Ausgabe

Herbert Boceckl und Hans Josephsohn im Leopold Museum

Stephan Templ

Was verbindet den 1894 geborenen Maler mit dem 1920 geborenen Bildhauer? Auf den ersten Blick sehr wenig.  Vielleicht ihre pastos aufgetragene Mal- und Gipstechnik 

 

Inhalt

Herbert Boeckl (Klagenfurt 1894–1966 Wien) hat seinem Frühwerk – also in den 1920 Jahren – die Ölfarbe ausgekostet, pastos ja zentimeterdick aufgetragen, fast sind diese Gemälde schon Reliefs, die Figuren sind oft nur schemenhaft angedeutet; Boeckl verlässt recht bald diese „wilde“ Periode, entwickelt sich zunehmend zum klassischen Spätexpressionisten. Hans Josephsohn (Königsberg 1920–2012 Zürich) beginnt als klassischer Bildhauer und entwickelt in seinem Spätwerk – in den 1970 Jahren, also ein halbes Jahrhundert nach Boeckl – eine verwandte Ausdrucksform. Der Gips wird grob pastos verschmiert, auch hier sind nur mehr schemenhaft die Antlitze zu erkennen. 

 

Biographisch haben die beiden keine Verwandtschaft: Boeckl, geboren in Kärnten, verbringt sein Leben in einem Land, findet Anerkennung im Austrofaschismus, überlebt als Parteimitglied der NSDAP den Krieg, gilt den Nazis als politisch unzuverlässig, gibt 1939 seine Professur an der Wiener Akademie der Bildenden Künste auf, als Maler macht er keinerlei Zugeständnisse an die Blut- und Boden-Malerei der Nazis. Gleich nach Kriegsende beruft er – nun als Rektor – den Flüchtling Fritz Wotruba als Professor an die Akademie. Es ist heute ein Steckenpferd einiger Kunsthistoriker, aus Boeckl einen Nazi zu machen – so wie sie den Architekten Roland Rainer ob seiner NSDAP-Mitgliedschaft gleich zum Nazi-Architekten stempeln. Es mag dafür geförderte Forschungsprojekte geben – Naziprofiteure à la Georg Lippert werden von denselben KunsthistorikerInnen pardoniert. 

leop_boeckljosephson_30.jpeg

Herbert Boeckl, Sitzende Frau in rosa Kleid, 1924 und Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1982. Ausstellungsansicht. Foto: Leni Deinhardstein. Leopold Museum, mit freundlicher Genehmigung.

 

Hans Josephson wird 1920 im ostpreussischen Königsberg (heute Exklave Kaliningrad, Russland) geboren, flieht 1938 als Jude über Italien in die Schweiz, wo er – unterbrochen von Arbeitslagern – beim Bildhauer Otto Müller (1905–1993) studiert und im Atelier aushilft. Nach dem Zweiten Weltkrieg drängt ihn die Schweizer Fremdenpolizei, nach Deutschland zurückzukehren, was er allerdings entschieden ablehnt: seine Eltern waren 1943 in Riga ermordet worden. Er bleibt in der Schweiz, fristet ein karges Leben ausschliesslich der Bildhauerei gewidmet, und heiratet die Tochter des Philosophen Ernst Bloch (1885–1977), die Philologin Mirjam Abeles (geb. 1928). 

 

Es sollte Jahrzehnte dauern, bis Josephson in der Kunstwelt Fuss fassen kann – auch darin unterscheidet er sich von Herbert Boeckl, dem früh Erfolgreichen und heute fast vergessenen Maler. Im Jahre 1992 – der Bildhauer ist bereits 72-jährig – wird das für ihn entworfene Museum La Congiunta im Dorf Giornico eröffnet: ein abstrakter, sehr reduzierter Bau des bekannten Architekten Peter Märkli (geb. 1953) in der Bergwelt des Tessins.  Im Jahre 2002 folgt eine Personalausstellung im Stedelijk Museum in Amsterdam, jüngst war er bei der Art Basel gleich viermal vertreten. 

 

Almuth Spiegler von der Tageszeitung „Die Presse“ will eine merkantile Achse Boeckl–Josephson erkannt haben: 

„ dass der Hype um Josephsohn auch Boeckl, wenn schon nicht erfasst, dann doch sanft emporhebt wenigstens. Dass er ihm zu der internationalen Beachtung verhilft, die schon Wotruba dem Malerfreund in einer Rede zum 80. Geburtstag einst gewünscht hatte (Boeckl war damals schon tot). Nun, jetzt böte sich zumindest die Gelegenheit dazu. Wäre Boeckl eine Frau, wäre es sogar wahrscheinlich, nichts „entdeckt“ der Markt gerade lieber“.

bj-kerncover_ds_lowrise.png​​​​​​​

 

Herbert Boeckl – Hans Josephsohn

Archetypen des Figuralen

Leopold Museum

24.07.2026–10.01.2027

 

Nachlese

HERBERT BOECKL / HANS JOSEPHSOHN

ARCHETYPEN DES FIGURALEN

Herausgeber: Hans-Peter Wipplinger

Autor*innen: Matthias Boeckl, Lili-Vienne Debus, Ulrich Meinherz, Hans-Peter Wipplinger

Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln

248 Seiten, 170 Abbildungen, Euro 39,90.-

ISBN: 978–3-7533–1029-9