Ausgabe

Erinnerung ohne Ausschluss Das neue barrierearme Konzept des Museums Simon Wiesenthal

Michael Bittner

Das Museum am Wiener Rabensteig ist ein Geheimtipp geblieben, obwohl es schon seit neun Jahren existiert

 

Inhalt

Die Räumlichkeiten liegen im Erdgeschoss jenes Hauses, in dem das Wiesenthal-Institut untergebracht ist, sein hermetischer Eingang und die grimmige Wachmannschaft wirken wenig einladend. „Neue barriereärmere Vermittlungsangebote“ werden nun eingeführt, sie sollen mehr Publikum bringen und Menschen mit Behinderungen ansprechen. Die EU fördert Inklusions-Angebote, daher holen sich immer mehr Museen den Schmatt aus Brüssel ab, zuletzt das Wien Museum. Das Konzept des Wiesenthal Museums ist in Abstimmung mit Sehbehinderten entstanden, für sie gibt es ein Leitsystem und einen Audioguide. Möglichst viele Besucher sollen selbstbestimmt am Bildungsangebot teilhaben und nicht auf Spezialführungen angewiesen sein, das kann die angespannten Budgets entlasten.

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Wiesenthals Landkarte

 

Neben Blinden und Sehschwachen gibt es auch anderes Publikum mit Handikap, das enge Museum ist jedoch mit einem Rollstuhl befahrbar, wie ich zu meinem Erstaunen feststellte. Welche Behinderung sich durch die „einfache Sprache“ ausgleichen lässt, ist mir nicht klar, denn das simplifizierte Deutsch in langsamem Duktus bringt automatisch ein Defizit an Information. Wie man den Kampf Simon Wiesenthals um Gerechtigkeit für die Opfer des Nationalsozialismus in „einfacher Sprache“ so darstellen kann, dass die historischen Fakten nicht verfälscht werden, ist eine andere Frage. Auch die Interview-Ausschnitte, die im letzten Raum auf den Screens laufen, sind nur verständlich, wenn man die politische Situation der Siebziger Jahre kennt und die Diffamierungen der Kreisky-SPÖ gegen Wiesenthal als singulär begreift.

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Wiesenthal-Museum Eingangsbereich

 

Der Museumsrundgang beginnt in einem Vorraum samt Tafeln mit Fotos und Texten, die sehr klein gedruckt sind, auf der neuen Webseite wird es einen Audioguide geben, der das Lesen der Texte unnötig macht. An der Stirnwand hängt Wiesenthals berühmte Karte „Deutschland unter der Hitlerdiktatur“ von Werner Hilgemann, die den Forschungsstand der damaligen Zeit spiegelt. Davor befindet sich ein Vitrinentisch mit persönlichen Gegenständen wie einem Pistolenhalfter – Wiesenthal wurde massiv bedroht – und seinem Notizbuch. Aufgeschlagen ist die Seite mit der Adresse von Fritz C. Bauer, dem deutschen Staatsanwalt, dessen Lebensinhalt die Bestrafung der Nazi-Täter war. Im zweiten Raum befindet sich ein interaktiver Tisch, im dritten gibt es hauptsächlich multimediale Exponate. Leider ist die stilvolle lederne Aktentasche Wiesenthals nicht in der Sammlung, sie steht in einem Saal im dritten Stock des Instituts.

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interaktiver Bildschirm.

Es ist zu hoffen, dass viele Menschen den Weg zum Wiesenthal-Museum finden werden, in unserer Zeit der steten Antisemitismus-Wellen kann dies nur von Nutzen sein. Kontraproduktiv ist die Ausstellung über eine Nazi-Aktivistin im Haus der Geschichte am Heldenplatz, wo gleich im Foyer eine Täterin gross gefeiert wird. 1 Gewiss, österreichische Geschichte ist überwiegend Täter-Geschichte, doch soll man dies ins Zentrum eines historischen Museums stellen? Ein „Grusswort der Direktorin“ des Jüdischen Museums Wien in der Dorotheergasse kann man sich auf der hauseigenen Webseite durchlesen, Falafel-Essen buchen, das war’s.

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Wiesenthals Adressbuch mit der Anschrift von Fritz C. Bauer

 

Dagegen tut sich international viel in der Bekämpfung des Antisemitismus. Yad Vashem hat vor kurzem seinen neuen Holocaust Guide – Key Fundamentals für die Sozialen Medien vorgestellt. Hier wird versucht, das unbeschreibliche Geschehen durch prägnant formulierte Beantwortung oft gestellter Fragen zu erklären, etwa „Was war die Endlösung?“, „Wer waren die Sonderkommandos?“ oder „Was war der Selektionsprozess?“ Man kommt mit einer jungen, sympathischen Sprecherin und authentischen Fotos aus und verzichtet auf KI-Mätzchen, welche die Glaubwürdigkeit des historischen Geschehens vermindern könnten. 2 

Wahrscheinlich wird es in wenigen Jahren in München und Leipzig die ersten Aussenstellen von Yad Vashem geben, ein Projekt, das nicht nur Zustimmung in unserem Nachbarland erhält. Yad Vashem sei nicht unabhängig, unterstehe der israelischen Regierung und habe einen anderen Begriff von Antisemitismus, als er in Deutschland Konsens sei, meinte etwa Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main.3 Auch wird kritisiert, dass Yad Vashem sich in der Nähe des bereits bestehenden NS-Dokumentationszentrums in München niederlassen werde, am Karolinenplatz, einer wichtigen Stätte des frühen Nationalsozialismus. Jedoch meine ich, dass jeder Versuch, den Antisemitismus gerade in Österreich und in Deutschland zu bekämpfen, begrüsst werden muss.

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Wiesenthal Museum

 

In Frankreich ist für Schüler, Wehrpflichtige und angehende Beamte der Besuch des Mémorial de la Shoah verpflichtend. Dass die zwangsrekrutierten Besucher nicht immer die einfachsten sind, musste ich bei einem Besuch vor einigen Jahren erkennen, man warf dem Führer allerlei antisemitische Stereotypen an den Kopf und dieser war froh, dass er die Führung nach einer Stunde beenden konnte. Mittlerweile ist das Mémorial zur Zielscheibe von palästinafreundlichen Chaoten geworden, die es immer wieder mit grüner Farbe bespritzen – auch die Tafeln mit den Namen der Opfer. 4 Es bleibt zu hoffen, dass die Bemühungen um eine bessere Wissensvermittlung über den Holocaust erfolgreich sein werden. Inwieweit aber taugt Information beziehungsweise „Bildung“, wie die Politiker sagen, überhaupt zur Bekämpfung von Antisemitismus?  Kurz vor ihrem Tod im Jahr 2020 gab die von mir sehr verehrte Zeitzeugin Helga Pollak-Kinsky noch ein Fernseh-Interview. All die Jahre, die sie sich abgemüht hatte, der Jugend die Schrecken der Shoah zu vermitteln, seien umsonst gewesen sagte sie den erstaunten Anwesenden. Sie ist zu pessimistisch, meinte ich damals. Mittlerweile glaube ich, sie hatte recht.

 

Anmerkungen

1 https://hdgoe.at/ns-aktivistin-im-verborgenen

2 https://www.youtube.com/playlist?list=PLj1tRCohZq80hBPJphIklu4MWLKSsbLvX

3 https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/wagner-und-mendel-kritisieren-yad-vashem-entscheid/

4 https://www.memorialdelashoah.org/english-version.html

 

Alle Abbildungen: M. Bittner, mit freundlicher Genehmigung.