Die Frage, ob Psycholog:innen „bessere“ Romane schreiben, wirkt zunächst wie eine literarische Provokation, doch sie berührt ein grundlegendes Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und erzählerischer Gestaltung
Psychotherapeuten verbringen ihre berufliche Zeit damit, menschliches Verhalten zu beobachten, innere Konflikte zu analysieren und die verborgenen Mechanismen von Entscheidungen, Ängsten und Hoffnungen zu entschlüsseln. Es liegt daher nahe, zu vermuten, dass sie Figuren erschaffen können, die psychologisch nuancierter sind und Geschichten, die moralische und emotionale Tiefenschichten präziser ausloten. Eine Autorin, die diese Vermutung eindrucksvoll bestätigt, ist die israelische Schriftstellerin und klinische Psychologin Ayelet Gundar-Goshen (AGG).

In den vergangenen fünfzehn Jahren hat AGG fünf Romane veröffentlicht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und ihr einen festen Platz in der internationalen Literaturlandschaft verschafft haben. Ihre Doppelqualifikation – Psychotherapeutin und Autorin – prägt zweifellos die Struktur und Atmosphäre ihrer Werke. Sie hatte Gastprofessuren sowohl für Psychologie als auch Hebräische Literatur an Universitäten in den U.S.A. und Deutschland inne, und diese akademische Erfahrung spiegelt sich in der Präzision ihrer Figurenzeichnung und der analytischen Klarheit ihrer Erzählweise.

Geboren 1982, studierte sie Psychologie an der Universität Tel Aviv. Parallel dazu schrieb sie Drehbücher für Kurzfilme und gewann 2012 den „Berlin Today Award“ für Batman at the Checkpoint. Schon in diesem frühen Werk zeigt sich ihr Gespür für Situationen, in denen politische Realität und individuelle Erfahrung aufeinanderprallen. Diese Fähigkeit, das Persönliche im Politischen sichtbar zu machen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr literarisches Schaffen.
Ihre weiterhin ausgeübte klinische Praxis bildet ein Reservoir an psychologischen Grundmustern, die in ihren Romanen literarisch transformiert werden. AGG betont häufig, dass sie keine konkreten Fälle ihrer Patient:innen verarbeitet. Doch die Mechanismen, die sie täglich beobachtet – die Angst, nicht gesehen zu werden; die Versuchung, eine Lüge zu erzählen, die das eigene Leben verändert; die Schuld, die sich nachts meldet, wenn alles still ist – fliessen in ihre Figuren ein. In ihren Romanen geraten gewöhnliche Menschen in extreme Situationen, oft ausgelöst durch einen scheinbar unbedeutenden Zufall: eine impulsive Bewegung, ein Missverständnis, eine Lüge, die sich verselbständigt. Von diesem Moment an entfalten sich emotionale, soziale und politische Konsequenzen, die die Figuren zunehmend umschliessen.

Historische Schatten und obsessive Liebe
Ihr Debütroman Eine Nacht, Markowitz (2012) führt in die Mitte der 1940er Jahre, in das Britische Mandatsgebiet Palästina. Eine Gruppe jüdischer Freiwilliger reist in die von Nazi-Deutschland besetzten Gebiete, um junge jüdische Frauen durch Schein-Ehen zu retten. AGG nutzt diesen historischen Rahmen nicht als Kulisse, sondern als psychologischen Resonanzraum. Der unscheinbare Yaakov Markowitz heiratet die schöne Bella – und weigert sich später, die vereinbarte Scheidung zu vollziehen. Was als Rettungsmission beginnt, verwandelt sich in eine psychologische Studie über obsessive Liebe, Sehnsucht und die Frage, ob Bindung ohne Freiheit überhaupt existieren kann. Die Härte der Gründungszeit Israels, Bellas Wunsch nach Selbstbestimmung und Markowitz’ verzweifelte Hoffnung verweben sich zu einem komplexen Geflecht aus Mythos, Trauma und Identität.

Eine Art „Schuld und Sühne“
In Löwen wecken (2014) überfährt der erfolgreiche Neurochirurg Eitan Green in der Negev-Wüste einen eritreischen Migranten und flieht. Die Witwe des Toten konfrontiert ihn am nächsten Morgen und zwingt ihn, verletzte Migranten in einer als improvisierte Klinik genutzten verlassenen Garage heimlich zu behandeln. AGG zeigt mit grosser psychologischer Präzision, wie Schuld übermannen und wie moralische Ambivalenz sich langsam in den Alltag fressen kann. Tagsüber ist Eitan der angesehene Arzt, nachts operiert er illegale Patienten „schwarz“ – und zwischen diesen beiden Welten beginnt sein Selbstbild zu zerbrechen. Der Roman beleuchtet die Problemkreise Macht, Rassismus und die Frage, wie weit ein Mensch gehen würde, um sein eigenes Leben zu schützen.
Die fragile Architektur der Lüge
Lügnerin (2017) erzählt die Geschichte der 17-jährigen Nuphar, die in den Ferien in einer Eisdiele arbeitet und sich im Schatten ihrer jüngeren, charismatischen Schwester unbemerkt fühlt. Ein Streit mit einem ehemals berühmten Sänger führt zu einem Missverständnis, das Nuphar mit einer spontanen Lüge beantwortet: Sie behauptet, er habe sie sexuell bedrängt. Diese Lüge verschafft ihr Aufmerksamkeit, Anerkennung und ein neues Selbstbewusstsein – doch je mehr Menschen in die Geschichte verwickelt werden, desto komplexer wird das Netz aus Halbwahrheiten, Selbsttäuschungen und moralischen Grauzonen. AGG zeigt, wie hungrig Menschen nach Anerkennung sind, wie leicht Wahrheit verzerrt werden kann und wie fortschreitende Lügen Identitäten formen und deformieren.

Migration, kulturelle Identität und familiäre Ambivalenz
In Wo der Wolf lauert (2020) versucht eine junge israelische Familie im Silicon Valley, sich der amerikanischen Mittelschicht anzupassen. Als ihr Sohn Adam bei einer Schulparty in einen mysteriösen Todesfall verwickelt wird, gerät das Leben der Familie aus den Fugen. Die Mutter Lilach beginnt zu zweifeln: Ist ihr Sohn Täter oder Opfer? AGG untersucht, wie Vorurteile, Entfremdung und soziale Spannungen die Wahrnehmung von Einzelpersonen beeinflussen – besonders im Schatten einer Gewalttat, die Fragen von Rasse und Religion berührt. Der Roman zeigt, wie fragil familiäre Bindungen werden können, wenn besonders unter sozialen Drucksituationen kulturelle Wurzeln und gesellschaftliche Erwartungen miteinander kollidieren.
Politische Realität versus „Gesellschaft“
AGGs jüngster Roman Ungebetene Gäste (2025) ist ihr politischster. Ein alltäglicher Unfall – unbeaufsichtigtes Kleinkind lässt vom Balkon einen Hammer fallen; untenstehender junger Mann wird getötet – wird zum Ausgangspunkt eines symbolisch aufgeladenen Falls. Der in dieser Wohnung arbeitende palästinensische Bauarbeiter wird vorschnell verhaftet, die Mutter des Kindes hüllt sich in Schweigen, und Medien sowie Behörden instrumentalisieren den Vorfall. AGG zeigt, wie Angst, Vorurteile und gesellschaftliche Traumata private Entscheidungen verzerren und wie schwer es in einer polarisierten Gesellschaft ist, Wahrheit zu erkennen.
Die literarische Perspektive einer Therapeutin
In einem Interview mit der Deutschen Welle begründet AGG ihre Entscheidung, sich explizit politisch zu äussern: Als Regierungsmitglieder 2025 zum Boykott von Werken aufriefen, die Palästinenser eher menschlich darstellen, erkannte sie die politische Wirkmacht von Sprache. Worte, so argumentiert sie, könnten als „Waffe“ dienen – nicht, um der Realität zu entfliehen, sondern um ihr ins Gesicht zu sehen. Besonders in ihrem jüngsten Werk tritt eine psychologische Dynamik hervor, die das alltägliche Leben von Israelis und Palästinensern prägt. Wie sie im DW-Interview formuliert, kann die Selbstwahrnehmung als potenzielles Opfer dazu führen, dass Menschen selbst zu Aggressoren werden! (https://www.dw.com/de/israel-gaza-literatur-ayelet-gundar-goshen/a-74004996)
AGGs literarische Perspektive bleibt jedoch die einer Therapeutin: nicht wertend, sondern verstehend. Ihr Ziel ist, den Lesern zu vermitteln, warum Gesellschaften sich so verhalten, wie sie es tun – und welche individuellen und psychologischen Kräfte hinter diesen Mustern stehen.
In all ihren Romanen untersucht AGG die verborgenen psychischen Mechanismen individueller und kollektiver Erfahrung – und vielleicht liegt darin die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Psycholog:innen schreiben nicht automatisch „besser“, aber sie schreiben Romane, die uns näher an die Hintergründe unseres eigenen Denkens und Fühlens heranführen.