Ausgabe

Pseudowissenschaftliche Rassentheorien als Legitimation von Zugehörigkeit und Ausgrenzung in Friedrich Wolfs Theaterstück „Professor Mamlock“

Veronika Victoria Samel

Inhalt

Liest man Friedrich Wolfs Theaterstück „Professor Mamlock“, fällt auf, dass der Autor die damals vorherrschen ‚Rassentheorien‘ stark in den Blick nahm und sie zu einem Kernelement in seinem Werk machte. Der patriotische, jüdische Professor Mamlock ist Deutscher und geniesst lange Zeit die gleichen Rechte wie alle anderen. Eines Tages wird das, was Professor Mamlock lange Zeit als selbstverständlich ansieht, zur Vergangenheit. Praktisch ändert sich augenscheinlich nichts. Professor Mamlock operiert als Chirurg, liebt seinen Beruf und ist der, der er schon immer war. Das, was sich verändert, ist die Wahrnehmung seiner Person durch nichtjüdische Assistenzärzte auf der chirurgischen Station. Plötzlich ist er nicht mehr Professor Mamlock, sondern er ist der jüdische Professor Mamlock.

 

Die vorliegende Ararbeit möchte den Aspekt der Ausgrenzung in Wolfs Theaterstück auf Grundlage der damals vorherrschenden ‚Rassentheorien‘ untersuchen. Vor allem das Werk von Fritz Lenz und Hans F. K. Günther sollen hierzu als Grundlage dienen, da die Rassentheoretiker im Stück namentlich genannt werden. Die Seminararbeit beschäftigt sich am Anfang mit der Person Friedrich Wolf und der Entstehungszeit des Theaterstücks. Anschliessend setzt sie sich mit dem Begriff ‚Rasse‘ und deren Entstehung auseinander, um in weiterer Folge einen kurzen Einblick zum Thema Neid und Ausgrenzung in der Weimarer Republik zu geben. Mit diesem Wissen werden zum Schluss einige Rassentheoretiker vorgestellt, die massgeblich an der Aufbereitung und Verbreitung von Rassentheorien beteiligt waren, und schliesslich wird ein Einblick in die Rassentheorien selbst gegeben. Auf Grundlage dieses Wissens werden die Figuren Professor Mamlock, Dr. Hirsch, Simon, Dr. Hellpach, Dr. Inge Ruoff und Ellen Mamlock hinsichtlich ihrer Einstellungen und Wahrnehmungen der Rassentheorien analysiert. Es soll unter anderem der Frage nachgegangen werden, wie die Wahrnehmung des damals vorherrschenden ‚Rassebegriffs‘ zur Ausgrenzung einzelner Figuren im Stück führt und zu welchem Zeitpunkt sich welche Figur aus welchen Gründen auf diesen beruft.

 

Die Fragestellung ist von Relevanz, da Menschen auch heute noch aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt werden. Immer noch kommt es zu antisemitischen Vorfällen, die auch in Österreich in den letzten Jahren wieder vermehrt zugenommen haben. Erst Anfang März 2026 verkleidete sich ein AfD-Politiker als orthodoxer Jude und teilte auf TikTok Videos, in denen er alle möglichen jüdischen Stereotypen reproduzierte. Doch nicht nur Juden werden aufgrund ihrer Herkunft angefeindet, sondern auch viele andere Personen. Man denke nur an die U.S.A., in denen die Einteilung in unterschiedliche races von grosser Bedeutung ist. Weiters verwendet Trump nachweislich eine entmenschlichende Sprache und reproduziert aktiv unterschiedliche Stereotypen, um gezielt Migranten zu diskriminieren und auszugrenzen.

Nach dem Vorbild Götz Alys wird in dieser Seminararbeit auf die Nennung der Doppelform von Jüdinnen und Juden verzichtet, da das Wort Jude in der Seminararbeit 136-mal vorkommt. Weiters waren von den Gesetzen und Gräueltaten der Nationalsozialisten auch Säuglinge, Kinder und Jugendliche betroffen, die bei der Verwendung der Doppelform unterschlagen werden. Ausserdem führt die Nennung der männlichen und weiblichen Formen, wie beispielsweise jene von Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten sowie Rassistinnen und Rassisten dazu, dass der Text schwerfällig wirkt, was vermieden werden soll. 

 

Der Autor: Friedrich Wolf

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ – Friedrich Hölderlin

 

Friedrich Wolf ist heute nur noch wenigen Personen ein Begriff. In der Weimarer Republik hingegen zählte er zu den „populärsten, meistübersetzten und umtriebigsten Figuren des Kulturlebens“. Er war nicht nur jüdischer Schriftsteller und Arzt, sondern auch bekennender Kommunist. 1928 schloss er sich der KPD, dem Verein sozialistischer Ärzte, dem Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller, dem Arbeiter-Theater-Bund und weiteren proletarischen Kulturorganisationen an. Seine politische Einstellung wurde dadurch offensichtlich und war bekannt, weshalb er, aufgrund seiner Entscheidung für die kommunistische Bewegung zu kämpfen, auch mit Diskriminierung und Instrumentalisierung leben musste. 1933 musste er aufgrund der Tatsache, dass er Jude, Kommunist und Schriftsteller war, der in den letzten Monaten der Weimarer Republik seine künstlerischen Fähigkeiten dafür einsetzte, um auf das aufkommende Regime aufmerksam zu machen, Deutschland verlassen und floh sodann über die Schweiz in die Sowjetunion. Sein Werk „Professor Mamlock“ wurde 1933 im Exil kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten veröffentlicht. Wolf galt als deren meistgehasster Gegner. Innerhalb kurzer Zeit eroberte das Theaterstück Weltstädte, unter anderem mit Aufführungen in Zürich, Tel Aviv und New York. „Professor Mamlock“ ist jenes Dramenstück, das als erstes den Umgang der Nazis mit Juden thematisierte. Der Protagonist des Stücks ist Professor Mamlock, der als jüdischer Chefarzt einer chirurgischen Station in einer Klinik arbeitet und aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus seinem Beruf verdrängt wird. Vergleicht man Friedrich Wolfs Biografie mit der Figur Professor Mamlock, lassen sich einige Parallelen erkennen.

 

Das Stück bekennt sich zum Antifaschismus und wurde bei seinen Aufführungen auch so verstanden. Gemeinsam mit anderen namhaften Schriftsteller:innen, wie Bertolt Brecht oder Anna Seghers, gehörte Wolf in der DDR zu den Klassikern sozialistischer Literatur. Es gab Vorfälle, wie zum Beispiel in Zürich, wo sich Anhänger und Gegner der Nationalsozialisten anlässlich der Aufführung des Stücks handgreiflichen Kämpfen auslieferten. Wolf zeigte in Kreisen der Literatur- und Theaterwissenschaft, im Vergleich zu Brecht, andere Varianten auf, um Theater zu machen. Im Theater wurden seine Werke selten gespielt, obwohl, anders als heute, das Theaterstück früher noch zur Pflichtliteratur in der Schule gehörte. Die meisten seiner Werke hielt man als Zeitstücke, die aktuell begrenzt waren. Die agitatorischen und kathartischen Elemente seiner Werke trafen nach Meinung der Theatermacher nicht mehr den Zeitgeist und seine darin verarbeiteten Anliegen schienen aus der Zeit gefallen, obwohl er in den zwanziger Jahren als Pionier des deutschen Theaters galt. Grosse Wirkungen hatte das soziale Engagement seiner Stücke, das Aufzeigen der sozialen Lagen und auch der historische Bezug zu Revolutionen. Seine Stücke forderten zum Handeln auf und wollten Veränderungen bewirken. 1988 wurde ein internationales wissenschaftliches Friedrich-Wolf-Symposion abgehalten und Friedrich Wolf als eine „facettenreiche Person der Zeitgeschichte und eine wichtige Figur des geistigen Widerstands gegen den Faschismus und die Nazidiktatur" gewürdigt.

 

Entstehungszeit: Weimarer Republik

Die Literatur der Weimarer Republik ist ein relativ junges literaturwissenschaftliches Epochenkonzept, das von der Literaturwissenschaft sehr spät entdeckt wurde. Erst in den 1970er Jahren etablierte sich die Literatur der Weimarer Republik in Deutschland. Bis zu diesem Zeitpunkt nahm man die Zeitperiode 1918–1933 nicht als eine zusammenhängende literaturgeschichtliche Epoche wahr. Der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit werden für die Binnengliederung dieser Epoche genutzt. Der späte Expressionismus gilt als die dominierende ästhetisch-kulturelle Strömung der revolutionären Anfangszeit der Republik, die 1920, spätestens aber 1923 endet. Die Neue Sachlichkeit hingegen gilt als die beherrschende Tendenz der sogenannten Stabilisierungsphase von 1924 bis 1929. Das Ende der Stabilisierungsphase 1929/30 bedeutet nicht nur für das politische und soziale, sondern auch für das literarische Leben einen tiefen Einschnitt, da es zunehmend politisiert wurde. Weiters kamen experimentelle Ansätze aufgrund der ökonomischen Krise und politischer Angriffe bereits zu dieser Zeit, und nicht erst 1933, grösstenteils zum Erliegen. In manchen Forschungsarbeiten wird auch der Terminus Zwischenkriegszeit gewählt, der den Zeitraum 1918 bis 1939 als Kontinuum bezeichnet. Wolfs Theaterstück fällt in diesen Zeitraum und weist vor allem Elemente der Neuen Sachlichkeit auf, indem er die Alltagsrealität realistisch darstellt und gesellschaftliche Veränderungen in dem Werk aufgreift und kritisiert.

Die Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Jänner 1933 markiert in der nationalsozialistischen Propaganda einerseits das Ende einer verhassten politischen Epoche, andererseits auch eine kulturelle Epochenwende. Es kam zum endgültigen Bruch mit „jüdischer“, „marxistischer“ sowie „intellektualistischer“ Kultur. Zu Beginn des Dritten Reiches setzte man sich damit auseinander, ob bestimmte Tendenzen der künstlerischen Moderne in den NS-Staat integriert werden könnten, doch wurde dieser Gedanke 1937 endgültig verworfen. Die nationalsozialistische Propaganda diskreditierte sowohl die expressionistische als auch die bürgerlich-demokratische und linksgerichtete Literatur aus der Zeit der Weimarer Republik als „Asphaltliteratur“ und „Kulturbolschewismus“. Weiters wurde versucht die Erinnerung an diese Literatur aus dem kulturellen Gedächtnis zu beseitigen, indem man einerseits ihre Verbreitung verbot und andererseits jene Autoren nicht mehr repräsentierte.

 

Historischer Hintergrund: Ausgrenzung und Neid

Bereits im ersten Akt von „Professor Mamlock“ wird deutlich, dass es sich beim gleichnamigen Protagonisten um einen äusserst talentierten und angesehenen Chefarzt einer chirurgischen Station handelt. Dem jüdischen Professor gegenüber stehen unter anderem die beiden nichtjüdischen Assistenzärzte Dr. Hellpach und Dr. Inge Ruoff. Im folgenden kurzen Dialog wird erkennbar, dass der Wunsch anspruchsvollere Operationen durchführen zu dürfen gross ist, aber aufgrund des „unbestrittenen Champions“, von den Assistenzärzten nicht durchgeführt werden dürfen. Missgunst breitet sich langsam aus:

Schwester: Zwei Inguinalhernien, eine Appendizitis, ein Axillarabszess für die Herren, die putride Choleozystitis für Herrn Professor.

Dr. Inge: Ob wir auch einmal an die Gallenblase und die grösseren Sachen kommen?

Dr. Hellpach: Solange Mamlock Chefarzt der Abteilung ist, ausgeschlossen, der lässt keinen anderen ´ran, der operiert noch im Grabe.

 

Wolf bringt in dem Theaterstück vor allem die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung zur Sprache, die unter anderem auf Neid beruht. In diesem Zeitstück bringt der Schriftsteller die damaligen aktuellen politischen und sozialen Themen zu Papier und zeigt keine Fiktion, sondern das, was damals in Deutschland und anderen europäischen Ländern tägliche Realität war. Der 3. Akt behandelt das Berufsbeamtentum, in der Ellen Mamlock zu ihrem Mann folgende Worte sagt: „Hier die Verfügung „Zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, hast sie mir doch selbst gezeigt: Alle nichtarischen Ärzte sind sofort aus den öffentlichen Krankenhäusern zu entlassen, ebenso die Juristen, Gelehrten, Lehrer, die kleinsten Beamten aus ihren Stellen! […] Das ist jetzt Gesetz!“ und beruht auf geschichtlichen Tatsachen. Am 1. April 1933 wurden jüdische Gewerbetreibende, Ärzte und Rechtsanwälte tatsächlich einem reichsweiten Boykott ausgesetzt und die Bevölkerung dazu aufgerufen, nicht mehr in jüdischen Geschäften und Warenhäusern einzukaufen sowie jüdische Rechtsanwälte und Ärzte zu meiden. Diese Eindrücke waren auf den Strassen allgegenwärtig. Angehörige von SA, Hitlerjugend und Stahlhelm blockierten die Zugänge zu Läden, Kanzleien, Gerichten und Praxen und schikanierten Juden. All das führte zu Abholung, Deportation und Vernichtung, um Juden aus dem ‚deutschen Volkskörper‘ auszugrenzen und Deutschland, wie es hiess, ‚judenfrei‘ zu machen. Juden wurden ausgegrenzt und als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Mit Juden wurde nicht nur anders umgegangen, sondern es wurden ihnen auch nicht die gleichen Rechte wie Nichtjuden eingeräumt.

Siegfried Lichtenstaedter, promovierter jüdischer Jurist der bayrischen Finanzverwaltung und Schriftsteller, wurde 1865 geboren und erlebte antijüdisches Verhalten in seinen jungen Jahren noch recht selten. Zunehmend nahmen Vorurteile und Ablehnung gegenüber Juden jedoch zu und arteten in Hass aus, der sich vor allem ab 1920 stark bemerkbar machte. Es dauerte jedoch nicht lang und ab 1880 flammte der Antisemitismus in Europa massiv auf, obwohl es zwischen 1865 und 1945 zu einer Vielzahl gesellschaftlicher Verbesserungen kam, zu denen jüdische Staatsbürger viel beitrugen. Weshalb sich der Antisemitismus so stark ausbreitete, erklärt Lichtenstaedter damit, dass die NSDAP die Partei der sozialen Aufsteiger war. 1933 kam er zu der Erkenntnis, dass die zur Minderheit gehörenden Juden im mittel- und westeuropäischen Durchschnitt höhere soziale Stellungen bekleideten. Dies führte zu Neid und Missgunst.

Ausgezeichnete Bildung war ein gemeinsames Merkmal der jüdischen Bevölkerung und vor allem dadurch erklärbar, dass im Judentum die Lese- und Schriftkultur und eine religiös begründete Diskussionsfreude stark im Mittelpunkt stand. Im Fall von Pogromen war Bildung das Einzige, dass ihnen nicht weggenommen werden konnte. Gute Bildung führte zu einer höheren sozialen Stellung, die schlussendlich Neid schuf. In dieser Zeit des Umbruchs sahen sich die ‚Sesshaften‘ benachteiligt und fühlten sich als Zukurzgekommene. Die ‚Fremden‘ hingegen begutachteten sie halb ablehnend und mit halb neidischen Gefühlen. Die Einstellung gegenüber ihnen bewegte sich zwischen Bewunderung, Zurückhaltung, Missgunst und feindseliger Haltung. Daraus wuchsen langsam nationalantisemitische Klischees. Die ‚Sesshaften‘ sahen sich als die Bewahrer ihrer Volkstradition, während die ‚Fremden‘ als heimatlos verunglimpft wurden. Juden wurden als lebensklug und gebildet angesehen und darum beneidet. Wolf greift das Thema der Intelligenz ebenfalls in seinem Theaterstück auf:

Dr. Inge mit Extrablatt auf Mamlock zu: Lesen Sie das, Herr Professor, billigen S i e vielleicht diesen niederträchtigen Terrorakt der Kommunisten und ihrer intellektuellen Hintermänner, der Juden?
Mamlock: Der Juden? Sind sie wahninnig? [Hervorhebung VVS]

 

In Wolfs Zeitstück wird ebenfalls deutlich, dass die jüdische Bevölkerung zunehmend von der nichtjüdischen Bevölkerung abgegrenzt wird. Die Nationalsozialisten versuchen die Abgrenzung biologisch mit Pseudowissenschaften zu begründen. Sowohl geschichtlich als auch in Wolfs Werk wurden Juden als ‚Unterrasse‘ diffamiert und Nationalsozialisten sahen sich selbst als ‚edelblütige Oberrasse‘, um den Sozialneid zu verbergen. Wolf greift die Rassentheorien der Nationalsozialisten in seinem Theaterstück nicht nur am Rande auf, sondern macht sie zum zentralen Thema.

 

Der Begriff ‚Rasse‘

Das deutsche Wort ‚Rasse‘ und die englische Bezeichnung race weisen nicht die gleiche Bedeutung auf, weshalb eine Übersetzung von der einen in die andere Sprache kaum möglich ist. Der Ausdruck ‚Rasse‘ wurde benutzt, um Menschen als vermeintlich biologisch und charakterlich ‚überlegen‘ bzw. ‚minderwertig‘ zu kategorisieren und wurde als Rechtfertigung für die Greueltaten während der NS-Zeit genutzt. Es ist also fast unmöglich diesen Begriff nicht in Verbindung mit Nationalsozialismus, Kolonialismus, Rechtextremismus sowie Fremdenfeindlichkeit wahrzunehmen. Auch der Begriff race muss mit Vorsicht benutzt werden, da auch dieser im Zusammenhang mit schwerwiegenden Taten steht und deshalb immer kritisch kontextualisiert werden sollte. Der Unterschied dieser Begriffe liegt darin, dass race in den U.S.A. eine sozio-kulturelle Kategorie darstellt, mit der im allgemeinen Sprachgebrauch und in offiziellen Erhebungen verschiedene Gruppen von Menschen unterschieden werden. Der Begriff ist also nicht biologisch, sondern sozialstrukturell zu sehen und wird bei sozial- und kulturwissenschaftlicher Darstellung der U.S.-Gesellschaft verwendet.

Im englischsprachigen Raum wird das Wort race heute in verschiedenen Zusammenhängen benutzt. Einerseits in den Naturwissenschaften, vor allem in der Biologie, andererseits in den Sozialwissenschaften. Obwohl sich die jeweiligen Verwendungsweisen unterscheiden, bestehen dennoch Zusammenhänge zwischen ihnen. Im Alltag sind die biologischen Unterschiede im Vergleich zu den Bedeutungen, die diesen zugeschrieben werden, sekundär. Um die Bedeutung dieses Vorgangs zu verstehen, wurde der Begriff „Bedeutungskonstitution“ (signification) eingeführt. Dieser bezeichnet einen Darstellungsprozess, in dessen Verlauf „bestimmten Objekten, Merkmalen und Prozessen eine Bedeutung zugeschrieben wird, die ihnen ein besonderes Gewicht verleiht und sie zugleich zu Trägern einer Reihe zusätzlicher, untergeordneter Merkmale macht.“ Kurz gesagt handelt es sich hierbei um eine Art Selektion. Aus einer Anzahl verschiedener Merkmale werden gezielt einige wenige ausgewählt, denen anschliessend bestimmte Bedeutungen zugewiesen werden. Beim Diskurs über ‚Rasse‘ schliesst die Bedeutungskonstitution zwei Ebenen der Selektion ein. Die erste Ebene behandelt allgemeine biologische Merkmale, die zur Kategorisierung genutzt werden. Die zweite Ebene wählt aus einer Anzahl somatischer Merkmale diejenigen aus, die dazu bestimmt sind, angenommene Differenzen zwischen Menschen zu markieren. Menschen unterscheiden sich durch verschiedene phänotypische Merkmale voneinander, wie zum Beispiel durch ihre Grösse oder ihre Haarfarbe. Wird also der Begriff ‚Rasse‘ verwendet, so ist dies Resultat eines bestimmten Prozesses der Bedeutungskonstitution, denn bestimmten Merkmalen werden bestimmte Bedeutungen zugeschrieben. Die Merkmale werden mit einem Inhalt aufgeladen, so dass sie als Einteilungskriterium von als ‚Rasse‘ definierten Bevölkerungsgruppen verwendet werden. Menschen werden anschliessend aufgrund phänotypischer Unterschiede in Gruppen eingeteilt. In weiterer Folge werden diesen Gruppen zusätzliche spezifische und einzigartige kulturelle Merkmale auferlegt. Schlussendlich wird eine ‚Rasse‘ vorgestellt, die durch spezielle biologische und kulturelle Eigenschaften beschrieben wird. Die Vorstellung ist dadurch determiniert, dass all jenen Menschen, die bestimmte phänotypische Merkmale besitzen auch bestimmte kulturelle Spezifika nachgesagt werden. Die Annahme besteht, dass die menschliche Gattung aus verschiedenen Gemeinschaften besteht, und jeder einzelne Mensch einer spezifischen Gruppe zugeordnet werden kann. Nachdem nur bestimmte physische Merkmale ausgewählt und dem Begriff ‚Rasse‘ zugeordnet werden, ist nachvollziehbar, dass eine Einteilung der Weltbevölkerung nicht natürlichen Ursprungs, sondern menschengemacht ist. Körperlichen Merkmalen werden soziale Bedeutungen zugeschrieben, wodurch Wirklichkeiten als sozial konstruiert verstanden werden können. Produzierte Bedeutungen werden oftmals auch mit Macht verknüpft und enden dann in einem Ideologieproblem. Macht kann zwar auch ohne die Produktion von Bedeutung ausgeübt werden, doch die Verknüpfung von Bedeutung und Macht konstituiert die ideologische Instanz. Rassistische Ideologien entstehen, wenn Bedeutungen erzeugt und zugleich mit Machtstrategien verknüpft werden, die darauf abzielen, bestimmte Gruppen vom Zugang zu kulturellen und symbolischen Ressourcen auszuschliessen. Hall bezeichnet dies als ‚Ausschliessungspraxis‘. Darüber hinaus tragen sie dazu bei, bestimmte Personen symbolisch aus der Gemeinschaft auszustossen.

Dies lässt sich gut am Beispiel Nordamerikas aufzeigen, wo Einwohner:innen bei der regelmässigen Volkszählung ihre race angeben müssen. Seit der ersten Zählung, die 1790 stattfand, wird die Frage „What is your race?“ immer in abgewandelter Form gestellt. Im Jahr 2020 wurde zwischen fünf races unterschieden: Weisse, Schwarze und Afro­amerikaner, Asiaten und indigene Völker Nordamerikas, Hawaiier und andere Pazifik-Insulaner, Sonstige. Die Kriterien vermischen Hautfarbe mit geografischer und nationaler Herkunft sowie Stammeszugehörigkeit oder Sprachgruppe, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die Menschen bei der Angabe ihrer race oft verunsichert sind.

1994 haben die italienischen Biologen Luigi Luca und Francesco Cavalli-Sforza in ihrem Buch „Verschieden und doch gleich“ mithilfe genetischer Argumente dem wissenschaftlich argumentierenden Rassismus jegliche Grundlage entzogen und gezeigt, dass die Einteilung der Menschen in Rassen wissenschaftlich nicht haltbar ist. Sie haben gezeigt, dass äussere Merkmale, wie etwa die Haarfarbe, von einer Vielzahl von insgesamt 150.000 Erbfaktoren bestimmt werden und ausschliesslich auf die Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten durch die Natur zurückzuführen sind. Menschen unterscheiden sich zwar in bestimmten Merkmalen, sind aber zugleich auch gleich, da sie genetisch eine breite Mischung gemeinsamer ethnischer Merkmale aufweisen. 

 

Historische Ursprünge des ‚Rassendenkens‘ 

Isaac de La Peyrère aus Bordeaux war wohl der erste Theologe der Frühen Neuzeit, der den Monogenismus anzweifelte. Seine Vorfahren waren verfolgte Conversos aus Spanien und bekamen am eigenen Leib zu spüren, was es bedeutet, wenn die Menschheit biologisch in Gruppen, in diesem Fall in zwei Gruppen, aufgeteilt wird. 1439 verwendete der aus Toledo stammende Priester Alfonso Martínez zum ersten Mal den Begriff ‚rraça‘, um unveränderliche Wesenszüge einer Abstammungsgemein­schaft zu bezeichnen. Die etymologische Her­kunft des Wortes bleibt unklar. Damit setzte er eine Idee in die Welt, die sich später gegen in Spanien lebende Juden richten sollte.

Herrschaftskonzepte des europäischen Spätmittelalters wurden nach Amerika übertragen, als der Mundus Novus entdeckt wurde. In der Tradition der Reconquista wurden neue Gebiete nach der kastilischen Eroberung militärisch gesichert. Gleichzeitig übertrugen sich das spätmittelalterliche Feudalsystem Kastiliens und eine auf Ein- und Ausschluss basierende gesellschaftliche Ordnung auf die überseeischen Kolonien. Neben dem christlichen Glauben gewann ab diesem Zeitpunkt das spätmittelalterliche Konzept der Limpieza de sangre, also die ‚Reinheit des Blutes‘, zunehmend an Bedeutung. Unter diesem Konzept verstand man Personen, die „frei von jüdischer, moslemischer oder anders gläubiger Befleckung“ waren. Eine reine, altchristliche Abstammungslinie bestimmte, wer zur Gemeinschaft zugehörte, und sorgte damit für gesellschaftliche Ausgrenzung.

Diese Politik richtete sich gegen getaufte Juden, von denen eine Vielzahl zu Wohlstand und Ansehen kam und aufgrund dessen von vielen Altchristen beneidet wurde. Man warf den sogenannten Conversos vor, dass sie ihrem ‚Blut‘ nach weiterhin Juden seien und des­halb nicht dazu berechtigt sein sollten, den Christen rechtlich gleichgestellt zu sein. Hier wurde zwar bereits eindeutig biologistisch argumentiert, aber auch die Natur, die damals als un­mittelbar von G’tt gemachte Ordnung galt, überlagerte so religiöse und biologische Aspekte. Die Limpieza de sangre endete nicht in der Verbrennung, Verfolgung und Ausgrenzung sogenannter Kryptojuden, also jener, die zwar konvertiert sind, aber weiterhin ihre ursprüngliche Religion praktizierten. Sie wurden durchgehend verdächtigt und bespitzelt, was dazu führte, dass Tausende schlussendlich die Flucht ergriffen.

 

Nationalsozialistische Rassenideologie

Die Unterteilung der Menschen in sogenannte ‚Rassen‘ war also keine neue Erfindung der Nationalsozialisten, sondern schon einige Jahrhunderte vorher, kam es zu Überlegungen, Menschen nach bestimmten Merkmalen zu unterteilen und ihnen anhand dieser bestimmten Bedeutungen zuzuschreiben. Im Unterschied zur Rassendiskriminierung in den U.S.A., die auf die „sichtbare Unterscheidung“ der Hautfarbe beruhte, konnte die Frage, wer Jude war, nicht so einfach beantwortet werden. Die Vereinigung von ‚Rassenlehre‘ und Antisemitismus im Dritten Reich führte dazu, dass es ausgeschlossen war, dass sich ‚jüdisch‘ Identifizierende dieser Zuschreibung entkommen konnten, da die Identität nicht wie eine Glaubensrichtung gewechselt werden kann. Klemperer beschreibt dies als eine Neuerung des rassistischen Antisemitismus in der NS-Ideologie:

Zu allen früheren Zeiten galt die Feindschaft gegen die Juden einzig dem ausserhalb des christlichen Glaubens und der christlichen Gesellschaft stehenden Menschen; die Annahme der Landeskonfession und -sitte wirkte ausgleichend und (mindestens für die nachfolgende Generation) verwischend. Indem der Rassegedanke den Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden in das Blut verlagert, macht er jeden Ausgleich unmöglich, verewigt die Scheidung und legitimiert sie als gottgewollt.

 

Die äusseren Erscheinungsmerkmale schafften kaum Klarheit, weil Juden oft nicht so ‚jüdisch‘ aussahen, wie es sich die Nationalsozialisten vorgestellt haben, aber auch Nichtjuden sahen nicht immer der Definition der Nationalsozialisten nach ‚arisch‘ und ‚nordisch‘ aus. Vor allem in den nördlichen Teilen Europas wie auch Mitteleuropas, entwickelten sich Interessensgruppen, die zum Ziel hatten, den ‚nordischen Menschen‘, der später oftmals mit dem aus dem Bereich der Sprachwissenschaft kommenden Begriff ‚Arier‘ gleichgesetzt wurde, mit als positiv empfundenen körperlich und geistig überlegenen Merkmalen aufzuladen. Im Jahre 1925 wurde dann auf Initiative des Rassentheoretikers Alfred Ploetz die Nordische Bewegung gegründet. Die Stichwörter ‚Rassenkunde und -hygiene‘ oder ‚Eugenik‘ stiessen zunehmend auf steigende Resonanz in der Bevölkerung. ‚Rassenkunde‘ wurde dabei als eine physisch-anthropologische, die ‚Rassenhygiene‘, manchmal auch als ‚Erbhygiene‘ bezeichnet. Die ‚Rassenbiologie‘ entstand aus der Verknüpfung der (mendelistischen) Erblehre mit der Anthropologie. Menschliche Erblehre und Erbbiologie entsprechen heute in etwa unserem heutigen Begriff der Humangenetik. Hitler propagiert in „Mein Kampf“, dass die ‚arische Rasse‘ genaue Merkmale aufweise, nämlich Schönheit, hoher Wuchs, blaue Augen und blonde Haare. Diese Beschreibung traf Hitlers Verständnis nach selbstverständlich nicht auf jede Person zu, die seinem Verständnis nach als ‚Arier‘ bezeichnet werden sollte. Aufgrund dieser Tatsache sollte eine Kennzeichnung eingeführt werden, die sofort sichtbar machen sollte, ob es sich bei einer Person um einen Juden oder Nichtjuden handelte. Hierfür wurden verschiedenste Massnahmen getroffen, eine davon betraf den Namen. Trug ein Jude einen nicht erkennbaren jüdischen Namen, musste dieser einen typisch jüdischen Vornamen an seinen eigenen anhängen. Fortan gab es eine jüdische und deutsche Namensliste und Juden sowie Deutsche durften nur noch Namen aus diesen Listen auswählen. Eine weitere Massnahme zur Ausgrenzung stellte der gestempelte Buchstabe „J“ im Pass und auf der Lebensmittelkarte dar, der für ‚Jude‘ stand.  Schlussendlich folgte der Judenstern zur Markierung des ‚Anderen‘.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde der jüdischen Bevölkerung bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte, durch verschiedene Akte der Juden-Emanzipation, zugestanden. Anschliessend kam er zwar zum Antisemitismus und zur Diskriminierung, aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten Juden in Deutschland zunehmend ein Leben wie Nichtjuden führen. Vermehrt distanzierten sie sich immer stärker von jüdischen Traditionen und Bräuchen und wurden ironisch auch als ‚Dreitagejuden‘ bezeichnet, da diese nur mehr an den drei hohen jüdischen Feiertagen eine Synagoge aufsuchten. Die meisten sahen sich als Deutsche und identifizieren sich in erster Linie mit Deutschland, in zweiter Linie bezeichneten sie sich erst als Juden. Auf diese Situation trafen die Nationalsozialisten und versuchten die Assimilation wieder rückgängig zu machen. Durch Propagandamassnahmen versuchten sie ein Bild von ‚dem‘ Juden aufzubauen, der als „Schmarotzer im deutschen Volkskörper“ gezeichnet wurde. Ziel war es, die jüdische ‚Fremdartigkeit‘ aufzuzeigen und ihnen ihre Rechte erneut wegzunehmen.

Nationalsozialisten waren auch die von ihnen als ‚gemischte Familien‘ bezeichnete Familien ein Dorn im Auge. In den Jahren 1930 bis 1932 heirateten 22,5Prozent der alleinstehenden Juden einen nichtjüdischen Partner. Das ergab 36,7Prozent der von den Nationalsozialsten bezeichneten ‚Mischehen‘ auf 100 Ehen mit jüdischen Partnern. Es wurden Massnahmen ergriffen, um speziell gegen diese Bevölkerungsgruppe vorzugehen. Nichtjüdische Partner wurden von der Gestapo vorgeladen und mit deutlichen Drohungen traktiert und es wurde ihnen nahgelegt die Ehe scheiden zu lassen. Einige taten dies schlussendlich auch, doch viele folgten den Drohungen nicht. Schliesslich wurden gesetzliche Massnahmen zur Umsetzung dieser Forderungen erlassen. Mit dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ am 19.9.1935 wurde verfügt:

§1: Eheschliessungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig.

§2: Ausserehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes ist verboten.

 

Für die Nationalsozialisten galten auch Kinder, die aus solchen Ehen hervorgingen, als besonders problematisch. Ab 1935 wurde ein aufwendiges Ordnungssystem ins Leben gerufen, das bei der Sortierung der Abstammung helfen sollte. Es sollte aufgezeigt werden, wer wie viel jüdische Abstammung enthielt, wer Jude war bzw. als Jude zu gelten hatte. Als Jude wurde definiert „wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Grosseltern abstammt, wobei als volljüdisch gilt, wer der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört.“ Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurde festgelegt, dass Beamte ‚nichtarischer Abstammung‘ in den Ruhestand versetzt werden mussten. Dazu gehörten jene Personen, die einen Eltern- oder Grosselternteil hatten, der der jüdischen Religion angehörte. Das wurde auch auf Grundlage des in Zukunft vorzulegenden ‚Ariernachweises‘ überprüft.  Die wichtigste Aufgabe des Staates sei die „Reinerhaltung der Rasse“. Eine Vermischung von einer „hohen Rasse“ mit einer „niedrigen“, führe in Hitlers Denken zum „Siechtum“ und langsam, aber stetig zum Untergang der „höheren Rasse“. Die Einteilung von Menschen in ‚Rassen‘ auf Basis körperlicher Merkmale oder ihrer Herkunft ist eng mit rassistischen Denkstrukturen verbunden. Im Wörterbuch der Nationalsozialisten gehörte der Begriff ‚Rasse‘ zu den wichtigsten Begriffen. Auch heute noch gibt es nicht die eine Definition von Rassismus, aber viele Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Definitionen. Meist werden die zwei Gruppen ‚Wir‘ und ‚die Anderen‘ einander gegenübergestellt. Letztere werden dahingehend abgewertet, da man diese von ersteren abgrenzt. Eine Definition von Danielzik lautet wie folgt: 

Charakteristisch für Rassismus ist, dass auf Grundlage physischer und/oder vermeintlicher kultureller oder religiöser Merkmale (zum Beispiel ein Kopftuch, eine Kippa) bzw. auf Grundlage von Herkunft oder Nationalität Menschen kategorisiert und zu Gruppen zusammengefasst werden.

 

Eine weitere Definition nach Kalpaka und Räthzel hingegen definiert Rassismus folgendermassen: 

Wird eine so als ‚Rasse‘ konstruierte Gruppe gegenüber der eigenen als minderwertig eingestuft und führt diese Auffassung zur Ausgrenzung und Marginalisierung dieser Gruppe, handelt es sich um Rassismus. Rassismus ist also unserer Auffassung nach mit Macht verknüpft. Nur wenn die Gruppe, die eine andere als minderwertige ‚Rasse‘ konstruiert, auch die Macht hat, diese Konstruktion durchzusetzen, kann von Rassismus gesprochen werden.

 

Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde an Schulen und Universitäten in Deutschland das Fach ‚Rassenkunde‘ eingeführt und gelehrt. Es wurde Wert darauf gelegt, Lernenden den Grundsatz zu vermitteln, dass Menschen in ethnische Gruppen von unterschiedlichem Wert eingeteilt werden können. Der NS-Ideologie nach, stand ganz oben an der Werteskala die ‚nordische Rasse‘ der Germanen, am anderen Ende die von der NS-Ideologie als ‚Untermenschen‘ bezeichneten Juden. Die Schule wurde im Nationalsozialismus zum Werkzeug der Politik, wo in allen Unterrichtsfächern der Führerkult gepflegt und ein ‚Rassenbewusstsein‘ erzeugt werden sollte. Vor allem das Schulfach Biologie spielte eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung dieser ‚Werte‘ und gewann dadurch an Prestige. Seit Anfang des Jahrhunderts forderten Rassenhygieniker eine Umorientierung in den Schulen, die Hitler schlussendlich auch, in seinem Sinne jedoch, umsetzte:

Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates muss ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmässig in das Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt. Es soll kein Knabe und kein Mädchen die Schule verlassen, ohne zur letzten Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit geführt worden zu sein.

 

Ab 1904 war das „Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“ als Zeitschrift sowie das „Kruppsche Preisausschreiben“ innerhalb der deutschen Entwicklung wichtig, um Fächer wie ‚Rassenhygiene‘ und ‚Rassenkunde‘ an Universitäten und Hochschulen einzuführen sowie die breite Öffentlichkeit mit deren Zielen und dem neuen Vokabular bekannt zu machen. Vor allem die Denunziation von Juden als ‚Rassenschänder‘ war als antisemitisches Ressentiment weit verbreitet. Durch diesen Ausdruck konnte das Selbstwertgefühl der Nationalsozialisten nochmals gesteigert werden. Vor allem in der Arbeiterschicht führte dies zu einem Überlegenheitsgefühl. Durch die Propagierung einer ‚homogenen Rasse‘ und der Zugehörigkeit des Einzelnen zu einer starken und elitären Gemeinschaft steigerte Hitler das Nationalgefühl. Somit wurde eine Egalisierung der Gesellschaft vorgetäuscht. Adolf Hitler predigte das „Recht des Stärkeren“ im Umgang mit der von ihm als ‚minderwertig‘ bezeichneten ‚Rasse‘. Damit diese Idee für alle verständlich gemacht werden konnte, kam ab dem Jahr 1928 ein kleines Büchlein auf den Markt, das den Titel „Kleine Rassenkunde des deutschen Volks“ trug und von Professor Dr. Hans F.K. Günther verfasst wurde. 1922 verfasste er bereits sein Werk „Rassenkunde des deutschen Volks“, das bis zum Zusammenbruch des Dritten Reichs ein Beststeller war und ihm zum persönlichen Erfolg verhalf. Das Buch diente als Wegweiser, in dem die Merkmale und Eigenschaften der ‚europäischen Menschenrasse‘ angeführt waren. Es enthielt Vorschläge zur Nutzanwendung und war reich bebildert. Die wissenschaftlich klingenden Erkenntnisse wurden von Politikern in die Praxis umgesetzt und zur Diskriminierung sowie Verfolgung genutzt. Bei Günther verschmolzen Wissenschaft, Ideologie, Gesellschaft und Politik zu einem ‚rassenhygienisch‘ motivierten Weltbild, das popularisiert wurde. Die ersten Grundsteine zur ‚Rassenhygiene‘ wurden so gelegt und bildeten den Anfang einer furchtbaren Zukunft. Der Rassegedanke wurde durch Begriffe wie ‚Rassenreinheit‘ und ‚Rassenschande‘ ideologisch untermauert und diente als Rechtfertigung für Völkermord und systematische Verfolgung. Positive Ausdrücke wie ‚Rassenpflege‘ und ‚Rassenhygiene‘ spielten ebenfalls eine bedeutungsvolle Rolle. Nicht zu übersehen ist, dass das Grundwort ‚Rasse‘ in der NS-Ideologie die wichtigste Rolle aller Wörter spielte. Protagonisten der ‚Rassenhygiene‘ waren der Mediziner Wilhelm Schallmayer, der 1903 mit seinem Werk „Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker“ der nationalsozialistischen ‚Rassenhygiene‘ ein Programm vorgab und Alfred Ploetz, der 1905 die „Gesellschaft für Rassenhygiene“ gründete. 1936 ernannte Hitler letzteren zum Professor. Interessant hierbei ist, dass im Jahr 1931 die „Gesellschaft für Rassenhygiene“ ihrem Namen in Klammer das Wort ‚Eugenik‘ hinzufügte, um dadurch die Gleichheit von ‚Eugenik‘ und ‚Rassenhygiene‘ auszudrücken. Drei Jahr später, 1934, erfolgte jedoch die Streichung des Zusatzes.

Ein jüngerer Vertreter der ‚Rassenlehre‘ war Fritz Lenz, der in „Professor Mamlock“ auch namentlich erwähnt wird. Dieser wurde 1887 im Pommern geboren. Nach einem kurzen Versuch des Medizinstudiums in Stettin, verschlug es ihn nach Freiburg, wo er noch als Student auf den ‚Rassenhygieniker‘ Eugen Fischer traf. Ab 1909 engagieren sich beide in der Freiburger Ortsgruppe der „Gesellschaft für Rassen­hygiene“. Nach seiner Habilitation über Schmetterlinge wendet er sich 1921 erneut Fra­gen der menschlichen Erbgesundheitslehre zu.

1923 wurde in München der erste deutsche Lehrstuhl für Rassenhygiene errichtet und mit Friedrich Lenz besetzt. In Berlin-Dahlem wurde 1927 das „Kaiser-Wilhelm-Institut für „Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ geschaffen und Gründungsdirektor wurde Eugen Fischer. Mit dieser Institutionalisierung gewannen in Deutschland ‚Eugenik‘ und ‚Rassenhygiene‘ einen besonderen Status. Dieses entstand in den zwanziger Jahren aufgrund zahlreicher Bemühungen von Medizinern und Genetikern, zu denen auch Erwin Baur zählte, und sollte sich mit Fragen der Anthropologie, Humangenetik und ‚Rassenhygiene‘ befassen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die genannten Gebiete an den Hochschulen noch nicht fest etabliert. Schlussendlich wurde die Einrichtung damit begründet, dass diese Wissensgebiete, beispielsweise in den U.S.A. und Frankreich, besser gepflegt werden würden als in Deutschland, wo man sich bisher nur mit Tier- und Pflanzengenetik befasste. Ein weiterer genannter Grund bestand darin, dass mit der Schaffung einer streng wissenschaftlichen, von politischen und anderen Strömungen unabhängigen Forschungsstätte den „unzureichenden und dilettantischen Versuchen auf diesen Gebieten entgegengetreten“ werden konnte. Zu dem bekanntesten Mitarbeiter des Instituts zählte Dr. Dr. Josef Mengele. 1920/1921 brachten Professor Fischer, sein Schüler Lenz, der später Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts wurde, und der Botaniker Erwin Baur ein zweibändiges Kompendium unter dem Titel „Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“ heraus, das verkürzt auch „Baur-Fischer-Lenz“ genannt wurde. In der Einleitung schreiben die Autoren:

Wenn wir nicht wissen, welche verschiedenen Rassenbestandteile ein Volk zusammensetzen, nach welchen Gesetzen die Rassenunterschiede und die zahllosen Unterschiede der Einzelmenschen vererbt werden und wie Auslesevorgänge auf ein Volk einwirken, tappen wir mit allen Betrachtungen über die Wirkung von sozialen und politischen Einflüssen auf die Beschaffenheit eines Volkes völlig im Dunkeln. Ohne diese Kenntnis vorgenommene gesetzgeberische Eingriffe auf dem Gebiet der Bevölkerungspolitik und Rassenhygiene wären ebenso zu bewerten wie die gemeingefährliche Quacksalberei eines ungebildeten Laien.

 

Es fällt auf Anhieb auf, dass in der Einleitung gar nicht in Frage gestellt wird, ob es ‚Rassen‘ überhaupt gibt, sondern dies als gegebenes Faktum dargestellt wird. Ziel ist nur, dass man die Vererbung versteht, damit man die richtigen sozialen und politischen Entscheidungen treffen könne. Im zweiten Band soll die Leserschaft lernen, wie man einer ‚Entartung‘ entgegenwirkt:

Dort werden zunächst die Auslesevorgänge, welche sich in unseren Bevölkerungen abspielen, dargestellt, mit dem Ergebnis, dass die erbliche Beschaffenheit unserer Bevölkerung in der Gegenwart sich im ganzen in ungünstiger Richtung ändert. In den letzten Abschnitten wird dann die praktische Rassenhygiene behandelt, d. h. es wird untersucht, wie man dieser Entartung Einhalt tun und wie man das Leben der Rasse in möglichst günstige Bahnen lenken könne. Insbesondere wird auch dargestellt, wie der einzelne Mensch und die einzelne Familie ihr Leben im Sinne praktischer Rassenhygiene gestalten könne.

 

Es wird darauf hingewiesen, dass zur Zeit des Verfassens des Kompendiums, sich die Bevölkerung in eine schlechte Richtung entwickelt und etwas dagegen getan werden muss. Es müsse das Leben nach der ‚praktische Rassenhygiene‘ gestaltet werden. Nicht nur in Deutschland hielt die Mehrheit der Gesellschaft, das, was im Kompendium geschrieben wurde, als wissenschaftlich erwiesen. Kritiker an den darin geschilderten Theorien gab es kaum und wenn Kritik geübt wurde, dann nur von jüdischer Seite. Baur, Fischer und Lenz beschreiben darin den als gehässig und umgangssprachlich bezeichneten „krummen Judenzinken“ wissenschaftlicher klingend als „dominant erbliche konvexe Nase“. Über die Juden schreibt Fischer, dass sie Angehörige einer ‚vorderasiatischen Rasse‘ seien, die aus dem Bereich der Europäer „völlig herausfallen“. Daraus schlussfolgerte er, dass man „sehr wohl von den Rassenmerkmalen und den der Rassen der Juden und Germanen sprechen und beide scharf und deutlich unterscheiden kann“. Lenz ergänzte Fischers Behauptungen mit damit einhergehenden Gefahren für die Bevölkerung. Mithilfe von Statistiken behauptet er, dass Juden häufiger erblich blind und taubstumm und besonders anfällig für manische und melancholische Störungen seien. Der ‚nordische Mensch‘ hingegen, sei an der „Spitze der Menschheit.“ Der Rassismus zielte nicht nur auf die Herabwürdigung einer ‚anderen Menschengruppe‘ ab. Auch die Selbsterhebung des eigenen Grosskollektivs führte zu einem besonderen Selbstbewusstsein der Deutschen. Lenz' Auffassung nach verbarg sich hinter der NSDAP die erste politische Kraft, die die Bedeutung der ‚Rassenhygiene‘ erkannte und ins Zentrum stellte. Diese sei auch bereit, dem „rassischen Niedergang Europas“ Einhalt zu gebieten. Noch im Oktober 1933 wurde Lenz Abteilungsleiter für Eugenik im Kaiser-Wilhelm-Institut. 1937 erfolgt der Eintritt in die NSDAP und 1940 die Mitgliedschaft im „Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund“. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs zog er sich zwar von seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten zurück, doch suchte er nach der deutschen Niederlage erneut einen Weg als Hochschullehrer. Bei einem ehemaligen Kollegen bat er um ein Leumundszeugnis, das seine Entnazifizierung beschleunigen sollte. Er beteuerte, dass er niemals ein Fanatiker gewesen sei und vielen Massnahmen Hitlers skeptisch gegenüberstand. Lenz wird im Zuge seines Entnazi­fizierungsverfahrens nur als Mitläufer (Stufe IV) eingestuft und arbeitete ab 1946 fünf Jahre lang als ausserordentlicher Professur in Göttingen. 1951 schrieb er einen Brief mit folgenden Worten: „Mir ist auch das Schicksal, das Millionen von Juden betroffen hat, sehr schmerzlich; aber das alles darf uns doch nicht bestimmen, bio­logische Fragen anders als rein sachlich zu betrachten.“

 

Auch Günther, der auch als „Rassengünther“ bezeichnet wurde, konnte ein sorgloses Leben nach dem Dritten Reich führen. 1929 veröffentlichte er zwar das Werk mit dem Titel „Rassenkunde des jüdischen Volkes“, konnte aber nach dem Zusammenbruch der NS-Zeit bescheinigen, dass er nie antisemitische Hetze betrieben und niemals die Grenze zwischen Wissenschaft und Gelehrsamkeit überschritten hatte. Eigenen Angaben nach sei er auch nie Mitglied der NSDAP gewesen. Diese zeigte sich ihm erstaunlicherweise jedoch trotzdem sehr zugewandt und propagierte seine ‚Rassenforschung‘. 1930 wurde er vom nationalsozialistischen Minister Frick zum Professor an der Universität Jena ernannt und erhielt 1935 den Preis der NSDAP für Wissenschaft mit folgender Begründung:

Das Ringen der NSDAP hat sich von ihrem ersten Tage an aus den Erkenntnissen der Rassenkunde und des Schutzes des gesunden deutschen Blutes aufgebaut. In diesem Kampf hat der Forscher Dr. Hans Günther Entscheidendes für die Gestaltung dieser Rassenkunde und der Ausbildung des heldigen Gedankens unserer Zeitepoche beigetragen In seinen vielen Schriften und vor allen Dingen in seiner ‚Rassenkunde des deutschen Volkes‘ hat er geistige Grundlagen gelegt für das Ringen unserer Bewegung und für die Gesetzgebung des nationalsozialistischen Reiches.

 

Wissenschaftlich komplett wertlos, legten die Publikationen Günthers die geistige Grundlage für die nationalsozialistische Politik, die in der Ermordung von Juden endete, und mit der Degradierung zur Staatsangehörigen „minderen Rechts“ begann. Für die Anhänger der NS-Ideologie stellten Antisemitismus und ‚Rassenlehre‘ Synonyme dar und trugen zur Verbreitung des rassistischen Antisemitismus bei: „Durch die wissenschaftliche, vielmehr pseudowissenschaftliche Rassenlehre begründet […] rechtfertigt man alle Ausschweifungen und Ansprüche der nationalistischen Überheblichkeit, jede Eroberung, jede Tyrannei, jede Grausamkeit und jeden Massenmord.“

 

Bis heute gibt es keine klare Definition, was genau unter dem Begriff Antisemitismus zu verstehen ist, doch eine der bekanntesten und von den meisten akzeptierten ist jene der International Holocaust Remembrance Alliance und lautet wie folgt: 

„Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.” 

 

Figurenanalyse

„Denn sein Kleid, seine Sitte, seine Bildung und seinen Glauben kann der Mensch wechseln, sein Blut nicht.“

 

Das Werk „Professor Mamlock“ spielt in der Zeit von 1932 bis April 1933. Ein wesentlicher Handlungsort des Theaterstücks ist eine chirurgische Station. Medizin spielt eine zentrale Rolle, was auch daran bemerkbar ist, dass mehr als die Hälfte der Figuren in dem Werk Ärzte sind oder zum Krankenhauspersonal gehören. Der Anfang des ersten Akts zeigt auf der chirurgischen Station noch eine neutrale Atmosphäre, doch nach und nach macht sich bemerkbar, dass sich ein Teil der nichtjüdischen Figuren zunehmend auf ihre ‚arische‘ Abstammung beruft, um sich von den jüdischen Figuren bewusst abzugrenzen und Handlungen zu legitimieren. Die Spannungen zwischen den Assistenzärzten und dem Chefarzt sind bereits zu Beginn des Theaterstücks deutlich erkennbar. In dem Stück spielen Blut, ‚Rasse‘ und pseudowissenschaftliche Theorien eine zentrale Rolle. Es soll untersucht werden, wie die ‚Rassenlehre‘ in den einzelnen Figuren des Stücks thematisiert wird und in welcher Weise Wolf die Themen Medizin und ‚Rasse‘ auf der Bühne inszeniert. Im Folgenden werden die Figuren in jüdische und nichtjüdische Figuren aufgeteilt und ihr Verhältnis zueinander, die Geschichte im Hinterkopf behaltend, genauer analysiert. 

 

Jüdische Figuren

Im Folgenden werden die jüdischen Figuren Professor Mamlock, Dr. Hirsch und Simon näher untersucht. Im Fokus steht insbesondere das Thema Abstammung, wobei untersucht wird, in welchem Kontext, auf welche Weise und durch welche Figuren es zur Sprache gebracht wird.

 

Professor Mamlock

Professor Mamlock ist der Chef der chirurgischen Station und wird als ein Arzt beschrieben, der nicht nur für seinen Beruf lebt und anderen helfen möchte, sondern auch der Beste auf dem Gebiet der Chirurgie ist. Sein erster Assistenzarzt Dr. Hirsch, ebenfalls Jude, beschreibt ihn als einen Mann mit grossem Pflichtbewusstsein, der bereits nach zwei Wochen wieder im Operationssaal stand, als seine Mitarbeiter ihm einen wandernden Splitter und ein abgestorbenes Knochenstück aus dem Bein entfernt haben. Es ist erkennbar, dass Dr. Hirsch grosse Bewunderung für Professor Mamlock hegt. Auch der nichtjüdische Dr. Seidel, der Chefredakteur des „Neuen Tagblatts“ ist und eine Operation benötigt, sagt: 

„Ja, glauben Sie, meine Herren, ich würde mich von einem anderen Chirurgen operieren lassen als von Mamlock? […] Nicht mal vom Chefchirurgen des King of England and the British Empire! Ausgeschlossen!“ 

 

Im Vergleich dazu, empfindet die nichtjüdische Assistenzärztin Dr. Inge Ruoff, diese Art der Tüchtigkeit von Professor Mamlock negativ. In ihren Augen ist diese Art eine, die „förmlich provoziert“. Der erfahrene Chirurg Hans Mamlock führt die schwierigen Operationen selbst durch und die Assistenzärztin Dr. Inge Ruoff äussert deshalb ihren Unmut über Mamlocks Praxis, die schwerkranken Patienten selbst zu übernehmen und die weniger anspruchsvollen Fälle dem jüngeren Personal zu überlassen. Ihre Beobachtungen werden von Dr. Hellpach bestätigt, der Mamlock als ein Hindernis für das berufliche Fortkommen der Assistenzärzte sieht. Dadurch kommt er zu dem Schluss, dass die jüngeren Kollegen keine Chance für einen Aufstieg haben, solange Mamlock Chefarzt ist.

An diesen Stellen wird bereits ersichtlich, dass Professor Mamlock ein überaus talentierter Chirurg ist, wie ihm von allen Seiten zugesprochen wird, zeitgleich wird auch deutlich, dass Neid sich bei einigen Assistenzärzten ausbreitet. Aly schreibt in seinem Buch, dass höhere Stellung Neid schaffe und dies lässt sich gut sowohl an Dr. Inge Ruoff als auch an Dr. Hellpach aufzeigen. Während im ersten Akt erste Anzeichen von Abgrenzung und Ausgrenzung durch Dr. Inge Ruoff und Dr. Hellpach deutlich werden, zeigt sich Professor Mamlock als apolitisch und einigend: „Meine Herren, so sehr uns manches unter den Nägeln brennt, hier in meiner Klinik wünsch ich in Zukunft keine Politik mehr. Hier bei unserer Arbeit gibt es nur Ärzte und Kranke, Ärzte und Kranke, sonst nichts!“ Der Protagonist merkt bereits, dass Politik spaltet und die Gesellschaft trennt, doch er selbst ignoriert die ersten aufkommenden Anzeichen einer Spaltung ausserhalb der Mauern im Spital. Auch er trennt die Menschen im Krankenhaus, jedoch nur in Kranke, die Hilfe benötigen und Ärzte, die Hilfe leisten. Wissenschaft steht bei ihm hoch im Kurs: „Hier in meiner Klinik intra muros endet die Politik, hier herrscht die Wissenschaft.“ [Hervorhebung VVS].

Nach und nach dringen die Stimmen ausserhalb der Mauern in das Spital und auch intra muros, wie es im Stück heisst, wird die gesellschaftliche Spannung zum Thema und scheint nicht mehr aushaltbar. Während er von seinen Mitarbeitern langsam, aber sicher aufgrund seiner Herkunft diffamiert wird, sieht sich Professor Mamlock als einer von ihnen. Er fühlt sich ebenfalls als deutscher Staatsbürger: „Aber ich liebe auch unser Land, in dem ich geboren bin, in dem ich lebe [Hervorhebung VVS].“ An dieser Stelle zeigt sich eine Realität, die Anfang des 20. Jahrhunderts für viele Juden bestand. Einerseits konnten sie zunehmend ein Leben wie Nichtjuden führen, was sich daran erkennen lässt, dass Professor Mamlock als Chirurg gemeinsam mit Nichtjuden im Krankenhaus tätig ist, andererseits identifizierten sich die meisten Juden in erster Linie als Deutsche. Die Nationalsozialisten versuchten die Assimilation rückgängig zu machen und durch gezielte Propagandamassnahmen ein Bild von ‚dem‘ Juden aufzubauen. Gleiches finden wir im Werk in den Figuren Dr. Inge Ruoff und Dr. Hellpach wieder, die ebenfalls Professor Mamlock ‚anders‘ als sich selbst sehen, während dieser sich selbst als Deutscher identifiziert.

Verwunderlich ist, dass er selbst den Begriff ‚Rasse‘ verwendet und sich dadurch indirekt selbst stigmatisiert:

Mamlock: Wie oft hast du eigentlich schon gespendet die letzten zwei Jahre?
Simon: Fünfzehnmal. […]
Mamlock zu Dr. Seidel: Wunderbar, wie sich sein artfremdes Blut ohne jede Koagulation dem der Andersrassigen assimiliert. – Du bist doch völliger Jude, Simon? [Hervorhebung VVS]

 

Professor Mamlock, der zunächst keine Unterschiede zwischen Personen wahrnahm, greift hier das Vokabular der Nationalsozialisten auf, und spricht nun selbst von ‚Andersrassigen‘ und ‚völligen Juden‘, wobei er sich als Teil dieser Gruppe versteht, vergleichbar mit Simon. Es dauert nicht lange, bis die bereits oben genannten Propagandamassnahmen ihren Weg ins Radio finden und von da an, ohne Ausnahme, von allen Bürger:innen wahrgenommen wurden:

Man hört aus dem Nebenraum das angestellte Radio, mit schnarrender, sich oft überschlagender Stimme: „… diesen Verbrecherakte fremdstämmiger, ostischer Untermenschen setzen wir entgegen eine neue Vision des arischen Menschen, eine alte, vielleicht letzte Konzeption der nordischen Rasse…“ […]
„… Nachdem aber diese Verbrecherbrut Feuer gelegt hat an das Haus unseres Volkes, wird nichts mich hindern diese fremdrassige Mörderpest mit eiserner Faust zu zerschmettern [Hervorhebung VVS].“ 

 

Wolf greift in seinem Theaterstück gezielt benutztes Vokabular der NS-Ideologie auf. Die ‚nordische Rasse‘ der Germanen, die von den Nationalsozialisten als ‚beste Rasse‘ propagiert wurde, wurde den Juden gegenübergestellt, die sie als ‚Untermenschen‘ bezeichneten. Durch das Wort ‚Fremde‘ werden Juden im Stück gezielt abgegrenzt und an den Pranger gestellt. Es wird ebenfalls eine mittelalterliche Anschuldigung aufgegriffen und Juden werden als ‚fremdrassige Mörderpest‘ bezeichnet. Zur Zeit der Pestepidemien wurde ein Sündenbock für die Verbreitung der Pest gesucht und von der allgemeinen Bevölkerung in der jüdischen Bevölkerung gefunden. Sie wurden für die Ausbreitung der Seuche verantwortlich gemacht, was Anstoss für zahlreiche Pogrome gab.

Die Gegenfigur Professor Mamlocks ist Dr. Hellpach, der mit der Zeit zu einem überzeugten Nationalsozialisten wird. Noch vor kurzem als Mamlocks Assistenzarzt tätig, wird Dr. Hellpach nun zur grössten Bedrohung für ihn:

Mamlock zu Dr. Hellpach: Und wo … ist hier die Rechtsgrundlage, die innere Rechtsgrundlage, ich meine das fair play, der innere Anstand, die Sauberkeit, von der Sie so viel reden, die primitivste Gerechtigkeit, die unter Menschen herrscht!? Sie selbst kamen auf meine Klinik, warum? Stärker. Weil ich ein Idiot war, oder ein Scharlatan, oder ein Minderwertiger, ein „Untermensch“? Oder vielleicht, weil Sie bei dem Juden Mamlock etwas lernen konnten, junger Mann… [Hervorhebung VVS]“

 

Professor Mamlock, der anfangs noch naiv war und glaubte, Politik aus seinem Privatleben heraushalten zu können, wird im Verlauf der Handlung eines Besseren belehrt. Er wirft Dr. Hellpach vor, dass er als jüdischer Chirurg gut genug war, um etwas von ihm zu lernen, jetzt aber von diesem als ‚Untermensch‘ bezeichnet wird, der ‚minderwertiger‘ ist. Schlussendlich erkennt Professor Mamlock, dass er nicht als Deutscher akzeptiert wird. Auch seine Stellung als angesehener Arzt kann ihm nicht mehr helfen. Die politische Lage im Land verändert sich radikal und er muss erkennen, dass er nun als ‚Fremder‘ in seinem eigenen Land gesehen wird. Das Land, dem er sich verbunden fühlt, wendet sich nun von ihm ab:

Mamlock, er ist völlig verändert, gar nicht mehr er selbst, sein Kragen und Hemd sind zerknüllt, sein Rockkragen ist hochgeschlagen, um den Hals hängt an einer Schnur ein Pappeldeckelschild mit der Aufschrift: Jude!
Simon: Sie waren dreissig gegen uns drei; dann hängte man ihm das Schild um [Hervorhebung VVS].  

 

Professor Mamlock wird besonders zur Zielscheibe der Nationalsozialisten, nicht nur weil er Jude ist, sondern, weil er ein gebildeter Jude ist. Auch an dieser Stelle bleibt Wolf nah an der Realität. Als Folge des Gesetzes vom 1. April 1933 verloren rund 2000 Universitätslehrer und Forschende, die von den Nationalsozialisten als ‚nichtarisch‘ eingestuft wurden, ihre Anstellungen. Im Mai 1933 folgten dann Bücherverbrennungen auf dem Opernplatz in Berlin und in anderen Universitätsstädten. ‚Undeutsche‘ Schriften, wie jene von Heinrich Heine und Sigmund Freud, wurden verbrannt und Goebbels erklärte, dass das „Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus nun zu Ende sei.“

 

Dr. Hirsch

Der einzige jüdische Assistenzarzt ist Dr. Hirsch, der ein gutes Verhältnis zu Professor Mamlock pflegt und ihm Vergleich zu den anderen Assistenzärzten nicht mit Missgunst begegnet. Als Jude ist er derselben Form der Ausgrenzung ausgesetzt wie Professor Mamlock: „Wir sind entlassen, fristlos, alle Juden, neueste Verfügung.“ [Hervorhebung VVS] Dr. Hirsch spricht von einem ‚wir‘, zu dem nicht nur Professor Mamlock und er gehören, sondern alle Juden. Dem ‚wir‘ entgegenstehen die ‚anderen‘, die in der Mehrheit sind und immer mehr an Macht gewinnen. Als im Radio über ‚Untermenschen‘ und ‚fremdrassige Mörderpest‘ gesprochen wird, gerät Dr. Hirsch in eine Situation, die ausserhalb seiner Kontrolle liegt. Ständig nimmt er seinen Koffer in die Hand und stellt diesen wieder ab, weil er nicht weiss, wie er nun handeln soll. Er spricht bloss die Worte „Mania hallucinateria epidemica“  aus und verweist damit auf eine krankhafte Sinnesstörung im Sinne der Massenpsychose. Eine Gruppe denkt zur gleichen Zeit irrational und nicht mehr logisch. Dr. Hirsch ist sich dessen bewusst, dass er sich als Jude eindeutig in der Unterzahl befindet und fühlt sich in die Ecke gedrängt. Dr. Hirschs Situation erinnert an die Situation der Maus in Franz Kafkas „Kleine Fabel“:

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ - „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und frass sie.

 

Dr. Hirsch merkt, wie auch die Maus, dass er immer mehr in die Enge getrieben wird und die Aussicht auf ein Entkommen immer aussichtsloser erscheint. Er wird sich an dieser Stelle bewusst, dass sein Schicksal besiegelt zu sein scheint und voller Tragik steckt. Einem Schicksal, dem er in die Augen sehen muss, aufgrund seiner Abstammung.

 

Simon

Simon ist ein Krankenpfleger im Spital und somit ebenfalls ein wichtiges Mitglied des Personals. Ebenso wie die beiden vorigen Figuren, wird seine Abstammung im Stück betont: „Du bist doch völliger Jude, Simon?“ [Hervorhebung VVS] Simon spendet immer wieder Blut, sodass sich Professor Mamlock wundert, ob er überhaupt noch eine Vene hat, die nicht angestochen ist. Interessanterweise baut Wolf hier erneut eine Szene ein, in der Blut eine zentrale Rolle spielt. Es ist auch ausgerechnet eine jüdische Figur, die Blut spendet und damit etwas Gutes tut, dessen Blut, aber von den nichtjüdischen Ärzten als ‚minderwertig‘ eingestuft wird. Professor Mamlock bezeichnet Simon als ‚reinsten Makkabäer‘, da er trotz der Tatsache, dass er so viel Blut spendet, nach wie vor keine Schäden an den Venen davonträgt. Die Makkabäer waren im 2. und 1. Jahrhundert v. u. Z. eine jüdische Herrscherfamilie, die die Unabhängigkeit des jüdischen Reiches von den syrischen Königen erkämpfte. Als Begründung für diese Bezeichnung nennt er die Kraft und den Mumm, den Simon hat, und die Tatsache, dass er Jude ist. Woraufhin es zum folgenden Dialog kommt:

Dr. Inge herausplatzend: Vielleicht ist er gar kein Jude?

Mamlock: Sie meinen wegen Reinrassigkeit?

Dr. Inge: Ich meine, bei seiner Kraft.

Mamlock: Kollegin, es gibt im Osten Länder, wo die Juden Lastträger, Schmiede, Handwerker, Bauern sind. Unser Beruf, unsere Arbeit, die Luft des Landes, in dem wir atmen, das formt die Physis und den Menschen [Hervorhebung VVS]

 

Dass Simon ein Jude ist, der von Professor Mamlock als kraftvoll und mutig beschrieben wird, wird sofort von der nichtjüdischen Dr. Inge Ruoff in Frage gestellt. Eigenschaften dieser Art sind ihrem Verständnis nach ‚Ariern‘, also der ‚höheren Rassen‘ vorbestimmt und können somit nicht auf Personen, die der ‚niedrigeren Rasse‘ angehören, zutreffen. Hitler beschrieb in „Mein Kampf“ ganz genau, welches Aussehen und welche Eigenschaften ‚Arier‘ hätten. Zu den inneren Merkmalen dieser zählte er Tapferkeit sowie heldenhafte und opferbereite Gesinnung. Demnach könnten gleiche Eigenschaften nicht auf ‚Nichtarier‘ zutreffen. Dr. Inge Ruoff ist bereits von der NS-Ideologie so stark beeinflusst, dass sie Simons jüdische Identität offen in Frage stellt. Die Szene verdeutlicht, dass selbst gebildete Figuren, wie Dr. Inge Ruoff, anfällig dafür sind, unreflektierte Vorurteile zu übernehmen und an sie zu glauben. Durch ironische Kommentare greift Professor Mamlock die Rassentheorien auf und verdeutlicht deren Widersprüchlichkeit und Absurdität. Er gibt zu verstehen, dass ‚rassische‘ Unterschiede, wie von den Nationalsozialisten behauptet, bei Menschen nicht existieren. Alle Personen müssten letztlich arbeiten und atmen, eine Unterscheidung aufgrund bestimmter Merkmale sei wissenschaftlich nicht haltbar.

 

Figuren mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil

Professor Mamlock ist mit Ellen Mamlock verheiratet. Aus dieser Ehe gehen die beiden Kinder Rolf und Ruth hervor. Wolf schrieb sein Werk bereits 1933, doch das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde erst 1935 verfügt. Wolf erkannte bereits, dass Kinder mit einem jüdischen und nichtjüdischen Elternteil aufgrund ihrer Abstammung in eine Zwickmühle geraten würden. Da es absurd war, wie von den Nationalsozialisten gefordert, ‚Arier‘ von Juden zu unterscheiden, hatten die Gesetzgeber selbstverständlich Probleme dabei, Kriterien für solch eine unsinnige Unterteilung zu finden. Es war unmöglich, Juden nach ‚Rasse- oder Blutkriterien‘ zu definieren, weshalb die Behörden auf das einzige ‚objektive Kriterium‘ griffen, nämlich den mosaischen Glauben. Über Jahre hinweg beschäftigte sich das Regime mit Menschen, die es als ‚Mischlinge‘ ersten und zweiten Grades klassifizierte, obwohl sie keinen Bezug zum Judentum hatten, und prüfte, wie mit ihnen umgegangen werden sollte. Wolf zeigt mit den beiden Figuren Rolf und Ruth auf, dass diese, da ihr Vater ein Jude ist, ebenfalls mit Hass und Ausgrenzung konfrontiert wurden. Ihre mütterliche Seite war bedeutungslos. Den ‚Rassentheorien‘ nach galten sie ebenfalls als jüdisch und waren somit ebenfalls ein ‚Feind‘.

 

Rolf

Rolf erkennt, im Gegensatz zu seinem Vater, frühzeitig den Vormarsch der Nationalsozialisten und die Tatsache, dass ihre Entscheidungen auf rassistischer Ideologie basieren. Er erkennt den Faschismus und versucht diesen aktiv zu bekämpfen, obwohl seine Eltern dagegen sind. Als die Nationalsozialisten einen Kommunisten für den Reichstagsbrand verantwortlich machen reagiert Rolf wie folgt: „Aber das m u ss man verstehen, Mutter, das ist doch geradezu aufregend wie ein ganzes Volk damit dumm gemacht wird […] Das ist doch geradezu irrsinnig, Mutter.“ [Hervorgehoben VVS] Das, was Rolf erkennt, wird vom Chefredakteur Dr. Seidel bestätigt: „Die Erregung der nationalen Massen ist enorm, eine Mobilisierung des ganzen Volkes wie neunzehnhundertvierzehn, grandios, bluthaft, schicksalhaft, gigantisch, ein Naturschauspiel: ,Das Volk steht auf, der Sturm bricht los.'“ Rolf schildert zu Beginn, wie die Nationalsozialisten das Denken der gesamten Bevölkerung beeinflussen und prägen. Er selbst sieht sich nicht zu diesem Teil des Volkes dazugehörend, und versucht aktiv durch Verteilung von Flugblättern, den Veränderungen in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Weiters wird an der folgenden Szene deutlich, dass Rolf sich nicht nur nicht als Teil solch eines hasserfüllten Volkes sieht, sondern sich im Zuge dessen auch selbst als Jude identifiziert, obwohl er auch eine deutsche Mutter hat:

Dr. Inge: Schade um Sie.
Rolf: Warum? Ein Jude weniger ist für Deutschland nur ein Gewinn.
Dr. Inge heftig: Sie sind kein Jude!
Rolf auf Pupille: Und Sie? Sind Sie eine Deutsche?
Dr. Inge: Wieso?
Rolf: Müssen Sie nicht die kommunistischen Flugblattverteiler verhaften und dem nächsten SA-Posten übergeben lassen?
Dr. Inge schweigt.
Ich weiss, „weil Sie eine Ausnahme sind“, weil „wenn alle Kommunisten so wären wie Sie“ … Unsinn, ich bin nicht besser und nicht schlechter als tausend andere; ich sehe vielleicht nur klarer, was geschehen muss, und ich werde weiterarbeiten für das, was ich sehe. [Hervorhebung VVS]. 

 

Die nichtjüdische Assistenzärztin Dr. Inge Ruoff sieht Rolf als keinen Juden an. Das ist deshalb interessant, weil ihr Denken gegen jenes der NS-Ideologie spricht, die sie in anderen Szenen sehr wohl unterstützt. Trotzdem sieht Dr. Inge Ruoff ihn als ‚Arier‘, weil er eine deutsche Mutter hat. Rolf jedoch blendet seine mütterliche Seite aus, da er mit den ‚Ariern‘ nichts zu tun haben möchte. Diese repräsentieren all das, gegen das er aktiv kämpft. Es treffen also zwei gegensätzliche Figuren aufeinander. Dr. Inge Ruoff möchte Rolf helfen, obwohl er auch jüdisch ist, und Rolf möchte sich genau aus diesem Grund nicht helfen lassen. Rolf verkörpert eine Figur, die sich bewusst weigert, sich den äusseren Umständen anzupassen, um eigene Vorteile zu erlangen.

 

Ruth

Ruth ist im Vergleich zu ihrem Bruder Rolf keine aktive Figur im Kampf gegen die gesellschaftlichen Veränderungen und dem aufkeimenden Antisemitismus, von dem sie selbst betroffen ist. Während ihr Bruder furchtlos ist und sich mit Flugblättern auf die Strasse stellt, ist Ruth ängstlich und panisch:

Mutter: Was ist Ruth?
Ruth: Nichts. […]
Mamlock: Was hat das Mädel?
Mutter: Bist ja käseweiss; was hast du auf dem Rücken? […]
Mutter sie nach vorn ziehend: Ein gelber Fleck, ein grosser gelber Fleck, mitten auf dem Rücken.. […]
Mamlock: Das Judenzeichen, das Gettozeichen…

 

Zum ersten Mal wird sie direkt mit Antisemitismus konfrontiert, der sich gegen sie richtet, obwohl sie eine nichtjüdische Mutter hat. Das scheint jedoch keine wesentliche Rolle zu spielen, da ihr dennoch das Tragen des Judensterns auferlegt wird. Dass sie einen jüdischen Vater hat, ist demnach von grösserer Bedeutung:

Mamlock: Nun, nimm dich mal zusammen Mädel, w e r ruft, und w a s rufen sie?
Ruth: Natürlich: „Juden ´raus!!“ […] Ruth: Unser Klassenlehrer sagt, ich soll vorerst nicht mehr zur Schule kommen…  […]
Ruth zitternd, schreiend: Nein, Vater, nein ich geh´ nicht mehr!! Du kennst sie noch nicht, sie treten uns, schlagen uns, sie beschmieren uns, sie machen uns kaputt!

 

Während ihr Bruder Rolf sich in der gleichen Situation wie Ruth befindet, geht dieser auf die Strasse und riskiert sein Leben. Ruth agiert völlig anders. Sie bleibt zuhause und ist voller Angst: „[…] Ihr habt´s ja nicht geglaubt: Juden ´raus! Juden ´raus! […] aber jetzt ist´s soweit, ausgebrannt ist das Haus. Still, wie tot, keine Maus rührt sich. […] Wer ist denn her der „Jude“? Ihr feige Bande! Hunderte gegen einen! Ihr Giftspritzer, ihr Muffgesichter, ihr Mottenköpfe…“

 

‚Arische‘ Figuren

Im Folgenden wird eine Auswahl ‚arischer‘ Figuren aus dem Theaterstück näher analysiert. Dabei soll untersucht werden, ob alle Figuren dasselbe Gedankengut vertreten und wie beziehungsweise wann sie auf ihre eigene Herkunft Bezug nehmen. Weiters soll untersucht werden, in welchen Situationen Juden ihre Herkunft vor Augen gehalten wird, um sich von ihnen bewusst abzugrenzen.

 

Dr. Hellpach

Dr. Hellpach ist der zweite Assistenzarzt von Professor Mamlock. Genau wie Dr. Inge Ruoff wird im Theaterstück sichtbar, dass er Professor Mamlock um sein Talent und guten Ruf beneidet. Im Vergleich zu Dr. Inge Ruoff schlägt er einen extremen nationalsozialistischen Weg ein und kann als jene Figur gelesen werden, die sich am meisten mit dem Nationalsozialismus identifiziert. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Wolf insbesondere Dr. Hellpach mit dem Vokabular der nationalsozialistischen Rassentheorien ausstattet und seine Handlungen ideologisch damit legitimieren lässt. Das Ziel der NS-Ideologie, „Rassesinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmässig in das Herz und Gehirn“ des Volkes einzubrennen, spiegelt sich erfolgreich in der Figur Dr. Hellpach wider: „Es gibt noch Millionen deutscher Volksgenossen, die unter Fremdherrschaft schmachten; denn Deutschland ist überall, wo die deutsche Zunge klingt, wo deutsches Blut durch deutsche Adern braust.“ [Hervorhebung VVS]. Es ist auch Dr. Hellpach, der die in der Einführung bereits erwähnten Rassentheoretiker Günther und Fritz Lenz namentlich erwähnt und sich auf deren Theorie beruft. Er ist es der von ‚menschlichen Rassen‘ und dem ‚typisch Arisch-Germanischem‘ spricht:

Dr. Hellpach gereizt: Sie kennen, Herr Professor, die Forschungen von Günter und Fritz Lenz: Die rassischen Erbhormon bleiben konstant, unabhängig von exogenen Einflüssen wie Arbeit, Beruf und Klima!
Mamlock: Theorien, Zwecktheorien! Haben Sie nie gehört von den Mendelschen Art- und Rassenkreuzungen, gerade zur Verbesserung der Arten?
Dr. Hellpach: Und dennoch, bei den m e n s c h l i c h e n Rassen bleiben die g e i s  t i g e n spezifischen Merkmale und Eigenschaften konstant.
Mamlock: Zum Beispiel?
Dr. Hellpach: Zum Beispiel das H e l d i s c h e ist etwas typisch Arisch-Germanisches! [Hervorhebung VVS]

 

In dem Werk von Lenz wird gar nicht zur Debatte gestellt, ob Menschen tatsächlich in ‚Rassen‘ eingeteilt werden können. Dr. Hellpach wiederholt diese Aussagen ebenfalls unreflektiert. Hier vereinen sich einerseits die damals vorherrschenden Rassentheorien mit Neid. Dr. Hellpach gibt Mamlock zu verstehen, dass man seine ‚Rasse‘ nicht ablegen könne, möge man noch so erfolgreich und gut in seinem Beruf sein, denn die ‚Rasse‘ würde für immer ein Teil eines Menschen bleiben. Seine eigene ‚arische‘ Abstammung hebt er besonders positiv hervor und wertet Professor Mamlock im gleichen Atemzug ab. Der Figur Dr. Hellpach könnte man zutrauen, dass sie das Buch „Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“ gelesen haben könnte, da sie zur damaligen Zeit aktiv beworben wurde. In einer Anzeige aus dem Jahr 1921 wurde die Lektüre von einem Professor besonders empfohlen: „Ein ganz ausgezeichnetes Werk, dass die Sache der Rassenhygiene in Deutschland fördern wird.“ Es verwundert nicht, dass das Wort ‚Rasse‘ in dem Kompendium ganze 584-mal genannt wird. Dr. Hellpachs Selbstbewusstsein nimmt im Verlauf der Handlung deutlich zu, da er sich aufgrund seiner ‚arischen‘ Abstammung als etwas Besseres fühlt.

Die Selbsterhebung des eigenen Grosskollektivs führte geschichtlich zu einem besonderen Selbstbewusstsein der Deutschen und kann an dieser Stelle an der Figur Dr. Hellpachs verdeutlicht werden. Der Chefchirurg und angesehene Arzt Professor Mamlock, bei dem er gelernt hat und unter dem er arbeiten durfte, ist nun keine Person mehr, die in der Hierarchie über ihm steht. Eine Berufshierarchie gehört der Vergangenheit an. Alles, was zählt, ist nur noch die Abstammung einer Person. So obliegt Dr. Hellpach schlussendlich die gesamte Führung des Spitals und er ist es, der ab nun an die Entscheidungen trifft: „Sie selbst und sämtliche nichtarische Ärzte, Angestellte und Mitglieder des Personals sind fristlos entlassen; Sie haben ab morgen die Klinik nicht mehr zu betreten. Haben Sie mich verstanden?“ [Hervorhebung VVS] Dr. Hellpach folgt der NS-Ideologie blind und sein Hass gegenüber Juden wird im Laufe des Stücks immer grösser. Er zieht immer starrere Grenzen zwischen ‚Ariern‘ und Juden und seine anfangs noch etwas zurückhaltende Art, existiert am Ende des Stücks nicht mehr:

Dr. Hellpach: Jude bleibt Jude! Er wird nie mehr Gelegenheit haben, über einen Deutschen zu stehen.
Mamlock ruhig: Aha, also F u r c h t, also Furcht vor dem Wettkampf? Also, man wird uns verbieten, auf den Universitäten zu studieren nach unseren Kräften, man will uns verbieten, zu arbeiten, zu denken, zu dichten, öffentlich zu musizieren, man wird unsere Erfindungen nicht anerkennen, unsere Preisfechter, Läufer, Wettturner, Tennisspieler aus den Listen streichen … aber werden wir Juden dadurch schlechter, und werdet ihr andern dadurch besser … durch  d i e s e n  S e l b s t b e t r u g ! Unter sechzig Millionen Deutschen gibt es ganze sechshunderttausend Juden, also gerade ein Prozent, und gegen dieses eine Prozent bietet ihr Himmel und Hölle auf, mit dem einen Prozent werdet ihr nicht fertig, dieses e i n e Prozent könnt ihr nicht assimilieren? [Hervorhebung VVS] 

 

Dr. Hellpach ist vollständig von der NS-Ideologie vereinnahmt. Eine Frage, die sich stellt, ist, wann Juden über den Deutschen jemals gestanden sind. Professor Mamlock nennt auch die Prozentzahl der Juden, die in Deutschland lebt und sich gerade einmal auf ein Prozent beläuft. Zahlenmässig sind sie also in extremer Unterzahl. Genau genommen bezieht er sich an dieser Stelle auf Professor Mamlocks Position als Chefarzt der chirurgischen Station und weniger auf dessen Abstammung. Der höheren beruflichen Stellung des Professors begegnet Dr. Hellpach jedoch mit Neid und offenbart damit seine eigene Unzufriedenheit. Da es ihm nicht gelungen ist, seine berufliche Karriere auf ‚normalem‘ Wege voranzutreiben, kommt die NS-Ideologie für Dr. Hellpach zur rechten Zeit. Sie vermittelt ihm das Gefühl, über Menschen wie Professor Mamlock zu stehen, auch wenn er insgeheim weiss, dass dem nicht so ist. Wolf gestaltet mit Dr. Hellpach eine weitere Figur, die nicht bloss auf Fiktion beruht. In der Weimarer Republik bekleideten die zur Minderheit gehörenden Juden höhere soziale Stellungen, was zu Missgunst und Neid führte. Wolf bringt klassenbezogene Fragen in den Vordergrund und zeigt so, dass der Antisemitismus der NS-Ärzte in seinem Stück gegenüber ihren frustrierten Ambitionen und ihrer sozialen Verdrängung zweitrangig ist. Die Wirtschaftskrise in der Weimarer Republik hat den Wettbewerb unter den Assistenzärzten verschärft, und Rassentheorien wurde herangezogen, um Ausgrenzung zu legitimeren. Viele der Konflikte im Stück bleiben ungelöst. Das Fehlen eines fünften Aktes in „Professor Mamlock“ deutet darauf hin, dass es angesichts der Ereignisse von 1933 unmöglich war, einen abschliessenden Ausgang zu bieten.

 

Dr. Inge Ruoff

Im Vergleich zu Dr. Hellpach kann die nichtjüdische Figur der Dr. Inge Ruoff, die 2. Assistenzärztin ist, nicht als solch eine extreme Nationalsozialisten gesehen werden, wie Dr. Hellpach. Auch wenn diese wie er von Neid getrieben wird, wie am folgenden Dialog ersichtlich ist:

Dr. Inge sieht ihn an: Das alles hat mit dem Verstand nicht mehr zu tun; hier, Herr Professor Mamlock, scheidet Tüchtigkeit, Disziplin, Schuld oder Nichtschuld aus; hier sprechen Blutskräfte, und Blut ist ein Schicksal.
Rolf: Sie haben völlig recht, Fräulein Doktor: Wo der Verstand aufhört, da fängt das „Blut“ an, und wo das Gehirn abhanden gekommen, da beginnt das „Schicksal“. [Hervorhebung VVS]

 

Dr. Inge Ruoff ist als Spitalsmitarbeiterin ebenfalls nicht entgangen, dass Professor Mamlock ‚der‘ Arzt der Station ist und alle grossen Operationen durchführt. Den Neid auf Professor Mamlock teilt sie also mit Dr. Hellpach. Tüchtigkeit hat keine Bedeutung mehr, denn für sie ist das Einzige, was zählt, das ‚Blut‘, das durch einen fliesst. Rolf verweist richtigerweise darauf, dass wenn man wirklich an die Rassentheorien glaubt, jeglicher Verstand verloren gegangen sein muss. Da Dr. Inge Ruoff als ‚Arierin‘ der Rassentheorie nach höhergestellt ist als Juden, kann sie ihrer Meinung nach auch nicht mehr eine Funktion ausüben, die niedriger ist als jene des Juden Professor Mamlock:

Dr. Inge: Herr Professor, ich melde mich von dem Dienst Ihrer Klinik ab.
Mamlock: Der Grund?
Dr. Inge: Ich kann unter einem Juden nicht mehr arbeiten. [Hervorhebung VVS] 

 

All die Jahre der gemeinsamen Zusammenarbeit scheinen vergessen zu sein. Die Trennung der Gesellschaft nach gewissen Merkmalen ist in der Gesellschaft angekommen. Erstaunlicherweise auch in der gebildeten Schicht, wie jener der Assistenzärzte. Erstaunlich ist weiters auch, dass Dr. Inge Ruoff sehr ambivalent wirkt. Einerseits verwendet sie NS-Vokabular und denkt wie die Nationalsozialisten, andererseits muss noch ein wenig Vernunft vorhanden sein, da sie den Rassentheorien der Nationalsozialisten nicht blind folgt. In Rolf sieht sie keinen Juden und ignoriert seine väterliche Seite. Nachvollziehbar wäre es hier, wenn sie Rolf umso mehr Hass entgegenbringen würde, da er nicht nur auch zum Teil Jude ist, sondern ausgerechnet noch mit Professor Mamlock verwandt ist, den sie besonders hasst. Trotz dieser beider Tatsachen, versucht sie Rolf zu schützen und dieser wird dank ihrer Hilfe nicht auf Anhieb von den Nationalsozialisten gefasst. Im Vergleich zu Dr. Hellpach muss demnach noch ein Funken Menschlichkeit in Dr. Inge Ruoff vorhanden sein und die Rassentheorien haben ihren Verstand noch nicht vollständig benebelt:

Mutter drängt sie zur Tür: Kommen Sie, kommen Sie, dorthin, wo Sie Rolf sahen, ich bitte Sie!
Dr. Inge bleibt. Ach so … Sie müssten ihn der SA ausliefern.
Dr. Inge: Ich bin kein Spitzel …
Mutter: Aber Ihre Überzeugung…
Dr. Inge: Auch ich achte einen Kämpfer.
Mutter: Einen Kommunisten, einen Juden?
Dr. Inge: In Rolf fliesst I h r Blut! Nachdenklich. Er muss noch in dem Bezirk sein. […]
Ruth dazwischen: Nein, Mutter, nein! Du kennst sie nicht, sie machen auch vor Frauen und Kindern nicht halt, sie werden dich niederknüppeln, den gelben Fleck dir auf den Rücken malen, auf die Brust, durch die Strassen dich schleifen, Mutter, Mutter… [Hervorhebung VVS]

 

Dass Dr. Inge jedoch ähnlich wie Dr. Hellpach denkt, sieht man daran, dass sie das Thema der ‚Reinrassigkeit‘ trotz allem auch sehr ernst nimmt:

Dr. Inge: Sind Sie reinrassiger Germane?
Arbeiter: Ach so, von d e r Seite? Ich bin ein Prolet, Fräulein Doktor, det bin ick! Und wenn man mir und meine Kameraden aus den Betrieben aufs Pflaster wirft, da fragt ooch keener danach, ob ick reinrassiger Germane bin oder ein Kuli oder ein Zukukaffer [Hervorhebung VVS].  

 

Im Werk von Baur, Fischer und Lentz fällt der Begriff der ‚Reinrassigkeit‘ nicht. Es ist jedoch ein Widerspruch in ihrer Theorie bemerkbar. Einerseits schreiben die Autoren, dass es keine ‚jüdische Rasse‘ und keine ‚germanische Rasse‘ gibt, andererseits folgt anschliessend ein Widerspruch. Kurz darauf schreiben sie davon, dass es ‚Rassenmerkmale‘ gibt, wodurch den Autoren nach Juden und Deutsche unterschieden werden können:

Die Unterschiede der Juden in Europa erklären sich durch Mischung mit den betreffenden Völkern unter denen sie wohnen. Die Südjuden haben in Menge mediterranes Blut aufgenommen, die Ostjuden alpines und mongolides. Was wir sehen, ist Rassenmischung. Es ist nach dem Gesagten fast überflüssig, nochmals besonders zu betonen, dass man ebensowenig von einer jüdischen Rasse, wie von einer germanischen Rasse sprechen kann, dass aber selbstverständlich sowohl die Juden, wie die Germanen je eine besondere Rassenmischung darstellen. Man kann also sehr wohl von den Rassenmerkmalen und Rassen der Juden und der Germanen sprechen und beide scharf und deutlich unterscheiden.

 

Anhand der Figur Dr. Inge Ruoff zeigt Wolf, dass die propagierten Rassentheorien, die auch von Professoren beworben wurden, von der Bevölkerung nicht gelesen wurden. Vor allem, da Dr. Inge und Dr. Hellpach selbst Ärzte sind und diesen pseudowissenschaftlichen, sich widersprechenden Theorien folgen, wird deutlich, dass auch gebildete Menschen vor Faschismus nicht gefeit sind.

 

Ellen Mamlock

Gegen Ende der Weimarer Republik wurden Massnahmen ergriffen, um speziell gegen ‚Arier‘ vorzugehen, die mit Juden eine Ehe eingingen. Nichtjüdische Partner wurden von der Gestapo vorgeladen und mit deutlichen Drohungen traktiert und es wurde ihnen nahgelegt, die Ehe scheiden zu lassen. Es war bekannt, dass nicht alle ‚Arier‘ miteinander gleichgesetzt werden konnten und jene, die sich mit Juden vermählten, ‚anders‘ behandelt werden mussten, um Nachahmungen in der Gesellschaft zu vermeiden. Die Figur Ellen Mamlock stellt solch eine ‚Arierin‘ dar:

Dr. Hellpach unsicher, zur Mutter: Verzeihung, ich bedaure vor Ihnen – als einer Arierin – diesen Vorgang … ich bedaure, dass gerade vor Ihnen, wie soll ich sagen… Sucht nach einer höflichen Wendung. Seien sie gewiss in Zukunft wird dies mehr möglich sei, eine solche Verwirrung, eine solche Symbiose, die Vermischung eines Juden mit einer Arierin [Hervorhebung VVS]. 

 

Als ‚Arierin‘, die einen Juden geheiratet hat, kommt Ellen Mamlock eine besondere Rolle zu, denn sie als Person selbst kann nach nationalsozialistischem Denken als ‚reinrassige Germanin‘ gesehen werden. Durch laufende Unterbrechungen beim Sprechen merkt man, dass die sonst so sichere Figur Dr. Hellpach nicht weiss, wie sie mit der Situation umgehen soll. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde erst nach der Veröffentlichung des Theaterstücks eingeführt. Vermutlich hätte Wolf die Figur Dr. Hellpach zwei Jahre später selbstbewusster und handelssicherer auftreten lassen. Nachdem der gemeinsame Sohn der Mamlocks vor die Wahl gestellt wird und sich entweder für das Parteilokal oder das Elternhaus entscheiden muss, verliert Ellen Mamlock die Kontrolle über ihre eigenen Worte und wiederholt das Vokabular der Nationalsozialisten:

Mutter: […] Ich kenne diese kalte Unbedingtheit, die sich Konsequenz nennt, diese leblosen Parolen, diese eisigen Antithesen, diesen euren ganzen herzlosen Fanatismus…
Mamlock: Euren?
Mutter entfesselt: Jawohl! Euren! Euren!! Alle Menschen horchen einmal aufeinander, hören einander, haben eine Stelle in sich, wo die Worte des anderen nicht über die Gletscher des Verstandes gehen und einfrieren, sondern unterwegs, irgendwo im Gewölbe des Herzens wiedererklingen… aber ihr, ihr, alles muss da bei euch heiss oder kalt sein, wahr oder gelogen, verstanden oder missverstanden… Gehirn, Gehirn, Gehirn, aber das ist ja das Erbteil eurer Rasse!!
Mamlock sieht sie an.
Mutter erschrocken, wie erwachend: Nein, nein, du… ich habe das nicht so gemeint, Hans.

[Hervorhebung VVS].

 

Ellen Mamlock, die mit dem jüdischen Professor Mamlock verheiratet ist und zwei gemeinsame Kinder hat, verlässt für kurze Zeit der Verstand und in einer Stresssituation grenzt sie sich ungewollt von ihrem eigenen Mann ab, indem sie die Worte ‚eure Rasse‘ tätigt. Das zeigt, wie stark die Rassentheorien in das Gedächtnis jedes Einzelnen und jeder Einzelnen eingedrungen sind und sogar von Personen abgerufen wurden, die eigentlich fern jeglicher NS-Ideologien dachten. Dadurch wird ersichtlich, dass Rassentheorien ihren Weg zu jedem und jeder Bürger:in gefunden hat, und, ob man wollte oder nicht, diese in das Gedächtnis eindrangen und dort verarbeitet wurden.

 

Wissenschaft/Medizin im Dramenstück

Friedrich Wolf, der selbst Arzt war, setzt Wissenschaft und Medizin gekonnt in seinem Dramenstück um. Antisemitismus spielt zwar im Stück eine wichtige Rolle, doch bei einer genauen Analyse wird erkennbar, dass das Stück vor allem auf den damals vorherrschenden pseudowissenschaftlichen Rassentheorien aufbaut. Durch seine Namenswahl kennzeichnet Wolf seine Figuren hinsichtlich ihrer ethnischen Herkunft. Die Namen Mamlock, Hirsch und Simon weisen auf eine jüdische Herkunft hin, während Inge, Hellpach und Seidel eine nichtjüdische Identität widerspiegeln. In der Klinik bilden sich Loyalitäten entlang ethnischer Linien, sodass Meinungsverschiedenheiten keine grosse Relevanz haben, sondern die ‚rassische‘ Zugehörigkeit für den Verlauf des Stücks ausschlaggebend ist. Die Figuren formulieren ihre Identität in ‚rassischen‘ Kategorien, um ihre jüdischen Kollegen beruflich als Konkurrenten auszuschalten. Die ‚arische‘ Gruppe greift Professor Mamlock persönlich an, indem sie Zweifel an seiner militärischen Laufbahn sät. Dr. Inge Ruoff, stützt ihre Argumentation beispielsweise auf nationalsozialistische Klischees, wenn sie vermutet, jüdische Offiziere seien Pflichtverweigerer gewesen. Sie bezeichnet Mamlock als Opportunisten und bezieht auch die anderen jüdischen Kollegen in ihre antisemitischen Pauschalbeschuldigungen ein. Ein Artikel in einer Tageszeitung, der Mamlocks berufliche Leistungen lobt, dient als Aussenperspektive und bezeugt eindeutig die hervorragenden Fähigkeiten von Wolfs Protagonisten. Durch die gezielte Verwendung zahlreicher medizinischer Fachausdrücke, die für Laien kaum verständlich sind, setzt Wolf in seinem Theaterstück einen medizinischen Schwerpunkt. Durch die häufige Verwendung lateinischer Fachbegriffe entsteht beim Lesen der Eindruck, tatsächlich auf einer chirurgischen Station eines Krankenhauses zu sein. Durch das Einsetzen medizinscher Ausdrücke wie Inguinalhernie, Axillarabszess oder Cholektomie wird Medizin zentrales Thema des Theaterstücks.

 

Wolf greift wiederholt das Motiv des Blutes auf, das in den nationalsozialistischen Rassentheorien eine zentrale Rolle spielte, und verwendet es dabei in zwei unterschiedlichen Kontexten. Die Blutspende Simons wird im 1. Akt positiv vermerkt, da er damit anderen hilft. Zeitgleich leitet das auch in derselben Szene zu den Rassentheorien über, und Blut wird nicht mehr als etwas Einendes gesehen. Die nichtjüdischen Assistenzärzte sehen im Blut die Grundlage dafür, dass nicht jeder Mensch gleich ist. Mamlock greift dies auf und spricht über Simons Blut in einem Dialog mit Dr. Seidel von „artfremden Blut“ , um aufzuzeigen, wie sinnlos diese Theorien sind. Ist man als Patient auf eine Blutspende angewiesen, spielt es keine Rolle, von wem dieses stammt. Dr. Hellpach denkt nicht wie Mamlock und ist bereits von den Rassentheorien zur Gänze vereinnahmt. Er spricht vom „deutschen Blut“ und vollzieht so eine konkrete Abgrenzung zu allem, was nicht „deutsches Blut“ ist. Wolf zeigt in seinem Stück, wie unsinnig, zeitgleich aber auch wie gefährlich, Rassentheorien für die Gesellschaft und den Verlauf der Geschichte sind. Wolf verdeutlicht anhand seiner Figuren, dass selbst gebildete Menschen nicht davor geschützt sind, pseudowissenschaftlichen Theorien Glauben zu schenken. Ausgerechnet die gebildeten Figuren Dr. Inge Ruoff und Dr. Hellpach stürzen sich blind auf die Rassentheorien. Mit der Figur des Arbeiters zeigt Wolf besonders eindrucksvoll auf, dass auch Bildung nicht dafür schützt, Rassentheorien als unsinnig zu erkennen. Ausgerechnet der Arbeiter, von dem man ausgehen würde, dass er leichter für Rassentheorien zu gewinnen ist, kann diesen nichts abgewinnen:

Mamlock: Aber Mann, das ist doch unlogisch! Sie haben doch noch Ihre Arbeit und Ihr Brot!
Arbeiter: Herr Professor, det kann ick Ihnen nich so erklären.
Mamlock: Warum denn nicht?
Arbeiter: Weil Sie zu jebildet sind, Herr Professor. […]

Dr. Inge: Sind Sie reinrassiger Germane?

Arbeiter: Ach so, von  d e r  Seite? Ich bin ein Prolet, Fräulein Doktor, det bin ick! Und wenn man mir und meine Kameraden aus den Betrieben aufs Pflaster wirft, da fragt ooch keener danach, ob ick reinrassiger Germane bin oder ein Kuli oder ein Zukukaffer [Hervorhebung VVS].

 

Wolf verdeutlicht damit, dass gerade die Menschen, die mit Medizin und Wissenschaft vertraut sind und viele Lebensjahre damit verbracht haben zu studieren und sich in diesem Bereich Wissen angeeignet haben, oftmals auch jene sein können, die nicht mehr von Wissenschaft und Pseudowissenschaft unterscheiden können. Der Arbeiter zeigt, dass in schweren politischen Zeiten Menschen mit Hausverstand wesentlich klüger sein können, als jene die gebildet sind. So verweist er Professor Mamlock darauf, dass er „zu gebildet“ ist, um gewisse Dinge verstehen zu können. Während in Wirklichkeit vor allem in der Arbeiterschicht Rassentheorien zu einem Überlegenheitsgefühl beitrugen, setzt Wolf mit der Figur des Arbeiters vor allem auf den Hausverstand der Arbeiter und traut diesen eher zu, Pseudowissenschaften als solche zu erkennen. Das bestätigt sich auch in allen Figuren des Spitalspersonals, denn auch Professor Mamlock ist anfangs naiv und sieht als gebildeter Mensch die grosse Katastrophe tatsächlich nicht auf ihn zukommen. Erst im Laufe des Stücks öffnen sich ihm die Augen. Im Vergleich zu den nichtjüdischen Ärzten sehen die jüdischen Ärzte, wie pseudowissenschaftlich die Rassentheorien sind und dass sie auf keiner wissenschaftlichen Grundlage beruhen. Ob die nichtjüdischen Ärzte auch wirklich gar nicht sehen, dass diese Theorien bloss auf Pseudowissenschaft beruhen, lässt sich nicht zur Gänze sagen, da sie vor allem von ihrem Neid getrieben werden, und dieser gilt nicht umsonst als eine Todsünde, die zu Hass führt und blind macht.

 

Das Stück hat zu Beginn vor allem Medizin zum Thema, nach und nach behandelt es jedoch immer mehr die (Pseudo-)Wissenschaft. Wolf greift auf die beiden Rassentheoretiker Lenz und Günther zurück und zeigt so der Leserschaft, wie gefährlich Unwissenschaftlichkeit ist. Anhand des Stücks wird klar, dass sich (Pseudo-)Wissenschaften so schnell wie ein Lauffeuer ausbreiten können und für die Gesellschaft gefährlich sind. Die Koppelung von Medizin und (Pseudo‑)Wissenschaft wird vom Staat aufgegriffen und als Grundlage für neue Gesetze genutzt. 1935 entsteht auf Basis dieser Verschmelzung das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Wolf versucht in seinem Theaterstück die Gefährlichkeit dieser Kopplung aufzuzeigen und nutzt deshalb eine chirurgische Station als Handlungsort, um die Gefahr von medizinischen Pseudowissenschaften zu verdeutlichen. 

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle ausgewählten und im Theaterstück als ‚arisch‘ bezeichneten Figuren, den Begriff ‚Rasse‘ nutzen, um sich von den jüdischen Figuren abzugrenzen. Letztere greifen diesen von sich aus nicht auf und grenzen sich auch zu keinem Zeitpunkt freiwillig ab. Professor Mamlock sieht sich als deutscher Patriot. Er begeht den Fehler, dass er von sich auf andere schliesst und denkt, dass auch die anderen die Absurdität der aufkommenden ‚Rassetheorien‘ erkennen. Relativ spät sieht er ein, dass dem nicht so ist. Die ‚Rassetheorien‘ finden ihren Weg zu allen Bürger:innen, da sie im Radio propagiert werden. Das Radio spricht von ‚fremdstämmigen Untermenschen‘ und der ‚nordischen Rasse‘. Anhand der Figurenanalyse konnte gezeigt werden, dass Bildung im Theaterstück nicht vor Faschismus schützt. Ausgerechnet die beiden Assistenzärzte Dr. Hellpach und Dr. Inge Ruoff sind jene Figuren, die am meisten an den ‚Rassetheorien‘ festhalten und sich immer wieder auf diese berufen. Im Vergleich dazu, folgt die Figur des Arbeiters, den Wolf als einzige Figur mit Dialekt kennzeichnet, den ‚Rassetheorien‘ nicht. Er spricht aus der Perspektive eines Arbeiters und betont, dass die soziale Zugehörigkeit zählt, und nicht die Abstammung. Im Kampf gegen den Faschismus erweist sich der Hausverstand im Vergleich zur Bildung als verlässlicher. Dr. Hellpach und Dr. Inge Ruoff beneiden Professor Mamlock um seine Stellung als Chefarzt und kommen zu dem Schluss, dass sie diese Position nie erlangen werden, solange es den Professor gibt. Sie denken jedoch nicht weiter und beziehen nicht mit ein, dass, wenn es Professor Mamlock auch nicht gebe, das nicht bedeuten würde, dass einer von beiden, und noch unwahrscheinlicher beide, Chefarzt oder Chefärztin werden würde. Der Neid würde bloss einer anderen Person gelten. Dies entsprach damals der Realität, denn Neid und Missgunst waren in Deutschland tatsächlich weit verbreitet. Vor allem Dr. Hellpach wird zu einem überzeugten Nationalsozialisten, der sich immer wieder auf die ‚Rassentheorien‘ beruft und damit seine Handlungen rechtfertigt, wie beispielsweise Professor Mamlock aus seiner Position als Chefarzt zu entlassen. Er sieht sich, nach dem Verständnis der Nationalsozialisten, als Angehöriger der ‚nordischen Rasse‘. Anhand ‚wissenschaftlicher Theorien‘ begründet er seine Höherstellung in der Gesellschaft und denkt dadurch, sich alles erlauben zu dürfen.

 

Die ‚Rassetheorien‘ von Lenz und Günther, die damals tatsächlich im Umlauf und populär waren, scheinen die Assistenzärzte jedoch nicht gelesen zu haben, sonst hätten sie die Widersprüche erkannt. Denn einerseits schreiben die Autoren, dass es keine ‚jüdische Rasse‘ und keine ‚germanische Rasse‘ gibt, andererseits widersprechen sie sich selbst und gehen auf ‚Rassenmerkmale‘ ein, die Juden und Deutsche unterscheiden. Von Medizinern sollte man erwarten können, dass sie solche Theorien als Pseudowissenschaft entlarven, die auf keinerlei Evidenz beruhen. Dr. Hellpach und Dr. Inge Ruoff übernehmen jedoch diese pseudowissenschaftlichen Theorien blind und hinterfragen sie nicht. Sie werden von ihrem inneren Hass geleitet und von der Vernunft verlassen. Durch das gestiegene Selbstbewusstsein und die verliehene Macht fühlen sich beide Figuren nun Professor Mamlock überlegen, der den ‚Rassentheorien‘ nach als ‚minderwertig‘ gilt. Vor allem Dr. Hellpach nimmt das zum Anlass, um Professor Mamlock zu provozieren und auf diesen Druck auszuüben. Im Vergleich zu Dr. Hellpach übernimmt Dr. Inge Ruoff die Rassentheorien nicht in solchen einem Ausmass wie ihr Kollege. Sie spricht zwar auch von ‚Blutskräften‘, ‚reinrassigen Germanen‘ und möchte nicht mehr unter einem Juden arbeiten, doch bei Rolf verfolgt sie aus unerklärlichen Gründen nicht mehr so stark die NS-Ideologie. Sie sorgt dafür, dass er kurzzeitig entkommen kann und nicht geschnappt wird, obwohl er der Sohn von Professor Mamlock ist. Zuvor beruft sie sich noch auf die ‚reinrassigen Germanen‘, doch in Rolfs entscheidenden Moment ignoriert sie diese Ideologie. Die dritte nichtjüdische Figur ist mit Professor Mamlock verheiratet und besorgt um diesen und ihre Kinder. Die ‚Rassentheorien‘ gehen auch an ihr nicht vorbei. Im Vergleich zu den anderen beiden Figuren ist Ellen keine Nationalsozialisten, ganz im Gegenteil. Wolf zeigt anhand der Figur Ellen Mamlocks, wie stark die ‚Rassentheorien‘ sich in das Gedächtnis jeder Person gebrannt haben und unbewusst verinnerlicht wurden. In einer Szene grenzt sie sich ungeplant ebenfalls von ihrem Ehemann ab und spricht von ‚seiner Rasse‘. Kaum ausgesprochen, ist sie schockiert von ihren eigenen Worten. Wolf zeigt so, dass ‚Rassentheorien‘ sich wie ein Lauffeuer über die gesamte Bevölkerung ausbreiten und niemand vor diesen geschützt ist. Anhand der drei ausgewählten nichtjüdischen Figuren, die in dem Theaterstück eine zentrale Rolle spielen, konnte aufgezeigt werden, dass in Wolfs Werk nicht alle nichtjüdischen Figuren die NS-Ideologie blind übernehmen.

Im Vergleich dazu unterscheiden sich die jüdischen Figuren untereinander kaum. Alle gehören der NS-Ideologie nach der ‚minderwertigen Rasse‘ an und müssen anfangs um ihren Job und später auch um ihr Leben fürchten. Keine dieser Figuren kann an irgendeiner Stelle Fehlverhalten vorgeworfen werden. Professor Mamlock und Dr. Hirsch gehen pflichtbewusst ihrer Arbeit nach. Simon tut dies ebenfalls und spendet zusätzlich sein Blut. Alle drei werden ausgegrenzt, aufgrund der Tatsache, dass sie Juden sind und sprechen, schliesslich selbst von einem ‚wir‘. Sie sind unerwünscht, werden nicht als Deutsche angesehen und grenzen sich schlussendlich durch die Entwicklungen auch selbst von den Nichtjuden ab. Der Hass der Nichtjuden richtet sich schlussendlich gegen alle Juden, nicht nur gegen jene, die sozial höhergestellt sind, wie man an der Figur Simon, der Krankenpfleger ist, sieht.

 

Die Rassentheoretiker versuchten anhand biologischer Merkmale, die sie selektiv ausgesucht haben, Menschen zu kategorisieren und anhand dieser Differenzen zu markieren. Wolf thematisiert die dadurch entstandenen ‚Rassentheorien‘ in „Professor Mamlock“ und macht ihre Absurdität anhand ausgewählter Figuren deutlich. Mit seinem Zeitstück hält er den damaligen Zeitgeist auch für heutige Leser:innen nachvollziehbar fest. Durch die Einbettung medizinischer und wissenschaftlicher Elemente gelingt es Wolf, eine grosse Nähe zur gesellschaftlichen Realität herzustellen und zugleich zu verdeutlichen, dass selbst Bildung keinen Schutz vor Neid und faschistischem Gedankengut bietet. Dennoch scheint Wolf die Hoffnung gehegt zu haben, durch sein Theaterstück die Leser:innen dafür sensibilisieren zu können, aufkommende faschistische Tendenzen sowie Pseudowissenschaft zeitnah zu erkennen. So wie die Figur Rolf, sollte aktiv gegen diese vorgegangen werden.

 

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Online-Quellen

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Bundeszentrale für politische Bildung (o.D.): Brunnenvergiftung und Pestpogrome. Abgerufen unter: https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559911/brunnenvergiftung-und-pestpogrome/, am 09.03.2026.

Deutsche Biographie (o.D.): Lenz Fritz. Abgerufen unter: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118727478.html#ndbcontent, am 05.01.2026.

International Holocaust Remembrance Alliance (o.D.): Working definition of antisemitism. Abgerufen unter: https://holocaustremembrance.com/resources/working-definition-antisemitism, am 30.12.2025.

Institut für Zeitgeschichte (1963): Zmarzlik Hans Günther - Der Sozialdarwinismus in Deutschland als geschichtliches Problem. Jahrgang 11, Heft 3. Abgerufen unter: https://www.ifzmuenchen.de/heftarchiv/1963_3_3_zmarzlik.pdf, am 04.01.2025.

Jüdische Allgemeine (2026): Pforzheim - Antisemitismus im Wahlkampf: »Schabbat schalom, jetzt gibt’s AfD«. Abgerufen unter: https://www.juedische-allgemeine.de/politik/antisemitismus-im-wahlkampf-schabbat-schalom-jetzt-gibts-afd/, am 13.03.2026.

Le monde diplomatique (2019): What is your race? Vor der Volkszählung in den U.S.A. 2020 tobt ein Streit um die richtigen Fragen und die positive Diskriminierung. Abgerufen unter: https://monde-diplomatique.de/artikel/!5608912, am 10.03.2026.

ORF.at (2025): IKG: Anstieg bei Antisemitismusmeldungen. Abgerufen unter: https://religion.orf.at/stories/3229926/, am 28.02.2026.

Stiftung gegen Rassismus (o.D.): Christlich-jüdischer Dialog: Siegfried Lichtenstaedter - Prophet der Vernichtung im Holocaust. Abgerufen unter: https://stiftung-gegen-rassismus.de/veranstaltungskalender/veranstaltung/260317-1900-christlich-juedischer-dialog-siegfried-lichtenstaedter-prophet-der-vernichtung-im-holocaust, am 09.03.2026. 

The Guardian (2026): Trump’s ‘racist hate speech’ and migration crackdowns violate human rights, UN panel says. Abgerufen unter: https://www.theguardian.com/us-news/2026/mar/13/trumps-racist-hate-speech-human-rights-violations-warn-un-watchdog?utm_source=chatgpt.com, am 13.03.2026.

Universität Heidelberg (o.D.): Stellungnahme der Heidelberger Ethnolog*innen zum Begriff Rasse. Abgerufen unter: https://www.eth.uni-heidelberg.de/md/eth/institut/statement_zu_konzept_und_begriff_rasse_fin.pdf, am 10.03.2026.