Es gab eine Zeit, in der die Jugend in den U.S.A. sich dem Frieden verpflichtete und dem Drogenrausch hingab. „Flower Power“, freie Liebe und unbegrenzter Konsum von Suchtmitteln trieben seit 1967 die neue Generation von Hippies an, sich aus der realen Welt zu verabschieden. Ihr Prophet war Allen Ginsberg
Wenn man das allererste Musikvideo der Popgeschichte betrachtet, Subterranean Homesick Blues (1965) von Bob Dylan, so bemerkt man am linken Bildrand einen Mann mit Glatze und Patriarchenbart, der, auf einen Stock gestützt, ein Gespräch mit einer ausserhalb des Bildes stehenden Person führt und am Ende quer durch das Kamerabild marschiert – Allen Ginsberg hatte sich hier eingeschlichen, wie dies seine Art war. 1 Mit Bob Dylan blieb Ginsberg zeitlebens befreundet, 1977 gab es bei einer Aufnahme von Leonard Cohen ein jüdisches Gipfeltreffen, bei dem Dylan und Ginsberg Cohens Song Don’t Go Home With Your Hard-on gründlich zerstörten. 2
Allen Ginsberg wurde am 3. Juni 1926 in Paterson, New Jersey geboren, er stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater war Lehrer, seine Mutter psychisch krank und er hatte irgend etwas von beidem, ein „Guru“ eben. Auf Wunsch seines Vaters studierte er zunächst Rechtswissenschaft, kam jedoch auf der Universität mit jungen Literaten in Kontakt und begann zu schreiben. Sein Ruhm gründete sich auf dem Gedicht Howl von 1956, einem Klagegeheul gestrandeter Fixer, das einem Kaddisch nachempfunden sein soll. Howl wurde von den Zeitgenossen als obszön empfunden und verboten, bis ein Richter das Verbot wieder aufhob – eine bessere Werbung konnte es nicht geben. Der Inhalt ist problematisch, das selbstverschuldete Leiden der Süchtigen war vorher niemals literarisches Thema gewesen, es beeinflusste in der Folge die gerade entstehende Beat-Generation mit ihren Literaten William S. Burroughs, Jack Kerouac und Neal Cassady. An seinem Leid ist nicht der Drogenkonsument selbst schuld, sondern der „Moloch“, den er interpretieren kann, wie es ihm passt, offenbar ein Grund für den Erfolg dieses zweifelhaften Werks. Die Geisteshaltung der Achtundsechziger ist bis heute in der Linken stark verankert, auch hierzulande, wo Verbrecher als unschuldig, weil Opfer ihres „Milieus“ und nicht bestrafbar gelten.

Allen Ginsberg mit seinem Lebensgefährten Peter Orlovsky, 1978. Von Herbert Rusche - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1122459
Ginsbergs krause Mischung aus Zen, Yoga, Rauschgift, Homosexualität und Abschnitzeln der Hochkultur wie Walt Whitman und William Blake verkaufte sich in der 68er-Generation blendend und machte ihren Schöpfer weltberühmt. Er verstand es geschickt, sich im Glanz von Prominenten wie John Lennon und Yoko Ono, Paul McCartney, Bob Dylan, Man Ray und Pete Seeger zu sonnen. Auf dem Begräbnis des Kunsthistorikers Henry Geldzahler 1994 fotografierte er David Hockney und Larry Rivers, Bilder, die heute erst in den Medien auftauchen und belegen, dass Ginsberg der perfekte „Adabei“ war. Nicht literarische Qualität oder inhaltlicher Wert zählte, sondern die Maske des Intellektuellen mit Bart, Brille und Glatze, welche die Banalität der Texte kaschiert – das wirkte, damals wie heute. Den Vietnamkrieg ausschliesslich mit poetischen Mitteln zu beenden, die Welt mit „Flower Power“ zu verbessern, nahmen die naiven „Follower“ von damals Ginsberg tatsächlich ab. Seine politische Tätigkeit gegen Krieg, Umweltverschmutzung und Militarismus trug ihm etliche Festnahmen ein, seine kommunistische Ader, die er von seiner Mutter weitergegeben bekommen hatte, erlitt durch seine Ausweisungen aus Kuba und der Tschechoslowakei jedoch irreparablen Schaden.

Ginsberg mit Bob Dylan, 1975. By Elsa Dorfman - Own work, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1724930
Dass Ginsberg gerade seiner Mutter ein Kaddisch widmete, ist bezeichnend. Sie war geisteskrank, aber bekennende Kommunistin, das muss den jungen Ginsberg fasziniert haben, sein Vater war offenbar zu „normal“. Das wollte die Hippie-Generation nicht sein, sie wandte sich der Irrationalität, psychoaktiven Substanzen und indischem Hokuspokus zu, mit Ausläufern bis in die jüngere Vergangenheit. Dieses Kaddisch, das Ginsbergs zweiter grosser literarischer Erfolg war, ist eine Neuschöpfung, in die Teile des Originalgebets eingearbeitet sind, eine Liebeserklärung an seine Mutter und dazu an seine homosexuellen Neigungen. Religiös konnte er aufgrund seiner sexuellen Ausrichtung nicht sein, er fand auch bei seinem Besuch in Jerusalem 1961 keine spirituelle Heimat, Israel blieb ihm zeitlebens fremd. Er gehörte zu jenen, die dem jüdischen Staat „Rassismus“ vorwarfen und wurde zu einem Vorreiter der heutigen Israel-Hasser. Später versuchte er es zeitweise mit amerikanisiertem Buddhismus, einer damals modischen pseudoreligiösen Ausrichtung, die ihm der 2026 verstorbene Autor Bob Thurman nahegebracht hatte.

Screenshot Bob Dylan, Subterrenean Homesick Blues https://www.youtube.com/watch?v=MGxjIBEZvx0
Ist Ginsberg heute, im Zeitalter der „Regenbogen-Paraden“, nicht mehr aktuell? Mehr denn je! In den „sozialen Medien“ können wir Millionen von KI-geschaffenen oder lebendigen „Influencern“ beobachten, die genau nach Ginsbergs System arbeiten: Die Maske vor dem Nichts. Der Hundertjährige hat übrigens einen Instagram-Account mit 70.000 Followern, ist also auch im toten Zustand noch ein kleiner „Influencer“. Er hat eine Webseite, 3 die nicht nur Information bietet, sondern auf der sich auch ein Shop findet, wo man Devotionalien kaufen kann, neben Büchern sind das Tonträger (einer auf Vinyl!), T-Shirts, eine Kappe, ein Kaffeehäferl mit dem Fussabdruck Buddhas und vieles mehr. Leider sind die meisten handsignierten Poster ausverkauft. Zu seinem hundertsten Geburtstag wird kräftig gefeiert, die noch lebenden Freunde packen ihre Erinnerungen aus, so der 90-jährige Philip Glass, der Vater der Minimal Music. Genau wie sich Ginsberg seinerzeit mit der Nähe der Prominenten schmückte, die er bedrängt hatte, wird sein Name heute als Garant für literarische Qualität vorgeschoben. Eine Ironie der Geschichte.
Anmerkungen
1 https://www.youtube.com/watch?v=MGxjIBEZvx0
2 https://www.youtube.com/watch?v=mLK2buZxamo
Links
https://www.instagram.com/allenginsbergofficial/?hl=de
https://www.youtube.com/watch?v=MGxjIBEZvx0 (Bob Dylan, Subterrenean Homesick Blues)
https://www.poetryfoundation.org/poets/allen-ginsberg; https://www.poetryfoundation.org/poems/49313/kaddish
https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/dichter-und-buergerschreck-allen-ginsberg-vor-100-jahren-geboren/
https://philipglass.com/recordings/allen_ginsberg_100/