Achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs treten noch immer neue Zeugnisse jener Zeit ans Licht, die unser Verständnis der Shoah und ihrer Auswirkungen vertiefen
Zu den bemerkenswertesten Veröffentlichungen der vergangenen Jahre zählt das Buch Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte von Leokadia Justman. Der Band basiert auf Erinnerungen, die die Autorin unmittelbar nach Kriegsende niederschrieb, und gilt heute als eines der bedeutendsten autobiografischen Zeugnisse einer jüdischen Holocaust-Überlebenden in Tirol.

Leokadia mit ihrer Mutter_copyright_DR. JEFFREY WISNICKI
Leokadia Justman wurde 1922 im polnischen Piątek geboren und wuchs in Łódź auf. Nach dem deutschen Überfall auf Polen geriet ihre Familie wie Millionen andere Jüdinnen und Juden in die Fänge des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungsapparates. Gemeinsam mit ihren Eltern wurde sie zunächst im Warschauer Ghetto interniert. Dort erlebte sie die zunehmende Entrechtung, den Hunger und die ständige Angst vor Deportationen. Zeitweise arbeitete sie als Helferin in einer Einrichtung des berühmten Pädagogen und Kinderarztes Janusz Korczak.
Der wohl einschneidendste Moment ihres frühen Lebens war die Entscheidung ihrer Mutter Zosia. Als die Familie in Gorzkowice von einer Deportation bedroht wurde, opferte sich die Mutter, um ihrer Tochter das Überleben zu ermöglichen. Sie nahm den Platz ein, der für Leokadia vorgesehen war, und wurde nach Treblinka deportiert, wo sie ermordet wurde. Diese Tat der Selbstaufopferung zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte autobiografische Erzählung und wurde für die Autorin zum moralischen Vermächtnis ihrer Mutter. Gemeinsam mit ihrem Vater Jakub gelang Leokadia zunächst die Flucht. Nach mehreren Stationen und Verstecken wurden Vater und Tochter schliesslich im Ghetto von Piotrków interniert. Im März 1943 gelang ihnen mithilfe gefälschter Papiere die Flucht nach Tirol. Unter falschen Identitäten lebten sie dort als angeblich christliche polnische Fremdarbeiter. Die Jahre in Tirol waren geprägt von ständiger Angst vor Entdeckung. Jeder Tag konnte der letzte in Freiheit sein.

Jakub Justman_copyright_DR. JEFFREY WISNICK
Gerade die Tiroler Jahre zeigen die Ambivalenz menschlichen Handelns unter einer Diktatur. Einerseits war Tirol Teil des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, andererseits fanden Leokadia und ihr Vater Menschen, die bereit waren, ihr eigenes Leben zu riskieren, um Verfolgten zu helfen. Ihre Fluchtgeschichte führt durch Innsbruck, Seefeld, Lofer und weitere Orte Tirols und macht deutlich, wie eng Hoffnung und Verzweiflung beieinanderlagen.
Im März 1944 wurden Leokadia und ihr Vater nach einer Denunziation von der Gestapo verhaftet. Für Jakub Justman bedeutete dies das Todesurteil. Er wurde in das Lager Reichenau eingeliefert und dort ermordet. Mit seinem Tod verlor Leokadia den letzten unmittelbaren Angehörigen ihrer Familie. Leokadia selbst wurde gemeinsam mit ihrer Freundin Mirjam Fuks in das Polizeigefängnis Innsbruck gebracht. Dort begann eines der aussergewöhnlichsten Kapitel ihrer Geschichte. Obwohl die beiden jungen Frauen als Jüdinnen identifiziert worden waren und jederzeit mit ihrer Deportation rechnen mussten, begegneten sie Menschen, die sich dem NS-Regime widersetzten. Zu diesen Helfern gehörten der Polizeibeamte Karl Dickbauer, sein Kollege Anton Dietz sowie der Justizbeamte Wolfgang Neuschmidt. Sie verhinderten durch mutiges Handeln die Deportation der Frauen und ermöglichten ihnen stattdessen den Einsatz in der Gefängnisküche.
Als Anfang 1945 die Verlegung der Gefangenen in das Konzentrationslager Bergen-Belsen vorbereitet wurde, drohte erneut der Tod. Gemeinsam mit mehreren Helfern entstand ein Fluchtplan. Am 18. Januar 1945 gelang Leokadia Justman und Mirjam Fuks die Flucht aus dem Innsbrucker Polizeigefängnis. Es war eine Aktion, die alle Beteiligten bei Entdeckung das Leben gekostet hätte. Die beiden Frauen wurden anschliessend versteckt und überstanden die letzten Kriegsmonate im Raum Lofer. Zu den Helfern gehörten unter anderem Wanda Bottesi und Maria Stocker, die später ebenso wie Dickbauer, Dietz und Neuschmidt als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurden. Ihre Geschichte erinnert daran, dass selbst in Zeiten totalitärer Herrschaft individuelle Entscheidungen über Leben und Tod bestimmen konnten.

Leokadia Justman 1943_copyright_DR. JEFFREY WISNICKI
Nach Kriegsende kehrte Leokadia nach Innsbruck zurück und engagierte sich im jüdischen Komitee der Stadt. Gleichzeitig begann sie ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Rund 500 Schreibmaschinenseiten entstanden bereits in den ersten Nachkriegsjahren. Diese Aufzeichnungen stellen heute eine aussergewöhnliche historische Quelle dar, weil sie unmittelbar nach den Ereignissen verfasst wurden und zahlreiche Details enthalten, die später durch Archivmaterial bestätigt werden konnten. 1950 emigrierte Leokadia Justman in die Vereinigten Staaten. Ihre Erinnerungen gerieten über Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. Erst Forschungen der Universität Innsbruck und des Stadtarchivs Innsbruck führten zur Wiederentdeckung ihres Manuskripts. Die wissenschaftliche Aufarbeitung zeigte, dass die geschilderten Ereignisse in bemerkenswerter Weise mit den historischen Quellen übereinstimmen. Dadurch erhielt ihr Bericht einen besonderen Stellenwert innerhalb der österreichischen Holocaust-Forschung.

Wolfgang Neuschmid_copyright_HISTORISCHES ARCHIV DER LANDESPOLIZEIDIREKTION TIROL
Die deutschsprachige Veröffentlichung von Brechen wir aus! schliesst daher eine bedeutende Lücke in der österreichischen Erinnerungskultur. Das Werk dokumentiert nicht nur die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, sondern zeigt auch die Handlungsspielräume einzelner Menschen innerhalb eines verbrecherischen Systems. Gerade für Tirol stellt das Buch eines der wichtigsten autobiografischen Zeugnisse einer jüdischen Überlebenden der NS-Zeit dar. Justmans Stimme spricht mit beeindruckender Klarheit zu den Leserinnen und Lesern. Ihre Geschichte erinnert daran, wie zerbrechlich Freiheit und Menschenwürde sein können. Gleichzeitig zeigt sie, dass Mut, Solidarität und Menschlichkeit selbst unter den Bedingungen von Terror und Verfolgung Leben retten können. Damit ist Brechen wir aus! weit mehr als eine historische Quelle – es ist ein eindringlicher Appell an Gegenwart und Zukunft.

Haftkarteikarte Leokadia Justman_copyright_STADTARCHIV INNSBRUCK

Polizeidirektion mit Bombenschäden KRPL-3059 copy 2_copyright_STADTARCHIV INNSBRUCK

Leokadia am Grab ihres Vaters_ copyright_ DR. JEFFREY WISNICKI

Justman Grabinschrift_copyright_NIKO HOFINGER

Hochzeit 16.09.1946_copyright_DR. JEFFREY WISNICKI

Hochzeitsgesellschaft Adambräu 1946_copyright_DR. JEFFREY WISNICKI
Nachlese
Justman, Leokadia (2025): Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner.
Universität Innsbruck (2025): Leokadia Justman – Forschungsprojekt und Quellenedition. Innsbruck.