
Handbuch des Rechtsextremismus in Österreich, herausgegeben von Andreas Kranebitter, Isolde Vogel und Bernhard Weidinger im Auftrag der Stiftung Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.
2. Auflage, Wien: Falter Verlag, 2026.
Broschur, 512 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen, Euro 39,90.-
ISBN/EAN: 9783991660217
Die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) herausgegebene Publikation hiess ursprünglich „Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus“. Es war zwischen 1993 und 1996 in mehreren Auflagen und Ausgaben bei verschiedenen Wiener Verlagen erschienen. Das Buch-Cover der 1973 erschienenen Erstausgabe zeigte das Gesicht des damaligen FPÖ-Obmannes Jörg Haider (1950–2008). Haider erwirkte noch am ersten Erscheinungstag eine Einstweilige Verfügung gegen das Cover. Diese dramatischen Ereignisse hatten eine ungewollte Werbung für das Handbuch zur Folge. Binnen kurzer Zeit folgten eine zweite, unveränderte Auflage und ein weiterer Nachdruck, der wochenlang auf diversen Bestsellerlisten zu finden war. Damit erlangte das Handbuch eine politische Dimension. 1
Nach 30 Jahren wurde die Reihe nunmehr unter dem Titel „Handbuch des Rechtsextremismus in Österreich“ fortgesetzt. Das neue Handbuch bietet – wie seine Vorgängerpublikationen – einen umfassenden Überblick über Ideologien, Organisationen, Akteure, Netzwerke, Strategien und historische Kontinuitäten der extremen Rechten in Österreich und Europa. Dabei beleuchten 22 Autor*innen die unterschiedlichen Facetten des Rechtsextremismus, insbesondere auch die in den letzten Jahrzehnten bei der rechtsextremen Szene eingetretenen Veränderungen.
In der Einleitung (S. 15-20) begründen die Herausgeber, warum sie sich mit dem Rechtsextremismus und nicht auch mit anderen Extremismen beschäftigen. Sie erklären den Aufbau des Werkes und geben editorische Hinweise. Der Band ist in sechs Hauptabschnitte gegliedert: Grundlagen, Zahlen, Akteure, Aspekte, Ressourcen und Anhang.
I. Die Grundlagen (S. 22-72) beschäftigen sich mit dem Begriff des Rechtsextremismus, seiner historischen Entwicklung in Österreich, dem Verbotsgesetz und rechtsextremen Symbolen (mit zahlreichen Abbildungen). Der vom DÖW verwendete Begriff des Rechtsextremismus folgt nicht juristischen Normen, sondern einer sozialwissenschaftlichen Definition. Gemäss dieser Definition müssen bei einer Person oder Organisation mindestens drei Merkmale erfüllt sein, um als rechtsextrem zu gelten: 1. Behauptung einer naturgewollten Ungleichheit der Menschen (Antiegalitarismus), 2. Volksgemeinschaftsdenken (Ethnozentrismus) und 3. Unterordnung des Individuums (Autoritarismus, Antiindividualismus). Dazu kommen abgeleitete Merkmale wie Selbstüberhöhung der eigenen Gruppe, Rassismus, Antisemitismus, revisionistische Geschichtsbetrachtung, Demokratieskepsis, Rechtspopulismus, Demagogie, Sündenbockdenken, Verschwörungsmythen (Irrationalismus), Freund-Feind-Schemata, Angstmache, gewaltvolle, grobe, ungezügelte, beleidigende Sprache und schliesslich Verharmlosung all dieser Einstellungen und Verhaltensweisen.
II. Der Abschnitt Zahlen (S. 74-136) bringt Statistiken zur rechtsextremen Kriminalität und zur politischen Einstellung der österreichischen Bevölkerung – veranschaulicht durch zahlreiche Tabellen.
III. Die Akteure (S. 138-248) bilden gewissermassen das Herzstück des Bandes. Vor 30 Jahren war der Rechtsextremismus in Österreich stärker von Einzelpersonen geprägt. Deshalb enthielt das damalige Handbuch ein eigenes Kapitel mit Biografien der zentralen Akteure. Heute hingegen stehen rechtsextreme Organisationen im Vordergrund. Daher legt die neue Ausgabe des Handbuches den Fokus auf neonazistische Gruppierungen, auf Burschenschafter, Turnerschaften, deutschnationale Vereine und die neue (identitäre) extreme Rechte. Dem migrantischen Rechtsextremismus ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Es gibt heute in Österreich mehrere rechtsextreme Organisationen in migrantischen Communities: in der türkischstämmigen Community die Ülkücü-Bewegung (Graue Wölfe), in der postjugoslawischen die Ustascha-Bewegung, in der polnischen die Wiedeńska Inicjatywa Narodowa und in der ukrainischen die Organisation Ukrainischer Nationalisten – Banderisten. Den Abschluss bildet mit dem Untertitel „Im Kern rechtsextrem“ ein umfangreiches Kapitel über die FPÖ in Geschichte und Gegenwart. 2 Im Handbuch ist der Begriff „rechtsextrem“ bei all diesen Gruppierungen sehr weit gefasst. Rechtsextremismus erscheint sowohl in manifesten als auch in „verdünnten“ Formen. Er spannt sich von einem „Rechtsterrorismus“ und der rechtsextremen, identitären, neonazistischen Szene über rechtspopulistische politische Parteien bis hin zu Mitläufern und Sympathisanten. Man muss daher, will man ein Bild der gesamten Szene erlangen, nicht nur den radikalen Kern, sondern immer auch die äusseren Schichten betrachten.
IV. Die Aspekte (S. 250-402) befassen sich mit den gegenwärtigen geistigen Strömungen wie der Normalisierung und Akzeptanz des Rechtsextremismus in der heutigen Gesellschaft, mit rechtsextremen Parallel-Medien, digitalen Plattformen, Antigenderhaltung, Antifeminismus, Antisemitismus, Verschwörungsdenken, religiösem Fundamentalismus und den internationalen Beziehungen des österreichischen Rechtsextremismus.
V. Die Ressourcen (S. 404-487) beschäftigen sich mit Möglichkeiten und Grenzen der Prävention an den Schulen, enthalten ein Verzeichnis von Anlaufstellen bei rechtsextremen Vorfällen sowie ein umfangreiches Verzeichnis von rechtsextremen Organisationen und Medien.
VI. Der Anhang (S. 490-543) enthält ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Personenregister sowie ein Verzeichnis der Autor*innen des Bandes.
Das Handbuch ist ein grundlegendes Nachschlagewerk für Wissenschaft, Politik, Medien und die Zivilgesellschaft. Die Geleitworte des Bundespräsidenten, der Wissenschaftsministerin, des Wiener Bürgermeisters und des Vorsitzenden der Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes unterstreichen den offiziellen Charakter der Publikation.
Christoph Tepperberg
Anmerkungen
1 Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, hrsg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe der 2. Auflage. Wien: Deuticke, 1996, S. 10.
2 Vgl. auch das Interview von Nina Horaczek (FALTER) mit Andreas Kranebitter (DÖW). In: FALTER 21 / 2026 vom 20 Mai 2026 (S. 14) https://shop.falter.at/handbuch-rechtsextremismus-in-oesterreich.html