Mordechai Menahem Kaplan (1881–1983), Begründer des rekonstruktionistischen Judentums, zählt zu den einflussreichsten jüdischen Denkern des 20. Jahrhunderts
Geboren im heute litauischen Švenčionys im Gouvernement Wilna im Russischen Kaiserreich und 1889 in die U.S.A. eingewandert, wuchs Mordechai Menahem Kaplan in einem streng orthodoxen Umfeld auf und erhielt 1902 seine Rabbinerordination am Jewish Theological Seminary (JTS), wo er über fünf Jahrzehnte lehrte und Generationen konservativer Rabbiner prägte. Kaplan verstand das Judentum als „religiöse Zivilisation“ – ein dynamisches Gefüge aus Ritual, Kultur, Ethik und kollektiver Identität. Aus dieser Perspektive entwickelte er ein umfassendes Programm liturgischer Reformen. Für ihn konnten Gebete nur dann spirituell wirksam sein, wenn sie mit den Überzeugungen der Betenden übereinstimmten. Übernatürliche G’ttesbilder, metaphysische Dogmen oder die traditionelle Lehre von der Auserwähltheit Israels hielt er für theologisch unhaltbar und psychologisch problematisch. Seine liturgische Arbeit zielte daher darauf, Gebetstexte so zu ge-
stalten, dass sie ethische Werte, kulturelle Kontinuität und ein naturalistisches G’ttesverständnis widerspiegeln.
Ein besonders prägnantes Beispiel für Kaplans Herangehensweise sind die traditionellen Birkot ha-Schachar, die fünfzehn Segenssprüche des morgendlichen Gebets. Kaplan kritisierte an ihnen vor allem drei Elemente: 1. die Annahme eines übernatürlich eingreifenden G’ttes, 2. die hierarchischen anthropologischen Aussagen – insbesondere die Segenssprüche „der mich nicht als Nichtjuden/Sklaven/Frau geschaffen hat“, 3. die Betonung der besonderen Erwählung Israels. Für Kaplan repräsentierten diese Segenssprüche eine vormoderne Weltanschauung, die mit modernen ethischen Prinzipien und einem naturalistischen G’ttesbild nicht vereinbar sei. Anstelle der traditionellen Formulierungen entwickelte er „morning meditations“, die bewusst auf die klassische Eröffnungsformel Baruch Atah… verzichteten. Sie konzentrierten sich auf universelle Werte wie Dankbarkeit, Menschenwürde, moralische Verantwortung und die Fähigkeit des Menschen, zur Verbesserung der Welt beizutragen. Die psychologische Funktion der Segenssprüche – das bewusste Erwachen zu einem verantwortungsvollen Leben – blieb erhalten, jedoch ohne theologische Prämissen, die Kaplan als überholt betrachtete.
Kaplans Umgang mit den traditionellen Segenssprüchen ist exemplarisch für seine gesamte liturgische Arbeit. Er analysierte Gebete hinsichtlich ihrer historischen Entstehung, ihrer theologischen Voraussetzungen und ihrer Bedeutung für das moderne jüdische Selbstverständnis. Wo er Diskrepanzen zwischen Tradition und Gegenwart sah, ersetzte er Texte durch neue Formulierungen, die seiner Auffassung nach sowohl intellektuell ehrlich als auch spirituell tragfähig waren. Diese Methode prägte seine Überarbeitungen der Amida, der Haggada, der Thorasegen und vieler weiterer liturgischer Elemente. Obwohl seine Reformen in orthodoxen Kreisen auf scharfe Ablehnung stiessen und sogar zu einer symbolischen Exkommunikation führten, beeinflussten sie nachhaltig die liturgische Entwicklung des amerikanischen Judentums. Viele seiner Ideen fanden später Eingang in konservative und reformjüdische Gebetbücher – oft ohne ausdrückliche Nennung seines Namens. Auch einzelne liberale Gemeinden in Europa haben in den letzten Jahrzehnten ihre Siddurim überarbeitet und dabei Elemente aus Kaplans Ansatz aufgenommen.
Kaplans liturgische Erneuerungen markieren einen Wendepunkt in der modernen jüdischen Gebetspraxis. Sie zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen Tradition, moderner Weltanschauung und persönlicher Spiritualität verändern kann, wenn liturgische Texte nicht als unveränderbare Dogmen, sondern als Ausdruck einer lebendigen, sich entwickelnden jüdischen Zivilisation verstanden werden. In der liberalen Welt, in der jede Gemeinde und jeder Rabbiner über die Gestaltung des eigenen Siddurs entscheidet, fanden Kaplans Reformen ein offenes Echo. Die liturgische Landschaft blieb bewusst dezentral – jede Gemeinschaft kocht ihre eigene, manchmal geheimnisvolle Suppe –, doch viele ihrer Zutaten tragen heute unverkennbar Kaplans Handschrift.

Haile Selassie I., doppelt belichtet: der staatsmännische Kaiser von 1954 vor dem jungen, 1930 gekrönten Monarchen. KI-generierte Collage, R. Reiss, mit freundlicher Genehmigung.
Die individuellen Segenssprüche:
Ritualisierte Aufmerksamkeit für die Welt
Während die Birkot haSchachar den festen liturgischen Rahmen des Morgengebets bilden, entfalten die individuellen Segenssprüche (birkot hare’ijaa) eine ganz andere religiöse Logik. Sie gehören zu den ältesten Schichten jüdischer Ritualsprache, doch ihre Funktion ist nicht die tägliche Wiederholung, sondern die ritualisierte Wahrnehmung der Welt. Diese Segenssprüche werden nicht aufgrund eines liturgischen Kalenders gesprochen, sondern im Moment des Erlebens: beim Sehen des Meeres, beim Erblicken eines Regenbogens, beim Hören des Donners oder beim Treffen einer aussergewöhnlichen Persönlichkeit. Sie sind nicht verpflichtend, sondern situativ – eine Einladung, die Welt mit wacher Aufmerksamkeit zu betrachten und besondere Augenblicke in eine kurze, prägnante Sprache des Staunens zu fassen. Im Siddur stehen sie meist am Ende des Morgengebets oder in einem eigenen Abschnitt, gleichsam als Scharnier zwischen Gebetsraum und Welt. Sie begleiten den Übergang vom liturgischen Innenraum in die offene Wirklichkeit des Tages. Ihre Struktur ist einfach, fast formelhaft, doch ihr Einsatz ist hochgradig individuell: Sie werden nur gesprochen, wenn der Anlass tatsächlich eintritt und wenn er einen innerlich berührt, gar erschreckt, zum Staunen erweckt. Die individuellen Sehens-Segenssprüche sind in der Gegenwart nicht überholt, sondern neu lesbar. Inmitten einer Welt, die Wahrnehmung oft beschleunigt und nivelliert, behaupten sie eine konzentrierte, persönliche Aufmerksamkeit. Sie verwandeln Sehen in Beziehung und geben dem Moment eine Sprache. Gerade dadurch behalten sie ihre Relevanz: als leise, präzise Praxis, die das Staunen nicht steigert, sondern vertieft.
HAILE SELASSIE
Herrscherbild, Ritual und die Schweiz der 1950er Jahre
Haile Selassie I. (23. Juli 1892–27. August 1975) war der letzte Kaiser Äthiopiens und regierte ab 1930 unter dem Titel Negusa Negast – König der Könige. Die Rastafari-Bewegung erhob ihn symbolisch zum Messias. Seine Regentschaft endete 1975 abrupt in Addis Abeba, wo er ermordet wurde. Dass Haile Selassie in diesem Zusammenhang auftaucht, hat nichts Exotisches, sondern etwas zutiefst Persönliches an sich. Im Jahr 1954, ich war ein älterer Knabe, wurden wir von unserem jüdischen Religionslehrer aufgefordert, einem „abessinischen Herrscher“ den Koved zu erweisen. Wir standen in Reih und Glied, brav, korrekt, schweizerisch, und sprachen die Brokhe, die der Kitzur für den Anblick eines nichtjüdischen Königs vorsieht: Baruch… she natan mikvodo lebasar vadam. “Gesegnet sei der, der von seiner Herrlichkeit einem Menschen aus Fleisch und Blut verliehen hat.“
Unser Lehrer hatte uns eingeschärft, unter keinen Umständen dürften wir uns vor Haile Selassie verbeugen; gerade deshalb mussten wir diesen Segensspruch beherrschen, der ja eigentlich davor schützen soll, Menschen wie G’tt zu behandeln. Für uns Kinder war es ein feierlicher Moment, ein Stück liturgischer Ordnung inmitten der Unordnung. Ich starrte als Kind auf seine vielen Medaillen und unzähligen Orden, ohne zu wissen, dass sie weniger von Schlachten erzählten als vom höfischen Zeremoniell der 1950er Jahre. Erst Jahrzehnte später begann ich zu fragen, was uns da eigentlich widerfahren war. Warum gerade dieser Herrscher? Warum wir? Und warum in der Schweiz, einem Land, das sich selbst gern als unaufgeregt und neutral versteht – und in dem man historisch gesehen fremde Herrscher eher bekämpfte als ehrte. Im Rückblick wirkt die Szene fast komisch. Haile Selassie war kein jüdischer Messias, aber er trug eine Aura, die jüdische Lehrer der 1950er Jahre faszinierte: die salomonische Abstammungslegende, die biblische Würde, die exotische Monarchie und nicht zuletzt die internationale Bedeutung. Dazu kam, dass er sich tatsächlich in der Schweiz aufhielt – nicht als spirituelle Figur, sondern als Staatsmann auf diskreter Waffeneinkaufstour. Für unsere Lehrer erfüllte er offenbar die Kriterien, die der Kitzur nennt: ein Herrscher mit realer Macht, sichtbarer Autorität und weltpolitischem Gewicht.
Dass wir Kinder diese Brokhe sprachen, war also weniger theologisch als kulturell motiviert: ein Reflex aus einer Zeit, in der Könige noch als Träger historischer Würde galten, und in der jüdische Minderheiten gelernt hatten, Autorität mit liturgischer Höflichkeit zu beantworten.
Ironisch ist, dass ich erst viel später erfuhr, dass Mordechai Kaplan dieselbe Brokhe bereits zehn Jahre zuvor aus seinem Siddur gestrichen hatte – aus Gründen, die mit unserer Schweizer Kindheitsszene nichts zu tun hatten, aber im Nachhinein eine verblüffende Parallele bilden. Während Kaplan die Segensformel aus demokratischer und theologischer Überzeugung verwarf, wurde sie in der Schweiz der 1950er Jahre noch selbstverständlich als Ausdruck jüdischer Tradition verwendet. So führt die Erinnerung an Haile Selassie nicht weg vom Thema, sondern zurück zu ihm: Sie zeigt, wie unterschiedlich jüdische Gemeinschaften derselben Epoche liturgische Praxis verstanden – und wie ein einziger Moment aus der Kindheit plötzlich ein Fenster zur jüdischen Moderne öffnet.
VOM REGENBOGEN BIS KAPLAN
Über Brechung, Blick und Bedeutung
Am Ende beider Erzählungen — der Regenbogen-Collage und der liturgiegeschichtlichen Reflexion über die Brokhes — steht ein gemeinsames Motiv: Religiöse Bedeutung entsteht nicht aus einem Ursprung, sondern aus Brechung. Die frühen Birkhot haSchachar waren einfache Dankformeln für das Aufstehen, Sehen, Gehen. Doch über Jahrhunderte wurden sie erweitert, verschoben, neu gedeutet. Jede Epoche brach das Licht der Tradition anders, färbte es mit ihren Erfahrungen, Ängsten, Hoffnungen. Im 21. Jahrhundert werden diese Segenssprüche zu einem Instrument der Selbstverortung: weniger metaphysisch, mehr existenziell; weniger „Was tut G’tt?“, mehr „Wie antworte ich auf die Welt?“.
Der Regenbogen erzählt dasselbe Prinzip in einem Bild: Er ist real, aber er gehört niemandem. Er entsteht nur, wenn Licht auf Wahrnehmung trifft. So wie die Brokhes nicht „vom Himmel gefallen“ sind, sondern durch Generationen hindurch gebrochen wurden, entsteht auch religiöse Bedeutung erst im Zusammenspiel von Überlieferung und Blick. Der Regenbogen ist kein Besitz, sondern ein Ereignis. Mordechai Kaplan hat dieses Prinzip früh erkannt. Für ihn ist Judentum kein statisches Erbe, sondern ein Prozess: Jede Generation refraktiert die Überlieferung neu. Reform ist kein Bruch, sondern die normale Bewegung der Tradition. Die Geschichte der Brokhes bestätigt das: Sie waren immer schon im Fluss, ein stiller, aber kontinuierlicher Reformprozess. Gerade deshalb wirkt die heutige liberale Zurückhaltung so paradox. Reformgemeinden dürfen verändern, aber sie tun es oft mit Handschuhen — vorsichtig, entschuldigend, fast defensiv. Die Möglichkeiten sind da, doch die Entschlossenheit fehlt. Kaplan würde sagen: Wer Veränderung scheut, missversteht die Tradition. Kontinuität entsteht nicht durch Bewahren, sondern durch mutiges Weiterdenken.
Hier fügt sich das Haile Selassie-Beispiel als letzter, klärender Spiegel ein. Menschen neigen dazu, Figuren zu überhöhen, ihnen Farben zuzuschreiben, die aus dem eigenen Inneren stammen. Die Rastafari machten Selassie zum Messias — einem Regenbogen aus Sehnsucht, Identität, Befreiung. Und doch blieb er ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Brokhe, die ich als Kind gelernt habe — „…der von seiner Herrlichkeit gegeben hat an Fleisch und Blut“ — ist genau dafür geschaffen: sie schützt vor Verwechslung von Lichtquelle und Brechung.
So entsteht das Gesamtbild
Tradition, Reform, Mythos, Wahrnehmung — all das sind Formen gebrochenen Lichts. Der Regenbogen, die Brokhes, Kaplan, Selassie: Sie zeigen, dass Bedeutung nicht im Ursprung liegt, sondern im Blick. Der Regenbogen ist real, aber er gehört nicht dem, der darunter steht. Und die Tradition ist lebendig, weil jede Generation sie neu sieht.
Nachlese
Domagoj Akrap: Mordecai Kaplan; In: DAVID, Heft 78, Sommer 2008, online: https://davidkultur.at/artikel/mordecai-kaplan
Teil I dieser Serie zum Thema Religion und KI ist unter dem Titel WOW! SIEH DA! WELCH REGENBOGEN! in DAVID, Heft 149, Sommer 2026, S. 36 erschienen und online abrufbar; link: https://davidkultur.at/artikel/wow-sieh-da-welch-regenbogen