
Zwi Nigal: „Glück musste man haben“. Vom Leben, Überleben und Weiterleben nach der Shoah. Herausgegeben von Laila Scharfenberg.
Berlin–Leipzig: Hentrich & Hentrich 2026.
402 Seiten, 32,90 Euro
ISBN: 978-3-95565-769-7
Zwi Nigal ist einer der Simon Wiesenthal-Preisträger 2021. Dieser Preis wurde ihm im Frühjahr 2022 vom Nationalfonds der Republik Österreich für zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus und für Aufklärung über den Holocaust verliehen und damit ein Mensch gewürdigt, dessen Lebenspanne ein volles Jahrhundert umfasst, über das er in der Autobiografie „Glück musste man haben“ Zeugnis gibt. Dass er sein gesamtes Leben noch detailreich erinnernd reflektieren konnte, verleiht diesen Aufzeichnungen besondere Aussagekraft.
Er wurde als Hermann Heinz Engel 1923 in Wien geboren und starb 2023 als Zwi Nigal in Israel. Heinz wuchs in der Leopoldstädter Grossen Stadtgutgasse in einer Familie des guten Mittelstandes auf. Seine Mutter Jeanette – eine ausgebildete Krankenschwester – stammte aus Galizien und der Vater Theodor Otto Engel – Vorstandsstellvertreter am Wiener Nordbahnhof – aus Mähren. 1930 wurde er aus antisemitischen Beweggründen vorzeitig in die Pension gedrängt und leitete danach eine Fabrik für Papierdekorationen, ehe er ehrenamtlich im Palästinaamt der Israelitischen Kultusgemeinde zu arbeiten begann, wo er mit der Organisation der Alija (Auswanderung nach Erez Israel) befasst war. Ein Freund der schon früh für zionistische Bestrebungen engagierten Familie Engel war Robert Stricker, der einzige jüdischnationale Abgeordnete der Konstituierenden Nationalversammlung 1919. Der junge Heinz Engel war Aktivist in der Jugendbewegung Barak der Judenstaats-Partei von Stricker. Bis 1938 verbrachte er eine erfüllte Kindheit und Jugend, war kontaktfreudig und als Schüler des Gymnasiums Zirkusgasse lernbegierig; Mut und Unerschrockenheit zählten schon früh zu den Charaktereigenschaften, die auch sein späteres Leben bestimmen sollten. Nach dem Einsetzen des Terrors im Gefolge der nationalsozialistischen Machtergreifung geriet Heinz Engel auch durch seine Neugierde immer wieder in bedrohliche Situationen, denen er mit Glück und Einfallsreichtum entrinnen konnte. Der Vater arbeitete nach wie vor im Palästinaamt, wo er bestrebt war, möglichst vielen Jüdinnen und Juden zur rettenden Ausreise zu verhelfen. Heinz Engel erhielt im Juni 1938 von seiner Jugendorganisation die Mitteilung, dass für ihn ein Platz in der Jugendalija nach Erez Israel vorgesehen war. Bevor es im Jänner 1939 so weit war, musste er noch das unfreiwillige Ende der schulischen Ausbildung und gemeinsam mit den Eltern die demütigende Vertreibung aus der Wohnung erleben. Als er mit einem Handwagen die wenigen verbliebenen Habseligkeiten in die neue Behausung führte, wiederholte er innerlich immer wieder: „Nie wieder Wien! Nie wieder Österreich!“ (S. 77)
Die Fahrt nach Palästina empfand Heinz, der nun seinen bisher nur bei religiösen Handlungen verwendeten hebräischen Vornamen Zwi (erst 1950 wurde Engel auf Nigal geändert) annahm, als befreienden Schritt in ein neues Leben: „Wie im Text der Hymne (Hatikwa = Hoffnung), so waren auch unsere Augen jetzt ganz auf die Zukunft gerichtet. Die alte Heimat lag hinter uns und damit auch alle Nazis und alle Schikanen. Ob einer von uns die Grösse der Gefahren und die immense Bedrohung ahnen konnte, in denen unsere Eltern, Verwandten und Freunde zurückgeblieben waren?“ (S. 82)
Sein Vater Theodor Otto Engel erhielt im August 1939 die Genehmigung, am Zionistenkongress in Genf teilnehmen zu können. Um seine Rückkehr zu gewährleisten, wurde der Ehefrau Jeanette der Reisepass abgenommen. Im November 1939 konnte sich Jeanette Engel durch Unterstützung ihres Mannes einem illegalen Fluchttransport über die Donau anschliessen, wurde aber nach der Ankunft in Palästina von den Briten in die Internierung nach Mauritius geschickt, aus der sie erst 1945 entlassen wurde. Theodor Otto Engel blieb in Wien und im Palästinaamt zurück. Im März 1942 wurde er in eine Sammelwohnung gezwungen, ein halbes Jahr später nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet: „Wie all jene, die in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern ermordet wurden, hat mein Vater kein Grab, zu dem ich gehen kann, Kaddisch sagen und ihm nach jüdischem Brauch einen Stein hinlegen kann. [...] Der Stein für ihn liegt auf meinem Herzen.“ (S. 222f.)
Nach der Ankunft im Land trat Zwi in den Moschaw Kfar Vitkin ein, wo er zwei Jahre verbrachte. Schwere landwirtschaftliche Arbeit und Unterricht (Hebräische Sprache und Literatur, Geschichte und Geographie, Agrarfächer) dominierten den Alltag, die Geselligkeit blieb dem Schabbat vorbehalten. Dort schloss er sich auch der Hagana an und erhielt erste Instruktionen in Selbstverteidigung. Im frühen Bestreben, Nazideutschland und seine Verbündeten militärisch zu bekämpfen, meldete er sich 18-jährig im Einvernehmen mit der Hagana zu einem britischen Regiment, den „Palestinian Buffs“. Das Misstrauen der britischen Mandatsmacht gegenüber der jüdischen Nationalbewegung führte vorerst dazu, Freiwillige wie Zwi Engel generell von Kampfeinheiten fernzuhalten. Anhand von vielen – zum Teil humorvoll abgehandelten – Beispielen beschreibt er, der gleichzeitig der Hagana verpflichtet blieb, diese latente Spannung. Dazu gesellten sich kulturelle Unterschiede und die Konsequenzen aus den Differenzen zwischen elitärem Offiziersgeist mit strikten Hierarchien und der überwiegend egalitären und kameradschaftlichen Orientierung der jüdischen Soldaten. Aber zugleich würdigt er das starke Verantwortungsethos der britischen Offiziere in der Fürsorge für ihre Mannschaften. Seine Einheit wurde überwiegend zu Wachdiensten herangezogen und 1943 nach Libyen verlegt. Erst 1944 wurde mit der Jewish Brigade eine jüdische Kampfeinheit im Rahmen der britischen Armee gebildet, womit auch Zwi Engels lang ersehnter Wunsch in Erfüllung ging. Im November 1944 gelangte er an den italienischen Kriegsschauplatz, wo er im März 1945 in Kämpfe verwickelt und verwundet wurde. Nach Kriegsende landete er in der Gegend um Tarvis und betrat erstmals wieder österreichischen Boden. Nun wurde eine neue Aufgabe vorrangig: Die Unterstützung für befreite Jüdinnen und Juden, die überwiegend in Lagern lebten, auf ihrem Weg nach Erez Israel. Da diese Aktivitäten im Gegensatz zu den restriktiven britischen Einwanderungsbestimmungen standen, wurde die Jewish Brigade nach Belgien und Holland verlegt. Im Herbst 1945 erhielt Zwi Engel Urlaub, um seine inzwischen von Mauritius nach Haifa zurückgekehrte Mutter treffen zu können. Im Frühjahr 1946 fuhr er nach Wien, um einen Auftrag zu erfüllen und dem dort stationierten Asher Ben-Natan, der für die „Bricha“ die illegale Einwanderung nach Palästina koordinierte, wichtige Dokumente zu übermitteln. Davon durften die Briten nichts erfahren, weshalb die Reise für „familiäre Angelegenheiten“ deklariert wurde. Die Verfolgung der letzten Lebensspuren des Vaters und die endgültige Gewissheit über seine Ermordung waren für ihn erschütternd.
Im Juni 1946 rüstete er nach über fünf Jahren als Soldat in britischen Diensten ab. Die Spannungen im Land verschärften sich und die Hagana bildete Veteranen der Jewish Brigade – darunter auch Zwi Engel – zu Telegraphisten aus. Er trat eine Arbeit beim Telegraphenamt in Haifa an, wo er Zugang zu dem über ein Unterseekabel laufenden Nachrichtenaustausch zwischen den britischen Behörden im Mandatsgebiet Palästina und der Regierung in London hatte. Nach der arabischen Ablehnung des UNO-Teilungsplanes brach der offene Bürgerkrieg aus, dem nach der Unabhängigkeitserklärung Israels beim Abzug der Briten im Mai 1948 der militärische Angriff der arabischen Nachbarstaaten folgte. Zwi Engel meldete sich zur Golani-Brigade, wurde in mehreren Kämpfen im Norden als Fernmelder eingesetzt und absolvierte auch einen dreimonatigen Offizierskurs. Danach wurde die Golani-Brigade an die ägyptische Front verlegt, wo er den Waffenstillstand 1949 in Eilat erlebte. Während des Unabhängigkeitskrieges lernte Zwi auch seine Frau Shifra kennen, die er 1950 heiratete.
Bald nach der Eheschliessung wurde er im Rahmen seiner Militärlaufbahn zu einem einjährigen Fortbildungskurs nach Frankreich geschickt. Zur Vertiefung der Kenntnisse im Fernmeldewesen konnte Zwi Nigal ab 1959 ein mehrjähriges Studium der Elektrotechnik am Technion Haifa absolvieren und nach den Abschlussprüfungen wurde ihm im Jänner 1964 das Kommando über die Abteilung für elektronische Kampfführung übertragen. Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde er in den Sinai beordert, um die dort massenhaft herumliegenden sowjetischen Fernmeldegeräte aus ägyptischen Beständen einzusammeln. Danach trat er – von der Ehefrau und zwei Söhnen begleitet – in New York seinen mehrjährigen Dienst als Einkäufer für elektronische Ausrüstung im Rahmen der Israelischen Militärmission in den U.S.A. an.
Die dramatischste Phase seiner Militärzeit erlebte Zwi Nigal während des Jom Kippur-Krieges 1973, den er als 50-jähriger Reserveoffizier und Bataillonskommandant am Golan zu bestehen hatte. Der überfallsartige syrische Vormarsch liess die Lage vorübergehend hoffnungslos erscheinen. Die Schilderungen jener Tage zählen zu den beeindruckendsten Teilen der Erinnerungen, die noch fast fünf Jahrzehnte danach die Atmosphäre existentieller Spannung authentisch vermitteln können. Nach dem Jom Kippur-Krieg beendete Zwi Nigal endgültig die militärische Laufbahn und trat als Zivilist in den elektronischen Konzern Tadiran ein, wo er dem internationalen Vertrieb militärischer Systeme und Geräte zugeteilt wurde und in dieser Funktion die Welt bereisen konnte, ehe er als 65-Jähriger pensioniert wurde. Doch für ihn bedeutete das keinen Ruhestand. Er begann eine neue Tätigkeit als Fremdenführer – eine Aufgabe, für die ihn auch seine vielseitige Bildung und sein Humor prädestinierten. Danach arbeitete er als Übersetzer, für Yad Vashem, für das Theresienstadtmuseum und das Museum für Ghettokämpfer im Kibbuz Lochamej haGeta‘ot. Ebenso war er als Vorstandsmitglied des Zentralkomitees der Juden aus Österreich in Israel tätig.
Doch ein nachhaltiges Erlebnis stand ihm noch bevor: Die emotionale Wiederannäherung an Wien. Er hatte allein, aber auch mit seiner Frau die Stadt zwar schon besucht, aber 2007 war vieles anders. Im Wohnhaus seiner Kindheit und Jugend in der Grossen Stadtgutgasse 34 hatten die heutigen Bewohner Michael Lunardi und Verena Kustatscher eine Initiative gebildet, die das Schicksal der früheren jüdischen Mieterinnen und Mieter der Vergessenheit entreissen wollte. (Die Resultate dieses beeindruckenden Gedenkprojektes können auf https://www.grossestadtgutgasse34.at/ eingesehen werden.) An der Zeremonie zur Enthüllung einer Gedenktafel am Haus nahm auch Zwi Nigal teil und hielt eine bewegende Rede. Dadurch bestärkt, fuhr er 2009 mit seiner gesamten Familie, den beiden Söhnen, den Schwiegertöchtern und sechs von sieben Enkelkindern nach Wien, um ihnen eine Vorstellung von den familiären Wurzeln zu geben. 2018 folgte noch eine Einladung des Bundeskanzlers und Bildungsministers, bei der Zwi Nigal auch an seiner alten Schule in der Zirkusgasse als Zeitzeuge auftreten konnte.
Diese Autobiografie wurde posthum von der deutschen Wissenschaftlerin Laila Scharfenberg aus Freiburg im Breisgau herausgegeben, die Zwi Nigal im Rahmen der Reiseleitertätigkeit in Israel kennengelernt, ihm die Anregung zur Niederschrift der Lebenserinnerungen gegeben und ihn dabei über viele Jahre auch massgeblich unterstützt hatte. Besonders beeindruckend ist dabei das hohe Mass an ungebrochener Erinnerungskraft, die für alle Lebensphasen den jeweiligen Alltag anschaulich rekonstruiert und Bilder von atmosphärischer Dichte erzeugt. Der Titel „Glück musste man haben“ bezieht sich auf einige Situationen, in denen der Zufall Zwi Nigal und seinem Überleben zu Hilfe gekommen ist. Aber man könnte ihn auch als Ausdruck für die seltene Gunst des Schicksals werten, in voller geistiger Frische über ein 100-jähriges Leben berichten zu können; in dem die schmerzhafte Erfahrung des Zivilisationsbruches 1938 neben der stolzen Bilanz steht, am Kampf für den Staat Israel, an dessen Verteidigung und Aufbau aktiv mitgewirkt zu haben. Und für ein Leben, das lang genug war, um noch erste Ansätze der Übernahme historischer Verantwortung für die Tätergeschichte durch die österreichische Gesellschaft erfahren zu können, ohne die eine Wiederbegegnung mit Wien nicht möglich gewesen wäre.
Heimo Gruber