Ausgabe

Zwei Ausrufe, ein Ursprung Eine literarische Spurensuche zu „veyz mir“ und „uay de mi“

Robert Schild

Als um die Jahrtausendwende die jüdische Bevölkerung der Türkei noch rund 25.000 Personen umfasste, wurde der Europäische Tag der jüdischen Kultur in Istanbul öffentlich begangen

Inhalt

Eine kleine Gruppe kulturhistorisch interessierter Enthusiasten organisierte in den Klubräumen der grossen Neve Schalom Synagoge regelmässig Ver­­an-
stal­tungen zum lokalen, vornehmlich sefardischen Judentum. So fand dort im November 2008 ein Abend mit dem Titel Aşkenasefarad statt, der die kulturellen Berührungspunkte und Unterschiede zwischen aschkenasischen und sefardischen Traditionen beleuchtete. Im Verlauf des Programms wurden bilinguale Sprichwörter und Redensarten vorgestellt, Anekdoten und Witze auf Judeospanisch sowie Jiddisch erzählt, und je ein sefardischer sowie ein aschkenasischer Kantor präsentierten charakteristische Elemente ihrer jeweiligen liturgischen Praxis. Den musikalischen Abschluss bildete eine türkische Formation aus Geige, Oud (ein orientalisches Saiteninstrument) und Kanun (eine Art Zither), begleitet von einer Sängerin, die sowohl judeospanische als auch jiddische Volkslieder interpretierte. Der Höhepunkt des Abends war eine kleine philologische Preisfrage: Wer aus dem Publikum konnte den Zusammenhang zwischen dem jiddischen Ausruf „veyz mir!“ und dem sefardischen „uay de mi!“ am überzeugendsten erläutern? Zu dieser Zeit existierten zwar bereits digitale Suchmaschinen, doch die heute verfügbaren KI-gestützten linguistischen Werkzeuge standen noch nicht zur Verfügung. Der folgende kurze Abriss wäre damals nur mit erheblichem bibliographischen Aufwand möglich gewesen!

 

Der von der heute nahezu verschwundenen Generation sefardischer Grosseltern in Istanbul und İzmir häufig gebrauchte judeospanische Ausruf uay de mi lässt sich im Deutschen schlicht mit „Weh mir!“ wiedergeben – oder etwas freier mit „Ach, ich Ärmster!“ Das verwendete uay ist die ladinospanische Weiterentwicklung des semitischen Ausrufs יוא (oy), der im biblischen Aramäisch und Hebräisch seit Jahrtausenden als Klagewort belegt ist. 

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Veranstaltungsplakat für den 5. 11. 2008, mit freundlicher Genehmigung R. Schild.

 

Parallel dazu steht der jiddische Ausdruck veyz mir, eigentlich eine verkürzte Form von vey iz mir, der ebenfalls die Bedeutung „Weh mir!“ trägt. Das jiddische vey lässt sich entweder direkt auf das aramäische יו (vay) zurückführen oder auf das mittelhochdeutsche wē („Weh!“) – eine Überlagerung, die die komplexe Sprachgeschichte des Jiddischen widerspiegelt. In ge­­-
steigerter Form begegnet uns im Jiddischen zudem das emphatische Doppelklagewort oy veyz mir!

 

Die gemeinsame Herkunft dieser Ausrufe ist eindeutig: Sie gehen auf das semitische oy/vay zurück, belegt sowohl im Hebräischen mit יוא (oy) = „Weh!“ (z. B. in Mose IV: 21,29), als auch im Aramäischen mit יו (vay) = “Weh“ (häufig im Targum Onkelos, der aramäischen Übersetzung der Fünf Bücher Mose).

 

Während das jiddische vey entweder direkt aus vay stammt oder germanisch überformt wurde, stellt das ladinospanische uay die romanisierte Variante desselben Ausrufs dar – analog zum spanischen ¡ay!

 

Damit lässt sich klar feststellen, dass beide Sprachen trotz ihrer Entwicklung in völlig unterschiedlichen geographischen und kulturellen Räumen – dem mitteleuropäischen Aschkenas und dem mediterran-orientalischen Sefarad – einen gemeinsamen philologischen Ursprung bewahren. Sowohl die germanische Lautung vey als auch das romanisierte uay erfüllen dieselbe semantische Funktion: Sie markieren Klage, Schmerz oder Verzweiflung. Die Unterschiede liegen also ausschliesslich in der sprachgeschichtlichen Entwicklung, nicht im Bedeutungsgehalt.