahren. Wohin sollte er sonst zurückkehren? Das ist der einzige Ort auf Erden, an den er zurückkehren soll. Der Fürst war nicht sehr gealtert, denn er war rüstig, ging in einem langen, hellen Gewand einher und befehligte augenscheinlich alle. Ich sah auch Jaroslawna. Mal bewegte sie sich, mal stand sie in der Menge in ihrem weissen, langen bestickten Kleid, dicke Zöpfe auf der Brust und hob oft die Arme, bald zum Himmel, bald an den Fürsten gerichtet. „Aber was tut sie?“ – „Sie singt ihr Lied.“– „Für wen?“ – „Für den Wind, die Vögel und die Sonne.“ – „Warum?“ – „Damit er zurückkehrt.“
Unverständlich – wozu ein Lied über die Rückkehr singen, wenn Igor da war –, aber es wurde klar, dass Singen die Situation verbessern kann. Gleichzeitig musste für den Fürsten und die Vögel gesungen werden: dann wird es allen gut gehen. Einer von ihnen hört zu.
Die Textblätter hielt die Fürstin in ihren ausgestreckten Händen wie Tauben, die sich allmählich sammeln, um in den Himmel zu flattern. Diese unvergessliche Geste, die einst vor tausend Jahren geschah, kehrt in diesem Augenblick so leicht zurück, als hätte es diese tausend Jahre nicht gegeben, und sie beeindruckte mich stark. Ich ging in die Bibliothek und entlehnte Zeitschriften, die über die Fürstin berichteten. Es gab viele Fotografien von ihr und ich erfuhr, dass sie Nelli Pschenaja hiess. Sie war eine erstaunliche Schönheit – lange blonde Haare, blaue Augen. Nicht taubenblaue, wie meine Tante hatte, sondern einfach blaue. „Viele Bewohner der Stadt fanden einen Job als Statisten“, sagte meine Tante einmal. „Alle sprechen nur über diesen Film.“ Es war ganz natürlich, in der Stadt, wo diese Geschichte geschah, Filmaufnahmen zu machen! Und womit sollten sich die Bewohner hier beschäftigen! Alle übrigen Beschäftigungen, wie zum Beispiel Schlange stehen für Gurken, waren langweilig! An den Filmaufnahmen teilzunehmen, schien mir damals die nützlichste, interessanteste und sinnvollste Beschäftigung für alle Einwohner von Nowgorod-Sewersk.
Vom Hügel aus, wo der alte jüdische Friedhof war, beobachteten wir oft die Filmaufnahmen. Das war ausserordentlich interessant – das Gesprochene konnten wir nicht hören, aber aus den Bewegungen der Menschen wurde verständlich, wovon die Rede war, und die Handlung liess sich so erschliessen. Oft wurden die Szenen wiederholt und das war noch spannender – dann war es möglich, den Darstellern weitere, neue Worte zu geben oder zu verstehen versuchen, was ihnen nicht so gut gelungen war. Später war ich mit meiner Tante auf dem Burghügel, wo Fürst Igor einst gewohnt hatte und wo seine Siedlung gewesen war. Das Brachland mit dem grünen, hohen Gras beeindruckte mich viel weniger als die Filmaufnahmen. Einige Jahre später erblickte ich auch eine Statue der Fürstin auf dem Klosterhügel, die zu Ehren der tausendjährigen Stadtgründung errichtet worden war. Diese Statue war mächtig und kalt, im Stil des monumentalen Sozialismus und hatte nur eine entfernte Beziehung zur Realität und zur lebhaften, wunderschönen Jaroslawna, die während der Filmaufnahmen über die Hügel der Desna geschlendert war.
Die phantastische Realität des Kinos war realer als die Geschichte selbst und als dieses Denkmal. Im Kino, dachte ich, wurde die Geschichte so gezeigt, wie sie wirklich war:
Da ist er, der kühne Fürst Igor, wie er den Feldzug gegen die Kumanen unternimmt, in Gefangenschaft gerät, aber nichts dergleichen, er flüchtete! Der zurückkehrende Fürst stand eindeutig ausserhalb der Zeit, tausend Jahre spielten hier keine Rolle. Da erhebt die Fürstin, seine treue Frau, die weissen Arme zum Himmel. Sie ist so aussergewöhnlich, dass alle sie anhören – sowohl der Fluss Desna, als auch das Kloster, die verlassenen steilen Hänge der Desna, der Himmel und die Vögel. Und all das hier, in Nowgorod-Sewersk! Sie vermag zu reden, zu singen und weiss, was sie sagen muss. Und das ist das einzig Richtige, was gesagt werden muss. Und das Volk von Nowgorod-Sewersk geht und führt die Pferde neben Igor und Jaroslawna hin und her und bestätigt so die Echtheit dieser Geschichte!
So wurde ich an die Kunst herangeführt.
Später, als ich die Erinnerungen des Pädagogen K. Uschinskij aus dem 19. Jahrhundert las, begriff ich, dass nicht ich allein mich dem Zauber der hiesigen Natur und den Fantasien verschiedener Geschichten hingab. Wer kann das besser ausdrücken als ein Klassiker, der in Nowgorod-Sewersk aufgewachsen ist:
„Nennt mich einen Barbaren, was die Pädagogik betrifft, aber ich gewann aus den Erfahrungen meines Lebens die tiefe Überzeugung, dass eine wunderbare Landschaft einen so gewaltigen erzieherischen Einfluss auf die Entwicklung einer jungen Seele hat, dass der Einfluss eines Pädagogen schwer damit konkurrieren kann… Aber nachdem ich von dem wohltuenden Einfluss des Lebens mit der Natur auf die Erziehung der Kinder gesprochen habe, will ich nicht den schlechten Einfluss verschweigen, den ein ausschliesslich derartiges Leben auf das Kind ausübt. Eine zu grosse Zurückgezogenheit, in der ich einen grossen Teil meiner Zeit zu Hause verbrachte, lange anderthalbstündige Spaziergänge über die öden Steilhänge der Desna zum Gymnasium und zurück, verbunden mit einigen Dutzend Reisen und Romanen, die ich in der Bibliothek meines Vaters, die uns zum freien Gebrauch überlassen wurde, las, entwickelten in mir zu früh und zu stark einen Hang zum Träumen. In meinem Kopf entstand nach und nach eine ganze Welt halb entlehnter, halb origineller Bilder, die sich sehr passend mit der mich umgebenden Einsamkeit und den wunderbaren Landschaften der Desna und unseres Gartens verbanden, aber die nichts mit dem Leben gemein hatten, dem ich im Gymnasium begegnete, im Kreise der Lehrer und Mitschüler und in den Häusern einiger Bekannter, in denen ich selten erschien. In meinem Kopf entspannen sich über ganze Monate und sogar Jahre lange und verwickelte fantastische Geschichten und ganz wilde Romane, in denen natürlich ich der Held war. Es versteht sich von selbst, dass der grösste Teil dieser Fantasien kriegerischen Inhalts war, aber manchmal nahmen sie einen seltsamen asketischen Charakter an. Kriegslegenden über Nowgorod Sewersk, seine Belagerung durch den Angreifer und seinen Schutz durch Basmanow, Teilnahme am Schwedischen Krieg, viele Legenden über die wagemutigen Kosaken, deutliche Überreste von Befestigungsanlagen – all das, vermischt mit Walter Scotts Geschichte über Napoleon und mit vielen Kriegsromanen, diente mir zur Schaffung einer langen, unendlichen Geschichte, mit der ich einige Jahre meinen langen Weg verkürzte. Die Gegend wurde genau dort übernommen und von meiner Fantasie bearbeitet. Die halbverfallenen Wälle entstanden wieder, hier und dort erhoben sich Zinnen und hohe Türme und das stille Kloster, das die Umgebung beherrschte, verwandelte sich in eine Zitadelle.“ 3
Denkmäler
Von den Denkmälern in Nowgorod-Sewersk aus jener Zeit gefiel mir der Triumphbogen auf der damaligen Karl-Marx-Strasse, wo wir wohnten, am besten. Dieses Denkmal wurde zu Ehren des Besuchs der Kaiserin Ekatarina II. im Jahre 1787 erbaut. Es hiess, sie sei von dem feierlichen Empfang durch die Stadtbewohner überrascht gewesen und habe aus Dankbarkeit Mittel für den Bau der neuen Verkündigungskathedrale gespendet. Auf Pfeilern zwischen den Säulen waren die Wappen der Städte angebracht, die zum Verbund der damaligen Statthalterschaft von Nowgorod-Sewersk gehörten, und das Wappen der Stadt Nowgorod-Sewersk selbst. Die Stadtwappen auf dem Bogen in fröhlichem Weiss und Gelb sahen von weitem wie eingefasste Edelsteine aus. Der Bogen verlieh unserer Strasse einen vornehmen und anheimelnden Anblick und es schien, als gingen die Leute nicht einfach durch den Bogen hindurch, sondern flanierten mit wichtiger Miene wie die Kaiserin selbst.
Das Denkmal für Bohdan Chmelnitzkyj, Kosaken-Hetman (Heerführer, Anm.d.Red.), erschreckte mich. Ich besuchte es mit meiner Tante im Jahre 1961 nach seiner Enthüllung. In Nowgorod-Sewersk stand der Hetman sehr hoch auf einem Sockel. Er trug weite Hosen türkischer Art, die in die Stiefel gesteckt waren, und auf dem Kopf so etwas wie einen Turban. Mit dem rechten Bein schritt er nach vorne aus, die Hand mit einer Keule zum Schlage erhoben. Ich wollte mich sogar ein wenig bücken, um dem Fallen der schweren Keule auf meinen Kopf auszuweichen. Ich dachte, wie gut, dass er irgendwo da oben steht und er solch kleine Leute, wie wir es sind, nicht erreichen kann. „Und was hat er getan?“ frage ich. „Er leitete einen Aufstand gegen Polen an und tötete viele Polen und Juden“, sagte mir mein Vater. „Aber warum wurde ihm dann ein Denkmal aufgestellt?“ – „Weil darüber nicht gesprochen wird. Die Hauptsache – er vereinigte damals die Ukraine mit Russland. Man denkt, das gut war.“ – „Aber was war an Polen schlecht?“ – „Dem einen ging es gut, aber einem anderen schlecht. Wie immer.“
Diese ausweichenden Erklärungen beantworteten meine Frage natürlich nicht. Die Frage besteht bis heute. Ich wunderte mich, dass die Leute unter dem Denkmal umhergingen und niemand an die getöteten Juden und Polen dachte. Und warum einem solchen Menschen überhaupt ein Denkmal errichten? Damit alle sahen, wie schlecht er war? Und überhaupt, von solchen Menschen muss man sich fernhalten! Meine kindlichen Verdächtigungen bezüglich Bogdan Chmelnitzkyj haben sich voll und ganz bestätigt. Das erste Gefühl, das zu Vorsicht mahnte, und die intuitive Furcht haben mich damals nicht getäuscht.
Später erfuhr ich von einer der „Legenden der guten Kosaken“. Chmelnyzkyj war der Anführer des 1648 begonnenen Aufstandes der orthodoxen Kosaken und Bauern gegen den katholischen Adel im damaligen Polen-Litauen und gegen Juden, die beim polnischen Adel gedient haben. Er ist bis heute eine umstrittene Persönlichkeit der Geschichte: eine positive in der russischen, eine negative in der polnischen und jüdischen Geschichte und eine ambivalente in der heutigen Ukraine. Nach Chmelnyzkyjs Vorrücken wurden Kriegsgebiete gemäss dem Frieden von Perejaslaw 1654 an Russland angeschlossen. Es gibt keine genauen Opferzahlen, aber die Nachforschungen weisen darauf hin, dass als Folge des Aufstandes in der gesamten Region bis zu 50.000 Juden dem Tode zum Opfer fielen. Nowgorod-Sewersk ist in zeitgenössischen Quellen kaum separat ausgewiesen, da die Chronisten meist die Zerstörung ganzer Regionen zusammenfassten. Die Pogrome, die im Frühjahr 1648 begannen und mehrere Jahre andauerten, forderten das Leben hunderttausender Juden und zerstörten hunderte von Gemeinden und Siedlungen. Die Wut des Gemetzels und die ungezügelte Grausamkeit der Aufständischen sind jenseits jeder Vorstellung. Nur der Holocaust im 20 Jahrhundert durch die Nazis übertraf die Judenvernichtung in Polen vor dreihundert Jahren.
Nathan ben Moses Hannover, ein Zeitzeuge, schildert Chmelnitzkyj als gnadenlosen Mörder. Hannover lebte eine Zeitlang in Zaslav, Wolhynien, Ukraine. Als diese Stadt von den Kosaken angegriffen wurde, floh er nach Westen. Zunächst ging er nach Prag, dann nach Venedig, wo er die Kabbala studierte. Später wurde er als Rabbiner von Jassy in Moldau tätig. Hannover ist vor allem für sein Werk „Yewen Meẓulah“ (Venedig, 1653) bekannt, eine umfassende Geschichte des Chmelnitzkyj-Aufstandes aus jüdischer Perspektive. Jedes Mal, wenn Chmelnitzkyj erwähnt wird, fügt er den Satz hinzu: „Möge sein Name ausgelöscht werden.“ 4
Viele Juden wurden zwangsweise getauft, viele gerieten in Gefangenschaft und ein grosser Teil von ihnen wurde auf Sklavenmärkten in Istanbul bald nach dem Aufstand von Chmelnitzkyj verkauft. Die Pogrome des Bogdan Chmelnitzkyj blieben lange im kollektiven Gedächtnis der Juden. Nicht nur in Gebeten, sondern auch in Kunstwerken. Ich führe hier eines der Beispiele an und verharre bei diesem Thema, weil es dem zeitgenössischen Leser wenig bekannt ist. Dabei ist es jedoch wichtig für das Verständnis der Geschichte und jener Erscheinung, wie man mit diesem Geschehen manipulieren und die öffentliche Meinung beeinflussen kann. Bogdan Chmelnitzkyj – ein Mörder? Zur Zeit meiner Kindheit war im russischsprachigen Raum diese Behauptung unerhört. Chmelnitzkyj wie auch viele andere „Helden“ waren unangreifbar und standen fest auf ihren Sockeln. Jetzt bekommt die Aureole ihrer Heiligkeit und Unangreifbarkeit ein paar Risse. Wie mir scheint, ist der Absolutismus der Meinungen und Kenntnisse nicht mehr dominant und wird nach und nach von dem in einer demokratischen Gemeinschaft üblichen Pluralismus abgelöst.
Aber kehren wir zur Geschichte zurück. So unternahm schon im Jahre 1912 Salomon An-ski
(Solomon Rappoport), Schriftsteller und Ethnograph, eine folkloristische Expedition von St. Petersburg nach Wolhynien und Podilija. Die gesammelten Werke jüdischer Volkskunst verwendete er später in seinem berühmten Schauspiel „Dibbuk“. Nach den Motiven dieses Dramas wurde 1937 in Warschau ein berühmter Film auf Jiddisch geschaffen, einer Sprache, die damals der grösste Teil der jüdischen Bevölkerung verstand. Der erhaltene Film stellt ein einzigartiges Zeugnis der damals noch lebendigen jüdischen Kultur dar, angefangen bei den Volkserzählungen bis zur Klezmer-Musik. Die Szenen, in denen das Orchester diese Musik bei einer Hochzeit spielt, sind ein unschätzbares Beispiel für die Erforschung jüdischer Volksmusik und zeitgenössischer Interpreten.
Im Schauspiel und im Film taucht das Thema der Opfer des Pogroms „Chameljuka“ auf – so heisst Chmelnitzij auf Jiddisch. Zugrunde liegt die von An-ski geschriebene Geschichte über einen Bräutigam und eine Braut, die von Pogrom-Tätern nahe der Synagoge getötet wurden, als sie zur Trauung gingen. Dort wurden sie auch begraben. In den Volkserzählungen, die von An-ski aufgeschrieben wurden, müssen Neuvermählte sieben Mal um ihr Grab gehen, um Schutz bitten und beim Grab tanzen, um die Getöteten zu erfreuen, deren Hochzeit nicht zustande kam. Im Stück von An-ski und im Film finden die Schlüsselszenen bei diesem Grab statt. Zu Beginn des zweiten Aktes des Schauspiels unterhält sich ein Hochzeitsgast mit den Bewohnern des Ortes:
„Gast (betrachtet mit den Händen auf den Gürtel gelegt die Synagoge): „Ihr habt eine gute Synagoge, sie ist gross und schön. Der Geist G'ttes ruht auf ihr. Sie ist offensichtlich sehr alt.“ Der erste Alte: „Sie ist sehr alt. Die Alten sagen, dass ihre Grossväter sich nicht erinnern konnten, wann sie gebaut worden ist.“ Der Gast (er hat das Grab bemerkt) „Aber was ist das? (tritt heran und liest die Inschrift) „Hier sind begraben Bräutigam und Braut, unschuldig ermordet, die durch ihren Tod G'tt verherrlichen“. Der erste Alte: „Das ist ein altes Grab. Als Chameljuk, G'tt möge uns beschützen, genau an dem Ort einfiel und viele Juden ermordete, tötete er einen Bräutigam und eine Braut, die gerade in diesem Augenblick zur Trauung geführt wurden. Beide wurden wie Heilige an eben dem Ort beigesetzt, wo sie getraut wurden, in einem Grab. Wir nennen es „heiliges Grab“. Zweiter Alter (etwas geheimnisvoll): „Und jetzt hört der Rabbi manchmal, wenn er junge Leute traut, stöhnende Laute. Bei uns hat sich vor langen Zeiten eine Gewohnheit entwickelt, dass nach der Trauung alle um das Grab herumtanzen und den dort beerdigten Bräutigam und die Braut erfreuen.“ 5
Am Ende des Dramas, als der böse Geist – Dibbuk – von der Heldin Leya Besitz ergreift, läuft sie zum Grab und bittet um Schutz, ihr erscheint „Chameljuk“.
Die jüdische Gemeinde Nowgorod-Sewersk, die erst seit dem späten 16. Jahrhundert urkundlich erwähnt war, wurde also von den Kosaken nahezu vollständig ausgelöscht. Folgen: Die jüdische Gemeinschaft in der Stadt erholte sich von diesem Schlag erst über ein Jahrhundert später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts. In der jüdischen Enzyklopädie Brockhaus-Efron (1908–1913) steht über Nowgorod-Sewersk folgendes:
„Juden tauchen in Nowgorod-S. Ende des 16. Jahrhunderts auf. Sie hatten damals ihren Ältesten, was auf die Gemeinde-Organisation hinweist, und auch eine Synagoge. In einem Schreiben des Königs Sigismund III. von 1598 an die Bürger von Nowgorod-S. heisst es, dass die Juden nur auf dem Schulhof Fleisch verkaufen durften. In diesem Dokument wurde auch die Verpflichtung der Juden zur Instandhaltung der Brücken und von anderem festgesetzt. Im Jahre 1648 erlitten die Juden von Nowgorod-S. Metzeleien seitens des Chmelnitzkyj. Heute ist sie eine Kreisstadt der Provinz Tschernogowskij. Nach den Steuerlisten des Jahres 1797 gab es in Nowgorod-S. (zugehörig zum Gouvernement Nowgorod-Sewersk) christliche Kaufleute – 48; jüdische Kaufleute – 1, christliche Bürger – 1084; jüdische Bürger – 9. Nach einer Revision im Jahre 1847 gab es im Kreis eine „jüdische Gemeinde“ mit 1336 Seelen... Nach der Volkszählung des Jahres 1897 waren in Nowgorod-S.: 9182 Bewohner, von ihnen 2956 Juden.“
Also gab es in Nowgorod-Sewersk laut Sigismund III. eine jüdische Gemeinschaft und die Stadt erhielt das Magdeburger Recht. Wenn die Juden koscheres Fleisch auf ihrem Schulhof verkauften, so bedeutet das, es gab Käufer, also eine Gemeinde. Traditionsgemäss hatte selbst die kleinste Gemeinde ihre Religionsschule, ihre Synagoge, ihren Friedhof und ihre Mikwe (Tauchbad für rituelle Reinigung). Nach dem Blutbad Bogdan Chmelnizkis konnte sich das jüdische Leben lange nicht wieder erholen. Aber Ende des 19. Jahrhunderts beträgt der jüdische Anteil schon ein Drittel der allgemeinen Bevölkerung von Nowgorod-Sewersk.
Nach der Teilung des polnisch-litauischen Commonwealth 1793 erschienen im Gouvernement Tschernigowskij wieder Juden. Ein Erlass Ekaterinas II. vom 13. Juni 1794 erlaubte den Aufenthalt von Juden in einigen Teilen des Reiches (unter ihnen im Tschernigov-Kreis, in Nowgorod-Sewerski-Kreis und in anderen westlichen Bereichen). Aber sie waren verpflichtet, in den ihnen erlaubten Territorien zu leben, den sogenannten Ansiedlungsrayonen, was ihnen nicht das Recht gab, sich frei im Reich zu bewegen und sich in den grossen Städten zu anzusiedeln. Den Juden war auch verboten, Land zu besitzen. Zum Besuch der Universitäten und Gymnasien war nur ein unbedeutender Prozentsatz der jüdischen Schüler zugelassen. Die Juden beschäftigten sich mit Kleinhandel, handwerklichen Tätigkeiten, lehrten ihre Kinder die Thora und achteten ihre Feiertage. So war es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als mit der Entwicklung der Industrie einige jüdische Unternehmer durch Handel reich wurden und Bewegungsfreiheit erlangten. 1910 gab es eine jüdische Privatschule, fünf Synagogen und zwei jüdische Friedhöfe. 1912 existierte eine jüdische Sparkasse. 1914 besassen Juden die einzige Apotheke, alle vier pharmazeutischen Lager, beide Bäckereien, alle drei Hotels, das einzige Fotostudio, eine Uhrmacherei sowie 35 Geschäfte und Läden (darunter alle zehn Lebensmittelgeschäfte, alle vier Textilgeschäfte und das einzige Juweliergeschäft). Auch die beiden Holzhändler der Stadt waren Juden. Mit der Errichtung der Sowjetmacht wurde das jüdische Leben staatlich reglementiert. Die letzte Synagoge in der Stadt wurde in den 1930er Jahren geschlossen. Der letzte Rabbiner von 1924 bis 1935 war Zelman Abramovich Khurgin.
Einen Beweis für die Gegenwart von Juden in 19. Jahrhundert gibt uns auch der berühmte Pädagoge K. Uschinskyj in der Beschreibung seiner Jahre als Gymnasiast:
„Für das arme Städtchen, in dem zu jener Zeit bis zu 200 kleine Häuser gezählt werden konnten, die grösstenteils jüdische jämmerliche Hütten waren, stellte die Besucherzahl des Gymnasiums mit 400 Seelen die Quelle grössten Nutzens dar.“ 6
Was „die jüdischen jämmerlichen Hütten“ betrifft, so zeigen sich hier die Verachtung selbst der grössten russischen Liberalen für Juden und die Unkenntnis ihrer Geschichte. Wusste Uschinskyj, der im Gymnasium griechische und römische Geschichte unterrichtete, dass in diesen Hütten Kenner der Thora wohnten, die die Jungen ab dem vierten Lebensjahr auf Hebräisch und Aramäisch, der Sprache von Jesus Christus, lasen? Wusste er, dass sie dort auch die Bücher der Propheten lasen, die etwa dreitausend Jahre alt sind? Wusste er, dass die römischen Barbaren, deren Philosophie er im Gymnasium lehrte, nicht nur Christus gekreuzigt hatten, sondern auch den Tempel ausraubten und niederbrannten, Jerusalem dem Erdboden gleichmachten und jüdische Gefangene den wilden Tieren im Kolosseum zum Frass vorwarfen? Dass sie sie zwangen, Gladiatoren zu werden? Dass die ihre Frauen als Sklavinnen verkauften? Wusste er, dass in diesen „jämmerlichen Hütten“ die Nachfahren derer wohnten, denen es nach einer zweitausendjährigen Wanderung durch die Welt und allen Erniedrigungen gelang, zu überleben? Ich denke, er wusste es nicht. Sonst hätte ihn seine christliche Weltsicht auf einen anderen Weg geführt – zumindest Neugier und Mitgefühl für die Nachkommen des Christus geweckt. Vielleicht hätte er die Tür irgendeiner jämmerlichen Hütte geöffnet.
In der Bezeichnung „jüdische jämmerliche Hütten“ liegt die typische Haltung der imperialen Grossmacht gegenüber der jüdischen Randbevölkerung. In diesem Ausdruck liegen halb verächtliche Duldung, Hochmut und Gleichgültigkeit. Keine der Reformen, die der Klassiker dem dortigen Bildungssystem anzubieten versuchte, um es humaner und zugänglicher zu machen, hatte eine Beziehung zu den Juden (ebensowenig wie zu den anderen sogenannten nationalen Minderheiten). Die erzwungene Russifizierung war der einzige Weg für die Integration der Juden, die im zaristischen Russland geblieben waren, und der einzige Weg, der ihnen die Möglichkeit gab, an den Segnungen der Zivilisation teilzunehmen. Trotzdem ist die Aussage Uschinskyjs nützlich für die Geschichte, weil er, indem er die jüdischen Hütten erwähnt, die Existenz einer jüdischen Bevölkerung in Nowgorod-Sewersk bestätigt. Wahrscheinlich lebten meine Vorfahren in einer dieser „Hütten“. Die Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zerstörten die traditionellen Grundpfeiler des jüdischen Lebens und aus dem Umbruch entstanden neue Formen und Perspektiven.
Mein Vater, Mark Agranowskij, geboren in Nowgorod-Sewersk im Jahre 1910, besuchte den Cheder – die religiöse Grundschule für die Jungen. Folgendes schreibt er in seinen Erinnerungen über das Lernen im Cheder:
„In meiner Kindheit wurde die Februarrevolution in keiner Weise wahrgenommen. Offensichtlich bezieht sich mein Eintritt in die religiöse Schule „Cheder“ auf diese Zeit. Seit dieser Zeit erinnere ich mich mehr oder weniger deutlich. Mein Lehrer hiess Schlojme-Chaim. Er wohnte auf der Tarelkina-Strasse (jetzt Krestjanskaja-Strasse) in einem kleinen Haus. Direkt am Anfang der Krestjanskaja-Strasse steht dieses Haus bis heute, jedoch bedeutend renoviert.
Das Haus bestand aus einem grossen Zimmer, dass durch einen Baumwollvorhang geteilt wurde. Hinter dem Vorhang wohnte die Tochter des Lehrers.
Der Lehrer selbst war schon sehr alt. Sein Lieblingsfrühstück war Tee, in den er Semmelbrösel eingeweichte.
Das Lernprogramm umfasste einige Teilbereiche. Zuerst machten wir uns natürlich mit dem Alphabet der hebräischen Sprache bekannt. Es ist verständlich, dass sich im Cheder Schüler mit unterschiedlichem Vorwissen befanden und jeder von ihnen las die Bereischit (bei Luther 1. Buch Mose) und begann mit der Stelle, wo er das letzte Mal aufgehört hatte. Deshalb herrschte in den Unterrichtsstunden im Zimmer ein ständiges Stimmengewirr. Die Texte wurden nicht kommentiert und alle verstanden sie im buchstäblichen Sinne und nahmen sie so auf. Gleichzeitig lernten die Schüler aus Gebetbüchern. Dadurch waren sie in der Lage, während der Gottesdienste in der Synagoge zu lesen und sogar zu verstehen.
Da ich mit sechs Jahren eingeschult wurde, blieb ich etwa zwei Jahre im Cheder und schaffte es, in dieser Zeit das Bereischit durchzulesen. Ungeachtet des etwas primitiven Unterrichts gelang es mir, das Lesen zu beherrschen und die hebräische Sprache zu verstehen, was mir in der Folgezeit half, die Belletristik auf Jiddisch selbständig zu lesen. Übrigens kann ich einen Brief lesen, aber selbst einen in dieser Sprache zu schreiben, bereitet mir grosse Schwierigkeiten, weil ich Jiddisch nirgends systematisch gelernt habe.
Der Unterricht im Cheder fand jeden Tag statt ausser am Sabbat – dem für die Juden heiligen Tag und Feiertag. Besonders quälend waren die Sommertage im Cheder, wenn die Hitze stand und ganze Scharen von Fliegen uns belästigten. Säumige Schüler wurden bestraft – knieten in der Ecke des Zimmers, manchmal auf Erbsen.“
Bereischit ist der erste Teil der Thora, des Pentateuch Mose. Studenten der Theologischen Akademien, die auch die heiligen Bücher der Juden studieren, können manchmal dieses Buch während des gesamten Studiums nicht bewältigen. Mein Vater war im Cheder nicht der Einzige – jedes jüdische Kind war verpflichtet, die Thora zu lesen und im Rahmen ihrer Fähigkeiten schafften sie es. Die Theorie der christlichen spirituellen Bildung war die Praxis des jüdischen Alltags. Danach wechselte mein Vater auf das Gymnasium in Nowgorod-Sewersk über, etwa 80 Jahre nachdem Uschinskij dort Schüler war. Von meinem Vater habe ich gehört, dass im Gymnasium ausgezeichnete Lehrer waren, die den Schülern gute Kenntnisse in allen Fächern vermittelten. Offensichtlich waren diese Lehrer noch nicht marxistisch-leninistisch beeinflusst, sie waren noch mehr anthroposophisch eingestellt. Mein Vater hielt sich bis an sein Lebensende frei von jeglicher Ideologie.
Die in Nowgorod-Sewersk am Wendepunkt der Zeit aufgewachsenen Juden hatten den Wechsel der Weltanschauungen erlebt. So waren die Juden in Nowgorod-Sewersk am Anfang des 20. Jahrhunderts Menschen, die ein reglementiertes religiöses Leben führten, Ivrit (laschon ha kodesch) beherrschten und sich in der Thora als auch in den säkularen Wissenschaften auskannten. Zu ihnen gehörte auch die Familie meines Vaters.
Die Musik
Die Musik spielte nicht nur zum Tanz. Im Hof unseres Hauses in der Karl-Marx-Strasse 12 gab es noch einige Häuser und in einem von ihnen wohnten Sara und Isaak Osmolowskij. Bei ihnen lebte ihre Enkelin Tanja, die Klavier spielte. Tanja war über fünf Jahre alt. Nach dem, was die Erwachsenen sagten, stellte sie das Ideal einer Schülerin dar: sie war gut in der Schule, war fleissig, ordentlich, zielbewusst und erfolgreich in allem. Sie beschäftigte sich mit Musik. In der Musikschule bekam Tanja eine Aufgabe für die Sommerferien und übte stundenlang musikalische Werke. Als ich zum ersten Mal ihr Spiel hörte, war ich erschüttert von seiner Schönheit und Wahrhaftigkeit.
Das war die Fortsetzung der musikalischen Eindrücke, die ich auf dem Tanzplatz im Park erhalten hatte, aber sie waren noch stärker und anziehender! Kaum erklangen die Töne des Klaviers im Hof – Tanja begann zu üben – als es mich unaufhebbar in das Haus der Osmolowskijs, näher an die Musik, zog! Die Haustür war immer geöffnet, ich stahl mich leise hinein und setzte mich hinter Tanjas Rücken. Ihre langen Zöpfe, die immer akkurat geflochten waren, wippten auf ihrem Rücken im Einklang mit den Bewegungen ihrer Finger. „Bisher gibt es noch nichts zu hören“, sagte sie kurz angebunden und liess sich zu meiner kleinen Nichtigkeit herab. „Das ist kein Konzert. Ich übe jetzt ein neues Stück.“ – „Es muss kein Konzert sei. Darf ich zuhören?“ – „Meinetwegen, aber störe mich nicht.“ – „Und was spielst du? Hast Du Dir das selber ausgedacht?“– „Das ist Bach!“ – „Wer ist das?“ Tanja dreht sich nicht einmal um und antwortete verächtlich: „Ein deutscher Komponist! Im Übrigen möchte ich Dich bitten stillzusitzen.“
Das stundenlange Sitzen hinter Tanjas Rücken endete mit einem Drama – ich hatte genug von ihrem verächtlichen Verhalten mir gegenüber – ich musste selbst Klavier spielen lernen! Ich wurde in der Musikschule angemeldet und die gesamte Familie sparte ein Jahr lang, um mir ein Klavier zu kaufen. Dafür musste auf andere in Aussicht genommene Anschaffungen verzichtet werden. Nach einem Jahr spielte ich bereits selbst, nur das, was mir zugänglich war. In der Stadtbibliothek von Nowgorod-Sewersk fand ich Noten ukrainischer Lieder und übte ein Lied, das mir sehr gefiel. Ich hatte es im Radio gehört. Darin waren die Worte: „Ich staune über den Himmel und denke.“ Das war das erste Lied, das ich sang und mich dabei auf dem Klavier begleitete. Mein erstes öffentliches Konzert fand im Haus der Osmolowskijs statt. Bald auf die Noten, bald auf die Finger schauend, hob ich die Nase in die Höhe und piepste mit meiner noch unzureichenden Stimme:
„Ich staune über den Himmel und denke:
Warum bin ich kein Falke, warum fliege ich nicht?
Warum hast du mir keine Flügel gegeben, Gott?
Ich würde die Erde verlassen und in den Himmel schweben!“
Meine Tante und meine Grossmutter, Tanja, Isaak, Sara und andere Nachbarn waren gekommen, um mich zu hören. Sie nickten – verständnisvoll und mitfühlend sowohl mit den Leiden des Dichters als auch mit meinen Anstrengungen, fremde Leiden auszudrücken. Und ich verging in der Sehnsucht nach einem fliegenden Vogel:
„Weit jenseits der Wolken, jenseits der Welt,
Suchen Sie nach Ihrem Schicksal,
Und sie werden die Sonne und die Sterne um einen Gefallen bitten
Und in ihrer Welt werde ich mich selbst entdecken.“
Es gab Augenblicke, in denen ich die Noten wegwerfen und irgendwohin laufen wollte, zum Beispiel in den Garten, um dort über meine Kraftlosigkeit und die Flut meiner Gefühle zu weinen. Aber ich wusste schon damals, dass das unmöglich war! Der Musik musste man treu bleiben – nicht umsonst hat jemand dieses Lied so schön erschaffen und sich die Worte ausgedacht. Zudem sind so grosse Künstler wie jene im Film „Fürst Igor“ stundenlang auf der Bühne gestanden oder auf der Anhöhe gegenüber dem alten jüdischen Friedhof, selbst bei schlechtem Wetter, bei Wind und Regen! Das Publikum verdient volle Achtung – die Menschen sind gekommen, sie nehmen sich die Zeit, sie haben mir Aufmerksamkeit geschenkt – sollen sie etwas Anständiges hören! Man darf nicht aufgeben!
So begann ich die Anfangsgründe der Musik zu lernen. Wenn man damit anfängt, ist abzubrechen schon nicht mehr möglich. Nach meinen vielfältigen musikalischen Ausbildungen und dem Studium habe ich bis zum heutigen Tag nicht aufgehört zu lernen.
Heute gilt mein Interesse der jüdischen Volksmusik, bekannt als Klezmer. Ich bin eine der Interpretinnen dieser Musik im Ensemble KolCole´, Köln. 7 Ukrainische Lieder liebe ich seit meiner Kindheit und singe sie mit Vergnügen. Der grösste Teil dieser Lieder ist erstaunlich stimmungsvoll, melodisch oder tanzbar. Wenn man die Sprache der Lieder nicht versteht, kann man tanzen.
In Nowgorod-Sewersk habe ich sicherlich meine ersten Erfahrungen mit der sogenannten darstellenden Kunst gemacht. Das war nicht nur der Gesang, sondern vieles andere, was die die Fähigkeit betrifft, sich mit der Kunst zu beschäftigen, was hilft, die Virtuosität der Kunst zu beherrschen. Als Kind sah ich das bei anderen und versuchte unwillkürlich, es nachzuahmen. In Nowgorod-Sewersk gab es etwas zu sehen, zu hören, zu lernen, zu fühlen und nachzuforschen. Zum Beispiel: Disziplin – bei jedem Wetter im Wind auf der Höhe des Ufers zu stehen und an den Aufnahmen des Films „ Fürst Igor“ teilzunehmen; fleissig und stur die Fugen von Bach zu lernen, bis die Finger selbst sie wiederzugeben begannen, als seien sie mit ihnen geboren; Die Schönheit der Natur, die ein Gefühl der Harmonie und Freiheit schenkte – auf den Höhen des Flussufers der Desna entsteht ganz natürlich das Gefühl, dass am Körper verborgene Flügel existieren, die sich bei Gelegenheit öffnen können; die Liebe der Menschen in meiner Umgebung, die an meine Begabung glaubten und mich geduldig ermutigten; die Verbundenheit mit der Erde, auf der meine Vorfahren in den sogenannten jämmerlichen jüdischen Hütten lebten, an allen Katastrophen der letzten hundert Jahre teilgenommen haben und ihre Wurzeln fest in die jüdischen Friedhöfe senkten. Auf dem alten Friedhof ist auch die Auflösung der Grabsteine in der Erde sichtbar. Das visuelle Bild dieser Auflösung, vervielfältigt durch gefühlsmässige Erfahrung, besagt, dass – wie man es auch dreht und wendet – kein Grund zur Furcht besteht. Selbst wenn die Flügel sich nicht öffnen oder mir der Flug nicht gelingt, so ist es für mich als Nachfolgerin der hier begrabenen Menschen trotzdem nicht möglich, tiefer als diese Steine zu fallen. Und zerbrechen werde ich nicht, weil mich Wind, Gras und Erde auffangen.
Ausserdem habe ich aus dem Umgang mit meinen Verwandten, aus Büchern und anderen Eindrücken aus Nowgorod-Sewersk gelernt, die Echtheit und Tiefe der Gefühle als Lebensnorm zu sehen und aufzunehmen. Ohne diese Erfahrung, so scheint mir, ist es unmöglich, sich mit Kunst zu befassen – niemand wird Dir glauben. Was ich in meiner Kindheit gesehen habe, basiert auf der ursprünglichen Liebe und dem Drama des menschlichen Lebens. Meine Verwandten liebten einander, waren erstaunlich ehrlich zueinander und einander zugetan. Das Leben geht seinen Gang und es geschieht, dass meine Tante ihre geliebte Schwester Riwa niemals mehr sieht – und auch nicht ihren ukrainischen Verlobten. Und sie haben niemals Kinder geboren. Alle meine Verwandten verlassen einer nach dem anderen Nowgorod-Sewersk, wo die Familie meines Vaters mehr als 300 Jahre gelebt hat, und das Haus in der Karl-Marx-Strasse 12, wo sie sechzig Jahre gelebt hat. Zurückgelassene Fotografien und damit verbundene Geschichten nehme ich mit über Meere und Ozeane. In andere Länder. Und jetzt werde ich alle meine lieben Verwandten niemals mehr sehen. Niemals werde ich die im Holocaust umgekommenen Verwandten meiner Mutter kennenlernen. Diese tiefe Trauer, Liebe und unzerstörbare Verbundenheit mit meinen Verwandten lernte ich in Nowgorod-Sewersk mit Hilfe von Mitteln zu besänftigen, die mir damals zugänglich waren – mit Hilfe der Musik, danach auch mit Hilfe der Literatur.
Das Haus des jüdischen Kaufmanns Medwedew
Wikipedia teilt mit: „Ein-zweistöckiges Backsteinhaus mit kompliziertem Grundriss. Ein rechteckiger im Grundriss zweistöckiger Baukörper, an den sich im Osten (an der Gouvernement Strasse) ein rechteckiger im Grundriss eingeschossiger Baukörper anschliesst. Die Fassade ist mit zahlreichem Dekor geschmückt. Der zweigeschossige Baukörper auf der Kreuzungsstelle hat eine abgeschrägte Ecke, an der sich der Eingang befindet, darüber befindet sich ein abgerundeter Erker. Über dem Erker erhebt sich ein Belvedere mit Turmspitze. Die Fassade wird durch Pilaster, ein Zwischengeschoss und krönende Gesimse betont. Die Fenster sind viereckig, die Fenster der zweiten Etage mit tiefen, bogenförmigen Nischen. An der Fassade auf der Seite der Sobornaja Strasse befindet sich ein Basrelief.“8
Das Haus von Medwedew ist zweifellos ein erstaunliches Architektur-Denkmal, seiner Natur nach ein barock-klassizistisches Schloss und von Grund auf dem provinziellen, gemütlichen Nowgorod-Sewersk fremd. Dieses Schloss hätte sich harmonisch in die Architektur Roms oder im äussersten Fall von St. Petersburg eingefügt. Aber erstaunlicherweise passte es sich genauso wie das Werk von Quarenghi – die Kathedrale auf dem Territorium des Erlöser-Verklärungsklosters – wunderbar in die Stadt ein und übernahm nach dem Verschwinden seines Besitzers die Rolle eines kulturellen und gesellschaftlichen Zentrums, wurde zu etwas Unverzichtbarem, ohne das die Stadt schon undenkbar war.
Ein Kino und eine Bibliothek, die in diesem Haus untergebracht waren, spielten auch eine grosse Rolle in meinem Leben. Manchmal schaue ich ein altes Foto an und denke, was ist aus dem Haus von Medwedew geworden? Ist es ihm geglückt, unversehrt zu bleiben und den Wirren der Revolutionszeit zu entgehen? Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen, dass Medwedew vor der Revolution mit Holz handelte, aber wo endete sein Leben? Wurde er Taxifahrer in New York? Oder Angestellter in einem argentinischen Büro? Oder geriet er im Ersten Weltkrieg zufällig unter die Räder? Es ist mir nicht gelungen, irgendwelche Informationen über den Kaufmann Medwedew nach der Revolution zu finden.
Ich besitze eine Fotografie dieses Hauses, wohl aus den fünfziger Jahren. Am Kinoeingang drängen sich die Leute, gekleidet in der damaligen Mode, am Eingang des Kinos ein Anschlag: „Lubow Jarowaja“.
Das Sujet dieses Films basiert auf dem Theaterstück von Konstantin Trenev und ist symbolisch mit dem Schicksal Medwedews verbunden. Die Lehrerin Lubow Jarowaja wird zur überzeugten Kommunistin. Ihr Mann Michail Jarowoj liebt sie grenzenlos. Er ist Offizier bei der Weissen Armee. Lubow verrät ihn an die Rotarmisten und er wird erschossen. Es ist ein Familien- und Sozialdrama: die Idee besiegt die Liebe. Im Namen der Idee muss der Mensch alles opfern. Die Revolution ist wichtiger als die Familie. Grausamkeit und Unversöhnlichkeit werden zur moralischen Norm. Es gibt nichts Persönliches und Privates, es gibt nur Öffentliches. Tödlichen Hass auf alle Andersdenkenden. Ablehnung alles Andersdenkenden. Das Schicksal des Kaufmanns Medwedew in der Realität war wahrscheinlich dramatisch. Sicherlich wurde er gezwungen zu flüchten und beendete sein Leben kläglich irgendwo im Ausland.
Jetzt wird in seinem Haus ein Film gezeigt, der die Tatsache bekräftigt, dass er verjagt und das Haus ihm weggenommen wurde: alles für das Volk. Die Armen müssen auch von allem Nutzen haben. Lubow Jarowaja opferte ihren Mann der Revolution. Sie quälte sich und litt, diese Entscheidung fasste sie nicht ohne Zögern. Die Stadt Nowgorod-Sewersk opferte den jüdischen Kaufmann Medwedew. Am Anfang des vergangenen Jahrhunderts war Medwedew auch der Arbeitgeber in der Stadt. Die Bewohner arbeiteten für ihn und die Arbeit war schwer. Um in der Sprache des Marxismus zu sprechen – sie wurden ausgebeutet. In der Sprache des Kapitalismus – sie nahmen bei jemandem Arbeit und erhielten dafür Geld für ihren Lebensunterhalt. In der Sowjetunion nahm die Idee der exploitation überhand, deshalb wurde es legitim, Medwedew seine schicken Wintergärten wegzunehmen und sie dem Volk zu geben. Wer nichts war, wird alles werden. Die Verachtung von Eigentum nahm überhand. Verachtung des Eigentums und des Reichtums. Gleichmacherei. Verachtung von Bildung. Neid. Barbarei. Herrschaft der Idee. Herrschaft der Gesetzlosigkeit. Grausamkeit und Fehlen von Erinnerungen. Bereitschaft zu anderen Vergehen.
Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen:
„Wir wohnten in einem kleinen Häuschen an der Strasse, die Gouvernement Strasse hiess, jetzt Karl-Marx-Strasse, neben einem grossen Haus, das Medwedew gebaut hatte. Unten waren einträgliche Unternehmen – Läden mit allen möglichen Waren und ein Kino. Im oberen Stockwerk mit grossen, spiegelblanken Fenstern und einer ebenen Terrasse, auf der es einen Sommergarten gab, wohnte Medwedew selbst. Ich erinnere mich dunkel, dass Onkel Lewa, der Bruder meiner Mutter, dieses Kino besuchte und manchmal auch mich einlud. An den Inhalt der Filme erinnere ich mich nicht, alle waren Stummfilme in Begleitung eines ziemlich hinfälligen Klaviers.
Das Haus des Kaufmanns Medwedews war an unser Haus angebaut. Seine Adresse lautete: Karl-Marx-Strasse 10. Der Besuch dieses Hauses war für mich nicht so wichtig wie der Besuch des Friedhofs, die Spaziergänge in der Stadt und der Abstieg zur Desna. Das Kino besuchte ich unbedingt einmal in der Woche, wenn ein neuer Film gezeigt wurde, und in die Bibliothek ging ich, wenn ich das jeweilige Buch ausgelesen hatte.
Der Weg zum Kino und zur Bibliothek war auch so wichtig, weil sich dort, etwa 50 Meter von unserer Haustür entfernt, ein Automat mit kohlensäurehaltigem Wasser befand – eines der heiss ersehnten Objekte meiner Spaziergänge. Auf der Rückseite des Automaten befand sich ein Glas. Oben war ein Spalt, in den man eine Kopeke für Wasser ohne Sirup und drei Kopeken für Wasser mit Sirup einwerfen musste. Den Sirup konnte man wählen. Apfel, Birne oder anscheinend Erdbeere. Und schliesslich entstand ein erfrischendes, perlendes Getränk, in dem in der Sonne schäumende Bläschen spielten, so schön, dass es einem fast zu schade zum Trinken war! Nach der Benutzung musste das Glas gespült werden – das heisst, man musste es zurückstellen, den Absperrschieber niederdrücken und das Glas wurde automatisch mit einem Strahl kalten Wassers von innen gesäubert! Welch ein Genuss war das – an einem heissen Sommertag die brennenden eisigen Strahlen auf der Zunge zu spüren, zuerst schnell ihre ersehnte Süsse zu schlucken, aber dann immer langsamer und langsamer, voll Bedauern, dass der Inhalt des Glases so schnell abnahm!
Gewöhnlich murrte die Schlange hinter mir. Alle benutzten das eine Glas. Besonders Empfindliche brachten manchmal ein eigenes Glas mit.
Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand auf den Gedanken gekommen wäre, sich über eine Krankheit oder eine Infektion zu beklagen.
Während ich diese Zeilen schrieb, erreichte mich eine schreckliche Nachricht: Eine russische Drohne traf Medwedews Haus, ein Teil des Gebäudes geriet in Brand und das Dach fiel den Flammen zum Opfer. Das Feuer wurde gelöscht, und das Gebäude steht nun verkohlt und ohne Dach da. Die Bibliothek brannte ab.
So wurde durch den Treffer einer einzigen Drohne, abgefeuert von einem unbekannten Verbrecher, ein Denkmal mit seiner Geschichte ausgelöscht.“
Das Kino
Im Kino, das sich im Haus des ehemaligen Kaufmanns Medwedew befand, wurden verschiedene Filme gezeigt. Der Film wechselte gewöhnlich an Montagen. Meine Tante gab mir 10 Kopeken und ich ging feierlich ins Kino. Besonders gut erinnere ich mich an „Römische Ferien“ (Regie: William Wyler, Paramount 1953, engl. Roman Holiday, dt. Ein Herz und eine Krone) mit Audrey Hepburn und Gregory Peck in den Hauptrollen. Unter tausend sowjetischen Zuschauern, denen es glückte, den Film zu sehen, war die absolute Mehrheit nie ausser Landes gewesen – sie hatten niemals davon geträumt, ein grosses, luxuriöses und barbarisches Rom zu sehen. Im Film waren alle Sehenswürdigkeiten dicht beieinander, man konnte sie quasi mit der Hand greifen. Und damit noch nicht genug, die Geschichte einer Prinzessin, die sie ohne Titel und alle übrigen Attribute zu ihren spannenden Abenteuern einlädt, hat den Geschmack der Zuschauer getroffen. Prinzessin Ann war mit ihren Zuschauern völlig solidarisch. Auch sie wollte ohne alle Bedingungen und Begrenzungen die Stadt sehen und kennenlernen. Auch sie wollte ohne Überwachung der Minister und anderer Bediensteter (sprich KGB) in Rom spazieren gehen und sogar einen männlichen Pyjama anziehen. Sie wollte Bekanntschaft mit neuen Menschen schliessen. Ohne Tricks und höfische Konventionen. Ihr ist es gelungen. Und nicht nur das, sie hat sich verliebt! Zuerst wurde sie getäuscht durch den Versuch, ihr statt Liebe käufliches Interesse unterzuschieben. Das doppelte Spiel des Journalisten Bradley fesselte die Zuschauer bis zum Schluss. Am Ende des Films ergibt sich ein unerwartetes happy end und Tränen in den Augen: letzten Endes siegen Liebe und edle Gesinnung! Millionen Menschen in der Welt haben den Film gesehen, zehntausende in der Sowjetunion. Ungeachtet der Änderungen durch die Zensur ist der Sinn des Films erhalten geblieben. Das wunderbare Spiel der Künstler rief Begeisterung hervor, die prächtigen Kulissen erfreuten das Auge. Der Film schenkte ein Gefühl der Leichtigkeit des Seins und der Fülle des Lebens. Die römischen Kulissen gaben Nowgorod-Sewersk das Gefühl von Teilnahme und Gleichberechtigung in der grossen Welt der historischen Altertümer, nicht ohne Grund erschienen Fürst Igor, die Kathedrale Quarenghi und das Haus Medwedew schon als Zeichen der Einbeziehung in die Weltkultur!
Zu den Zuschauern, die das Glück hatten, den Film im sowjetischen Verleih zu sehen, gehörte auch ich. Ich war neun Jahre alt. Ich habe den Film einmal gesehen, das Familienbudget erlaubte nicht mehr. Von den ersten Aufnahmen an war mir klar, dass der Film gut war, er könnte nicht besser sein. Für einen zweiten Kinobesuch erhielt ich keine Erlaubnis. Dann begann ich den Film zu hören und hörte ihn eine ganze Woche lang. Die hintere Seite des Hauses von Medwedew, wo das Kino war, zeigte zum Inneren unseres Hauses. Zwischen den Häusern war ein drei Meter breiter Hof in Form einer Sackgasse. Im Sommer war das Fenster, wo der Filmverleih stattfand, geöffnet. Man konnte die Tonspuren der Filme hören. Auf der Bank sitzend, liess es sich ganz bequem lauschen, und davon konnte ich nicht genug bekommen.
Ich erinnere mich, dass manchmal meine Oma neben mir auf einem Stuhl sass und bei ihr unsere Katze Kawa. Omas Hände waren immer mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, oft nahm sie einen Fisch aus, den ihr ein bekannter Fischer auf ihrem Weg zum Markt gebracht hatte. Der Fisch war in der Morgendämmerung in der Desna gefangen worden. Die Fischschuppen glänzten in der Sonne, die Katze kniff die Augen zu, wartete, dass ihr die Innereien zugeworfen würden, und knurrte. Als ihr meine Oma ein leckeres Stückchen zuwarf, fing sie es geschickt in der Luft auf und verbarg sich damit im Gebüsch. Nachdem sie sich sorgfältig geputzt hatte, kam sie zurück, setzte sich hin und wartete auf das nächste Beutestück. Als sie die Schwimmblase bekam, krallte sie sich spielerisch mit ihrer Pfote an ihr fest und sah verständnislos, wie sie in der Sonne wie ein bunter Regenbogen schimmerte, bevor sie platzte und allmählich fortgeweht wurde. Da versuchte Kawa sie mit ihren Krallen zu erwischen und spielte possierlich mit ihr. In Rom gab es offensichtlich auch viele Katzen, deshalb störte mich das auch überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Anwesenheit der Oma und der Katze verlieh dem Film noch grössere Glaubwürdigkeit und erweiterte seine Geographie.
Nach und nach lernte ich alle Dialoge des Films auswendig und wusste, was worauf folgte. Ich sprach sogar mit Ann ihre Repliken und sah die Situationen. Manchmal dachte ich mir neue Worte für sie aus, die mir in jenem Moment besonders wichtig erschienen. Wenn mir das manchmal langweilig wurde, sah ich mich schon selbst in Rom, auf einem Motorrad, inmitten der Kathedralen von Quarenghi, der Paläste Medwedews, der Katzen und der Journalistenmenge. Alle Journalisten hiessen Bradley und sie verdienten es natürlich nicht, ihretwegen betrübt zu sein, wenn ihnen finanzielle Interessen wichtiger sind als die ideale Liebe. Keine Krokodilsträne des Mitleids wird sie hier retten! Mit kindlicher Schonungslosigkeit verurteilte ich Bradley für immer und schickte ihn in meinen Gedanken noch radikaler ins Loch der Gleichgültigkeit als Ann. Danke für den Pyjama und Schluss!
Die Faszination des Films „Römische Ferien“ begleitete mich lange. Als ich viele Jahre später nach Rom kam, erinnerten mich die Strassen mit den vielen Motorradfahrern an Prinzessin Ann und Bradley. Als ich älter wurde, schienen mir dort zu viele Motorradfahrer zu sein, sie sind sehr laut und produzieren Abgase, nicht besonders angenehm. Der stillen und leichten Melancholie der Filme Woody Allens dagegen zu lauschen, ist mir im Augenblick lieber.
Der Hof
Im Hof waren ausser dem Haus der Osmolowskis noch einige Häuser. Die Bewohner dieser Häuser kannten einander viele Jahrzehnte. In der Mitte war ein Blumenbeet mit vielen Blumen, besonders ist mir die Tabakblüte in Erinnerung. Der Duft der Tabakblüten verbreitete sich abends und drang in alle Ecken des Hofs. Jede Familie hatte im Hof eine Erdgrube, in damaliger Zeit war sie wie ein Kühlschrank. Jede Erdgrube hatte eine eiserne rostige Abdeckung. Darauf sassen die Frauen abends mit Strickzeug oder Stickereien und unterhielten sich. Kühlschränke gab es nicht und in der Erdgrube wurden Lebensmittel aufbewahrt, damit sie nicht so schnell verdarben, zum Beispiel Kartoffeln, Möhren, Zuckerrüben, und im Winter kam Sauerkraut im Fass dazu.
Einst hatte sich in der Erdgrube, die zu unserem Haus gehörte, mein Grossvater mit seiner Familie vor einem Pogrom versteckt, worüber mein Vater in seinen Erinnerungen geschrieben hat. Manchmal hob ich vorsichtig den rostigen Deckel und schaute in die dunkle, kühle Grube. Ich stellte mir vor, dort sässe der Friseur Agranowskij mit seiner Familie während der Pogrome nach der Revolution 1917. Mein Vater ist etwa neun Jahre alt, wie ich jetzt. Ich will ihnen zuwinken und sagen, sie bräuchten sich nicht zu fürchten. Niemand würde ihnen etwas antun, alles werde gut verlaufen, sogar ich sei auf die Welt gekommen. Hinter den Erdgruben befanden sich kleine Holzschuppen, ein Garten, und ein Gemüsegarten, die Bewohner des Hofes sich teilten.
An heissen Tagen verbrachte ich im Schatten des Gartens viele Stunden und schmökerte in Büchern. Die Bibliothek befand sich auch im Haus Medwedews, dort kannten mich schon alle. Die Bibliothekarin fand Zeit für mich, um mir Regale mit Büchern zu zeigen, die ich, ihrer Meinung nach, lesen sollte. Mir gefiel auch, selbst in den Regalen zu stöbern und Bücher aufzuschlagen, darin zu blättern und sie wieder zu schliessen, einige mit nach Hause zu nehmen, und Zeitschriften anzuschauen. Die bekanntesten waren „Die Arbeiterin“, „Die Bäuerin“ und „Gesundheit“. Ausser Musik, Kino und Spaziergängen war das Aufstöbern von interessanten Büchern und Zeitschriften meine Lieblingsbeschäftigung. Ich erinnere mich, dass mir ganz besonders die Romane von Walter Scott, George Sand und der Roman „Jane Eyre“ von Charlotte Brontё gefielen. Jedes Buch öffnete mir eine neue Welt und diese Eröffnungen nahmen kein Ende, auch bis heute nicht.
Gebräuche. Mode. Das neue Kleid
Nach dem Krieg sollten die Menschen zur Realität zurückkehren und das Bestreben eines Mädchens, sich schön zu kleiden, hängt mit dem immerwährenden Instinkt, das Leben fortzusetzen, und unbewusst mit der Ablehnung des Krieges als Zerstörer dieses Lebens zusammen. Trotz Armut, Verlusten, Traumata, Ungewissheit, Unsicherheit, Krankheiten, trotz all dem, sparten sie Geld von einer Lohnzahlung zur anderen, um sich ein gutes Kleid „zum Ausgehen“ zu nähen, das heisst, um auf der Strasse spazieren zu gehen, ein Kino zu besuchen, zum Friedhof zu gehen oder Besuche zu machen. Es gab wenige Sachen, aber sie wurden sehr geschätzt. Der Umgang mit guten Sachen wie Kleidung, Schuhen und Hausrat war ehrfürchtig, beinahe religiös-fromm. Also trotzdem! Trotz des erlebten Krieges stärkte der Besitz guter Sachen das Gefühl der eigenen Würde und verlieh den Eindruck einer stabilen Welt. Die Geringschätzung dieser Dinge glich einer Freveltat. Ich erinnere mich an eines der mitgehörten Gespräche von Mädchen aus Nowgorod-Sewersk darüber, dass eine ihrer Bekannten ein Unterkleid als Nachthemd verwendete. Der Unterrock, dessen Erwerb ein Gegenstand des Stolzes und des Wohlstandes war, wurde gewöhnlich unter dem Ausgehkleid getragen. Seine Verwendung als Nachthemd wurde lebhaft erörtert – das war ein Fall von persönlichem Niedergang und Missachtung gemeinsamer Werte.
Die Kleider wurden üblicherweise aus natürlichen Stoffen genäht. Die Stoffe waren sehr hochwertig und hielten Jahre. Wenn das Kleidungsstück schon völlig aus der Mode gekommen war und – ein wichtiger Grund – der Stoff anfing, unangenehm zu verblassen und an einigen sichtbaren Stellen zu verschleissen, gab es den Begriff: „Wenden“. Das bedeutet, dass das Kleidungsstück an den Nähten aufgetrennt werden musste. Die entstandenen Stoffstücke wurden gewaschen, gebügelt und danach entstand eine neugestaltete Komposition nach der neuen Mode, wo die Unterseite des Stoffes das „Gesicht“ und das verschlissene zur Unterseite wurde. Auf diese Weise bekam das gewendete Kleidungsstück ein neues Leben und konnte noch viele Jahre seinen Dienst tun. Es gab exzellente Schneidermeister, die sich nicht nur mit individueller Massschneiderei befassten, sondern auch mit solcher Arbeit. Ökonomisch betrachtet bedeutete das, dass ihre Arbeit weniger kostete als der Wert des Stoffs oder des Kaufes neuer Kleidung. In jener Zeit war das ganz normal, in unserer Zeit der Massenkonfektion fällt es einem schwer, sich das vorzustellen.
Objektiv gesehen war es so, dass nach dem Krieg die Fertigkleidung, die man im Geschäft kaufen konnte, für die grosse Menge der Bevölkerung nicht ausreichte – wenn es sie aber gab, so war sie entweder primitiv oder zu teuer. Deshalb wurde wieder zur Handarbeit übergegangen. Viele Frauen strickten, nähten oder hatten einen Schneider. Etwas später gelang es mir auch, ein „Opfer“ des Wendens alter Kleider in neue zu werden. In unserer Familie gab es ein altes Männer-Sakko aus gutem Tweed-Stoff, offenbar noch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, das von Hand zu Hand gegangen war. Als das Sakko schon ziemlich abgetragen, aber zum Wegwerfen doch zu schade war, beschloss meine Mutter, es zu einer Schneiderin zu geben, um es zu wenden und aus dem verbliebenen Stoff eine Weste für mich zu nähen. Nur wenige Stücke des abgetragenen Stoffs waren intakt, sie reichten lediglich für eine Weste und nichts anderes. Die Weste auf einer weissen Bluse sollte zu meinem schwarzen Rock passen, der auch aus Irgend etwas genäht worden war. Mit dieser Kombination sollte ich auf Konzerten und bei Feierlichkeiten in der Schule auftreten.
Entweder überstand dieser Stoff die Umänderung nicht, glänzte verdächtig an den Nähten und drohte jeden Augenblick zu reissen, oder ich konnte in jener Zeit keine „eleganten Sachen“ tragen, ich betrachtete diese ganze Umänderung misstrauisch. Nachdem eine Klassenkameradin mich und meinen Auftritts-Anzug ausgelacht hatte, habe ich umgeänderte Sachen nie mehr angezogen.
Dank der meisterhaften Schneiderkunst kleideten sich die Mädchen und Frauen in Nowgorod-Sewersk sehr individuell. Als ich auf der Bank neben unserem Haus sass und sie beobachtete, wie sie bald ins Kino, bald zum Tanz eilten, bemerkte ich, dass kein Kleid dem anderen glich. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Tante im Hauskleid aus gewöhnlichem Flanell mit mir aus dem Haus ging. Sie trug immer ein schönes Kleid, nach damaliger Mode bei einer Schneiderin gemacht, und elegante Schuhe. In ihrer Hand war immer eine schwarze Tasche. Wie auf den Fotografien. In einem der Häuser auf unserem Hof wohnte die Schneiderin Maja. Sie war eine wahre Zauberin. Zu Maja kamen Frauen und Mädchen mit Stoffstücken für ein Kleid. Sie verbargen sich in Majas Wohnung, wo diese, wie meine Tante sagte, Mass nahm. Dann gingen sie noch ein paar Mal dorthin und eines schönen Tages kam eine in einem neuen Kleid heraus! Das Kleid verwandelte sie: der Gang wurde anders, sie richteten sich auf, die Zöpfe fielen besonders schön auf die hohe Brust! Maja machte aus ihren Kundinnen einen Filmstar oder etwas Ähnliches.
Meine Tante hielt Wort. „Es ist Zeit, auch Dir ein neues Kleid schneidern zu lassen“, sagte sie eines Tages und mein Herz blieb im Vorgefühl von etwas Ausserordentlichem stehen. „Alle Deine Kleider sind zu kurz und zu klein geworden.“ Für mich ein neues Kleid nähen? Bis jetzt war ich Beobachterin gewesen. Die Frauen, die zu Maja gingen, die Mädchen, die im Park tanzten, die Helden des Kinos und der Bücher – all das geschah neben mir, ohne meine autonome, unbemerkte Existenz auf dieser Erde zu betreffen. Ich beobachtete das Leben der Menschen in meiner Umgebung, wie ein Lebensretter am Strand der Desna die Schwimmer beobachtet, objektiv und herablassend, ohne besondere emotionale Beteiligung. Menschen in meinem Gesichtsfeld schloss ich bei Bedarf in mein Blickfeld ein, wenn ich eine sich nähernde Gefahr für die Verletzung meiner Grenzen fühlte, als könnte mein seelisches Gleichgewicht gestört werden. Als meine Tante mich bei der Hand nahm und mich zu Maja brachte und diese ihr Massband nahm, um meine Masse festzuhalten, besann ich mich. Meine Tante und Maja unterhielten sich über etwas Unwichtiges, währenddessen nahm Maja geschickt bei mir Mass. Ich stand gerade wie ein Soldat und staunte, dass bei mir einige Masse offenbar denen aller Menschen entsprachen. Es zeigte sich, dass auch mein unbedeutender Körper einige reale Masse beanspruchte: die Länge des Kleides, die Länge der Ärmel, die Breite des Rückens, den Brustumfang. Diese Masse waren zwar noch klein, aber dennoch gehörten sie zu mir, wie sie auch zu allen übrigen Leuten gehören, und liessen auf eine Grössenzunahme hoffen.
Mit dem Schlenkern ihres Massbandes stiess mich Maja aus der Rolle eines Beobachters in die Rolle eines aktiven Teilnehmers am Leben. Man kann nicht sagen, dass mir diese neue Rolle gefiel – bis jetzt fühlte ich mich wohler in den alten Kleidern, unauffällig und bescheiden. Ich fühlte, dass ein neues Kleid zu einem anderen Verhalten und einer veränderten Selbsteinschätzung verpflichtet. Maja schrieb auf einen Zettel, wieviel Stoff für mein neues Kleid benötigt würde, Tante nahm den Zettel und wir gingen in ein Geschäft. Die Stoffauswahl für das Kleid war begrenzt. Ich war konfus und schwankte zwischen Niedergeschlagenheit und geheimem Entzücken der Phantasie. Wieviele Kleider konnten aus den im Geschäft angebotenen Stoffen genäht werden – dachte ich. Nicht sehr viele, aber immerhin. Schliesslich hatten wir unsere Wahl für einen dunklen Stoff mit bunten kleinen Blümchen getroffen. Auf dunklem Untergrund, damit das Kleid nicht so schnell schmutzig würde. Maja nähte das Kleid schliesslich etwas länger und weiter, auf Zuwachs, und ich trug es zwei Jahre. Ich trug es stolz in der Stadt: na, so etwas, das erste für mich persönlich genähte Kleid! Alle Nachbarn wussten, dass Maja dieses Kleid für mich genäht hatte, und jedes Mal sagten sie, welch eine gute Meisterin Maja doch sei und wie schnell ein Mädchen wachse.
Tante Stera Agranowskaja
Da ich viel Zeit mit Tante Stera verbrachte und sie mir, während ich in Nowgorod-Sewersk lebte, meine Mutter ersetzte, werde ich von ihr erzählen. Der Name Stera kommt höchstwahrscheinlich vom biblischen Namen Ester (oder Esfir). Ester ist die Heldin des Purim-Festes. Die historischen Ereignisse, die mit diesem Festtag verbunden sind, stammen aus dem alten Persien im Jahre 356 vor unserer Zeitrechnung. Das jüdische Mädchen Ester erfuhr von dem Plan zur Vernichtung der Juden und war so tapfer, vor dem König für sie einzutreten, und rettete dadurch ihr Volk vor dem Untergang. Das Wort „Purim“ geht auf das altpersische Wort „pur“ zurück, was „Los“ bedeutet. Gemeint ist, ein Datum zu wählen, an dem das Urteil oder die Wahl zwischen Leben und Tod erfolgen sollen. Das geschah vor mehr als zweitausend Jahren! Und seit dieser Zeit feiern die Juden Purim. Da es in der Geschichte des jüdischen Volkes nicht so viele fröhliche Ereignisse gibt, ist dieser Feiertag besonders beliebt und wird als jüdischer Karneval gefeiert. Seit dem frühen Mittelalter wird in Europa die Purim-Geschichte als Theaterstück mit Musik, Dialogen und mit Kostümen aufgeführt und wird „Purim Spiel“ genannt. Die Geschichte des Festtages wird in dem Traktat „Estherrolle“ beschrieben und diese Geschichte wird jedes Jahr am Tage des Festtages am 13. Adar nach dem Mondkalender in der Synagoge oder zu Hause gelesen.
Ich denke, dass der Name meiner Tante sich vom biblischen Namen Ester herleitet. Für mich sind Ester und Stera ähnlich, sie passen zueinander. Tante Stera hatte blaue Augen und schwarze Locken. Ich würde sogar eher sagen taubenblaue Augen, weil „blau“ nur die Farbe bedeutet, aber „taubenblau“ für besondere Schönheit, Melancholie, Schüchternheit und Güte steht. Taubenblaue Augen sind nicht zu verwechseln mit den Augen von Tauben – dieser frechen Vögel, die sich seit Noahs Zeiten in Produzenten von Unrat in den Grossstädten verwandelt haben. Die wirklichen Augen von Tauben sind von einem frechen Gelb, vorstehend, rot umrandet wie bei den Trinkern auf dem Markt, sie haben mir nie gefallen. Taubenblaue Augen – das ist etwas anderes, das bedeutet die Verbindung von Tauben-Bläue und Tiefe im Taubenblau. Wie es geschrieben steht im Lied der Lieder: „Deine taubenblauen Augen unter deinen Locken, deine Haare wie eine Herde Ziegen, die vom Berg kommen“. So spricht ein Liebender von seiner Geliebten. Nur, dass die Tante keinen Geliebten hatte. Richtiger gesagt, ich bin ihm in seinem Leben nicht begegnet, weil er – der Verlobte meiner Tante – in den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommen ist und sie allein blieb mit der Grossmutter und der kranken Schwester Riwotschka. Eine Fotografie von ihm, die mir als Erste in die Hände fiel, trug folgende Beschriftung: „Meine Liebe, vergiss den nicht, der zu Dir mit dem Sieg zurückkehren wird. 23. 4. 1941. Nowgorod-Sewersk. Dein Pasik.“
Er trug eine Uniformjacke, war breitschultrig und hatte ein offenes, gutes Gesicht. Dem Namen und seinem Aussehen nach war er ein Ukrainer, das heisst er stammte aus dieser Gegend. Meine Tante war, wie Ester, von irgendwo aus dem Tanach, möglicherweise aus dem alten Persien, hierhergekommen. Die Heimat ihrer taubenblauen Augen und ihrer schwarzen Locken war das alte Palästina. Das Gefühl der Entfernungen in Raum und Zeit kann einem Schwindel verursachen. Die Unterschrift „Dein Pasik“ deutet darauf hin, dass die Umwandlung des Namens Afanasij in Pasik auf dem natürlichen Weg der Annäherung gegensätzlicher Eigenschaften der Materie erfolgte. Das war naturgegeben an den grünen Hängen der Desna, im schattigen Park, auf den Versammlungen der Komsomolzen, die damals in Mode kamen und Menschen vereinten, die einfach arm waren und von einem guten Leben träumten. Wieweit diese Annäherung ging, werde ich niemals wissen. Meine Tante hat niemals geheiratet und niemals eigene Kinder gehabt, die mit uns verwandt gewesen wären. Wäre das geschehen, so wäre unser Leben womöglich anders verlaufen. Diese unbekannten Nachkommen meiner Tante und Pasiks wären an den Ufern der Desna geblieben, hätten ganz anders ausgesehen als wir und anders gelebt. Aber das ist alles nicht geschehen. Es ergab sich so, dass ich allein bei der Tante blieb und sie mir ihre Liebe schenkte.
Im Haus in der Karl-Marx-Strasse existierte kein sogenannter Wohnkomfort. Dort gab es kein fliessendes Wasser (Wasser wurde aus einem Brunnen geholt), keine Heizung (geheizt wurde mit Holz), keine Toilette (auf dem Hof war ein Plumpsklo). In der Familie herrschte immer Geldmangel. Im Land fehlten die Waren und Lebensmitteln. Unter diesen Umständen könnte sich eine Frau, sagen wir in Nowgorod-Sewersk, nicht geschmackvoll kleiden. Umso mehr erstaunt mich, wie meine weiblichen Verwandten auf den Vorkriegs- und Nachkriegsfotografien aussehen: gepflegt, unbeschwert und glücklich. Strahlende Augen, modische, gebügelte Kleider, gut geschnitten und geschickt um die attraktive Figur drapiert, die Haare sorgfältig nach der damaligen Mode gekämmt, schöne Posen vor dem Hintergrund des Flusses Desna oder im Park. Ich kann mir nicht vorstellen, welche Mühe es diese Frauen gekostet hat, wie moderne westliche Schauspielerinnen auszusehen! Welch virtuose Fähigkeit und welch starker Wunsch mussten bestanden haben, um Geld zu sparen, dann einen Stoff für das Kleid zu ergattern und danach eine Schneiderin zu suchen. Die Schneiderin war auch Meisterin ihres Faches und konnte sogar aus einem bescheidenen Stoff etwas Ausserordentliches und wunderbar Bequemes machen. Und welche Meisterschaft brauchte es, um die fülligen Haare zu waschen und sie zunächst in modischen Wellen in die Stirn zu legen und dann Zöpfe zu flechten. Es ist unglaublich, aber ein Faktum, dass die Frauen jener Zeit sogar mit den minimalen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, raffiniert vorgingen, um sich zu bezaubernden Schönheiten zu machen.
Die Tasche
Die Tante hält eine elegante schwarze Handgelenktasche in ihren Händen. Dieses Täschchen ist auf allen Fotografien der Tante nach dem Krieg zu sehen. Sie drückte es mit der rechten Hand an ihr Kleid, wenn wir spazieren gingen. Als die Tasche viele Jahre später in meinen Besitz überging, war ihre geriffelte Oberfläche verschlissen, aber das feste Gestell und die stabile Metallschliesse sind bis heute intakt und zeugen von der guten Qualität. Obwohl die Tasche nur mittelgross war, passten viele Dinge hinein. Sie waren Meilensteine in Tante Steras Leben und im Leben der Familie Agranowski.
Zum Beispiel:
Bunte Fäden für Stickerei, die mit dem zauberhaft exotischen Wort „Muline“ (aus Französisch mouliné) benannt wurden. Mit diesen Fäden bestickte Riwa Kissen und Servietten; ein altes kleines Fotoalbum mit Fotografien aus verschiedenen Zeiten, die nicht eingeklebt, sondern in spezielle Schlitze nach Grösse eingelegt werden. Zwischen den Blättern durchsichtiges Zigarettenpapier, damit die Fotos nicht beschädigt wurden; ein Dokument über den Kriegsdienst in Zarenreich von Lejba Agranowskij, des Vaters des Friseurs Alexander, datiert aus dem Jahre 1880; ein schwarzes Säckchen aus Samt, rot bestickt mit dem Jahr: 1895; Briefe aus verschiedenen Zeiten; abgerissene Kalenderblätter mit Küchenrezepten.
Manchmal öffne ich das Täschchen und es ist, als träfe ich meine Tante. Ich sortiere diese Gegenstände, ordne sie anders, lese das, was noch lesbar ist. Ich versuche mir ihre Geschichte vorzustellen. Oder mich an die Geschichten zu erinnern, die sie mir erzählt hatte. Selbst wenn mir scheint, dass ich alle Gegenstände in der Tasche auswendig kenne und dass es schon nicht mehr möglich ist, etwas Neues zu entdecken, zeigt sich im Laufe der Zeit, dass es noch etwas gibt, was ich nicht weiss oder vergessen habe. Die Tasche wird zu einem Gegenstand ohne Boden mit dem verdichteten physikalischen Feld einer gewissen Energie, die zusammen mit ihrem Inhalt zu Zeitschwankungen befähigt ist. Zum Beispiel: Das schwarze Samtsäckchen mit der Stickerei gehörte also meinem Grossvater Alexander. Es ist eine filigrane Arbeit, eine sehr feine Stickerei, Seidenfäden, echter Samt. Auf einer Seite des Säckchens ist mit feinen roten Stichen das Jahr gestickt: 1895, auf der anderen Seite – einе Blütenkrone roter Rosen mit grünen Blättern. Innerhalb der Krone zwei Buchstaben RCh. Das können die Initialen der Schwestern Rachil und Chasja sein. Möglicherweise stickten sie dieses Säckchen und schenkten es ihrem Bruder zur Aufbewahrung von Gebetsgegenständen. Aber es ist schwierig, eine solche Arbeit zu zweit zu verrichten. Das würde bedeuten, dass jede Schwester ihren Teil stickte. Ein Blättchen zum Beispiel die eine Schwester und das zweite die andere? An einem Abend – Chasja, am nächsten Abend – Rachil? Irgendwie erscheint das verwirrend, es passt nicht. Am wahrscheinlichsten ist RCh – eine abgekürzte Variante des Namens der Schwester Rachil. Ich werde das niemals wissen. Der Samt ist an den Nähten leicht abgerieben, aber der Stoff ist ganz und fest, die Seidenfäden sind fein und schimmern diskret im Licht. Das Säckchen sieht noch vollkommen tauglich für den Gebrauch aus. Es enthielt die Tefillin – den Gebetsriemen, den die gläubigen Juden beim morgendlichen Gebet um den Kopf und den linken Arm legen, was die unzerstörbare Nähe zu G'tt symbolisiert. Dieses Samtsäckchen schwamm 1900 mit dem Grossvater über den Ozean und kehrte 1905 zurück nach Nowgorod-Sewersk. Jetzt ist es bei mir in Köln und wartet, dass ich es hervorhole, über seine weiche Oberfläche streiche und Wärme, Freundlichkeit, Seidenweichheit, Beständigkeit und Zutraulichkeit des leicht angerauten edlen Stoffes spüre.
Wahrscheinlich fühlte mein Grossvater dasselbe, wenn er die Tefillin aus ihm herausnahm und inmitten des Ozeans betete. Der Ozean war grenzenlos und schrecklich. Der junge Mann aus dem kleinen Nowgorod-Sewersk betete zu G'tt, er möge ihn über der Tiefe nicht allein lassen. Er schwamm in den Abgrund der Ungewissheit und mit ihm schwammen und beteten eben solche Menschen wie er, ihm gleich in Herkunft und Gebeten. Auf das Samtsäckchen war das Jahr 1895 gestickt – für meinen Grossvater war dieses Jahr bestimmt nicht einfach. 1895 bedeutete für ihn eine Grenze, die das Festland vom Wasser, das ersehnte Land um das heimatliche Haus vom Abgrund der unbekannten Zukunft schied, also, Nowgorod-Sewersk von Amerika. Die Stickerei bezeichnete das Jahr dieser Vorbereitungen auf diese Trennung, sie verlief allmählich, ganze fünf Jahre. Ich streiche über den Samt. Trotz seines soliden Alters – das ist keine Kleinigkeit, der Gegenstand ist mehr als 125 Jahre alt – wird klar, dass die Qualität des Stoffs und der Fäden erstklassig ist und bei guter Pflege werden sie noch einmal so viele Jahre überstehen, wenn nicht länger.
Die Schwester hat sicherlich viel Zeit auf die Stickerei verwendet, vielleicht hat sie danach vor der Abfahrt ihres Bruders nach Amerika auch die Tefillin in das Samtsäckchen gelegt. Die Reise sollte lang und gefährlich sein, niemand konnte ein Treffen in der Zukunft garantieren oder eine Heimkehr. Also fuhr Grossvater Alexander im Jahre 1900 nach Amerika. Der Brief aus Amerika mit der von Goldensky angefertigten Fotografie und den Zeilen „Meinen lieben Eltern zur Erinnerung“ trägt das Datum „1903, 28. Januar“. Aber warum fehlt: „und meinen lieben Schwestern und meinem Bruder Jakow“? Bedeutet das, dass Rachil geheiratet hatte und die jüngeren Kinder schon nicht mehr bei den Eltern lebten? Bald nach der Rückkehr des Grossvaters nach Nowgorod-Sewersk im Jahre 1905 fuhren Chasja und Jakow für immer nach Amerika. Der zurückgekehrte Alexander wurde der einzige Ernährer der Familie.
In der heutigen Zeit ist die Handstickerei oft zum Gegenstand von Spott und Witzen und zum Symbol unnützer Tätigkeit von Rentnern geworden, die ihre Zeit mit dieser seltsamen und niemandem nützlichen Beschäftigung totschlagen. Die Meinung geht dahin, dass Maschinen schneller und besser sticken. Schneller ja, aber besser? Was heisst besser? Für mich ist die Handstickerei etwas anderes, verbunden mit meiner Kindheit und meiner Familie in der Ukraine. Dieser Gegenstand – ein Säckchen für Gebetsgegenstände – kann viel erzählen. Es bezeugt, dass es in jener Zeit (Ende des 19. Jahrhunderts) in Nowgorod-Sewersk qualitativ gute Fäden, Nadeln und Stoffe gab und dass jüdische Mädchen, wie auch ukrainische, stickten. Das Sticken war nicht nur eine angewandte (praktische), sondern auch eine poetische und religiöse Beschäftigung. Zum Beispiel: die ältere Schwester macht ein Geschenk – eine Stickerei für den Bruder, der sich auf die lange Reise nach Amerika vorbereitet. Dieses Geschenk ist ein Zeichen der Achtung und der Verbundenheit. Wahrscheinlich war Rachil eine Meisterin, was Handarbeiten betraf. Ihr Können wollte sie in einem besonders wertvollen Geschenk verwirklichen. Und das ist ihr gelungen. Sie wählte für die Stickerei etwas besonders Wichtiges und Bedeutendes. Es durfte nicht zu gross sein, damit es im Gepäck nicht zu viel Platz einnahm, und musste andererseits unverzichtbar sein, weil unnötige Sachen auf eine so weite Reise nicht mitgenommen wurden. Weil die Gebetsaccessoires zu jener Zeit nicht nur notwendig waren, sondern einen unverzichtbaren Teil des Lebens darstellten, war das Geschenk der Schwester in jeder Beziehung nützlich.
Wenn er die Tefillin und das Gebetbuch hervorholte (jeder gläubige Jude war verpflichtet, dreimal am Tag zu beten), berührte der junge Grossvater unweigerlich die Stickerei und vielleicht dachte er an die Hände seiner Schwester und an ihr Gesicht, das sich im Licht einer Petroleumlampe über die Stickerei beugte. An Winterabenden. Oder an warmen Sommerabenden, wenn sie auf dem rostigen Kellerdeckel im Hinterhof stickte. Das Samtsäckchen begleitete Grossvater Alexander sein ganzes Leben lang, dann begleitete es seine Tochter Stera und schliesslich kam es zu mir – aber schon ohne die Gebetsriemen.
Und so überlege ich 125 Jahre später: wie war das Wiedersehen der Schwester Rachil und ihres Bruders Alexander, als er 1905 aus Amerika zurückkehrte? Was erzählten sie einander bei dem Treffen? Sprach der ältere Bruder über seinen Aufenthalt in Amerika, wie er später seinen Kunden im Friseurladen berichtete – den Bewohnern der Stadt und der Bauern aus der Umgebung? Erzählte er so hinreissend, dass die jüngere Schwester Chasja und der Bruder Jakow auch beschlossen, ihr Glück in Amerika zu versuchen? „Goldenes Medina“, so hiess Amerika auf Jiddisch und bedeutete „goldenes Land“ – ein Traumziel für die glücklosen Juden in Osteuropa. Chasja und Jakow waren Arbeiter im „goldenen Land“ und schickten Pakete nach Nowgorod-Sewersk. Nach der Revolution und in den zwanziger Jahren kamen immer noch Pakete. In den dreissiger Jahren endete die Verbindung mit Verwandten in Amerika endgültig – die Familie des Friseurs Agranowskij fürchtete Verfolgungen und nahm keine Hilfe mehr an. Verwandte im Ausland zu haben, Hilfe und Briefe von ihnen zu bekommen, wurde als Verrat betrachtet. Dafür konnte man nach Sibirien kommen. Die Falle hatte zugeschnappt.
Wie mein Vater sagte, ist Tante Chasja in Amerika ganz einsam gestorben. Sie fragte sich wohl, warum ihre Briefe unbeantwortet blieben. So hat er sich das vorgestellt. Die Spur von Onkel Jakow verlor sich auch. So war die Stickerei altgewohnt, hundertjährig und vielleicht die älteste Handarbeit in unserer Familie. Meine beiden Tanten stickten und alle Frauen, die ich in Nowgorod-Sewersk kannte, stickten auch. Ich lernte hier auch zu sticken, aber schon bald merkte ich, dass diese Beschäftigung mich wesentlich weniger begeisterte als die Musik. Besonders gut stickte Tante Riwa: Kissen, Tischdecken und Servietten. Stücke von Leinenstoff verwandelte sie in komplizierte Spitze von einmaliger Schönheit. Diese Spitze umrahmte gestickte Vergissmeinnicht, wilde Stiefmütterchen, Mohnblumen. Die Servietten lagen oben auf dem Regal und zwischen ihnen standen gerahmte Fotografien. Einige herrliche, einfach engelgleiche Servietten, die bei mir geblieben sind, und auch Fotografien – sind Zeugen ihres kurzen Lebens in Nowgorod-Sewersk.
In dem Samtsäckchen für die Gebetsgegenstände habe ich sie nie gesehen. Es war leer, als ich es bekam. Vielleicht sind sie irgendwo zur Zeit der Flucht in den Ural verloren gegangen, oder sie wurden schon früher, im Jahre 1940, dem Grossvater ins Grab gelegt. Gebetsgegenstände zu besitzen war in der Sowjetzeit gefährlich. Ich habe ihr Schicksal niemals erfahren, weil alle, die damals den Grossvater beerdigt haben, auch schon tot sind.
Deshalb beschloss ich, Initiative zu zeigen, und legte einen Teil der bunten Stickfäden, mit denen Tante Riwa gestickt hat, in das Säckchen. Mir schien das ein passender Ort für sie zu sein. Es ist, als drehe sich die Zeit und kommt zur Normalität zurück, und das Jahr 1895 verliert seine schwindelerregende Ferne, es wird nah und verständlich. Die Stickfäden warten, bis die weissen Hände eines bisher noch nicht bekannten Mädchens sie berühren, ans Licht legen, in die Nadel ihre Lieblingsfarbe einführt und in einen Stoff sticht. Zuerst nur so, zum Ausprobieren. Dann macht sie ein paar Stiche, dann immer mehr und mehr. Mit Stickereien vergeht das Jahr schnell. Es kann doch geschehen, dass Handstickerei eine genauso elitäre und geachtete Kunst wird wie zum Beispiel die Kalligrafie. Die alten Rentnerinnen treten ihren Platz an Kenner des alten Handwerks mit Spezialausbildung ab! Ich lege das Samtsäckchen an seinen Platz in die praktische Handtasche meiner Tante und denke, dass es endlich Zeit ist, ein systematisches Archiv anzulegen, und die Zeit dafür zu finden. Aber die Zeit vergeht und ich tue noch immer nichts. Wahrscheinlich ist es nicht eine Frage der Zeit und des Beschäftigtseins, sondern deswegen schwierig, weil die bedeutenden Gegenstände des Lebens meiner Familie bis in alle Ewigkeit ruhen werden und dort ihre Lebhaftigkeit und Authentizität verlieren. Deshalb lasse ich sie vorläufig in der Tasche der Tante. Obwohl es dort eng ist, aber das ist ihre Herberge, sie leben dort noch irgendwie!

„Zum Gedenken an eine unvergessliche Freundschaft“, Fotograf Sender, Negative werden aufbewahrt. 1899.
Eine Besonderheit meiner Familie war eine in ihrer Art starke gegenseitige Verbundenheit und Anhänglichkeit. Als die Kinder des Friseurs Agranowskijs in die Welt gingen, schrieben sie alle ihren Eltern und den Geschwistern Briefe. Der grösste Teil dieser Briefe ist bei mir geblieben. Die Themen des Briefwechsels sind unterschiedlich, aber im Wesentlichen ging es um Hilfe. So zum Beispiel hatte Stera keinen Mantel und man musste ihr helfen, einen zu kaufen. Grossvater Alexander fehlte Geld, um Brennholz für den Winter zu kaufen. Sein Mantel war uralt und abgetragen, er sah aus, als stamme er aus der Zeit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und beinahe noch älter. Auch Mark, der in Charkiw an der Universität studierte, sollte man aus Charkiw ein paar Heringe und Streichhölzer schicken. Besonderer Dank galt entfernten Verwandten in Kiew, die die erkrankte Stera, die dort als Buchhalterin zu arbeiten begann, bei sich aufnahmen und ihr eine warme Unterkunft und Medikamente gaben.
Allen Kindern wurden Ratschläge erteilt, wie sie sich in schwierigen Lebenssituationen verhalten sollten. Die Klugheit dieser Ratschläge ruft bei mir grosses Entzücken hervor. Viele Jahre lang habe auch ich Briefe ähnlichen Inhalts von meinen Verwandten bekommen, bis die Smartphones auf dem Markt kamen. Die Thematik der Briefe war sogar oft dieselbe. Nichts hat sich geändert, ausser den Absendern und den Empfängern.
Manchmal krame ich in den Fotografien. So fand ich im Album noch eine Fotografie von Afanasij Panasjuk, dem im Zweiten Weltkrieg umgekommenem Verlobten meiner Tante Stera. Auf der Rückseite des Fotos hat sie eine Bemerkung geschrieben: „Wie kann man diesen Schmerz ertragen!“ 1946 ist sie in Erinnerung an ihren Verlobten Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geworden.
Brief der Tante, September 1963
Als ich Briefe und Dokumente sortierte, die nach dem Tod meines Vaters geblieben sind, fand ich einen Brief meiner Tante Stera, der mir die Augen bezüglich einiger Dinge und Ereignisse öffnete, die zur Zeit meiner Kindheit in Nowgorod-Sewersk geschehen waren. Meine Eltern hatten mir nicht viel erzählt und meine Tante beklagte sich auch gewöhnlich nicht. Und ausserdem konnte ich in jener Zeit vieles nicht verstehen. Ich kann nicht sagen, dass der Inhalt des Briefes meine Beziehung zur Stadt meiner Kindheit – Nowgorod-Sewersk – in irgendeiner Weise beeinflusste. Alles, was ich hier geschrieben habe, ist meine persönliche Erfahrung und ich bin meinen Angehörigen unendlich dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, diese Erfahrung zu machen und zu Beginn meines Lebens glücklich zu sein. Ich möchte hier diesen Brief vollständig wiedergeben, ohne Kommentar – er spricht für sich selbst.
Kiew Zentralkomitee Ukraine
Sekretär des Zentralkomitees der KP
Herrn Gruschezkij
In meinem ganzen Leben habe ich keine Beschwerden geschrieben, obwohl es dafür Gründe gab. Derzeit bin ich genötigt, diese Beschwerde zu schreiben. Was hat mich dazu getrieben? Zur Hauptsache ist es die Grobheit und Gefühllosigkeit von Leuten, von denen abhängt, dass höhere Institutionen nicht mit ähnlichen Beschwerden überhäuft werden.
Einst vor 57 Jahren mietete mein Vater nach seiner Heirat eine Wohnung bei der ehemaligen Händlerin Losanowa. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer und der Küche. Als die Familie grösser wurde, unterteilte er selbst dieses Zimmer mit hölzernen Trennwänden in drei Räume. Es entstanden drei Zimmer, eines mit 9,3 Quadratmetern, das zweite mit 7,8 und das dritte mit 5,6 und die Küche mit 6,3 Quadratmetern. Auf diese Weise beträgt die Wohnfläche meiner Wohnung 23 Quadratmeter. Darin wohnte eine Familie mit 6 Personen und trotz der Enge beanspruchten wir keine Vergrösserung oder Erweiterung. Wir hielten die Wohnung in Ordnung, ich erinnere mich, dass mein Vater auf eigene Rechnung vielfältige Reparaturen vornahm. Ich erinnere mich auch, dass er bis zum Krieg in den Stadtrat berufen und ihm vorgeschlagen wurde, dieses Häuschen als Eigentum zu übernehmen, doch er weigerte sich und sagte: ich habe niemals Eigentum besessen und will es auch nicht. Die Kinder wuchsen heran und zogen aus.
Nach dem Tod meines Vaters im Jahre 1940 blieben ich, meine Mutter und meine Schwester in der Wohnung.
Nach dem Vaterländischen Krieg kehrten wir wieder nach Nowgorod-Sewerski zurück und liessen uns dort nieder.
Die im Krieg durchgemachten Schwierigkeiten wirkten sich auf die Gesundheit vieler Bürger aus, so auch auf unsere Familie. Meine jüngere Schwester erkrankte аn einem Herzfehler und stirbt am 1. Januar 1957 innerhalb von zwei Stunden. Der Tod meiner Schwester in einem Alter, in dem viele erst anfangen zu leben, wirkte sich stark auf die Gesundheit meiner Mutter aus. Wieviel ich in dieser Zeit durchleben musste, wissen alle Menschen aus meiner Umgebung, mit denen ich engen Umgang hatte. Schliesslich habe ich gearbeitet und meine Mutter blieb schwer krank zu Hause. Viele verstanden das, fühlten mit und halfen.
Vor zwei Jahren begann der neu ernannte Vorsitzende des Stadtrats zu fordern, mir das eine 9,3 Quadratmeter grosse Zimmer wegzunehmen. Und nur dank der Intervention des stellvertretenden Vorsitzenden des Exekutivkomitees hörte das auf.
Nachdem der Kreis Ponornitzki unserem Bezirk angegliedert wurde, nahm 1963 die Bevölkerung der Stadt beträchtlich zu und es wurden Wohnungen benötigt. Es ist doch kein Geheimnis, dass jeder hinzugekommene Mitarbeiter einen, wenn auch kleinen, Mitarbeiterstab mitbringt. Es häuften sich Beschwerden wegen Wohnungen im Parteikomitee und im Bezirksvorstand. Da beauftragte der neue Sekretär des Parteikomitees Orel den Vorsitzenden des Stadtrats Seljak, Bürger auszuwählen, bei denen Wohnraum beschlagnahmt werden konnte. Unter den 23 Familien auf der Liste befand sich auch mein Name. Am Ende der Listenüberprüfung gab es 5 Familien.
Das erste Mal rief man mich zur Sitzung des Exekutivkomitees und ich bin nicht hingegangen, weil meine Mutter an diesem Tag vier Anfälle hatte. Am 3. August wurde ich zur Sitzung einer Kommission berufen und ich ging hin. Diese Kommission bestand aus 15 Personen.
Der Vorsitzende des Exekutivkomitees des Stadtrats fing an, mir nichtexistierende Gesetze darüber vorzulesen, dass mir aufgrund dieser Gesetze ein Zimmer von 9,3 Quadratmetern entzogen würde. Mir würden sie zwei kleine Zimmer von 13 Quadratmetern und eine Küche überlassen, was eigentlich für zwei Personen gedacht sei. Ob ich damit einverstanden sei. Ich antwortete kategorisch, ich sei nicht einverstanden und sagte, dass gemäss den existierenden Wohn-und Hygienenormen für die Ukraine für eine Person 13,65 Quadratmeter vorgesehen seien und dass es bis jetzt kein anderes Gesetz für Menschen gebe, die ständig in von ihnen gemieteten Wohnungen leben. Darauf stellt mir Seljak die Frage: Welchen Ausweg gebe es aus der Wohnungskrise in Nowgorod-Sewersk? Man müsse verantwortungsbewusst sein und ein Zimmer abgeben. Ich war genötigt, der gesamten Kommission zu sagen, dass sie eine falsche Vorstellung von der Lösung der Wohnraumkrise hätten. Mich mit meiner schwer kranken Mutter in 13 Quadratmetern wohnen zu lassen, sei ein eklatanter Bruch gerechter Gesetze und sie müssten den Bau von Dienstwohnungen streng kontrollieren, den Bau von noblen Villen nicht zulassen und das Geld dafür verwenden, Mehrfamilienhäuser zu bauen. Dann werde die Wohnraumkrise in Nowgorod-Sewersk gelöst. Über das Pflichtbewusstsein des Genossen Seljak braucht man nicht zu reden. Er baut eine Villa für zwei Personen und umgibt sie mit einem Zaun. Ein solches Pflichtbewusstsein seinerseits passt nicht in die Zeit, in der wir leben. In dieser Kommission hat kein Mensch gewagt, die Wahrheit zu sagen. Denn dieser Vorschlag kam von ihrem Vorgesetzten und nur der Abgeordnete des Stadtrats Genosse Koritzkij sagte nach unserer Polemik: „Genosse Seljak, Sie machen ihr einen ganz klar unrechtlichen Vorschlag, ich bin dagegen.“
Seit dem 1. August war ich im Urlaub und meinen gesamten Urlaub verwendete ich nicht für meine Erholung oder für die Versorgung meiner schwer kranken Mutter, sondern für Termine bei den Behörden, um diesen unrechtlichen Umgang mit mir zu beenden. Man riet mir, mich an den Sekretär des Parteikomitees, Genosse Orel, zu wenden. Nachdem ich endlich zu ihm vorgedrungen war, erzählte ich ihm den Grund meiner Bitte. Er antwortete mir, dass er die Verfügung bezüglich des Enteignens von übermässigem Wohnraum für diejenigen getroffen habe, die 70 – 50 Quadratmeter mit einer kleinen Familie bewohnten. Gehen Sie, wir werden es regeln. Ich kehrte beruhigt nach Hause zurück und beruhigte auch meinen Bruder und die Neffen, die bei mir zu Besuch waren. Am nächsten Tag aber erfuhr ich, dass Genosse Orel die Mitarbeiter der Abteilung Wohnungswirtschaft zusammengerufen und meinen Nachnamen mit einem Häkchen und einem Vermerk versehen hatte, die Sache dem Volksgerichtshof zu übergeben. Und wieder begann die Lauferei. Ich ging zu meinem Vorgesetzten. Ich arbeite als Wirtschaftswissenschaftlerin in der Kreisplanung unter dem Distrikt-Exekutivkomitee und bat ihn, sich noch einmal für mich einzusetzen. Ich war davon überzeugt, dass meine Forderung gerechtfertigt war. Wenn sogar das Bezirksgericht für die Konfiszierung entscheidet, wird das Landgericht das Urteil aufheben. Aber ich habe nicht die finanziellen Mittel, um mich zu beschweren. Ich bekomme 45 Rubel pro Monat. Niemand kann mir helfen. Irgendwie hat meine kranke Mutter davon erfahren, obwohl wir alle uns bemühten, die Sache vor ihr zu verheimlichen. Sie regte sich auf und starb um 5 Uhr morgens. Da fragt es sich: wer musste so viel Leid in meine Familie bringen? Warum gibt es einen so gefühllosen, groben Mann im Amt des Stadtratspräsidenten? Warum äusserte der Sekretär des Parteikomitees eine derartige Gefühllosigkeit? Denn ich habe diesem Seljak gesagt, dass ich, falls meine Mutter stürbe, selbst zum Stadtrat gehen werde. Aber dessen ungeachtet ging die Drangsalierung weiter.
Am 29. August habe ich meine Mutter beerdigt. Wäre sie im Winter gestorben, als ihre Krankheit sich stark verschlimmert hatte und ich fünf Monate lang die Nächte neben ihrem Bett verbrachte und danach arbeiten ging, wäre das auch sehr schmerzlich gewesen. Aber nachdem wir sie mit Mühe dem Tod entrissen hatten und drei Wochen fast keine Anfälle mehr aufgetreten waren, hat diese Wohnungsangelegenheit ihr Ende beschleunigt. Für mich war das ein doppelter Schmerz. Ich war allein geblieben. Ich hatte eine Familie gehabt und plötzlich niemanden mehr. Ich denke, man hätte Mitgefühl mit menschlichem Schmerz haben müssen. Ich wiederhole: am 29. war die Beerdigung. Am 30. morgens brachte man eine Vorladung zum Gericht betreffs der Enteignung von Wohnraum. Mein Bruder, der bei mir zu Besuch war, ging zum Gericht zu Genosse Belyj und der Richter Belyj sagte, dass das Gericht in einer solchen Situation die Verhandlung auf unbestimmte Zeit verschiebt.
Am Donnerstag, den 5. September, war es eine Woche her, dass meine Mutter gestorben war und an eben diesem Tag erhielt ich die zweite Vorladung zum Gericht. Aber ich war immer noch schwer krank. Da fragt man sich, wieso die Leute nicht verstehen, dass Jeder Menschen hat, die seinem Herzen teuer sind, und nach deren Tod er trauert. Auf eine Äusserung einer meiner Nachbarinnen – „Ziehen Sie den Fall vom Gericht zurück, regen Sie sie nicht auf, sie hat schon so grossen Kummer.“ – antwortete Seljak, der Sekretär des Parteikomitees dränge ihn. Nach 15 Tagen ging ich zur Arbeit und war fest entschlossen, eine Beschwerde zu schreiben. Ich war davon überzeugt, dass das Zentralkomitee nicht zulassen würde, dass an der Spitze einer derartigen Organisation wie dem Stadtrat ein so grober Mann steht, dem die hohe Berufung eines „Dieners des Volkes“ fremd ist.
Ich habe auch die unzugängliche Gleichgültigkeit des Sekretärs des Parteikomitees, des Genossen Orel, gesehen. Wo ist sein Gefühl für Gerechtigkeit, Mitgefühl für fremdes Leid, warum wollte er sich nicht genauer mit dieser Sache befassen? Nach der Gerichtsverhandlung, bei der mir allein 13 Quadratmeter zugesprochen wurden, quält Seljak mich weiter mit seinen neuen Varianten.
Ich bitte Sie, sich in meinen seelischen Zustand zu versetzen, sich gründlich mit meiner Beschwerde auseinanderzusetzen und die Personen zu bestrafen, die die sowjetischen Gesetze und menschliche Gefühle missachten.
Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion seit 1946, Agranowskaja
Bezirk Nowgorod-Sewersk, Tschernigow
Karl-Marx-Strasse 14
September 1963
„Menschen sind Menschen. Bei der Wohnungsfrage sind sie nur verdorben“, sagte einmal der grosse russische Schriftsteller Michail Bulgakow. Das Haus befand sich in der Karl-Marx-Strasse 12, meine Tante schrieb „Karl Marx 14“. Alle Briefumschläge, die sie uns schrieb und die ich aufbewahrte, gaben die richtige Adresse an. Und als Buchhalterin war meine Tante besonders genau mit Zahlen. In ihrer Aufregung hat sie offensichtlich die Hausnummern verwechselt. Diese auf der Maschine geschriebene Kopie der Beschwerde, die ich viele Jahre später gelesen habe, öffnete mir für viele Dinge die Augen, zu denen ich in jener Zeit als Kind keinen Zugang hatte. Das Haus in der Karl-Marx-Strasse 12, das an das Haus von Medwedew stiess, erregte natürlich durch seine Lage im Stadtzentrum den Neid und die Begehrlichkeit vieler Leute und meine Tante konnte – nach der Vorstellung der Obrigkeit der Stadt – unmöglich alleine über drei Zimmer verfügen, auch wenn diese winzig waren. Das widerliche Getue bei der Gerichtsvorladung und bei der schlussendlichen Zuweisung von lächerlichen 13 Quadratmetern ist ein groteskes und bitteres Ende für eine einst grosse Familie. Es wäre interessant, zu wissen, auf welcher Wohnfläche der Genosse Seljak lebte und warum er sie nicht mit Bedürftigen teilte. Aber vielleicht hatte er eine grosse Familie, dann gibt man natürlich nichts ab.
Doch es ist besonders schwer für mich, mir aus der Perspektive der Jahre und der Entfernung den Kummer meiner Tante mit den taubenblauen Augen vorzustellen. Ihre Einsamkeit mitzufühlen, den Schmerz und die Krankheiten, die auch sie bald befielen, sowie die einsamen, langen Abende und Nächte im Winter, voller Erinnerungen. Und wie schwer war es mir, ihre Briefe zu lesen, die sie ihren Brüdern und mir schrieb. Ihr allein fiel das Los zu, in diesem Haus die letzten Tage zu verleben und mutig nahm sie die Last des Kampfes für die Gerechtigkeit der Gesetze auf sich, an die sie glaubte, in dem Land, an das sie glaubte. An das sie glaubte und für das ihr Verlobter Afanasij Panasjuk gestorben war. Stera Agranowskaja forderte furchtlos die Bürokratie der Stadt heraus. Ich stelle mir die Versammlung vor, in der sie dem Genossen Seljak sagte, was sie dachte. Wie viel Kraft und Gesundheit hat sie das gekostet. Was heute in jeder demokratischen Gesellschaft als Norm gilt – das Recht, die eigene Meinung zu sagen – war zu jener sowjetischen Zeit eine Anmassung, ein ungewöhnliches Verhalten, das eine Bestrafung nach sich ziehen konnte. Für eine alleinstehende und kranke Frau war das eine Heldentat.
So gewann Stera Agranowskaja den Gerichtsprozess und blieb auf 13 Quadratmetern wohnen. Doch Seljak quälte sie weiter mit verschiedenen Vorschlägen. Schliesslich ging es wohl darum, dass jemand diese 13 Quadratmeter brauchte. Ihr wurde ein Kompromissvorschlag gemacht: ein kleines Zimmer mit Komfort, das heisst mit fliessendem Wasser und Heizung in einem Neubau auf der Krasnoarmejskaja Strasse. Auf der Karl-Marx-Strasse 12 gab es diesen sogenannten Komfort nicht. Das Wasser musste man aus dem Brunnen holen und die Tante hatte zu der Zeit ein krankes Bein. Das Brennholz sollte im Sommer und Herbst gekauft und in den Schuppen gestapelt werden, das machte mein Vater im Sommer. Im Winter musste es aus dem Schuppen geholt werden, um den Ofen zu heizen und Essen zu kochen. Das Plumpsklo war draussen, im Winter lag auf dem Hof nicht geräumter Schnee oder es gab Glatteis und der Nachttopf musste hinausgebracht und geleert werden. Die Tante konnte im Winter auch nicht zu uns kommen, weil der Bus im Winter nicht fuhr.
Nachbarn und Freunde halfen, wie sie in ihren Briefen schreibt: „Über mich gibt es nichts zu schreiben. Ich gebe es zu – ich bin krank. Aber ich bin auf dem Weg der Besserung. Alle kommen: Luba, Sonja, Schochi (Nachbarn), Pronja Girenok, Schenja Kotlowskaja, Sonja Garkuscha, die Akulenskis und andere (Freunde).“ Von den im Brief aufgezählten Leuten kenne ich Luba und Sonja, das sind Hofnachbarn, Luba Osmolowskaja – die Mutter der jungen Pianistin Tanja, Schochi – auch eine Nachbarin, Pronja Girenok und Schenja Kotlowskaja – Freundinnen, die weit entfernt wohnten, wir gingen öfters zu Besuch zu ihnen und ich habe sie in den Briefen an meine Tante grüssen lassen. „Meine Lieben, ich habe nicht einmal übertrieben, wozu? Ich quäle mich ab. Heute bin ich mit Mühe zum Essen zu Schenja gebracht worden, zum ersten Ostertag. Sie ist zweimal zu mir gekommen, aber ich war auf dem Friedhof. Und heute hat sie mich von der Arbeit abgeholt. Und beinahe – mit Schimpferei, weil ich nicht mitgehen wollte“, schreibt meine Tante.
Nachbarn und Freunde – sie liessen meine Tante nicht allein in ihrer Not, wie auch die Bewohner von Nowgorod-Sewersk und Umgebung zur Zeit der Pogrome vor vielen Jahren meine Familie nicht im Stich gelassen hatten. An solchen Eigenschaften wie Anständigkeit, Solidarität, Fähigkeit zu Freundschaft, zu Mitgefühl und gegenseitiger Hilfe, mangelte es den Bewohnern von Nowgorod-Sewersk damals nicht, zumindest habe ich es so erlebt. Am ersten Ostertag wurden die nächsten Angehörigen eingeladen und Schenja Kotljarowskaja liess ihre kranke jüdische Freundin nicht allein in ihrer Einsamkeit. Sie ging zweimal zu ihr, traf sie zu Hause nicht an und holte sie schliesslich aufgeregt von der Arbeit ab! Manchmal braucht man keine Worte. Freunde aus der Kindheit sind nicht durch Religion oder Herkunft getrennt. Das ist nur Menschlichkeit. Falls an den Ufern der Desna noch Nachkommen jener Menschen leben, die meine Familie und Tante Stera in ihrem Elend nicht verlassen haben, so möchte ich ihnen meine Dankbarkeit ausdrücken und wünsche ihnen ein gesegnetes langes Leben.
Das Thema „Fahrt mit dem Bus „ gibt es in fast jedem ihrer Briefe: falls ein Bus führe, käme sie zu uns, und wäre es nur für einen Tag. Um sich auszutauschen, die Kinder zu sehen und zu hören, wie ich Klavier spiele. Man hatte meiner Tante mitgeteilt, dass ich oft Halsschmerzen hätte, und sie schreibt beunruhigt:
„Ich spreche mit einer Frau, meiner früheren Milchmagd. Sie hat irgendein Kraut und die Angina verschwindet spurlos. Angeblich.“
Das Kraut habe ich nicht bekommen, ich weiss nicht aus welchem Grund, und litt lange Zeit unter Angina. Aber ich erinnere mich ausgezeichnet an dieses bekannte Kraut. Es war im Sommer, in Nowgorod-Sewersk. Am Daumen der rechten Hand zeigte sich eine Warze. Ich habe mich geschämt und wollte nicht Klavier spielen. Meine Tante führte mich zu einer alten Kräuterfrau. Sie wohnte allein in einem kleinen Häuschen, an einem der gewundenen Strässchen in der Nähe der Desna. Die Alte betrachtete meinen Daumen, sprach lange mit meiner Tante über irgend etwas. Ganz zu Anfang des Gesprächs war mir klar, dass die beiden sich schon lange kannten. Die Alte ist nett und die Tante vertraut ihr. Wir gingen in einen Anbau, der wie ein Schuppen mit Erdboden aussah. An den Wänden hingen getrocknete Pflanzenbündel, es roch stark nach verschiedenen Kräutern und war hell und behaglich. Auch ich gewann Vertrauen zu der alten Frau. Bei trockenem Wetter dufteten die Gräser auf den Hügeln der Desna genauso, nur dass hier im Anbau der Geruch noch stärker war. Auf der Fensterbank, dem Tisch und den Regalen standen verschiedene Behälter und Kannen. Vielleicht war die Alte einmal eine Milchfrau gewesen. Sie nahm ein Pulver, streute es auf meinen Daumen, rieb es ein und flüsterte etwas dabei. Nach ein paar Tagen verschwand die Warze für immer.
Die Wohnungsprozesse und die endgültigen gerichtlichen Entscheidungen endeten für meine Tante damit, dass sie nach allen misslichen Situationen und dem Mobbing damit einverstanden war, in ein Zimmer mit Komfort auf der Krasnoarmejskij Strasse umzuziehen. Aber sie hat dort nicht lange gewohnt. 1968 starb Stera Agranowskaja und fand für immer einen Platz bei unseren Verwandten auf dem jüdischen Friedhof.
In den sechziger Jahren waren Postkarten von Städten im Trend, die aus kolorierten Fotografien gemacht wurden. Nach dem Krieg erhielten Produzenten, die sich mit der Herstellung solcher Postkarten befassten, Unterstützung, und die Produktion billiger selbstgemachter Fotopostkarten blühte. Die Technologie ihrer Herstellung erforderte keine grossen Ausgaben: es wurden inszenierte Fotos verwendet, die mit schwarzer Tinte und einigen Farben nachbearbeitet wurden. Die Auswahl der Sujets und der Kolorierung war eine kreative und individuelle Sache. Porträts bekannter Künstler, Blumen und Kätzchen, Glückwünsche zu Festtagen mit in jener Zeit üblicher Symbolik, Stadtansichten – es gab Postkarten für jeden Geschmack. S. Beloserow fotografierte Nowgorod-Sewersk wie auch andere Städte der Ukraine und Postkarten mit Motiven seiner Fotografien waren sehr populär. Tante Stera schickt uns Postkarten mit Ansichten der Stadt Nowgorod-Sewersk. Auf einer von ihnen war ein Blick auf die Desna von dem Hügel, wo die breit gewachsene Eiche steht. Offensichtlich ist das die Eiche, unter der mein Vater zu sitzen und nachzudenken liebte. Mit der Hand meiner Tante der Text:
„Meine Lieben…, ein Gruss aus Nowgorod-Sewersk. Bei mir ist alles unverändert. Ich lebe und hoffe auf Besseres. Ich sah die Postkarten von unserer Heimat und beschloss, Lew und Euch jedem eine zu schicken. Zur Erinnerung. Denn wir haben unsere kleine Stadt und ihre Umgebung immer wegen ihrer unvergesslichen Schönheit geliebt. Schreib. Ich küsse alle, Eure Stera“.
Auf einer anderen Postkarte – der Klosterhügel, glatt, fast kahl, ohne Vegetation, gemalt mit heller grüner Farbe. Diese Farbe erinnert mich an die Farbe Brillantgrün. Diese Farbe hat auch eine damals bekannte medizinische Flüssigkeit, die mir auf Mückenstiche gestrichen wurde. Auf der Spitze des Hügels – die weissen Streifen der Festungsmauer und die Klostertürmchen mit roten Dächern. Unterhalb des Klosterhügels plätschert Wasser, über ihm ein blauer Himmel mit ruhenden Wolken. Wasser und Himmel hatten dieselbe Farbe. Auf der Rückseite der Postkarte stand in der Schrift meiner Tante mit runden, deutlichen Buchstaben:
„Lieber Mark, vergiss nicht das, woran Du Dich immer erfreut hast. Nicht wahr, eine wunderbare Erinnerung an die Heimat? Kuss. Stera.“
Ich bat einen bekannten Künstler, mir von dieser Postkarte ein Bild zu malen. Der Künstler war professionell, zumindest erhielten Wasser und Himmel bei ihm eine andere Farbe und der allgemeine Hintergrund war mit impressionistischen Pinselstrichen verziert, die der Landschaft eine grössere Echtheit als das Bild auf der Postkarte verliehen. Auf dem Wasser konnte man sogar ein Segel erahnen und wenn man das Bild lange betrachtet, beginnt es zu flattern und sich im Wasser im Rhythmus der unruhigen Wolken zu bewegen. Auf diese Weise belebt sich die Landschaft, die auf der Postkarte abgebildet wurde und durch die toten Farben des Kunsthandwerksateliers zur Wirkungslosigkeit verdammt ist, und erlangt jene bedingte Authentizität, die ein Kunstwerk haben muss. Das Bild hängt in meinem Schlafzimmer und bedeutet genau das, was für meine Verwandten die Postkarten bedeuteten: „Vergiss nicht, was du schon immer bewundert hast.“
Wo werden die Negative aufbewahrt?
Die Fotografien meiner Familie sind mehr als 100 Jahre alt. Die Qualität ist erstaunlich: deutliches, klares Kabinett-Portrait. Auf einigen ist auf der Rückseite vermerkt, dass die Negative nicht vernichtet werden. Den Fotografen Sander, der meine Familie fotografierte - die erste Aufnahme datiert von 1899 - ereilte offensichtlich dasselbe Schicksal wie den Kaufmann Medwedew – im Ausland unbekannt verschollen. Ob der Fotograf Sander die Negative mitnahm, die er in Nowgorod-Sewersk gemacht hat? Möglicherweise verstauben sie in irgendeinem Familienarchiv oder er hat sie irgendwo bei Odessa ins Meer geworfen, als er eines der letzten Schiffe erreichte, die in die Türkei fuhren?
Der sinnlose Krieg, der am 24. Februar 2022 begann, verband mich noch stärker mit dieser Stadt. Russische Panzer fuhren auf der Strasse meiner Erinnerung von Nowosybkow nach Nowgorod-Sewersk und zerstörten sie. Dann fiel eine Granate auf das Gymnasium, das einst der berühmte Pädagoge Uschinskij besuchte und später auch mein Vater. Mit Raketen und Einzelschüssen werden die Dörfer von beiden Seiten beschossen, in deren Umgebung die Bauern 1918 meine Familie vor dem Pogrom versteckt hatten. Eine Bekannte aus Nowgorod-Sewersk schrieb mir Anfang Februar 2024, die Grenzzone stehe unter starkem Beschuss, in der Zehnkilometer-Zone seien keine Dörfer mehr, sie seien ausgelöscht und völlig zerstört, die Leute seien weggefahren oder geflohen. Sabotage-Gruppen seien ständig vor Ort. Sowohl Soldaten als auch Zivilisten kommen ums Leben.
Durch das Studium der Schwarz-Weiss-Fotografie meiner Familie und anderer ihrer künstlich hervorgerufenen Einzelheiten lernte ich, zwischen der Position von Objekten und ihrer Attribute zu unterscheiden. Die Bilder meiner Kindheit, die ich in diesen Aufzeichnungen zu beschreiben versucht habe, haben sich meinem Bewusstsein so deutlich eingeprägt, dass ich mir jetzt, in diesem Augenblick, vorstellen kann, was ich empfand, als ich meine Grossmutter im Fenster sah, wie sie uns nach einer langen Reise auf Jiddisch begrüsste und die Leute um mich herum Jiddisch untereinander sprachen. Ich atmete die einzigartige Luft der freien Weite der Desna. Diese Luft atmeten Tausende Leute, die hier lebten, im Verlauf der Zeit zugewandert waren und verschiedene Sprachen sprachen. Glücklich ist der, der diese Luft einmal geatmet hat!
Die Geschichte der Fotografie sagt, dass das Negativ eine Zwischenstufe der Abbildung eines Objekts ist. In der Negativabbildung ist die Verteilung von Licht und Schatten spiegelbildlich und entgegengesetzt der Wirklichkeit. So wird das Dunkle im Negativ hell in der Fotografie, das Helle wird dunkel usw. Der endgültige Abdruck entsteht erst durch eine Aktion, das Positiv entsteht erst nach dem Abdruck des Negativs. Träger des Negativs können sein Glas, Papier und Plastik. Bei richtiger Aufbewahrung können die Negative Jahrzehnte lang erhalten bleiben. Ich habe mich mit meinem Vater mit Fotografien beschäftigt und er lehrte mich, Negative im Labor auszudrucken, als das uns die kleine Kammer in unserer Wohnung diente. Ihr Vorzug bestand darin, dass es dort immer dunkel war und man Licht nach Bedarf einschalten konnte. Das bedeutet, dass das wertvolle Fotopapier nicht einfach so, zufällig, belichtet werden konnte. Das wie durch Zauber entstandene Erscheinen einer fotografischen Abbildung in einer rätselhaften Lösung irgendwelcher chemischen Substanzen beeindruckte mich jedes Mal durch sein Geheimnis und entzückte mich. Wie ist das und was haben sich die Leute ausgedacht: die Abbildung lebender Bilder wird auf das Negativ übertragen, dann vom Negativ auf das Fotopapier. Für diesen Akt, der Zauberei ähnelt, sind Beschwörer nötig und als eine Art Attribute der Hexerei: ein Tisch, Stühle, an Stelle des Tageslichts eine rote Lampe, eine Fotolupe, eine Pinzette, Wasser, Entwicklungspulver und Fotopapier. Und dann fasse ich unter der Anleitung meines Vaters ein Ende des Fotopapiers mit einer Pinzette, tauche es in die Lösung, bewege es leicht und… ein Wunder! Mystik! Auf dem Papier erscheint eine Abbildung! Zuerst schwach, ein dunkles Fleckchen auf weissem Papier wie ein Fötus im Fruchtwasser, dann wird die Abbildung immer deutlicher, dem Fötus wachsen Arme, Beine, Kleidung, seine Lage wird sichtbar, danach baden sich schon mehrere Menschen in der wunderbaren Lösung des Entwicklers. Plötzlich dann das ganze Bild: Grossmutter, Tante, die Nachbarn Osmolowski, der Fluss Desna! Sie alle planschen in der wundersamen Lösung des Entwicklers, als freuten sie sich über ihre Belebung und Befreiung vom Vergessen. Sie bewegen sich noch eine Weile im Wasser, sehen mich an und ich sie. Nachdem wir uns angesehen haben, trödele ich noch einen Augenblick, doch mein Vater sagt: mach schnell, träume nicht, ich besinne mich plötzlich – schnell mit ihnen ins Wasserbad, bevor sie schwarz werden, ich muss ihre Gesichter schnell abspülen, dann ins Fixierbad legen, danach wieder abspülen und letztendlich sie feierlich zu Trocknen legen! Und da ist sie, die neu geschaffene Welt – erfreue dich daran! Sie sind wieder bei mir, meine Lieben und Verwandten!
Die Qualität unserer Fotos ist natürlich nicht so gut wie hundert Jahre früher bei Elias Goldensky in Amerika oder beim Fotograf Sender in Nowgorod-Sewersk, die Kontraste sind nicht ganz scharf, das Papier ist schlechter, doch die eigene Arbeit ist stets wertvoll! Mich beschäftigt ein Gedanke: vielleicht gibt es Träger von Negativen, die die Wissenschaft noch nicht kennt? Vielleicht gibt es noch nicht erforschte Prozesse in umgekehrter Reihenfolge – der Verwandlung der Fotografie in ein Negativ, ins Nirgendwo, eine Art energetischer Entladung verdichteter Materie, die sich irgendwann in einer neuen Hypostase manifestieren soll? Wahrscheinlich hätte mein Vater als Physiker diese Aufgabe erfüllen können, aber er lebt nicht mehr.
Ich bewahre die Negative meines Vaters aus Nowgorod-Sewersk in einem besonderen Album auf. Leider verlieren sie mit der Zeit ihre Qualität und verblassen. Die Negative von Elias Goldensky werden in Museen und in besonderen Kollektionen aufbewahrt, über sie weiss ich wenig. Die Negative vom Fotograf Sander sind spurlos verschwunden, aber die Beschriftungen auf den Fotografien zeugen davon, dass sie aufbewahrt werden, wiewohl man nicht weiss, wo. Die Vergänglichkeit und die Anfälligkeit für das Verschwinden der Materie, nach deren Gesetzen solche Zauberdinge wie Negative existieren, bringen mich auch auf den Gedanken, dass es möglicherweise auf der Welt wirklich einen Ort gibt, wo Negative aufbewahrt und nicht vernichtet werden.
DOROTHEA KOLLENBACH sei herzlich bedankt für ihre Mitwirkung an der Übersetzung aus dem Russischen.
Anmerkungen
1 Nowgorod-Sewerskij – das ist die übliche moderne Schreibweise der Stadt. Im vergangenen Jahrhundert war Nowgorod-Sewersk oder N.-Sewersk gebräuchlich. In Abhängigkeit vom Kontext benutze ich diese oder die andere Schreibform.
2 https://jewua.org/novgorod-seversky/
3 http://dugward.ru/library/pedagog/ushinskij_vospominanie.html
5 http://az.lib.ru/a/anskij_s_a/text_1914_dibuk.shtml
6 http://dugward,ru/library/pedagog/ushinskiy_vospominanie.html
7 Webseite: kolcole.de
8 https://ru.wikipedia.org/wiki/
Zur Autorin
Bella Liebermann ist Musikerin und Autorin. Ihre Bücher: Der Roman „Das Kupfermeer“ entwirft ein breites Panorama russisch-jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert. „Eine Rose auf dem Weg“ ist ein wissenschaftliches Buch über die jüdische Musik- und Kulturgeschichte in Europa, das auf Feldforschungen in Belarus basiert. Beide Bücher sind direkt bei der Autorin oder in der Literaturhandlung München erhältlich.
Alle Abbildungen: Familienarchiv B. Liebermann, mit freundlicher Genehmigung.