Ausgabe

Zwischen Bergen und Erinnerung Die jüdische Gemeinde in Innsbruck

Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg

Geschichte, Zerstörung und Neubeginn im Herzen Tirols

Inhalt

Wenn man durch Innsbruck spaziert, zwischen den schneebedeckten Nordkette-Gipfeln und der barocken Altstadt, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass hier einst jüdisches Leben geblüht hat – und später beinahe ausgelöscht wurde. Heute lebt hier wieder eine kleine, engagierte jüdische Gemeinde, die für sichtbares, selbstbewusstes jüdisches Leben steht.

Die Geschichte der Juden in Tirol beginnt lange vor der Gründung der heutigen Gemeinde. Bereits im 13. Jahrhundert tauchen erste Namen jüdischer Einwohner in Urkunden auf, etwa Isaac von Lienz, der als Münzmeister diente. Im Spätmittelalter findet man jüdische Präsenz in Hall, Bozen, Meran oder Innsbruck, oft im Schutz der Landesherren, jedoch ohne gesicherte Rechte.

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Erinnerung an den Besuch ehemaliger Innsbrucker Jüdinnen und Juden aus Israel, September 1988.

Im 16. und 17. Jahrhundert verschärften sich die Bedingungen durch Ausweisungen, Zuzugsverbote und Beschränkungen. Unter Maria Theresia wurde Innsbruck 1748 offiziell zur „judenfreien Stadt“ erklärt. Nach der zweiten Schlacht des „Tiroler Freiheitskampfes“ am Bergisel am 25. Mai 1809 kam es zu pogromartigen Ausschreitungen: Jüdische Häuser und Geschäfte wurden angegriffen, Menschen bedroht und misshandelt, viele zur Flucht gezwungen. Erst die Liberalisierung der österreichisch-ungarischen Monarchie brachte eine Wende. Nach dem Staatsgrundgesetz von 1867 konnten sich wieder jüdische Familien dauerhaft in Innsbruck niederlassen. Die Stadt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Bildungs- und Verwaltungszentrum und zog jüdische Akademiker, Kaufleute und Ärzte an. Ein Zentrum jüdischen Lebens bestand in Hohenems, zu dessen Einflussbereich Innsbruck lange gehörte. 1914 übersiedelte der Rabbiner Dr. Ernst Link von Hohenems nach Innsbruck. Es gab eine Synagoge in der Sillgasse 15, Religionsunterricht und regen Kontakt zur Wiener IKG. Der letzte Rabbiner vor
der Shoah war Elimelech-
Schimon Rimalt (1907–1987). Nach dem Anschluss musste er ins Exil gehen und gelangte 1939 nach ­Palästina, wo er als Wissenschaftler, Pädagoge, langjähriger Knesset-Abgeordneter und später als israelischer Kommunikationsminister tätig war.

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Bischof Dr. Reinhold Stecher (links) und Landeshauptmann Alois Partl
(2. von links) zu Besuch bei der IKG Innsbruck.

 

Mit dem Anschluss 1938 änderte sich die Situation abrupt. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden in Innsbruck Wohnungen verwüstet, Geschäfte geplündert und Männer verprügelt oder ermordet. Die Synagoge in der Sillgasse wurde vollständig zerstört. Bei der sogenannten Innsbrucker Aktion drangen SA-Männer in Häuser jüdischer Familien ein, misshandelten und ermordeten mehrere Männer, darunter Richard Graubart, Wilhelm Bauer, Richard Berger und Josef Adler. Die Gemeinde hörte praktisch auf zu existieren. Wer konnte, floh; viele wurden deportiert und ermordet. Nach Kriegsende kehrten nur wenige jüdische Überlebende nach Tirol zurück. Trotzdem begann eine Handvoll Menschen mit dem Wiederaufbau. Am 14. März 1952 wurde die Israelitische Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg offiziell neu gegründet. Zunächst traf man sich in provisorischen Gebetsräumen. Die Gemeinde zählte nur wenige Dutzend Mitglieder.

 

Ein entscheidender Moment war der Neubau einer Synagoge an jener Stelle, an der 1938 das G‘tteshaus zerstört worden war. Dafür engagierten sich besonders Bischof Reinhold Stecher und Dr. Esther Fritsch. 1991 wurde der Grundstein gelegt, 1993 die neue Synagoge in der Sillgasse 15 eröffnet. Der moderne Bau mit Natursteinfassade steht für Würde, Kontinuität und Sichtbarkeit. Heute finden dort G‘ttesdienste, Feiertagsfeiern und Gedenkveranstaltungen statt; ausserdem befinden sich dort die Büroräume der Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg. Heute zählt die Israelitische Kultusgemeinde in Innsbruck rund hundert Mitglieder. Manche sind Nachkommen jener, die nach 1945 zurückkehrten, andere kamen aus Israel, den U.S.A. oder Osteuropa. Das Gemeindeleben konzentriert sich auf die Synagoge sowie auf kulturelle und erinnerungspolitische Aktivitäten. Rosch Haschana, Jom Kippur, Chanukka und Pessach werden meist im kleinen Kreis begangen. Die Gemeinde versteht sich nicht nur als religiöse Institution, sondern auch als Stimme der Erinnerung.

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Der Präsident der IKG Wien Paul „Tulli“ Grosz (links), Bischof Dr. Reinhold Stecher (Mitte), Univ.- Prof. Dr. Jacob Allerhand (rechts).

 

Ein Spaziergang durch Innsbruck erzählt von dieser Geschichte: An der Sillgasse 15 steht die Synagoge, in der Umgebung erinnern Gedenktafeln an die Opfer der Pogromnacht. Am Westfriedhof befindet sich ein bis heute genutztes jüdisches Gräberfeld. Jedes Jahr im November organisiert die Gemeinde gemeinsam mit der Stadt ein Pogromgedenken, bei dem Schüler, Politiker und Bürger Kerzen entzünden und die Namen der Opfer verlesen. Besonders wichtig ist der Gemeinde die Bildungsarbeit. Schulklassen und Studentengruppen besuchen die Synagoge, um über jüdisches Leben, Feiertage und Geschichte zu lernen. Dem Präsidenten der Gemeinde, Siegfried Aviel Gitterle, ist es ein Anliegen, das Judentum nicht nur in der Erinnerung zu verankern, sondern als lebendige Religion sichtbar zu machen. Auch das Land Tirol und die Universität Innsbruck arbeiten mit der Gemeinde zusammen. Wie alle jüdischen Gemeinden Europas lebt auch jene in Innsbruck mit einem Bewusstsein für Sicherheit. Die Synagoge ist geschützt, bei Veranstaltungen zeigt die Polizei regelmässig Präsenz. Gleichzeitig bemüht sich die Gemeinde um Normalität, Dialog und Begegnung, etwa durch interreligiöse Treffen, Konzerte und Kulturveranstaltungen.

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Thoravorhang.

 

Die Israelitische Kultusgemeinde Innsbruck ist heute eine der kleinsten Gemeinden Österreichs und trägt dennoch grosse symbolische Bedeutung. Sie steht für Vielfalt, Erinnerung und Offenheit. Wenn an Chanukka die Kerzen in der Sillgasse leuchten, spiegelt sich darin ein Jahrhundert voller Brüche und ein ungebrochener Wille zum Leben. Heute besuchen junge Familien aus Israel oder Osteuropa die G’ttesdienste, Freunde der Gemeinde organisieren Kulturabende, und die Gemeinde beteiligt sich an Projekten der Erinnerungsarbeit und gegen Antisemitismus. Tirol wird kein zweites Wien – aber es bleibt ein Ort, an dem jüdisches Leben Raum gefunden hat. Die Geschichte der Gemeinde in Innsbruck ist eine Geschichte von Verlust und Rückkehr, Schmerz und Hoffnung. Sie zeigt, dass selbst dort, wo fast nichts blieb, Neues entstehen kann – wenn Menschen daran glauben.

 

Alle Abbildungen aus der Broschüre „25 Jahre Synagoge in der Innsbrucker Sillgasse. Feier am 21. März 2018“. Quelle: Archiv IKG Innsbruck, mit freundlicher Genehmigung.