Diese Aufzeichnungen sind Erinnerungsskizzen aus meiner Kindheit in Nowgorod-Sewersk, Bezirk Tschernigowski, Ukraine
Ich habe in verschiedenen Städten und Ländern gelebt, jetzt lebe ich in Deutschland. Über alle Abschnitte meines Lebens könnte ich Bücher schreiben, aber begrenze mich hier bewusst nur auf den Lebensabschnitt in Nowgorod-Sewersk1, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Wir sind umgezogen, weil mein Vater in Nowosybkov, Russland, Arbeit gefunden hatte. Als ich diesen Text zu schreiben begann, wurde mir klar, dass es nicht nur um mich, sondern auch um meine Familie und um die Geschichte der Juden in der Ukraine gehen würde. Deshalb sind meine Erinnerungen mit Lebensabschnitten meiner Angehörigen und dem geschichtlichen Hintergrund verflochten. Ich beanspruche keine historische Präzision – alles hier Niedergeschriebene ist Ausdruck meiner Gedanken und Eindrücke, die persönlicher Natur und somit subjektiv sind. Das Einzige, was ich beanspruche – das ist die Wahrhaftigkeit, die ich aus der Entfernung der Zeit von neuem mit den Augen eines Kindes sehe. Im Text benutze ich die veröffentlichten Erinnerungen meines Vaters Agranowskij Mark Aleksandrowitsch, familiäre Elemente und historische Quellen, die zugänglich sind. Ich hoffe, dass meine bescheidene Arbeit dazu dient, die Erinnerung an die Geschichte der Juden in der Ukraine, in Nowgorod-Sewersk, Bezirk Tschernigowski und an meine Familie wach zu halten.
Die Strasse
Die Strasse war lang und voller Abenteuer. Nicht deshalb, weil sie wirklich lang war, sondern weil der Bus, der kleine alte Bus, der mich und Papa aus Nowosybkow, Bezirk Brjansk, nach Nowgorod-Sewersk, Bezirk Tschernigowski, brachte, nicht einmal 150 Kilometer in einem Rutsch schaffen konnte! Einer derartig anspruchsvollen Aufgabe, wie uns nach Nowgorod-Sewersk zum Haus in der Karl-Marx-Strasse 12, zur Grossmutter Chaja und zur Tante Stera zu fahren, konnte der Autobus nicht gerecht werden, ohne zu seufzen, zu schniefen, sodann anzuhalten und für eine kleine Reparatur schlapp
zu machen. Die Pan-
nen wiederholten sich manchmal. Der Chauffeur machte sich am Ort unter den kollektiven Ratschlägen der Passagiere an die Reparatur. Als ungeachtet der Ratschläge nichts passierte und der Chauffeur sich weiter mit dem Motor abmühte, breiteten sich die Passagiere auf dem Gras am Strassenrand
für ein Picknick aus.
Sie holten Butterbrote heraus, gebratene Koteletts, verkohlte Hühnerschenkel, gekochte Eier, Gurken, Tomaten und Wasser in Glasflaschen. Der Knoblauchgeruch der gebratenen Frikadellen mischte sich mit dem Duft des gemähten Grases wie ein ungebetener Hochstapler. Bekanntschaften wurden geschlossen, die Leute teilten Frikadellen und anderen Proviant miteinander. Dann legten sie sich ins Gras, die Nase zum Himmel gereckt und bedeckten ihr Gesicht mit einem sauberen Zeitungsblatt. Das war alles bis zu dem Augenblick, als der Motor plötzlich nicht mehr krampfhaft schluchzte und danach unwillig knurrte. Ich hatte sogar ein wenig Mitleid mit dem Bus, warum liess man ihn eigentlich arbeiten, wenn er alt war und nirgends hinfahren wollte? Die Leute horchten zuerst ungläubig – hielt er lange durch? Dann sprangen sie schnell auf und liefen zum Bus. Erfasse dein Glück! Und wieder – die Strasse, die schlummernden Wälder ringsum, die bald dichter werden, bald vor sonnigen Wiesen zurückweichen. Papa ärgerte sich über den Autobus, aber ich genoss jeden Augenblick dieser interessanten Reise, die Strasse, Wald und Feld vereinte. Warum sich beeilen? Das sind doch wunderbare Abenteuer: der Autobus hat oft eine Panne, man kann gehen und etwas erleben oder etwas Neues sehen. Und man muss nirgendwohin laufen! Besser kann es nicht sein! „Weil sie auf uns warten“, sagt Papa.
Wir hatten unser Kommen vorher in einem Telegramm angekündigt, zu jener Zeit besassen wir kein Telefon und auch kein Smartphone. Gemäss Telegramm und Fahrplan des Autobusses fuhren wir früh morgens in der Dämmerung ab und sollten am Tage ankommen. Aber das geschah nie. Wir kamen spät am Abend an, als am Himmel schon Sterne blinkten und im erleuchteten Fenster des Häuschens, zu dem wir fuhren, Grossmutter Chaja zu sehen war. Sie weinte. Auf dem Bänkchen an der Haustür sass meine Tante. „Sie hat den ganzen Tag am Fenster gesessen und auf euch gewartet“, sagte die Tante. „Unterwegs kann so viel passieren!“
Das Haus
Zuerst umarmte uns meine Tante, danach Grossmutter, die immer noch weinte. Wir gingen durch die Haustür von der Strasse ins Haus. Hinter uns schloss sich die Tür und verschwand der Sternenhimmel. Papa öffnete den grossen Koffer mit den Geschenken, die Tante holte mit einem langen Eisengriff einen Topf mit Essen aus dem rissigen Ofen, der mitten im Zimmer stand. Grossmutter kochte immer morgens, schloss dann die Ofentür und das Essen blieb bis abends warm. Die Töpfe enthielten oft Buchweizengrütze mit Fleisch oder Kartoffeln. Als Grossmutter den Topf öffnete, verbreitete sich der Duft augenblicklich in der ganzen Küche. Die Tante deckte schnell den Tisch. Nach dem Essen setzte ich mich auf die alte Truhe am Ofen, versank allmählich in der Wärme, die teils der Ofen, teils Grossmutter ausstrahlte, und schlief ein. Und die Erwachsenen sassen am Ofen und erzählten, erzählten… Sie plauderten auf Jiddisch – das war in jener Zeit unsere Muttersprache. „Du hast so tief geschlafen, dass du nicht einmal wach wurdest, als wir dich ins Bett trugen“, sagte mir die Tante am nächsten Morgen. Die Augen waren noch geschlossen, aber durch den Schleier des Schlafes dringt Licht durch die Spalten der geschlossenen Fensterläden. An diesem Morgen fühle ich nicht nur mit einer leichten Berührung den Lichtstreifen im Gesicht, sondern höre das klappernde Geräusch von Rädern auf der Strasse. Tuk, tuk, tuk, und es hört nicht auf…

Alexander Agranowskij (Mitte) mit Freunden.
Im Zimmer herrscht Halbdunkel und noch am Abend von Grossmutter behaglich eingewickelt, versuche ich nach der langen Fahrt wach zu werden und zu verstehen, was das für Geräusche sind – tuk, tuk, tuk, und gehe zum Fenster. Durch die Ritzen sehe ich Pferde, Fuhrwerke, die gleichmässig auf dem Pflaster klappern, und Bauern auf den Wagen. Die Pferde wiehern, die Leute unterhalten sich laut, mit ihren Angelegenheiten beschäftigt, Fussgänger eilen auf dem Bürgersteig zum Markt. Sie sind ganz nah an den Fenstern, sehen mich nicht und ich bin noch im Halbschlaf, aber dort – eine breite Strasse und auf der Strasse ist Leben! Sie gehen an den Fensterläden vorbei und berühren fast meine Nase, wie mir scheint. Die Tante hatte gesehen, dass ich aufgestanden war, ging durch die Haustür auf die Strasse und begann die Fensterläden zu öffnen. Die Fensterläden knurrten und winselten wie hungrige Hunde, die nach draussen gelassen werden. Und der Morgen war endlich mit dem feierlichen Klappern der Räder auf dem Pflaster und den Schreien vom Markt ins Zimmer gedrungen. „Heute ist Markt“, sagt meine Tante. „Willst du mit mir zum Markt gehen?“ – „Natürlich!“
Ich wasche mir das Gesicht mit Wasser aus dem Waschbecken draussen im Hof und schon gehen wir mit Beuteln zum Markt. Mitten auf dem zentralen Platz bieten die Bauern ihre Ware an, die alten Einkaufspassagen sind geöffnet, es gibt nichts, was es dort nicht gibt!
Meine Tante kauft Gemüse – von allem etwas, ich schaue eine weisse, bestickte ukrainische Bluse, Wyschiwanka, mit roten Rosen an. „Eine schöne Wyschiwanka, aber sehr teuer“, sagt meine Tante. „Wir bestellen dir besser ein Kleid bei einer Schneiderin. Stell du dich bei den Gurken an, ich bringe inzwischen die Einkäufe nach Hause und schaue, wie es Oma geht.“
Die Wyschiwanka konnten wir uns damals nicht leisten. Es war die Zeit, in der die Gurken eingelegt wurden. Viele Leute wollten Gurken einlegen, aber es gab nur wenig Gurken im Angebot. Die Schlange im Obstladen war lang und man musste geduldig warten. Ich verkürzte mir die Zeit, indem ich die Bauern, die Strasse, die Fussgänger beobachtete und die wertvolle Wyschiwanka betrachtete, die unerreichbar über den anderen Waren hing, wie blauen Damenunterhosen und weissen T-Shirts, die auf Bänken lagen. Die bestickte Bluse schwebte über ihnen auf einem Kleiderbügel, unerreichbar, zauberhaft und der Wind bewegte ihre Ärmel, die Engelsflügeln glichen. Ich habe sehr lange keine Wyschiwanka besessen. Diejenigen, die ich sah und die ich kaufen konnte, waren nie ganz nach meinem Geschmack – bald gefiel mir das Muster nicht so gut, bald war die Qualität nicht so, wie sie sein sollte. Wahrscheinlich deswegen, weil die ersehnte Bluse dortgeblieben war, in meiner Kindheit, auf dem Markt in Nowgorod-Sewersk und ich ihrem Gedenken unbewusst treu bleiben wollte.2

„Zum Gedenken an eine unvergessliche Freundschaft“, Fotograf Sender, Negative werden aufbewahrt. 1899.
Alle Abbildungen: Familienarchiv B. Liebermann, mit freundlicher Genehmigung.
Geschichten aus dem Haus und von draussen
Mein Vater Mark Agranowskij schrieb Erinnerungen aus seinem Leben in Nowgorod-Sewersk auf, die sich als so wertvolle historische Dokumente erwiesen, dass sie in dem Sammelband „ЕВРЕИ ЛИВОБЕТЕЖНОЙ УКРАИНИ“ (dt. Juden in der Ukraine vom linken Ufer des Dnjepr, Kulturgeschichte, Materialien des XV. internationalen Seminars, Tschernigiw, Widawez Losowij B. M. 2020) veröffentlicht wurden. In diesen Erinnerungen berichtet mein Vater als Augenzeuge über die Geschichte der Stadt Nowgorod-Sewersk vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert und die Geschichte meiner Familie, die von den Pogromen und den Erschütterungen des zwanzigsten Jahrhunderts verschont blieb. Diese Geschichten wurden uns Kindern oft erzählt, waren ein Bestandteil unseres Alltagslebens und fügten sich ganz natürlich in die individuelle Erfahrung eines jeden ein.
Zur Zeit meiner Kindheit reichte die Strasse direkt ans Haus heran. Man konnte durch einen engen, kleinen Flur aus dem Zimmer, in dem ich auf einem alten eisernen Bett schlief, auf die Strasse gehen. Im Flur war es dunkel und roch immer nach eingelegten Gurken, die dort in bauchigen Gläsern auf Regalen standen. Hinter den Gläsern befand sich die Eingangstür. Durch diese Tür waren einst viele Leute gegangen, denn in diesem Zimmer hatte sich einmal ein Friseurladen befunden – die Familie hingegen hatte in der Küche mit dem Ofen und in zwei winzigen Zimmern gewohnt. In dem Friseurladen hatte mein Grossvater, der Friseur war, den Bewohnern von Nowgorod-Sewersk und Umgebung die Haare geschnitten und Bärte gestutzt. Mein Grossvater – Agranowskij Alexander (Sender) wurde 1876 in Nowgorod-Sewersk geboren, 1900 ging er nach Amerika und kehrte 1905 zurück. „28. Januar 1903. Im Gedenken an meine lieben Eltern“ – schreibt er mit kalligraphischer Schrift und schwarzer hochwertiger Tinte aus dem fernen Amerika, aus der Stadt Philadelphia, nach Nowgorod-Sewersk. „Elias Goldensky“ entziffre ich nach über hundert Jahren den Stempel auf der Rückseite der Fotografie. Das war also eine in einem populären Fotoatelier in Philadelphia angefertigte Fotografie. Dessen Besitzer wurde mit den Porträts jüdischer Emigranten reich und konnte Filialen in verschiedenen amerikanischen Städten eröffnen. Was tat mein Grossvater in Philadelphia, so weit von Nowgorod-Sewersk entfernt? Das ist eine lange Geschichte, die ich später erzählen werde.
Goldensky hörte wahrscheinlich viele Geschichten von seinen Kunden. Seine Familie war 1890 aus Krementschuk (Gouvernement Poltawa, Russisches Kaiserreich, heute Ukraine) nach Amerika geflohen. Sie liess sich in Philadelphia nieder, wo viele jüdische Flüchtlinge lebten, unter anderem auch aus der heutigen Ukraine. Elias eröffnete sein Fotoatelier. Er hielt der grausamen Konkurrenz stand und machte sich dadurch einen Namen, dass ihm meisterhaft elegante Porträts mit interessanten Lichteffekten gelangen. Seine Kunden waren Juden, die in Amerika ein besseres Leben suchten. Sie arbeiteten schwer, lebten ärmlich, aber allmählich verbesserten sie ihren Lebensstandard und schickten ihren Verwandten in Europa ihre Porträtfotos. Es wurde erzählt, dass Goldensky sich für die Aufnahmen viel Zeit nahm und den Kunden niemals Posen vorschrieb – er unterhielt sich lange mit ihnen, bis sie sich öffneten und sie selbst wurden. Ich glaube, Goldensky war so erfolgreich, weil er seine Klienten nicht so fotografierte, wie sie in Wirklichkeit waren, sondern so, wie sie sich zeigten, wie sie werden wollten. Denn geradeso wollten diese Flüchtlinge aussehen! Sie, die oft durch Wälder und Sümpfe hindurch Litauens Grenzen überschritten hatten, waren gedemütigt und arm, in in ihrem Heimatland hatten sie Hunger gelitten. Jetzt lebten sie in Wohlstand, vornehm, voll innerer Kraft und Vertrauen in sich und in die Zukunft. Elias Goldenskys Fotografien befinden sich in Museen und werden bis heute auf Auktionen verkauft. Und zu den Kunden von Elias Goldensky in Philadelphia gehörte mein Opa. Ich betrachte seine Fotografie, die aus dem fernen Amerika nach Nowgorod-Sewersk geschickt wurde – ein attraktiver, nach der damaligen Mode gekleideter eleganter junger Mann: Krawatte, weisses Hemd, feines Gesicht und eine modische Frisur: mit messerscharf gezogenem Scheitel, nach rechts gekämmt.
Mein Grossvater Alexander Agranowskij kehrt im Jahre 1905 nach Nowgorod-Sewersk zurück. Warum kam er zurück? Mein Vater denkt, dass sein Vater in Amerika kein Unternehmer wurde, sondern als Angestellter arbeitete. Zudem liess die Revolution in Russland die Menschen auf ein besseres Leben hoffen. Möglicherweise kam er auch, weil seine jüngeren Geschwister Chasja und Jakow ebenfalls die Absicht geäussert hatten, nach Amerika auszuwandern und die hochbetagten Eltern nicht allein bleiben sollten. Um sie musste man sich kümmern. Aus Amerika brachte mein Opa einen Friseurstuhl mit, der ihm dann viele Jahre diente. Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen:
„Als er 32 Jahre alt war, heiratete er meine Mutter Chaja Pejsachowitsch aus der nahe gelegenen Stadt Gluchow. Es mag auf Unverständnis stossen, dass mein Vater Alexander hiess. Im jüdischen Umfeld sagten sie Sender zu ihm. Es gibt eine Legende: Als Alexander der Grosse (der Mazedonier) nach Jerusalem kam, verlangte er zur Verewigung dieses Ereignisses eine Büste in dem Jerusalemer Tempel aufzustellen. Die Priester erklärten ihm, dass es bei den Juden nicht üblich sei, Bildnisse im Tempel unterzubringen, es aber ein wirksameres Mittel gebe, seinen Namen zu verewigen. Von jetzt an müsse jeder Priester aus dem Stamme Levi, der in einem Tempel Dienst tue, seinen ältesten Sohn Alexander nennen und da es bei den Juden Sitte ist, ihre ältesten Söhne nach dem Grossvater zu nennen, wage ich zu hoffen, dass wir aus dem Stamme der Leviten kommen.“
Der Name Alexander klingt auf Jiddisch Sender, so wurde Grossvater von seinen Freunden und Verwandten genannt. Der Name „Sender“ war offenbar in den 1920er Jahren so verbreitet, dass bei meiner Tante Stera im Abschlusszeugnis der Mittelschule in Nowgorod-Sewersk, das in ukrainischer Sprache geschrieben und im Jahre 1931 ausgegeben wurde, Stera Senderowna zu lesen ist. In den Dreissiger Jahren wird „Sender“ in allen Dokumenten drastisch zu „Alexander“ geändert. So wird der weiche und häusliche „Sender“, der jedem der in jener Zeit Jiddisch sprechenden Juden vertraut ist, als Folge der Russifizierung in der endgültigen Rechtschreibung zu „Alexander“. Mein Grossvater kehrte also aus Amerika zurück
und heiratete. Der Vater seiner Braut war Melamed, das heisst Lehrer der Thora und anderer heiliger Bücher. Melamed – das war ein angesehener Beruf. Bei den Juden jener Zeit stand religiöse Gelehrsamkeit über allem Reichtum und es galt als wunderbare Partie, als Schwiegervater oder als Schwiegersohn einen Kenner der heiligen Bücher zu bekommen. Mein Opa war ein guter Bräutigam – er kannte sich im Judentum aus, hatte sein Geschäft und beachtete sein ganzes Leben lang den Schabbat. Selbst in den späten Briefen, die in den Dreissiger Jahren auf Russisch geschrieben waren, gab er hin und wieder Scherze zum Besten, die mit der Geschichte des jüdischen Volkes aus alten Zeiten zusammenhingen.
Für die Familie und für seine Arbeit mietete mein Grossvater ein Häuschen auf der Gubernskaja Strasse 12 (in meiner Zeit Karl-Marx-Strasse 12). Alle unsere zahlreichen Verwandten wohnten laut Aussagen Papas und der Tante nicht weit davon entfernt. Da wir zu jener Zeit viele Verwandte hatten und ein grosser Teil von ihnen auf dem alten jüdischen Friedhof beigesetzt war, so lässt sich daraus schliessen, dass einige Generationen unserer Vorfahren in Nowgorod-Sewersk gewohnt haben. Mein Grossvater heiratete also, eröffnete ein eigenes Friseurgeschäft und blieb für immer in Nowgorod-Sewersk. Bis zur Revolution 1917 ging Grossvaters Friseurgeschäft gut. Das Häuschen befand sich an der Hauptstrasse, auf der immer Pferdefuhrwerke und Fussgänger vorbeikamen, und grenzte an den Palast des Kaufmanns Medwedew an. Die Besucher kamen, weil mein Opa als gebildeter Mensch mit guten Manieren galt, ein Meister seines Faches war und den Besuchern von Amerika erzählte. Im Geschäft war die Zeitschrift „Niwa“ vorhanden, die damals sehr populär war. Da fast niemand aus Nowgorod-Sewersk und Umgebung in Amerika gewesen war und auch nicht beabsichtigte, dorthin zu gehen, lauschten ihm alle mit Vergnügen. Häufige Besucher des Friseurladens waren Juden, die freitags vor dem Schabbat kamen, um sich die Haare schneiden und sich rasieren zu lassen, und sonntags auch Christen, die den Jahrmarkt besuchten. Am Schabbat, das war klar, arbeitete der Grossvater nicht.
Mein Vater Mark Agranovski schildert in seiner Autobiografie das Leben von Nowgorod-Sewersk und unserer Familie um 1910 sehr genau: „Die Christen mochten meinen Vater erstens wegen seiner Ungezwungenheit und Natürlichkeit im Umgang und zweitens wegen seiner Reisen in Amerika und seiner Erzählungen über das Leben dort und seine Eindrücke“, schreibt er. Das ist doch schon ein Ding – den Ozean dorthin und zurück zu überqueren. Für einen Bauern, der es gewohnt ist, Jahrzehnte in seinem Dorf zu leben, ohne es jemals zu verlassen, war das äusserst ungewöhnlich und erregte Erstaunen.
Als in den folgenden Jahren schwierige Hungerzeiten kamen, hat uns die Bekanntschaft meines Vaters mit den Christen sehr geholfen. Ziemlich oft kam Meir Schewelew – der Mann von Tante Rachil, der Schwester meines Vaters. Er war ein kluger, fröhlicher Mensch und kannte die Einheimischen in- und auswendig. Die Kunden meines Vaters unterhielt er mit verschiedenartigen interessanten Geschichten und Anekdoten. „Kurz und gut, mein Vater liebte die Menschen und die Menschen liebten ihn“, schreibt mein Vater in seinen Erinnerungen.
Und so hatte der Friseur Agranowskij unter den Christen Freunde, die ihm und seiner Familie zur Zeit der Pogrome 1918 das Leben retteten und während der folgenden Hungerjahre halfen. Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen siebzig Jahre danach über den Beginn eines Pogroms, das er in seiner Kindheit überlebte:
„Meine Erinnerungen werden mit Beginn meines siebten Lebensjahres (1917; Anm., B. Liebermann) deutlicher. Wahrscheinlich hängt das nicht nur mit dem Alter zusammen, sondern mit dem grossen Umbruch im Leben der Menschen, der nach der Oktober-Revolution stattfand und Auswirkungen auf die Kinder haben musste.
Die schlimmste Erinnerung beruht darauf, dass in der Stadt über einige Zeit Anarchie herrschte, die von Abenteurern und Banditen jeder Art ausgenutzt wurde, um Menschen zu töten und zu bestehlen, insbesondere die Juden. Besonders hat sich meinem Gedächtnis der Einfall der Rsomin-Bande in die Stadt eingeprägt, die die Juden bestahl und ermordete. Das geschah, wie ich mich jetzt erinnere, am 6. April 1918. Ich war schon acht Jahre alt. Seit dem Morgen verbreitete sich Unruhe und die Juden begannen zu flüchten und sich zu verstecken, wo es ihnen möglich war. Viele flüchteten in Schluchten des Ufers des Flusses, aber sie wurden auch dort entdeckt und erschossen.
Wir flohen nicht. Mein Vater sperrte die Haustür ab, schloss die Fensterläden und bat eine russische Frau, die bei der Nachbarin als Köchin arbeitete, sich an das Zauntor unseres Hauses zu stellen und allen Reitern zu sagen, dass alle geflohen seien und sich niemand im Hof aufhalte. Wir hatten uns in einer Erdgrube (damaliger Keller; Anm., B. Liebermann) versteckt, die sich in einer entfernten Ecke des Hofes befand.
Die Bande wütete den ganzen Tag bis zum Abend. Gegen Abend waren sie dann verschwunden. Mein Vater begab sich heimlich durch die Hintertür ins Haus und beobachtete durch eine Öffnung im Fensterladen das Geschehen auf der Strasse. Als er sich davon überzeugt hatte, dass es in der Stadt ruhig war, kehrten wir ins Haus zurück. Nachdem wir in der Erdgrube gesessen hatten, schliefen wir Kinder ein, unsere Eltern aber nicht. Am nächsten Tag nahm mein Vater mich an die Hand und wir gingen in die Stadt, um die Folgen des Pogroms zu sehen.
Hauptsächlich hatten die Banditen auf der Kasatzkaja Strasse (heute Swerdlowa Strasse) und auf der Tarelkina Strasse (heute Krestjanskaja Strasse) gewütet, wo im Wesentlichen Juden wohnten. Überall waren Diebesspuren, zertrümmerte Möbel und Geschirr zu sehen und auf der Schwelle eines Hauses lag an der offenen Tür eine Frau, die durch einen Kopfschuss getötet worden war.
Ich sehe das noch, als sei es heute, und in meinem kindlichen Bewusstsein prägte sich die Verbindung ein – Revolution, Gräueltaten und Ermordung völlig unschuldiger Menschen.
Jetzt denke ich oft darüber nach, dass im Menschen zwei Anlagen verborgen sind – die g‘ttliche und die teuflische. Dostojewskij sagt zu Recht, dass die Befreiung des Menschen von allen moralischen Normen und Verpflichtungen zum Triumph der teuflischen Anlage führt – alles ist erlaubt ...“
Am nächsten Tag, nach der Beschreibung am 7. April 1918, es war ein schöner Frühlingstag, fährt mein Vater fort.
„Aus irgendeinem Grund hat sich mir dieser Tag tief eingeprägt. Es lag schon kein Schnee mehr und die Sonne schien warm. Gegen Abend kamen Gerüchte auf, dass die Bande zurückkehren würde. Panik brach aus und die Juden begannen in verschiedene Richtungen zu flüchten. Wir machten uns in Richtung auf das Dorf Scheptaki auf den Weg, das – wenn ich mich nicht irre – 12 Kilometer von der Stadt entfernt ist. Wie wir dorthin kamen, weiss ich nicht, kaum zu Fuss. Offenbar war es meinem Vater gelungen, ein Fuhrwerk zu organisieren. Wie ich mich jetzt erinnere, machten wir etwa sechs Kilometer von der Stadt entfernt in einem grossen Bauernhof eines Weilers Halt, in dem sich schon viele Flüchtlinge befanden. Ich erinnere mich, als sei es heute – eine an der Zimmerdecke befestigte Kerosinlampe, Menschen, die sich auf dem Boden und auf Bänken zusammendrängten. Der eine schlief, ein anderer aber schlief nicht. Ich schlief nicht. Plötzlich kam vom Hof ein Geräusch. Mein Vater ging nach draussen, dann kam er erregt zurück und sagte, dass es Partisanen seien – Bolschewiken. Der Ranghöchste von ihnen – ein gewisser Salaj, der in der Zeit danach in Moskau einen sehr hohen Dienstposten einnahm, stiess meinem Vater die Pistole in den Bauch und warf ihm und allen anderen vor, dass sie keine Selbstverteidigung in Nowgorod-Sewersk organisiert hätten. Womit denn, mit welcher Waffe? Etwa mit Knüppeln?
In den übrigen Nachtstunden liessen sie uns in Ruhe. In der Dämmerung zogen wir weiter und nach anderthalb Stunden erreichten wir das Dorf Scheptaki. Mein Vater kannte in den Dörfern viele Bauern. Er fand einen Bekannten. Das war ein mit einem Bein hinkender, schlichter Bauer, der zwar körperlich behindert war, jedoch über eine grosse Geistesstärke verfügte, wie sich später zeigte. Der Hof war weiträumig und mit einem massiven Zaun umgeben, doch das Gebäude war ein gewöhnliches Bauernhaus. Im Inneren des Hauses stand in der Ecke neben der Tür ein grosser russischer Ofen. Die Familie des Hausherrn schlief in einem Teil dieses Raumes, der mit einem Baumwollvorhang geteilt wurde, das war üblich. Wenn sich mein Gedächtnis nicht täuscht, gab es keine Kinder. Unter den Ikonen stand ein Tischchen, auf dem sich eine Karaffe mit selbst gebranntem Schnaps befand, der auf irgendwelchen Kräutern und Zitronenschale angesetzt war. Warum mir das im Gedächtnis blieb, weiss ich nicht, aber es war so. Wir schliefen auf Bänken. Die Besitzer waren sehr gut zu uns.
Ich sage nicht, dass sich alle Bauern gleichermassen gut uns gegenüber verhielten. Es gab welche, die uns zu töten drohten. In solchen Fällen stand der Hausherr mit einer schweren Holzstange am Tor und behielt uns im Auge. Aber offensichtlich hatten nicht alle solche Absichten, denn wir hielten uns dort in verhältnismässiger Ruhe einige Tage auf, bis es hiess, dass es in der Stadt ruhig sei. Dann brachte uns unser Retter mit seinem Fuhrwerk nach Hause, nach Nowgorod-Sewersk. Unsere Rückkehr erfolgte zeitgleich mit dem Übergang der Stadt in die Herrschaft der Deutschen und der Rada (Parlament der Volksrepublik Ukraine 1917-1918) in der Ukraine. Es war so, dass gemäss dem Vertrag von Brest 1918 die Ukraine und damit auch Nowgorod-Sewersk unter die Herrschaft des Deutschen Reiches fiel und buchstäblich am Tag unserer Rückkehr im Stadtgarten schon das Blasorchester spielte. In ihrer Freizeit flanierten die Leute über die Hauptstrasse, die damals Gouvernement-Strasse hiess. Die deutschen Soldaten wurden in den Wohnungen untergebracht. Auch in unserem Haus wohnten Deutsche. Sie verhielten sich den Hausbesitzern gegenüber ziemlich korrekt. Sie beleidigten niemanden. Ich erinnere mich an einen hageren Soldaten namens Willi. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, Speck zu braten.
Komplizierter gestaltete sich die Beziehung der neuen Macht mit der dörflichen Bevölkerung, der Getreide für den Versand in das hungernde Deutschland abgenommen wurde. Es kam bis zu blutigen Zusammenstössen, die offensichtlich auch von den bolschewikischen Partisanen angeheizt wurden, die sich in den Wäldern hinter dem Fluss Desna versteckten. Diese Zusammenstösse endeten manchmal mit dem Tode deutscher Soldaten, was sehr grausame Racheakte zur Folge hatte. Das Dorf, in dem sich getötete deutsche Soldaten befanden, wurde gewöhnlich bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ein solches Schicksal ereilte zum Beispiel das Dorf Worobjowka. Ich erinnere mich, dass das Geschehene in der Stadt diskutiert wurde und Angst einflösste. Auf diese Weise erschienen allmählich auf dem örtlichen russischen Friedhof deutsche Gräber. Das diente in späterer Zeit (1938–1939; Anm., B. Liebermann) als Vorwand für das Erscheinen einer deutschen Delegation zur Prüfung des Zustandes des Friedhofs, in Wahrheit aber, um die umgebende Örtlichkeit zu fotografieren – es ging auf das Jahr 1941 zu.“
Ein weiteres Zeugnis für den Holodomor (Hungerjahre; Anm., B. Liebermann):
„Die Deutschen Soldaten wurden nach Deutschland zurückberufen, die Soldaten des ukrainischen Parlaments wurden durch die bolschewikischen Soldaten, die von Norden einfielen, vernichtet und in der Stadt blieb die Sowjetmacht. Obwohl die Bauern per Dekret Land als Eigentum erhielten, wurde die private Industrie verstaatlicht und sogleich war der normale Warenaustausch zwischen Stadt und Land vernichtet. Als Resultat des weitergehenden Krieges fand eine Desorganisation und Verstaatlichung (Nationalisierung) der Industrie statt, das heisst, sie ging in die Hände des Staates über (und geriet völlig durcheinander). Die Stadt konnte dem Land keinerlei Waren zum Tausch gegen Getreide anbieten. Die Bauern horteten weiterhin ihr Korn und verkauften es nicht, weil sie das Geld nicht schätzten, da sie nichts dafür kaufen konnten. Die Bauern zogen es vor, das Getreide zu verstecken, als es zum Verkauf in die Stadt zu fahren. Und da wurde in Moskau eine Ablieferungspflicht beschlossen. Die Bauern wurden verpflichtet, überschüssiges Getreide an den Staat abzugeben. Überall tauchten Lebensmittelkommandos auf, die Durchsuchungen veranstalteten, die Kornüberschüsse konfiszierten und in die Stadt transportierten. Die Lage spitzte sich aufs Äusserste zu, oft kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Bauern und den Lebensmittelkommandos. Diese Periode wurde Kriegskommunismus genannt. Das Resultat war ein völliges Zerwürfnis zwischen Stadt und Land. Man kann nicht sagen, dass es den Stadtbewohnern als Resultat dieser Missstimmung besser ging. Plötzlich gab es kein Brot mehr. Obwohl Brotkarten eingeführt wurden, reichte das Brot trotzdem nicht aus. Da mein Vater viele Bekannte unter den Bauern hatte, ging er über Land, rasierte sie und schnitt ihnen die Haare. Im Gegenzug erhielt er Brot. Gegen Abend kehrte er hungrig und durchgefroren zurück und wir kleinen Kinder konnten wenigstens einmal am Tag essen. Wir hungrigen Kinder, die seit dem Morgen keinen Bissen im Mund gehabt hatten, erwarteten voller Ungeduld die Rückkehr des Vaters vom Land. Gegen Abend erschien er todmüde mit einem Sack voller Brotstücke, Gerstenpfannkuchen und Grütze-Portionen und wir stürzten uns gierig auf all diese guten Sachen.
Es war klar, dass dieser Essensvorrat nicht lange reichen konnte und der Vater diese Reisen mehrmals wiederholen musste. Es war Winter mit Frösten und Schneestürmen und man kann sich vorstellen, wie mühevoll er jedes Stück Brot erkämpfen musste. Während wir schon in verhältnismässigem Wohlstand leben, werde ich – wenn ich sehe, wie das übrig gebliebene Brot nach dem Mittagessen weggeworfen wird – ganz ungemütlich und erinnere mich an diese schweren Tage – zugefrorene Fenster, Kälte in der Wohnung und lange Winternächte. Revolutionen zerstören in erster Linie die Existenz der armen Leute, deren Leben vom täglichen Brot abhängt!
Die Kälte! Wie ich mich daran erinnere! Es gab nichts, um den Ofen zu heizen, und nachts ging der Vater mit der Axt los, um die Zäune der Gärten und Gemüsegärten zu zerschlagen. Damit wurde unser Ofen geheizt – mit Brettern, die in Stücke gehauen werden mussten.
Diese Beschäftigungen wirkten sich schrecklich auf die Gesundheit meines Vaters aus und er wurde krank – ein starker Husten zerriss seine Brust. Ein Arzt wurde gerufen. Er hiess Dumarowski mit Nachnamen. Seine Diagnose war „trockene Pleuritis“. Er nahm kein Geld für die Behandlung und wir hatten auch keines. Er war ein sehr guter Mensch. Er erzählte uns Kindern Geschichten, um uns von traurigen Gedanken abzulenken.
Aber wir mussten irgendwie leben. Mein Vater hatte einen Jugendfreund, der eine Geldsammlung bei den Juden organisierte. Ausserdem begann meine Mutter, Sachen zu verkaufen oder zu verpfänden. Die Menschen sind sehr verschieden!
Der Vater war etwa einen Monat lang krank, dann begann er sich zu erholen und obwohl noch schwach, nahm er wieder seinen Platz am Friseurstuhl ein. Das Leben nahm erneut seinen Lauf, die Leute achteten stärker auf ihr Äusseres und wurden zu ständigen Besuchern.“
In den Zwanzigerjahren begann die Politik der NEP (Neue Ökonomische Politik) und den Leuten ging es allmählich besser. Mein Vater beschreibt diese Zeit folgendermassen:
„Die Menschen begannen fröhlicher zu leben und mehr auf ihr Äusseres zu achten und mein Vater bediente die Kunden von morgens bis abends – schnitt Haare und rasierte.
Obwohl das verdiente Geld zum Leben reichte, beschäftigte sich mein Vater, der Friseur, abends mit der Fertigung von Zigaretten. Tabak konnte man kaufen, Hülsen ebenfalls, aber Fertigzigaretten gab es nicht. Das verschaffte ihm ein zusätzliches Einkommen.
Dazu muss noch erwähnt werden, dass sich die Verbindung mit dem Ausland verbesserte und Tante Chasya, die in Amerika lebte, uns Pakete mit Kleidung für die Erwachsenen und Kinder schickte. Manchmal schickte sie uns ein Kuvert mit einigen Dollars, die man in einem sogenannten Torgsin-Geschäft (Handel mit Ausländern) umtauschen konnte.“
Torgsin etablierte sich 1931 mit 1.500 Filialen im ganzen Land und wurde 1938 geschlossen. Zweck des Torgsins war Beschaffung von Wertsachen wie zum Beispiel Edelmetallen und Ersparnissen von der Bevölkerung für Finanzierung der Auslandsschulden und Industrialisierung des Landes. (Anm., B. Liebermann)
„Mit dem Torgsin-Geschäft ist eine Episode verbunden, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Der Vater erinnerte sich einmal daran, dass einer seiner wohlhabenden Kunden noch vor der Revolution, als er bezahlte, einen goldenen Zehner auf den Boden fallen liess. Der Zehner rollte in eine Spalte im Fussboden. Es wurde darauf verzichtet, den Boden zu öffnen, um das Geldstück herauszuholen, und danach vergass man die Sache. Aber die Not brachte die Erinnerung daran zurück. Eines Abends beschloss der Vater, den Boden zu öffnen, um diesen Zehner herauszuholen. Für uns Kinder war das ein grosses Ereignis. Der Boden wurde nicht ohne gewisse Schwierigkeiten geöffnet und es gelang, den Zehner zu finden. Voll Bewunderung betrachteten wir das goldene Geldstück im Wert von zehn Rubeln mit dem Abbild des Zaren Nikolaj auf der Rückseite. Vater gab den Zehner im Torgsin ab (wo die Währung und das Gold in Nahrungsmittel umgetauscht werden konnten) und bekam dafür eine gewisse Menge von Sachen, die wir brauchten.
Und so wendete sich das Leben der Menschen zum Besseren.
Diese Zeit ist charakterisiert durch eine seltsame Verbindung privater Unternehmung und der Sowjet-Macht. Das Eine störte das Andere nicht. Parallel zueinander existierten privater Kapitalismus und öffentliche Organisationen – Kommunistische Partei, Komsomol, Gewerkschaften, Pionier-Organisationen. Es wurde darauf vertraut, dass die Revolution (früher oder später) auf der ganzen Welt triumphiere und dann sei es nicht weit bis zum Kommunismus. Aber bis sich im Alltag die Ideen der Wegbereiter der kommunistischen Ideen realisieren, musste man widerwillig Fisch bei dem jüdischen Fischhändler Kutikow kaufen, dessen Geschäft immer übervoll mit Fischen aller möglichen Arten war, die in Waggons aus dem Süden kamen.
Ich erinnere mich an ein solches Lebensmittelgeschäft unseres Nachbarn Kaufman, bei dem man immer reinste in Pergamentpapier eingewickelte Butter kaufen konnte – immer frisch, aromatisch und bemerkenswert geschmackvoll. In diesem Geschäft konnte man alles für das Essen Notwendige bekommen. Im Winter gab es normalerweise Zitronen, Apfelsinen und Trockenfrüchte. Brot wurde mit reinstem Roggenmehl gebacken.
Ich erinnere mich, dass meine Mutter selbst Brot buk. Aus dem Ofen kamen duftendes köstliches Brot und zugleich auch Roggen-Piroggen, gefüllt mit Stampfkartoffeln und Zwiebeln.
Manchmal machte die Mutter auch zusammen mit dem gebackenen Brot den sogenannten Kulaga. Das war eine dicke Flüssigkeit von dunkelbrauner Farbe und säuerlichem Beigeschmack und ungewöhnlich lecker. Die Zubereitung dieser Speise habe ich vergessen, doch höchstwahrscheinlich war es ein Nebenprodukt aus fermentiertem Teig.
Die religiösen Feiertage, unter ihnen auch der Schabbat, wurden immer eingehalten. Am Schabbat arbeitete mein Vater nicht, obwohl er kein besonders religiöser Mensch war. Freitagabends wurden Kerzen in Kerzenhaltern aus Messing angezündet. Abend- und Mittagessen für den Sonnabend wurden vorher im grossen Ofen zubereitet, der es 24 Stunden warmhielt. Nach religiösem Brauch durfte der Ofen am Schabbat nicht geheizt werden.
Das Mittagessen am Schabbat war, wenn die Umstände es erlaubten, sehr reichhaltig.
Üblicherweise wurde zuerst gefilter Fisch gereicht. Selbst der ärmste Jude konnte sich das Schabbat-Essen nicht ohne gefilten Fisch vorstellen (dt. gefüllter Fisch, bei aschkenasischen Juden beliebtes kaltes Fischgericht; Anm., B. Liebermann). Nach dem Fisch folgte der sogenannte Tscholent – eine Suppe aus hausgemachten Nudeln mit Hühnerfleisch oder Bohnensuppe mit Rindfleisch, die Suppe wurde mit Buchweizengrütze gemischt. Dann gab es Kugl – Hühnerhals oder ein spezielles aus Tuch genähtes Säckchen, gefüllt mit einer Mischung aus Zwiebeln und Fett (das alles wurde natürlich vorher gekocht; Anm., B. Liebermann). Es folgte „Fächertorte“, Fladen, eine Pirogge mit Mohn und Kompott. Es ist verständlich, dass man nach einem derartig üppigen Essen schläfrig wurde. Aber ich möchte betonen, dass dies sich auf die guten Jahre bezog und davon gab es nicht so viele…“
Die letzte Fotografie meines Grossvaters Alexander, Friseur, die ich besitze, ist in Nowgorod-Sewersk kurz vor seinem Tod 1940 aufgenommen worden. Er starb mit 65 Jahren. Das Foto zeigt einen alten Mann, gebeugt, mit müdem Gesicht. Er trägt einen alten, schweren, grossen Mantel, der aus einem Militärmantel seines Sohnes Lew genäht ist. Die geäderten dünnen Hände ruhen auf seinen Knien. Hinter ihm liegen lange Jahre: Kindheit in einem ukrainischen Stedtl, Amerika, der Erste Weltkrieg, Revolutionen, Pogrome, Hunger, Kälte, Mangel, Krankheiten und ein paar ruhige Jahre zur Zeit der NEP, der Neuen Ökonomischen Politik der Sowjetzeit. Die Frisur auf dem Foto von 1940 ist aber dieselbe wie auf dem Foto aus Amerika – nach rechts gekämmte Haare, exakter Scheitel, eine Haarsträhne. Obwohl die Haare spärlich sind und grau. Sein Blick ist geblieben: klug, durchdringend und allwissend. Nur, wie bei den Alten auf Rembrandts Gemälden, etwas auf das jenseitige Leben gerichtet. Die Familienfotos standen immer auf einem Tisch und auf einem Regal im Wohnzimmer, in dem ich schlief, und meine Tante und mein Vater erzählten mir vom Grossvater, weil sein Leben wie auch das Leben anderer Menschen auf den Fotos und ihre Geschichten ein Teil unseres Lebens waren und meines beginnenden Lebens – zeitlos.
Ich erinnere mich oft daran, wie ich in jenem Leben in Nowgorod-Sewersk aus dem Fenster auf die Strasse schaute. Das Gefühl der Teilhabe an der Geschichte meiner Familie und am Leben der Strasse verliess mich niemals. Wahrscheinlich deswegen, weil die Häuser zu jener Zeit alle nur ein- oder zweistöckig und die Strassen nicht breit waren. In der damaligen Gubernska Strasse – der Hauptstrasse der Stadt – hatten die Häuser zwei Eingänge und zwei Türen: auf die Strasse ging üblicherweise die Haustür eines Ladens oder eines ehemaligen Friseurgeschäfts, wie bei uns, während die andere Tür sich zum Hof öffnete. Jede Tür hatte ihre Funktion. Je nach Situation konnte man entweder in den Hof springen oder durch die Haustür auf die Strasse und ein Teil des Lebens auf der Strasse werden. Die Haustür ist dafür eine Haustür, dass man abends neben ihr auf einer Bank sitzen und sich mit den Passanten unterhalten kann. Abends sitze ich mit der Tante und der Grossmutter auf der Bank und wir betrachten die Jugendlichen, die zum Park eilen, um zu tanzen. Die Mädchen begrüssen einander, sie sind fröhlich, lebhaft, schön gekleidet, einige haben Zöpfe, die bis unter den Gürtel reichen. In der Dämmerung und der Wärme verbreitet sich der Duft der Blumen und besonders aromatisch der Duft nach Tabakblüte. Irgendein mir noch unbekanntes Leben umgibt mich, geht an mir vorbei. Ich spüre sein Geheimnis und lausche dem Gespräch der Erwachsenen. Ich verstehe nicht, worum es geht – irgendwelche Gerüchte, Spässe, Geflüster, Anspielungen, Pärchen in den Gassen, rätselhafte Liebesgeschichten.
Meine Tante und meine Oma – wir sind auf der Bank an der Strasse. Wahrscheinlich werde ich, wenn ich grösser bin, auch lange Haare haben und tanzen gehen. Jetzt sind meine Haare kurz und meine Frisur ist wie bei meinem Opa auf dem Foto: nach rechts gekämmt. Aber warum soll ich überhaupt irgendwohin gehen, wenn ich mich neben dem langen Rock der Grossmutter so wohl fühle und die Tante meine Hand hält. Ich fühle mich warm und sicher bei ihnen, in unserem Haus, in dem alle unseren Verwandten gelebt haben, selbst diejenigen, die wir nur auf Grund ihrer Fotos kennen. Ich fühle mich diesem Nachtleben überlegen – als hätte ich das Leben mit meiner Tante und Grossmutter schon gelebt und brauchte von der Höhe dieses Lebens nicht mehr durch dunkle Gassen zu gehen, um glücklich und zufrieden zu sein. Ich vermute und weiss sogar bereits alles über dieses nächtliche Leben. Zöpfe wuchsen mir nie und ich musste nicht tanzen gehen. Nicht, weil ich das nicht wollte, aber es ergab sich einfach so. Als meine Oma starb und danach auch meine Tante, kamen wir nur noch selten nach Nowgorod-Sewersk. Und dann spielten auch keine Musikanten mehr zum Tanz im Park auf. Vielleicht es ist ein Zeichen der Trauer um meine Verwandten und alle Katastrophen in der Welt – so scheint es mir manchmal.
Anmerkungen
1 Nowgorod-Sewerskij – das ist die übliche moderne Schreibweise der Stadt. Im vergangenen Jahrhundert war Nowgorod-Sewersk oder Nowgorod-Sewersk gebräuchlich. In Abhängigkeit vom Kontext benutze ich diese oder die andere Schreibform.
2 In diesem Jahr kaufte ich mir eine Wyschiwanka auf dem Weihnachtsmarkt in Köln. Die Blusen verkaufte ein junger Mann, der sich – man weiss nicht wie – auf diesem Markt befand. Hinter seinem Rücken hing ein buntes Sammelsurium verschiedener gestickter Blusen dicht aneinandergedrängt auf Kleiderbügeln und dahinter erhob sich in freundlichem Scheinwerferlicht stolz und mächtig der Kölner Dom. Vielleicht war der Verkäufer vor dem Kriegsdienst geflohen. Die Handwerker, das ist klar, waren in der Ukraine und zwischen ihrer Arbeit und den Bombardierungen stickten sie. Sie warteten wahrscheinlich auf jeden Euro, der ihnen nach Teilung mit dem Zoll, den Chauffeuren und den Verkäufern aus dem Ausland zukommen sollte. Unter diesen Umständen war es einfach unmöglich, keine zu kaufen. Die Luft wirbelte auf, ich begriff, dass dieser Augenblick eingetreten war: mit dem Ende der Feiertage schliesst der Weihnachtsmarkt, aber der Krieg in der Ukraine geht weiter und die ukrainischen Blusen sind beinahe bereit, in das Vergessen der Fantasie zu fliegen, wie auch die unerreichbare Bluse meiner Kindheit. Ich kniff die Augen zusammen, betrachtete das unerträglich bunte Angebot, seufzte, gewann Boden unter den Füssen und deutete mit dem Finger auf etwas, das dem, was ich in Nowgorod-Sewersk gesehen hatte, völlig entgegengesetzt war. „Packen Sie mir bitte diese ein.“ Die begehrte Bluse meiner Kindheit war voll roter Blumen auf weissem Stoff. Diese, die jetzt mir gehörte war anders, bescheidener: auf grauem Leinenstoff ein blaues Muster. Farblich kann man sich vorstellen, auf dem Klosterhügel in Nowgorod-Sewersk zu stehen und von der Höhe zu sehen, wie graue Wolken über dem Fluss Desna stehen und zwischen ihnen am Horizont Flecken von blauem Himmel hindurchschauen.
Die Fortsetzung dieser insgesamt rund 45 Manuskriptseiten umfassenden Erzählung lesen Sie in der Online-Ausgabe von DAVID, Heft 150, Rosch Haschana 5787, September 2026, link: www.davidkultur.at