Wilhelm Hauff veröffentlichte 1825/1826 seinen Roman Mittheilungen aus den Memoiren des Satan, in dem er von verschiedenen Streichen des Teufels erzählt. In jeder Erzählung greift ein Kapitel die Legende vom Ewigen Juden auf und lässt ihn auf den Teufel treffen
Interessant ist, dass Wilhelm Hauff (1802–1827) diese Legende überhaupt benutzt, da der Roman vordergründig vom Teufel und seinem Leben handelt. In weiterer Folge besuchen beide Figuren gemeinsam eine gehobene Teegesellschaft, mit der der Teufel bekannt ist, sowie ein Gasthaus. Erwähnt wird Johann Wolfgang von Goethes Werk Der Ewige Jude, auf den der Ewige Jude in Hauffs Roman anspielt. Auch ein weiters Werk Goethes wird erwähnt, nämlich Faust: der Teufel besucht Goethe, um über seine Darstellung des Mephistopheles zu sprechen, mit der er nicht einverstanden zu sein scheint. Denn der Goethesche Mephistopheles sei nichts anderes als der „gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes“. Weshalb Hauff sich der Legende des Ewigen Juden in seinem Roman bedient, sollte ebenso untersucht werden wie die Frage, inwiefern die beiden Figuren Gemeinsamkeiten aufweisen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die Teufelsfigur von der Menschheit jahrhundertelang als böse, schlecht und fürchterlich wahrgenommen wurde. Da beide Figuren miteinander Zeit verbringen, liegt die Vermutung nahe, dass sie etwas verbindet. Zu denken wäre hier an den Einfluss, den bemerkbare Ähnlichkeiten beider Figuren auf das Denken in einer Gesellschaft nehmen können, wenn Leser:innen mit zwei Figuren konfrontiert werden, von denen mindestens eine als unbestreitbar böse gilt. Der Ewige Jude stellt hier eine Besonderheit dar, da die Monstrifizierung von Juden in Europa bis ins Mittelalter zurückreicht. Von da an kursierten Mythen von „dämonischen Juden“ in der Gesellschaft, die sich tief in der visuellen und narrativen Kultur verankerten. Juden wurden als Verbündete des Teufels dargestellt und wiesen oft Tiermerkmale auf, wie beispielweise Klauen.
Wilhelm Hauff
Der deutsche Schriftsteller der Romantik wurde 1802 in Stuttgart geboren, bereits 1827 verstarb er an Typhus. Sein Leben war sehr kurz und seine Schaffensperiode begann erst im Jahre 1825. Im kurzen Zeitraum von lediglich zwei Jahren schrieb er eine Vielzahl an Werken: Gedichte, Märchen, sechs Novellen und drei Romane, darunter Mitteilungen aus den Memoiren des Satan. Viele seiner Werke fallen durch die Erwähnung von Juden und Jüdischem auf, die nicht bloss am Rande vorkommen, sondern in einigen Werken Hauptfiguren sind. Hauff reproduziert mehrfach antijüdische Stereotypen, die bereits frühantisemitische Züge aufweisen. Dabei greift er auf ein ganzes Arsenal von Zuschreibungen zurück, die Religiöses, Soziales, Ökonomisches und Körperliches betreffen. Vor allem seine Novelle Jud Süss ist bis heute bekannt, in der der jüdische Protagonist eine zentrale Rolle spielt und durch Stereotypen auffällt; so wird dieser beispielsweise als „raffgieriger Ausbeuter“ beschrieben. Auch in Mitteilungen aus den Memoiren des Satan spart Hauff nicht mit antijüdischen Stereotypen, wie:
"Wir traten ein; da sassen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus einer Form geprägt, da sassen sie vergnügt und fröhlich plaudernd, und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser zubereitet, da sassen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen, und seinem Volk verheissen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld."
Dies ist nur eine Textstelle von vielen, in denen Hauff eine grosse Anzahl an Stereotypen reproduziert. Immer wieder wird auf den Wohlstand von jüdischen Figuren, auf ihr Aussehen und auf das Thema Assimilation angespielt. Die Leserschaft vertrat viele der im Text genannten Vorurteile und der Autor wollte wohl Anklang finden, um seine Marktchancen zu steigern: auf den „schlechten Geschmack des literarischen Publikums“ reagierte er ironisch und betonte die „notwendige Unterwerfung der Schriftsteller unter das Diktat der Leser“; insofern kann Hauff als Opportunist gesehen werden. Es bleibt unklar, ob Hauffs Beschreibungen tatsächlich auch seinen eigenen Überzeugungen entsprachen oder ob er die Vorurteile seiner Leserschaft aufgriff. Trotz allem fällt beim genaueren Lesen auf, dass nicht alle jüdischen Figuren in Hauffs Werk mit antisemitischen Stereotypen behaftet sind: es gibt durchaus auch Figuren, die positiv gezeichnet sind, wie beispielsweise in der Novelle Jud Süss Lea, dessen Schwester.
Die Sage vom Ewigen Juden
Im Jahre 1602 war eine Flugschrift namens Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden / mit namen / Ahasverus erschienen. In dieser Legende geht es um einen Schuhmacher aus Jerusalem, der auf dem Kreuzweg nach Golgata von Jesus dazu verurteilt wird, für ewig ruhelos auf der Erde herumzuwandern, ohne jemals in einem Grab Ruhe zu finden. Als Begründung wird genannt, er habe Jesus während des Kreuzgangs seinen Wunsch nach Ruhe verweigert. Von da an findet sich Ahasverus unter anderem in vielen Essays und Pamphlets wieder. Ahasverus ist eine tragende Metapher für lasterhafte Eigenschaften, die Juden als Volk zugeschrieben wurden. Bis zur Romantik handelte es sich bei Ahasverus um eine theologische Legendengestalt, doch dies änderte sich zwischen 1770 und 1850. Das Motiv von Ahasverus wurde anfangs philosemitisch, später auch antisemitisch benutzt. Sein Schicksal wurde sowohl bemitleidet als auch verachtet.
In der Romantik gelangten alte Vorstellungen aus mittelalterlichen Sagen zum Durchbruch. Mammon, Moloch und Ahasverus (ein Synonym für Ewiger Jude) waren Begriffe, mit denen die Publizisten der Zeit vertraut waren. Das christliche Mythenmaterial war für die romantische Fantasie ein überaus fruchtbarer Boden: zwischen 1770 und 1930 treten in der europäischen Literatur beispielsweise nicht weniger als 1.460 Variationen des Ahasverus-Motives auf. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich aus den diversen Bearbeitungen zahlreiche Strömungen entwickelt: sie heben unterschiedliche Aspekte der Legende hervor oder verändern sie anders – etwa in der Verknüpfung des Ewigen Juden mit unheilvoller Magie oder ökologischen Katastrophen. In einigen dieser Strömungen lässt sich die Darstellung des Ewigen Juden als Monster erkennen, zu denen auch der Teufel gezählt werden kann, denn so wie er ist auch der Ewige Jude aussergewöhnlich – er kann nicht sterben. Das Wort Monster stammt vom lateinischen monstrare und bedeutet „zeigen, vorführen“ beziehungsweise von monere, „etwas, das abweicht und mahnt“. Auch Wilhelm Hauff verarbeitet das Motiv des Ewigen Juden in seinem Werk und widmet diesem sogar ein ganzes Kapitel, das den Titel Unterhaltungen des Satan und des Ewigen Juden in Berlin (in: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan) trägt.
Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
Die zentrale Gestalt des Romans ist der Teufel, zugleich auch der Ich-Erzähler, der seine Memoiren durch einen jungen Autor aufarbeiten lässt. Der Teufel studiert an verschiedenen Hochschulen und sagt von sich selbst: „…dass das Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist, denn ich bin in optima forma Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf weiss aufweisen.“ Er berichtet ironisch über sein Wirken in der deutschen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts und entlarvt menschliche Schwächen. Das Werk enthält viele Episoden wie Besuche in Frankfurt, Geschichten über Liebespaare sowie satirische Abhandlungen über das Fegefeuer. Im Kapitel Unterhaltungen des Satan und des Ewigen Juden in Berlin trifft der Teufel auf den Ewigen Juden und verbringt einige Zeit mit ihm.
Der Teufel
Der Teufel wird in dem Roman folgendermassen beschrieben:
"Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Auge und der volle Bart von glänzendem Schwarz, die weissen Zähne, von den feingespaltenen Lippen oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weissen Wäsche. War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn bald schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu dem mittwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiss." [Hervorhebung VVS]
Wie alt der Teufel ist, bleibt unklar. Die Leserschaft bekommt jedenfalls das Gefühl, dass er, aufgrund seiner vielen Reisen, Erfahrungen und Studiengänge der Logik nach ziemlich alt sein müsste. Doch im Widerspruch dazu wird er als sehr flinke Figur beschrieben. Weiters fällt auf, dass er von der „Norm“ abweicht. Er wird als „ein unheimlicher Mensch“ beschrieben, der „durch seine Gewandtheit in allen Sprachen“ [Hervorhebung VVS] hervorsticht. Weiters scheint der Teufel eine magisch anziehende Aura zu besitzen, die die Menschen in seinen Bann zieht: „Seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie umhüllten die Vernunft mit süssem Zauber, und seine kühnen Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.“
Ausserdem ist der Teufel imstande, seine Gestalt zu wandeln und die Menschen zu täuschen. So geht er im Kapitel Studien des Satan mit einem Professor spazieren und spielt ihm einen Streich: er verwandelt sich in die schöne Luisel, die berüchtigtste Dirne der Stadt. Der Professor sieht in dem vermeintlichen Studenten jedoch weder die schöne Luisel noch erkennt er ihn als Teufel. Ganz anders ist es bei den Passanten, die sehr schnell das Gerücht in die Welt tragen, der Herr Professor sei bei Tageslicht mit einer Dirne unterwegs. Schlussendlich gelangt das Gerücht zur Ehefrau des Professors, die sehr erbost ist, dass ihr Ehemann seine Freizeit mit einer Dirne verbringt. Der arme Professor, der natürlich nichts von dem Streich ahnt, streitet ab, jemals mit der schönen Luisel Zeit verbracht zu haben. Er kommt jedoch zu der Erkenntnis, dass er von einem „bösen Feind“ hintergangen wurde, den er als „Beelzebub“ bezeichnet. Schlussendlich muss der Professor mit den Konsequenzen leben: seine Kollegen und Studenten wissen um das Gerücht und er verliert sein bis dahin sehr grosses Ansehen.
Hauff greift den Begriff „Beelzebub“ schon viel früher in seinem Roman auf. Als der Teufel eine Vorlesung an der Universität besucht, wird der „De angelis malis“ besprochen. Die Studenten lernen, der Teufel habe die ersten Menschen zur Sünde überredet und sei den Menschen gegenüber bis heute feindlich gesinnt. Der Vortragende, ein gewisser Doktor Schnatterer, verweist darauf, dass die Juden den Teufel als Beelzebub bezeichnen würden, einen Begriff, den er von da an selbst „dreiviertel Stunden lang hin und her“ gebraucht. Weiters verweist der Professor darauf, der Teufel, beziehungsweise Beelzebub, sei auch daran erkennbar, dass er einen „unanständigen Geruch“ an sich haften habe. Dies greift Hauff immer wieder in seinem Roman auf, doch die Figur selbst geht darauf nie ein: der Teufel hört dieses Vorurteil immer wieder in der Gesellschaft und an der Universität, bezeichnet sich selbst jedoch als gepflegt und gutgekleidet.
Demnach ärgert sich der Teufel über all die Zuschreibungen, die über ihn an der Universität gelehrt werden. Vieles sieht er als unwahr an; so lehrt die Theologie, der Teufel könne Kirchen nicht betreten, worüber er sich lustig macht und immer wieder demonstrativ und problemlos hineinspaziert, ohne erkannt oder bemerkt zu werden. Weiters lehrt die Theologie, beim Teufel handle es sich um ein Wesen, das durch tierische Merkmale auffällt:
„Deutschland […] man glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium […] ist es noch nicht gelungen, den glücklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstören, in dessen ungetrübter Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr, mit Hörnern und Klauen, mit Bocksfüssen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.“
In Wirklichkeit handelt es sich bei Hauffs Teufel um eine charismatische Figur, die immer gut gekleidet ist. Dies wird mehrmals im Roman hervorgehoben und betont. In der Mitte des Romans erblickt der Teufel den Ewigen Juden; er sieht in ihm einen alten Bekannten:
„Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf, ja er war es, es war der Ewige Jude.
„Bon soir, Brüderchen“, sagte ich zu ihm, „es ist doch schnakkisch, dass wir einander zu Berlin im Tiergarten wiederfinden, es wird wohl so achtzig Jährchen sein, dass ich nicht mehr das Vergnügen hatte?“
Er sah mich fragend an: „So du bist´s?“ presste er endlich heraus; „hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!“
„Nur nicht gleich so grob, Ewiger“, gab ich ihm zur Antwort; „wir haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst auf der Erde, und so recht systematisch lüderlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden zu bringen.“
Der Ewige Jude distanziert sich zwar anfangs vom Teufel und möchte nicht mit diesem in Verbindung gebracht werden, doch schlussendlich verbringt er mit diesem seine Zeit in Berlin und das Verhältnis zwischen beiden wirkt freundschaftlich.
Der Ewige Jude
Die Legende vom Ewigen Juden greift Hauff bewusst auf. So erzählt der Ewige Jude dem Teufel, seine Unruhe treibe ihn durch verschiedene Länder, besonders China, wo er sich geraume Zeit den Kopf an der langen Mauer geschlagen habe, in der Hoffnung, dies würde endlich zu seinem Tod führen, doch war der Versuch vergebens. Wie gross der Wunsch nach dem Tod ist, zeigt folgende Aussage:
„Tränen rollten dem alten Menschen aus den Augen; die müden Augenlider wollten sich schliessen, aber der Schwur des Ewigen hält sie offen, bis er schlafen darf, wenn die anderen auferstehen.“
Sogar der Teufel bemitleidet den Ewigen Juden, doch gibt er ihm zu bedenken, dass es der Ewige Jude auf Erden trotz allem besser habe als manche Seelen an einem „gewissen Ort“. Immerhin könne man auf der Erde den Menschen lustige Streiche spielen und seinen Spass haben. Dies ist nämlich genau das, was der Teufel macht. Während der Teufel als schadenfroh und stets gut gelaunt beschrieben wird, wirkt der Ewige Jude ermüdet und voller Trauer. Dieser sehnt sich einzig und allein nach dem Tod:
„Wann nahest du, Stunde, wo die Gräber sich öffnen, und Raum wird für den Einen, der dann ruhen darf?“
Zuerst macht sich Satan mit dem Ewigen Juden auf den Weg zu einer Teegesellschaft, zu der er ihn mitnimmt. Dabei kritisiert der immer stets gut gekleidete Teufel den Kleidungsstil des Ewigen Juden. Dieser wirkt aus der Zeit gefallen, schlichtergreifend altmodisch. Er trägt ein abgeschabtes braunes Röcklein mit grossen Perlmuttknöpfen, eine lange Weste mit breiten Schössen, kurze, zeisiggrüne Beinkleider und ein schwarzrotes, dreieckiges Hüttchen. In den Händen hält er einen langen Wanderstab. Daraufhin bittet der Teufel den Ewigen Juden, einen Anzug, den er ihm bereitstellt, anzuziehen, um sich unter die gute Gesellschaft mischen zu können. Doch auch diese gute Kleidung bewahrt den Ewigen Juden nicht davor, von dieser „besseren“ Gesellschaft als lächerliche Figur wahrgenommen zu werden.
In einem Berliner literarischen Salon führt sich der Ewige Jude im Zusammensein mit den besseren Ständen durchgängig als lächerliche Gestalt auf und begreift im Laufe des Romans, dass dies ein Manko seines „Wesens“ ist: „Ich glaube, es ist Teil des Fluches, der auf mir ruht, dass ich, sobald ich mich in höheren Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich werde.“ So schneidet er beispielsweise in einer gehobenen Teegesellschaft Grimassen und alle Blicke richten sich auf ihn. Als Begründung für ein solches Fehlverhalten wird die ihm fehlende Übung genannt. Eine gnädige Dame, die an diesem Abend anwesend ist, merkt an, der Ewige Jude wirke wie ein „Fremdling“ auf sie. Beim Versuch, die Hand dieser Dame zu küssen, schreckt diese zurück und entzieht dem Ewigen Juden ihre Hand. Der Teufel merkt an, dass „sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbürste hervorstehe“. Der Teufel beklagt das Fehlverhalten des Ewigen Juden, da er diesen in die Teegesellschaft eingeführt habe und dies natürlich auch ein schlechtes Licht auf ihn selbst werfe: „War es nicht genug, dass du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? Musstest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen?“
Der Ewige Jude kann in diesem Roman als Prototyp des Heimatlosen und Entwurzelten gesehen werden, der Kontakt zu etablierten Gruppen sucht und um deren Anerkennung ringt. Im Roman wird gezeigt, dass er in der Mehrheitsgesellschaft nie Gleichberechtigung findet. Eine Erlösung vom Fluch findet er nie zur Gänze, doch in Gesellschaft mit dem Teufel fühlt er zumindest einen Ansatz von Erlösung. Gemeinsam gehen sie am Ende des Kapitels in ein Gasthaus und verweilen mit Trinkern. Allen gemeinsam ist, dass sie zu einer Randgruppe gehören und als Aussenseiter angesehen werden können. Schlussendlich bemerkt der Ewige Jude jedoch, er könne nicht erlöst werden; selbst die Anwesenheit des Teufels und des Trinkers könnten ihm nicht helfen. Sie singen ein Lied mit dem Titel Des Ewigen Juden Trinklied, aus dem hervorgeht, dass sich die bereits Genannten als Gemeinschaft ansehen:
Wer seines Leibes Alter zählet
Nach Nächten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brüderlich gegrüsst,
Weil ihn, wie uns der G’tt der Freude
In seine sanften Arme schliesst.
Um drei Viertel vor zwölf Uhr verlässt der Ewige Jude das Gasthaus und verabschiedet sich von den Trinkern und dem Teufel. Der Teufel weiss, dass das ein langfristiger Abschied ist und der Ewige Jude seine Reise auf der Erde fortsetzt, denn auch in Berlin hat er keine Erlösung gefunden.
Gemeinsamkeiten: Ewiger Jude und Teufel
Am Anfang des Buches nehmen die Menschen in der Umgebung des Teufels diesen als „anders“ war. Sie stellen sogar einen Vergleich mit dem Ewigen Juden an: „So halte ich ihn nicht für den Ewigen Juden, aber doch für einen ganz absonderlichen Menschen.“ Interessant ist, dass der Teufel einige Kapitel später tatsächlich auf den Ewigen Juden trifft und der Leserschaft bekannt wird, dass die beiden sich kennen und einander schon vor langer Zeit begegnet sind. Dies scheint die erste grosse Gemeinsamkeit beider Figuren zu sein, denn sie scheinen sehr alt zu sein. Beim Ewigen Juden ist klar, dass er unsterblich ist und nicht sterben kann, weshalb daraus geschlossen werden kann, dass er schon sehr alt sein muss. Im Roman selbst heisst es, dass er bereit seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelt. Sein altmodischer Kleidungsstil und sein aus der Zeit gefallenes Denken bestätigen dies nochmals. Der Teufel hingegen ist nach der neuesten Mode gekleidet: „Man muss heutzutage nah der Mode gekleidet sein, wenn man sein Glück machen will. Und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme.“ Der Teufel wird als Figur beschrieben, die aufgrund ihrer Erzählungen und Erfahrungen ebenfalls ein fortgeschrittenes Alter aufweisen muss, doch ihr äusseres Erscheinungsbild gibt dies nicht preis. So wundern sich all jene, die ihm begegnen, dass er weder alt noch jung wirkt und man sein Alter schwer einschätzen kann. Das Alter betreffend gibt es hier eine Parallele zwischen den beiden Figuren. Der Ewige Jude sagt zu Satan: „Dass du verkrümmest mit deinem Spot; bist du nicht gleich ewig wie ich, und drückt dich die Zeit nicht auch auf den Rükken?“ Beide scheinen dazu verdammt zu sein, für ewig leben zu müssen. Für den Ewigen Juden stellt dies tatsächlich einen Fluch dar, dem Teufel wiederrum scheint dies nichts auszumachen.
Der Ewige Jude bezeichnet den Teufel und sich als „Unsereine“, was zeigt, dass er Parallelen zwischen sich selbst und diesem erkennt. Der Teufel habe über alle Seelen Macht und könne die Menschen in Versuchung bringen. Der Ewige Jude ist davon ausgeschlossen: „Ihr wisst, dass Euch keine Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit anderthalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl.“ Weiters werden sowohl der Teufel als auch der Ewige Jude als „Fremde“ bezeichnet und von den anderen abgegrenzt. Während dies im Roman beim Ewigen Juden auf Kleidung und Verhalten zurückgeführt wird, verhält es sich beim Teufel ein wenig anders. Dieser hat eine „besondere“ Ausstrahlung und die Menschen um ihn herum wissen selbst nicht, weshalb er so „speziell“ wirkt. Beim Teufel wird die Andersartigkeit auch nicht per se unbedingt negativ beschrieben, sondern eher als etwas Mysteriöses. Beide Figuren können als Einzelgänger gesehen werden, die allein durch die Welt reisen. Es sind Figuren, die sich durch Einsamkeit auszeichnen und als Aussenseiter angesehen werden können. Diese Einsamkeit verbindet beide und führt dazu, dass sie gemeinsam Zeit in Berlin verbringen, obwohl sie normalerweise allein anzutreffen sind. Der Teufel hat Mitleid mit dem Ewigen Juden und bietet ihm an, gemeinsam eine Teegesellschaft zu besuchen, obwohl der Ewige Jude augenscheinlich nicht in diese Gesellschaft passt.
Unterschiede: Ewiger Jude und Teufel
Viele Unterschiede gibt es zwischen den beiden Figuren nicht. Da der Teufel Protagonist des Romans ist, erfahren die Leser:innen vor allem sehr viel über den Teufel und viel weniger über den Ewigen Juden. Auffällig ist jedoch, dass der Ewige Jude seinen Tod herbeisehnt, während der Teufel seine Anwesenheit auf Erden geniesst. Er spielt den Menschen nicht nur Streiche, sondern hält ihnen ihr schlechtes Verhalten vor Augen. Der Teufel wird als gebildete und gut gekleidete Figur beschrieben, während über den Bildungsgrad des Ewigen Juden kein Wort fällt. Die Darstellung des Teufels ist im Roman sehr variabel, je nachdem, ob der Teufel sich selbst beschreibt oder von aussen beschrieben wird. Eine Beschreibung von aussen, wie beispielsweise von Professoren oder Theologen, findet mithilfe von Tiermerkmalen statt. So wird der Teufel als Wesen mit Hörnern, Klauen und Bocksfüssen beschrieben. Im Gegensatz dazu nimmt der Teufel sich selbst als gut gekleideten und studierten Mann wahr, der von anderen nicht mit etwas Diabolischem in Verbindung gebracht wird. Er wirkt zwar auf die anderen mysteriös, aber keinesfalls animalisch. Vielleicht führt auch dies dazu, dass er keine Freunde oder Bekannte hat: er wirkt auf die Menschen unheimlich und löst in ihnen Furcht aus.
Mit dem Ewigen Juden, den er schon lange kennt, scheint der Teufel jedoch vor allem aus Mitleid, und wahrscheinlich auch aufgrund ihrer langen Lebenszeit, die sie verbindet, Zeit zu verbringen. Dies erinnert an Teufelsassoziationen, die es bereits seit dem Mittelalter gibt, bei denen Juden als Verbündete des Teufels dargestellt wurden. Beide Figuren stechen durch ihre „Andersartigkeit“ hervor, die so weit führt, dass der Ewige Jude, obwohl er nun eine Bekanntschaft mit dem Teufel pflegt und nicht mehr ganz einsam ist, diesen schlussendlich wieder verlässt und weiterreist. Während der Teufel mit einer „gebogenen Nase“ beschrieben wird, die an eine Adlernase erinnere, wird die „Andersartigkeit“ des Ewigen Juden durch einen spitzen Hut und einen Wanderstab markiert. Jüdisches wurde in weiten Teilen Europas nicht nur als „fremd“, sondern auch als bedrohlich und unheimlich konstruiert. Auch der Ewige Jude wird in diesem Roman als fremd und unheimlich wahrgenommen. In der vornehmen Teegesellschaft wird er von allen angestarrt, da er „anders“ ist und kein „sittliches Verhalten“ zeigt. Diese Szene zeigt eine erste Entmenschlichung durch die Teegesellschaft und lässt den Ewigen Juden als „monströse“ Figur auftreten, von der man Abstand nehmen möchte. Die Ausgrenzung des Ewigen Juden führt auch dazu, dass er sich selbst als „anders“ wahrnimmt. Er glaubt, dies sei Teil eines Fluches, der auf ihm lastet und gegen den er machtlos ist.
Gemeinsamkeiten, die beide Figuren aufweisen, sind Unsterblichkeit und „Andersartigkeit“. Beide Figuren reisen durch die Welt. Die eine völlig ungewollt, der anderen wiederum scheint das Spass zu machen. Beide werden als „anders“ wahrgenommen und die Menschen, die ihnen begegnen, distanzieren sich früher oder später immer von ihnen. Dies führt auch dazu, dass der Teufel laufend seinen Wohnort wechselt. Häufig gibt es auch Anspielungen auf die „gebogene Nase“ des Teufels, die auch vielen anderen jüdischen Figuren im Buch zugeschrieben wird. So heisst es, dass die „Söhne und Töchter Abrahams […] mit gebogenen Nasen dasassen.“ Die Beschreibung des Ewigen Juden hingegen findet nur durch seine Kleidung statt – auf sein Gesicht oder seinen Körper wird nicht näher Bezug genommen. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es einige eindeutige Parallelen zwischen den beiden Figuren gibt, doch sollte man sich für eine genauere Analyse noch die Zuschreibung der anderen jüdischen Figuren ansehen. Zweifellos bleibt beim Lesen das Gefühl zurück, dass etwas Teuflisches an dem Ewigen Juden haftet und ihn doch mehr mit dem Teufel verbindet als die blosse Unsterblichkeit.
Nachlese
Hauff, Wilhelm (o.D.). Sämtliche Werke – Band I: Romane. Wien: Buchgemeinschaft Donauland Kremayr & Scheriau.
Düsterberg, R. (2000). Wilhelm Hauffs „opportunistische“ Judenfeindschaft. Zeitschrift für deutsche Philologie, 119 (2).
Idelson-Shein, I., & Wiese, C. (2019). Monsters and monstrosity in Jewish history: from the Middle Ages to Modernity. Bloomsbury Academic.
Kittstein, Ulrich (2018). Wilhelm Hauff. Hannover: Wehrhahn Verlag.
Trond Berg, E.; Hakon, H.; Einhart, L. (2019). Judenhass. Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG.
