Wenn der Sommer langsam ausklingt und die ersten Anzeichen des Herbstes spürbar werden, beginnt im jüdischen Kalender eine besondere Zeit. Noch bevor Rosch HaSchana und Jom Kippur vor der Tür stehen, führt uns der Monat Elul auf einen Weg der Vorbereitung. Es ist eine Zeit des Innehaltens, der Selbstprüfung und der inneren Einkehr. Die jüdische Tradition betrachtet diese Wochen als eine Gelegenheit, das vergangene Jahr zu überdenken und sich auf die spirituelle Herausforderung der Hohen Feiertage einzustimmen.
Die Tage zwischen Rosch HaSchana und Jom Kippur werden als die „Tage der Ehrfurcht“ bezeichnet. Doch ihre eigentliche Vorbereitung beginnt bereits im Elul. Die Rabbiner verglichen diesen Monat mit einem offenen Tor: Jeder Mensch erhält die Möglichkeit, Bilanz zu ziehen, Versäumtes nachzuholen und neue Wege zu beschreiten. Ein alter Hinweis der jüdischen Auslegung findet sich bereits im Namen des Monats selbst. Die hebräischen Buchstaben von „Elul“ werden als Anfangsbuchstaben des Verses „Ani l’dodi we’dodi li“ verstanden – „Ich gehöre meinem Geliebten und mein Geliebter gehört mir“. Ursprünglich stammt dieser Satz aus dem Hohelied Salomons. In der jüdischen Tradition wurde er jedoch oft als Ausdruck der besonderen Beziehung zwischen G’tt und Seinem Volk Israel gedeutet. Gerade im Monat Elul wird diese Nähe betont: Der Allmächtige wartet gleichsam darauf, dass der Mensch den ersten Schritt macht und den Weg der Umkehr beschreitet. Umkehr – auf Hebräisch Teschuwa – bedeutet dabei weit mehr als Reue über vergangene Fehler. Das Wort beschreibt eine Rückkehr zu den eigenen Werten, zu den Grundlagen des Glaubens und zu einem bewussteren Leben. Während des Elul richten wir den Blick auf unser eigenes Verhalten und unsere Verantwortung gegenüber anderen Menschen: Wie sind wir mit unseren Mitmenschen umgegangen? Wo haben wir Chancen verpasst? Wo haben wir Gutes bewirkt? Und was möchten wir im kommenden Jahr anders machen?
Seit Jahrhunderten gehört das Studium überlieferter jüdischer Lehren zu den klassischen Formen der Vorbereitung. Schon im 16. Jahrhundert war es verbreitet, während des Monats Elul besondere Midraschim zu studieren, die sich mit Abraham, dem ersten Erzvater unseres Volkes, beschäftigen. Sein Weg des Glaubens, seine Bereitschaft zur Veränderung und seine Suche nach G’tt wurden als Vorbilder für die spirituelle Arbeit dieser Wochen verstanden.
Neben dem Lernen spielt auch die Familie eine wichtige Rolle. Viele Erinnerungen an die Hohen Feiertage sind untrennbar mit dem Elternhaus verbunden: mit dem Duft der Festtagsspeisen, dem festlich gedeckten Tisch, dem Klang der Segenssprüche und den besonderen Bräuchen. Wenn Kinder in die Vorbereitungen einbezogen werden, erleben sie die Feiertage nicht nur als religiöse Verpflichtung, sondern als lebendige Tradition. Gemeinsam zu kochen, Geschichten über Rosch HaSchana zu lesen oder über die Bedeutung von Vergebung zu sprechen, schafft Erinnerungen, die oft ein Leben lang erhalten bleiben.
Zu den stilleren Bräuchen des Monats Elul gehört der Besuch der Gräber verstorbener Angehöriger. Viele Menschen suchen in diesen Wochen die Friedhöfe auf, um ihrer Eltern, Grosseltern oder anderer nahestehender Menschen zu gedenken. Der Blick zurück auf das Leben der Verstorbenen verbindet sich dabei mit dem Nachdenken über das eigene Leben. Erinnerungen werden wach, Dankbarkeit entsteht, und nicht selten gewinnt man neue Perspektiven für die Zukunft.
Auch die Vorbereitungen auf die Festmahlzeiten gehören zum Charakter dieser Jahreszeit. In jüdischen Familien werden Rezepte hervorgeholt, Traditionen gepflegt und neue Ideen ausprobiert. Die Speisen von Rosch HaSchana tragen oft eine symbolische Bedeutung. Äpfel und Honig stehen für die Hoffnung auf ein süsses neues Jahr, Granatäpfel erinnern an die Vielzahl guter Taten, die wir anstreben, und runde Challot symbolisieren den Kreislauf des Lebens und den Neubeginn. Besonders prägend sind die Klänge dieser Zeit. Während des gesamten Monats Elul wird in vielen Gemeinden an den Werktagen das Schofar geblasen. Sein durchdringender Ton gilt als geistiger Weckruf. Er erinnert daran, dass die Tage der Entscheidung näherrücken. Der grosse jüdische Philosoph und Gesetzeslehrer Moses Maimonides (1135–1204) schrieb, das Schofar rufe den Menschen gleichsam zu: „Erwacht aus eurem Schlaf und prüft eure Taten.“ Hinzu kommen die vertrauten Melodien der Hohen Feiertage, die viele Menschen bereits während Elul begleiten. Wer sie hört, spürt oft sofort die besondere Atmosphäre dieser Jahreszeit. Musik besitzt die Kraft, Erinnerungen zu wecken und Herzen zu öffnen. Sie verbindet Generationen und schafft eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Den Höhepunkt der Vorbereitung bilden schliesslich die Selichot-Gebete. Das hebräische Wort bedeutet „Vergebungen“. In diesen oft bewegenden G’ttesdiensten versammeln sich die Gemeinden und bitten gemeinsam um g’ttliche Barmherzigkeit. Die poetischen Texte der Selichot gehören zu den eindrucksvollsten Schöpfungen der jüdischen Liturgie. Sie verbinden das persönliche Schuldbekenntnis mit der Hoffnung auf Vergebung und Erneuerung.
Elul erinnert uns daran, dass Veränderung Zeit braucht. Niemand wird an einem Tag ein anderer Mensch. Doch wer sich vier Wochen lang bewusst mit seinem Leben auseinandersetzt, schafft die Voraussetzungen dafür, dass Rosch HaSchana und Jom Kippur mehr werden als festgelegte Termine im Kalender. Sie können zu einem echten Neubeginn werden. So ist Elul nicht nur der letzte Monat des alten Jahres. Er ist zugleich der erste Schritt in das neue. In diesen stillen Tagen liegt die Chance, das Kommende bewusst zu gestalten – mit mehr Dankbarkeit, mehr Verantwortung und einem wachen Blick für unsere Mitmenschen und uns selbst.