Ausgabe

Heldinnen des Judentums und der Welt

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Inhalt

Danielle Spera / Erika Freeman: Mut. Über 36 bedeutende jüdische Frauen.

Wien: Amalthea Signum Verlag 2026.

Hardcopy, 256 Seiten, 46 Abbildungen, Euro 28,00.-, eBook Euro 23,99.-

ISBN-13: 978-3-99050-312-6

 

Seit Jahren treffen einander die Psychoanalytikerin Erika Freeman und die Journalistin Danielle Spera einmal pro Woche und sprechen über ihre Lebenserfahrungen, über jüdisches Selbstverständnis und aktuelle politische Themen. Ein Resultat dieser Gespräche sind die hier vorgelegten Biografien von 36 eindrucksvollen jüdischen Frauen aus Geschichte und Gegenwart. Die beiden erzählen über Schicksale von Frauen, die unglaubliche Stärke bewiesen haben, auch über ein modernes Judentum, das Frauen die Emanzipation eröffnet. Die beiden Frauen werfen dabei auch Schlaglichter auf ihre vielen Gespräche und erzählen ein Stück weit ihre eigene Geschichte. (S. 21-32)

 

Warum gerade 36? »Im Judentum steht diese Zahl für die 36 Gerechten. [...] Durch die Existenz der 36 Gerechten besteht unsere Welt weiter. [...] Die 36 Frauen [...] sind keine Heiligen und keine perfekten Heldinnen. Aber jede von ihnen steht für Nützlichkeit, Mut, Würde und innere Grösse.« (S. 16-17) Warum gerade jüdische Frauen? Frauen wurden in der Geschichte vielfach übersehen, umso mehr jüdische Frauen inmitten einer nichtjüdischen Umwelt. (S. 21-24) Die 36 Frauen dieses Buches stehen auch für die Vielfalt im Judentum. (S. 15) Ein wichtiger Hinweis auf die Bedeutung der Frau in der Welt kommt aus der Bibel selbst. Im Buch der Sprüche (1, 8-9) steht geschrieben: »Höre, mein Sohn, auf die Unterweisung deines Vaters und verlasse nicht die Tora deiner Mutter.«. Das heisst, nicht der Vater gibt die Tora weiter, sondern die Mutter. Das Wichtigste, das Heiligste liegt in ihren Händen. Die Männer sind die Gelehrten, die die Schriften kommentieren. Die »Tora der Mutter« hingegen repräsentiert die gelebte Tora, die Tora des Alltags, des Herzens und der Praxis. (Epilog S. 240-243) Im Judentum spielt das Leben im Hier und Jetzt – im Streben nach Wissen und in der Verantwortung für die Schöpfung. Es gilt das Prinzip »Tikkun Olam« = Die Reparatur der Welt. (S. 15, S. 50-54) Warum gerade diese 36 Frauen? Die Liste ist eine ganz persönliche Zusammenstellung der beiden Autorinnen. Umgekehrt kamen viele bedeutende Frauen nicht »zum Zug« (S. 17-21) Bei 36 Frauen war die Auswahl zwangsläufig eine subjektive. Sie erfolgte in den erwähnten langen, intensiven Gesprächen. Auch den einzelnen Biografien sind jeweils Gespräche der Autorinnen beigefügt. Der Band ist zugleich ein zutiefst feministisches Buch. 

 

Es ist im Rahmen dieser Rezension unmöglich, auf einzelne Biografien näher einzugehen. Ich gebe daher lediglich eine nüchterne Namensliste zu den ausgesprochen lebendig verfassten Geschichten: Sara, die erste Stammmutter des Volkes Israel; Rebekka, Erzmutter des Judentums und des Islam; Lea und Rachel, die beiden Frauen von Jakob (Israel); Debora, die einzige Anführerin und Richterin des Volkes Israel in biblischer Zeit; Ruth, die Heldin der wunderbaren Geschichte der Moabiterin Ruth und der Israelitin Noomi (»Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen.«); Esther (5. Jh. v.d.Z.) rettete ihr Volk vor der Vernichtung; Dulcea von Worms (12. Jh.) zeigte Standhaftigkeit bis in den Tod; Glikl von Hameln (1646/47–1724) verfasste Ende des 17. Jh.s Memoiren in jiddischer Sprache, ein einmaliges Zeitdokument; Fanny von Arnstein (1758–1818) war eine berühmte Wiener Salonnière (Salondame) im Zeitalter der Aufklärung; Rahel Varnhagen, (1771–1833), eine gebildete deutsche Salonnière; Emma Lazarus (1849–1887), eine amerikanische Dichterin und Aktivistin; Bertha Pappenheim (1859–1936), eine Pionieren der Frauenrechte; Henrietta Szold (1869–1945), eine frühe Zionistin und Gründerin der jüdischen Frauenorganisation Hadassah; Berta Zuckerkandl (1864–1945), eine Schriftstellerin und Salonnière der Wiener Moderne; Helena Rubinstein (1872–1965), eine amerikanische Pionierin der Kosmetikentwicklung; Eugenie Schwarzwald (1872–1940), Wegbereiterin der Mädchenbildung; Lise Meitner (1878–1968) sagte »nein« zur Atombombe und erhielt als Frau nicht den Zugang zum Nobelpreis; Käthe Leichter (1895–1942), Pionierin der empirischen Frauenforschung, Opfer des Holocaust; Golda Meir (1898–1978), Premierministerin des Staates Israel; Friedl Dicker-Brandeis (1898–1944), Künstlerin (Malerin), Opfer des Holocaust; Regina Jonas (1902–1944), die erste Rabbinerin weltweit, Opfer des Holocaust; Mignon Langnas (1903–1949), Krankenschwester, sie hinterliess Briefe und Tagebücher zum KZ-Alltag; Ruth Klüger-Aliav (1910–1980), zionistische Untergrundaktivistin; Hilde Spiel (1910–1990), bedeutende österreichische Schriftstellerin; Hedy Lamarr (1914–2000), »Erfinderin im Verborgenen« und »schönste Frau der Welt«; Charlotte Salomon (1917–1943), deutsche Malerin, Opfer des Holocaust; Hannah Szenes (1921–1944), Dichterin, Widerstandskämpferin, Opfer des Holocaust; Lily Renée (1921– 2022), amerikanische Illustratorin; Simone Veil (1927–2017), erste Präsidentin des EU-Parlaments; Ruth Westenheimer (1928–2024), Sexualtherapeutin; Anne Frank (1929–1945), eines der bekanntesten jüdischen Mädchen der Welt, Opfer des Holocaust; Beverly Sills (1929–2007), berühmte Opernsängerin; Ruth Bader Ginsburg (1933–2020), bedeutende amerikanische Juristin; Barbara Streisand (geb. 1942), weltberühmte amerikanische Schauspielerin; Elfriede Jelinek (geb. 1946), österreichische Literaturnobelpreisträgerin; Bobbi Brown (geb. 1957), Gründerin der weltbekannten Bobbi Brown Cosmetics, sie zählt zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. 

 

Auf eine der Frauen möchte ich doch noch besonders hinweisen. Regina Jonas, 1902 in Berlin geboren, war die weltweit erste offiziell ordinierte Rabbinerin. 1942 erfolgte ihre Deportation nach Theresienstadt, wo sie ihre Mithäftlinge durch Vorträge und Predigten aufzurichten versuchte. 1944 wurde sie in Auschwitz-Birkenau ermordet. (S. 156-160)

 

Das Buch hebt sich angenehm und erfreulich von manch anderen biografischen Publikationen ab. Es enthält eine klare Motivation und die Texte zeigen einen lebendigen Schreibstil. Das Buch ist mit einem Literaturverzeichnis ausgestattet. Jeder einzelne Artikel enthält zudem biografische Literaturhinweise. Insgesamt eine erstaunliche und gut lesbare Publikation!

 

Die Autorinnen

Prof. Dr. Danielle Spera (geb. 1957 in Wien), studierte Publizistik und Politikwissenschaft, sie ist seit 2018 Herausgeberin der jüdischen Zeitschrift »NU«, seit 2022 Executive Director von Kultur.Medien.Judentum und Autorin zahlreicher Bücher und Beiträge. Die Journalistin und ehemalige ORF-Redakteurin, Korrespondentin und Moderatorin war von 2010 bis 2022 Direktorin des Jüdischen Museums Wien. 

 

Dr. Erika Padan Freeman (geb. 1927 in Wien) ist eine amerikanisch-österreichische Psychoanalytikerin. Mit 12 Jahren musste sie in die U.S.A. emigrieren, wo sie nach ihrem Studium an der Columbia University vielen Hollywoodstars wie Marilyn Monroe und Marlon Brando zur Seite stand. Seit 2007 setzt sie sich in Österreich als Zeitzeugin gegen das Vergessen ein. Sie ist Ehrenbürgerin der Stadt Wien.

 

Christoph Tepperberg