Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann man in fast allen Metiers zum Popstar werden, ausser vielleicht als Tellerwäscher
Als Schauspieler, Musiker, Verbrecher, Politiker, Pleitier und Literat – aber auch als Chef der Federal Reserve, der U.S.-Notenbank, kann man sich in der Öffentlichkeit so positionieren, dass man selbst zum Symbol für die Institution wird. Alan Greenspan war die Fed, fast zwanzig Jahre lang. Am 22. Juni 2026 starb er im 101. Lebensjahr. Der gebürtige New Yorker Greenspan stammte aus einer jüdischen Einwandererfamilie mit ungarischen Wurzeln. Der Vater arbeitete als Börsenmakler, der Sohn eiferte ihm erst später nach, zuerst wollte er Musiker werden und besuchte die Juilliard School, Saxophon und Klarinette waren seine Instrumente – Benny Goodman lässt grüssen.
Doch nach dem Volkswirtschaftsstudium an der New York State University gründete er 1953 seine Beraterfirma Townsend, Greenspan & Cie. und bewegte sich in den politischen Kreisen der Republikaner. 1967 unterstützte er im Wahlkampf Richard Nixon, der sich später erkenntlich zeigte und ihn zum obersten wirtschaftspolitischen Berater machte. Sein wirtschaftspolitischer Kurs änderte sich schon früh, aus einem Keynesianer wurde ein Vertreter des Laissez-faire-Kapitalismus („Die Parasiten sollen zugrunde gehen“). Als solcher diente er vier U.S.-Präsidenten als Notenbankchef, berufen wurde er von Ronald Reagan, dann kam George Bush, dann Bill Clinton und schliesslich George W. Bush. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern äusserte er sich stets über die Medien und wurde so weltweit zu einer gefürchteten Instanz, die mit einem Nebensatz die Weltwirtschaft erschüttern konnte. Nach seiner Pensionierung gab er zu, oft absichtlich enigmatische Angaben gemacht zu haben, um die Börsianer zu verunsichern. Auch gab er zu, daran geglaubt zu haben, dass sich der Bankensektor selbst regulieren würde – ein fataler Fehler, den der Atheist Greenspan dem moralisierenden Schotten Adam Smith verdankt. Die „unsichtbare Hand“, die den Markt lenkt, gibt es nicht, wie wir gerade wieder schmerzhaft erleben. Dass die Gier der Spekulanten die kapitalistische Theorie unterläuft, fiel Greenspan schon anlässlich der Emron-Pleite von 2002 auf. Wie er selbst wirtschaftlich agierte, ist unklar geblieben, ein Gerichtsverfahren wegen Manipulation des Goldpreises wurde eingestellt.
Greenspan war ein Guru der niedrigen Zinsen und Vergrösserung der Geldmenge, in seiner Amtszeit stieg sie auf über 10,250 Billionen Dollar, das Dreifache von 1986. Doch die tendenzielle Abwertung des Dollars fand bereits 1971 mit dem Ende der Goldbindung statt, vier Jahre bevor Nixon Greenspan als Berater holte. Dieser dominierte später nicht nur die U.S.-Wirtschaft, sondern auch internationale Märkte, ihm verdanken wir die Rettung des Euro, den er von 0,85 auf 0,90 Dollar bringen konnte. Das Platzen der Immobilienblase und die weltweiten Banken-Zusammenbrüche nach der Pleite von Lehman Brothers 2008 (Bush jr. rettete sie nicht, sie war ja eine jüdische Bank) rechnete man ihm noch an, als Spätfolge seiner lockeren Geldpolitik. „Der Notenbanker, der sich irrte“ titelt auch noch „Die Presse“ in ihrem Nachruf, ein fragwürdiges Verdikt, denn erstens irrt sich jeder einmal und war nicht eher sein Nachfolger Auslöser der internationalen Finanzkrise, unter der wir heute noch leiden? Warum hat nicht dieser den Präsidenten davon abgebracht, das U.S.-Bankwesen zu zerstören? Nein, der Alte aus seiner Pension heraus ist schuld, der als finanzpolitischer Zampano galt, dann aber für alles herhalten musste, was andere falsch gemacht haben. Er selbst meinte voll Selbstvertrauen, siebzig Prozent seiner Entscheidungen seinen richtig gewesen und nur dreissig Prozent falsch.
Im Gegensatz zu den echten Popstars, die ihr Privatleben ständig in den Medien zur Schau stellen, trat Greenspan als Privatmann wenig in Erscheinung. Er war 1951 einmal kurz verheiratet und dann 1971 für länger; auffällig ist, dass seine zwei Ehefrauen denselben Mädchennamen hatten, ein interessantes Auswahlkriterium. Seine Arbeitgeber schwärmten offiziell von ihm, obwohl sie nicht alle seine Massnahmen guthiessen, auch Bill Clinton, der immer das Gegenteil von dem wollte, was Greenspan machte, doch alle vertrauten ihm, dem „Popstar“ der Finanzwissenschaftler. Dass er so wie alle anderen aus dieser Branche nur ein Kaffeesudleser war, ahnten sie nicht. Greenspan ist tot, doch er hat uns eine Prophezeiung hinterlassen: „Der Euro wird keinen Bestand haben.“ Warten wir es ab.

Alan Greenspan mit seiner zweiten Ehefrau in Washington, D.C. 2000. By John Mathew Smith & www.celebrity-photos.com. (Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)

Alan Greenspan mit Präsident Gerald Ford bei einer Pressekonferenz zur Inflation, 1974. White House Photographic Office, National Archives and Records Administration, Gerald R. Ford Library, Ann Arbor, MI. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://en.wikipedia.org/wiki/Alan_Greenspan#/media/File:Senator_William_Proxmire,_Alan_Greenspan,_President_Gerald_R._Ford,_Representative_John_Rhodes,_and_Representative_Wright_Patman_at_a_Conference_on_Inflation_at_the_White_House_-_NARA_-_12082617.jpg