Ausgabe

Amerikaner in Paris Fotografinnen um Man Ray

Tina Walzer

Detaché, mais pas indifférent: Man Ray zum 50. Todestag

 

Inhalt

Der Maler, Fotograf und Filmregisseur Man Ray kommt am 27.8.1890 als Emmanual Radnitzky (Radnitsky, Rudzitsky) in Philadelphia zur Welt. Seine Eltern sind aschkenasische Juden aus Russland, sein Vater Max Melach Radnitzky ist Schneider, seine Mutter Minnie Manya geb. Lourie (Luria) Näherin. Er hat einen Bruder, Sam, und zwei Schwestern, Dorothy Dora und Essie (Elsie). Die Familie zieht bald um nach Williamsburg, Brooklyn, New York. Anfang 1912 ändert die Familie auf Wunsch des Bruders wegen antisemitischer Vorfälle ihren Namen von Radnitzky in Ray, aus Manny wird Man. Nach dem Besuch einer Reformschule (Modern School, Ferrer Center) arbeitet Man Ray als Werbegrafiker und frequentiert die Galerie des Fotografen Alfred Stieglitz in New York, wo er Marcel Duchamp kennenlernt, der sich seit 1915 in den U.S.A. aufhält (und seinen Freund Francis Picabia wiedergetroffen hat). Die beiden freunden sich an. Gemeinsam vertreten sie um 1920 Dada in New York.

 

Rrose Sélavie

Unter anderem beschäftigen sich Man Ray und Duchamp mit surrealistischen Wortspielen, sie erfinden Namen, vor dem Hintergrund (aber nicht ausschliesslich) jüdisch konnotierter Emigrantennamen und negativer Auswirkungen antisemitischer Vorurteile: der Fotograf, Man Ray, ist einer, der mit Licht zeichnet, und Duchamp erfindet 1921 die Kunstfigur Rrose Sélavie (von Éros, c'est la vie – angeblich, weil das als Nachname "jüdisch" klingt). 1 Als diese Kunstfigur tritt er einerseits selbst für eine Fotoserie von Man Ray in Frauenkleidern auf und signiert Kunstwerke (etwa Fresh Widow, New York 1920, die Skulptur eines "french windows", als Wortspiel), andererseits stellt er Rrose Sélavie als Kunstwerk per se dar. Dieses wird später von anderen Künstlern übernommen – bekanntestes Beispiel dafür ist Robert Desnos, geboren in Paris am 4. Juli 1900, ein surrealistischer Dichter, später Widerstandskämpfer, der am 22. Februar 1944 verhaftet wird, aus Compiègne über Flöha nach Auschwitz, Buchenwald und Flossenbürg deportiert wird, von dort einen Todesmarsch nach Theresienstadt überlebt, aber einen Monat nach der Befreiung am 8.6.1945 im ehemaligen KZ Theresienstadt an Typhus stirbt – während hypnotischer Séancen mit den Surrealisten ab dem Jahr 1922, wo Desnos Gedichte mit der Technik des "automatischen Schreibens" als Rrose Sélavie verfasst.

 

1-label_for_the_belle_haleine.jpg

Belle Haleine: Eau de Violette. RS New York Paris (dt. Schöner Atem: Schleierwasser/veil water). New York Dada, Cover, April 1921. Foto: Man Ray, unter Verwendung eines Portraits von Marcel Ducham als Rrose Sélavie. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Label_for_the_Belle_Haleine.jpg?uselang=fr

 

2-plaque_commemorant_la_mort_de_robert_desnos_au_camp_de_terezin.jpg

Erinnerungstafel im Lager Theresienstadt (Terezín) für Robert Desnos. Foto: Fabrice Valserradel Dongo. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://fr.wikipedia.org/wiki/Robert_Desnos#/media/Fichier:Plaque_commémorant_la_mort_de_Robert_Desnos_au_camp_de_Terezín.jpg

 

Paris, Anziehungspunkt für Künstler aus aller Welt

Paris ist in den Jahrzehnten ab dem Beginn der politischen Stabilität der Dritten Republik in den 1880er Jahren, über den Höhepunkt der Belle Époque um 1900, bis in die Zwischenkriegszeit das weltweite Zentrum der bildenden und darstellenden Künste; keine andere Metropole zieht so viele Talente aus allen Kontinenten an und bringt derartig viele verschiedene, wegweisende Kunstrichtungen hervor wie die Hauptstadt Frankreichs. Besonders nach dem Ende des Ersten Weltkrieg wird Paris auch Sehnsuchtsort für Heerscharen von Schriftstellern, Musikern, Malern und Fotografen, Kunstliebhabern und Bonvivants aus Amerika – ein Phänomen, das George Gershwin in seinem symphonischen Gedicht An American in Paris (1928) festhält.

 

Duchamp und Man Ray bewegen sich zwischen den beiden Kontinenten, 1940 ziehen sie sich zurück nach Amerika wegen des Kriegs, aber schon davor pendeln sie hin und her, Duchamp hält sich ab 1919 in Paris auf und verstärkt die dortige Dada Bewegung, aber bereits 1920 ist er zurück in New York, wo er mit Man Ray die Dada-Gruppe Societé Anonyme begründet, finanziert von der Kunstsammlerin, Malerin und Frauenrechtlerin Katherine S. Dreier (1877–1952) zwecks Ankaufs zeitgenössischer Kunst. 1924 ist Duchamp wieder in Paris und Teil eines Films, in dem er am Dach des theatre des Champs-Elysées mit seinem Freund Picabia Schach spielt (Entr'acte, René Clair). Ab 1942 ist Duchamp wieder in New York, dort arbeitet er jetzt mit den geflohenen Surrealisten zusammen, vor allem mit André Breton. 1947 ist er zurück in Paris und organisiert mit Breton die Ausstellung "Deuxième Exposition Internationale du Surréalisme", die Nachfolgerin der ersten Surrealisten-Ausstellung von Paris 1925, an der auch Man Ray bereits beteiligt gewesen war.

 

Man Ray und Duchamp waren nämlich 1920 zu dem Schluss gekommen, Amerika sei nicht das richtige Land für Dada (nach Tristan Tzara, der postulierte: "Dada ne peut pas vivre à New York"). Man Ray reist also Duchamp noch im Jahr 1921 nach Paris nach, das Schiff verlässt er am 14. Juli in Le Havre. Zunächst wohnt er bei Duchamp, dort lernt er André Breton, Louis Aragon und Paul Éluard kennen, die bald danach die Gruppe der Surrealisten institutionalisieren; Man Ray begleitet sie als deren quasi offizieller Fotograf. Er zieht um nach Montparnasse und verliebt sich in Kiki de Montparnasse (Alice Ernestine Prin, 2.10.1901–23.3.1953). Kiki steht Modell für Amedeo Modigliani 2, Moïse Kisling und Chaim Soutine (1893–1943) 3, der die Obdachlose bei sich in der Künstlerkolonie La Ruche aufgenommen hatte, bevor sie 1918–21 mit seinem Kollegen Serge Mendijsky (Łódź 1890–1951 Saint-Paul-de-Vence) zusammenzog. 

 

Berenice Abbott (1898–1991)

Man Rays Assistentin ist zu dieser Zeit die junge amerikanische Fotografin Berenice Abbott, die er bei Marcel Duchamp in New York kennengelernt hatte und die kurz vor ihm in Europa angekommen war, allerdings ohne einen Groschen Geld in der Tasche. Man Ray nimmt sie bei sich auf und sichert ihr so ein – wenn auch geringes – Auskommen. Nach einem Jahr borgt er ihr eine Kamera, reagiert jedoch mit Eifersucht, als Peggy Guggenheim statt ihn lieber sie treffen will. Die Zusammenarbeit endet im Streit; Abbots Portraits ihrer Freundesrunde sind immer prominenter geworden: neben Guggenheim sind das auch Djuna Barnes, Sylvia Beach, Thelma Wood, James Joyce, André Gide, Jean Cocteau oder Max Ernst. Man Ray hält dafür DEN Salon dieser Jahre mit seinen Protagonistinnen im Bild fest: Gertrude Stein mit Alice B. Toklas in der rue de Fleurus. Tatsächlich hat sich Man Ray in der Zwischenzeit auf die erste Surrealisten-Ausstellung in Paris 1925 konzentriert, ausgerichtet in der Galerie Pierre, mit Jean Arp, André Masson, Joan Miró und Pablo Picasso. 

 

3-kiki.jpg

Kiki mit afrikanischer Maske. Foto: Man Ray, 1926. Quelle: https://www.ngv.vic.gov.au/explore/collection/work/9783/, auf Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:May_Ray_Kiki_with_African_mask.jpg?uselang=fr

 

4-toklas-stein-man-ray-1922.jpg

Alice B. Toklas und Gertrude Stein, 1922. Foto: Man Ray. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alice_B._Toklas_and_Gertrude_Stein,_1922,_Man_Ray.jpg?uselang=fr 

 

Lee Miller (1907–1977)

Bekannt wird Man Ray für seine nach ihm selbst "Rayographie" genannte Fotografie-Technik, die er nach dem Muster von Christian Schads Photogrammen entwickelt ("Schadographie", tatsächlich bereits 1839 von William Henry Fox Talbot angewandt). Der Solarisations-Effekt wird weiterentwickelt als Pseudo-Solarisation (oder auch Sabbattiereffekt), von Man Ray 1931 perfektioniert und als sein persönliches Markenzeichen eingesetzt, nachdem seine Studiokollegin und Freundin, die 1929 gerade aus den U.S.A. eingetroffene Fotografin Lee Miller unbeabsichtigt das Licht in der Dunkelkammer eingeschaltet hatte. Die Technik wurde dann ab den 1960er Jahren ein beliebtes Stilmittel in der Kunst. Lee Miller trennte sich nach Eifersuchtsanfällen Man Rays von ihm und ging 1932 zurück nach Amerika, wo sie ihr eigenes Fotostudio eröffnete. Miller wurde später als Modefotografin, zuvor aber als Kriegsreporterin der U.S. Army bekannt, denn sie wurde an der Front eingesetzt und dokumentierte als Erste die Entdeckung der KZs Dachau und Buchenwald durch die Amerikaner im April 1945 und publizierte ihre Fotos von den Lagern unter dem Titel "Believe it" im Juni 1945 in der amerikanischen Zeitschrift Vogue.

 

Imogen Cunningham (1883–1976)

Photogramme benutzen im übrigen auch andere Künstler, wie Pablo Picasso, der Konstruktivist El Lissitzky (1890–1941), der Bauhaus-Professor László Moholy-Nagy, Kurt Schwitters, Piet Zwart oder Maurice Tabard (der von Albert Kahn, dem Pariser Mäzen für Fotografie, gefördert wird und im studio de Billancourt ebenso aus ein geht wie Marc Chagall, Le Corbusier und René Magritte, dann Kontakte zum Bauhaus aufnimmt und 1933 wegen der Nutzung der Solarisations-Technik in Streit mit Man Ray gerät) und die theosophische amerikanische Fotopionierin Imogen Cunningham, deren Werke Richard Neutra an die Stuttgarter Werkbund-Ausstellung  "Film und Foto" im Mai 1929 vermittelt. Dort sind dann auch Man Ray, El Lessitzky (er gestaltet den russischen Raum, unter anderem mit speziellen Apparaturen fürs Ansehen von Filmen, zur Verfügung gestellt von Sergei Eisenstein), Moholy-Nagy, John Heartfield und der Malik-Verlag oder Kurt Schwitters vertreten. Folgende Filme werden in der Stuttgarter Ausstellung gezeigt: Seestern (Man Ray, 1927), Geheimnisse der Seele (G.W. Pabst, 1926), Zirkus (Charlie Chaplin, 1928) sowie Rennsymphonie (Montageexperiment im Stil von Dada, Hans Richter, 1929).

 

Übrigens fotografiert auch Cunningham Gertrude Stein auf ihrer Tournee durch die U.S.A., um ihr Buch Lectures in America zu bewerben und verwendet dafür die Technik der doppelten Exposition (1933). Cunninghams letzter Besuch bei Man Ray findet dann auf ihrer zweiten Europareise 1961 statt, wo sie von ihm daheim noch eine Fotoserie aufnimmt.

 

Surrealistischer Film

Das Mäzenatenehepaar vicomte Charles und Marie-Laure de Noailles möchte die Umsetzung von Projekten des neuen Mediums Film bei der Avantgarde vorantreiben und vergibt Auftragsarbeiten; so entstehen Jean Cocteaus Le sang d'un poète (1930, mit Lee Miller als klassischer Statue), Luis Buñuels L'Âge d'or (1930) sowie die 27-minütige, experimentelle Dokumentation ihrer neuerbauten Villa (einem der ersten Bauwerke im Stil der klassischen Moderne in Frankreich, in Hyères; Robert Mallet-Stevens, 1923/25) unter dem Titel Les Mystères du château de Dé (1929) von Man Ray - dessen erster surrealistischer Film. Ihr Haus und den angrenzenden Garten im kubistischen Stil (Gestaltung: Gabriel Guévrékian) füllen sie mit den Werken damals im Verhältnis zu Stars wie Claude Monet weniger hochpreisig gehandelter Künstler, darunter Raoul Dufy, Constantin Brancusi, Alberto Giacometti, Jacques Lipchitz 4, Piet Mondrian, Paul Klee, Henri Laurens oder Georges Braque. Die Villa wird bald zum Treffpunkt der Malerszene, von Pablo Picasso bis zu Salvador Dalí. 

 

5.jpg

Salvador Dalí und Man Ray in Paris, 16.6.1934. Foto: Carl van Vechten. Library of Congress, cph. 3a42853. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Man_Ray_Salvador_Dali.jpg?uselang=fr

 

Längst geht in Man Rays Atelier am Montparnasse Prominenz ein und aus, er portraitiert (wie Abbott) James Joyce und Jean Cocteau, aber auch, in einer seiner bekanntesten Serien, die Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim. 5 Seiner amour fou zu Adrienne Fidelin (1915–2004) setzt er nach der deutschen Besetzung von Paris durch seine Flucht in die U.S.A. (1940, via Lissabon, gemeinsam mit René Clar, Salvador und Gala Dalí) ein abruptes Ende. 1951 kehrt er an der Seite seiner zweiten Frau Juliet Browner zurück nach Paris, wo er, inzwischen längst eingebürgert, am 18.11.1976 stirbt und von seiner Frau die Grabinschrift zugeeignet bekommt: "detaché, mais pas indifférent"; ein ambivalentes Wortspiel, das man, wenn man will, in etwa als "losgelöst, aber nicht teilnahmslos" interpretieren könnte. Das Grabmal der beiden am Friedhof Montparnasse wird zwischen dem 18. und 25. März 2019 verwüstet, an seiner Stelle befindet sich heute eine schlichte Grabplatte.

 

6.jpg

Grabmal von Man Ray und Juliet Man Ray am Friedhof Montparnasse, 2019 zerstört. Foto: Richard Costello 2007. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Man_Rays_Grave.jpg?uselang=fr

 

Anmerkungen

1 Marcel Duchamp, Duchamp du signe, Textsammlung, Flammarion 1958; zitiert nach https://fr.wikipedia.org/wiki/Rrose_Sélavy#cite_note-3, abgerufen am 17.10.2026.

2 vgl. zu Modigliani Stephan Templ, Zum 100. Todestag des Malers Amedeo Modigliani (1884–1920). In: DAVID 126, Rosch Haschana 5781/September 2020, S. 55f., online: https://davidkultur.at/artikel/zum-100-todestag-des-malers-amedeo-modigliani-1884-1920

3 vgl. zu Soutine und La Ruche Stephan Templ, Von der Malakademie in Vilnius zur École de Paris. In memoriam Chaim Soutine. In: DAVID 138, Rosch Haschana 5783/September 2023, S.42 f., online: https://davidkultur.at/artikel/von-der-mal-akademie-in-vilnius-zur-ecole-de-paris-in-memoriam-chaim-soutine

4 vgl. zu Lipchitz Stephan Templ, Shtetl in Paris. Zum 50. Todestag des Bildhauers Jacques Lipchitz. In: DAVID 138, Rosch Haschana 5783/September 2023, S.40 f., online: https://davidkultur.at/artikel/shtetl-in-paris-schmelztiegel-der-kunst-zum-50-todestag-des-bildhauers-jacques-lipchitz

5 vgl. zu Oppenheim Tina Walzer, Judith Kerr, Meret Oppenheim, Ralph Giordano, Nadine Gordimer, Norman Mailer zum 100. und 110. Geburtstag. In: DAVID 136, Pessach 5783/April 2023, S. 36ff., online: https://davidkultur.at/artikel/judith-kerr-meret-oppenheim-ralph-giordano-nadine-gordimer-norman-mailer-zum-100-und-110-geburtstag