Ausgabe

Jüdische Emigranten aus Österreich und Deutschland Ihr Beitrag zur Versöhnung und Wiederaufnahme abgebrochener Beziehungen Teil I

Anna Maria Grünfelder

Am 25. Mai 1933 hielt der Internationale PEN-Klub in Dubrovnik einen ausserordentlichen Kongress ab, um den in Nazideutschland bereits geächteten und verfolgten Wissenschaftern und Künstlern seine Solidarität zu bekunden

Inhalt

Im Deutschen Reich hatten am 10. Mai 1933 bereits Scheiterhaufen mit Büchern verfemter Schriftsteller und Wissenschaftler gebrannt. Einer von ihnen, der Schriftsteller Ernst Troller appellierte beim Kongress des Internationalen PEN-Klubs in Dubrovnik desselben Jahres an die Weltöffentlichkeit „Speak now or never!“ (worauf die offiziellen Vertreter aus dem Deutschen Reich demonstrativ den Kongress verliessen.)1 Trollers Appell an die Konferenzteilnehmer erging zu einem Zeitpunkt, da man vielleicht noch hätte den Anfängen wehren können. Er sollte sich bald als Prophezeiung erweisen, als die Flüchtlingswellen aus dem Deutschen Reich nach Zufluchtsorten in den (noch) nichtnazistischen europäischen Staaten suchten, um in Übersee eine bleibende neue Heimat zu finden. 

pen-kongress-1933-a.jpg

Vollversammlung des PEN-Klubs am 10. Mai 1933.

Studenten und Stipendiaten aus Jugoslawien hatten bis zur Machtergreifung der Nazis – zumeist in Deutschland – Kontakte geknüpft, die sich ab 1933 bewährten, als jüdische Verfolgte aus Deutschland und Gegner der Nazis Jugoslawien durchqueren wollten. Die Königsdiktatur des serbischen Herrscherhauses Karadjordjevic und dessen Annäherung an das Deutsche Reich boten 1933 zwar kein gastfreundliches Klima, aber doch einigermassen persönliche Sicherheit und vor allem eine kulturell aufgeschlossene Gesellschaft. Wie bald und dramatisch sich der Appell von Ernst Troller aus Dubrovnik bewahrheitete, zeigt die Tatsache, dass allein im Jahre 1933 mehr als 4.000 Flüchtlinge, überwiegend, aber nicht ausschliesslich jüdischer Herkunft Jugoslawien als Transitland für die Schiffspassage nach Amerika, Australien oder auch Palästina durchquerten. Bis zum deutschen Überfall auf Jugoslawien (6. April 1941) registrierte die Jüdische Kultusgemeinde Zagreb die Gesamtzahl jüdischer Fluchtwilliger aus dem Deutschen Reich, die ihre Dienste – Beratung, Auskünfte zu Einreise-und Aufenthaltsgenehmigungen oder Quartiervermittlung – in Anspruch genommen hatten. 

 

Seit 1933/1934, als in Österreich der Ständestaat ausgerufen wurde, flohen österreichische Sozialdemokraten und Kommunisten, unter ihnen Jüdinnen und Juden. Mit ihnen kamen auch deutsche Emigranten, die bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland geflüchtet waren – und auch die illegalen österreichischen Nationalsozialisten suchten in Jugoslawien Zuflucht. Sie wurden in Warasdin (Varaždin) interniert, um – auf ihren Wunsch hin – kollektiv ins nationalsozialistische Deutschland abgeschoben zu werden. Ab 1938 kamen grössere Gruppen jüdischer Flüchtlinge aus Österreich und der Tschechoslowakei, ab 1939 vereinzelt polnische Fluchtwillige. Der PEN-Kongress in Dubrovnik hatte die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit gelenkt: Jugoslawien mit seinen bis 1936 liberalen, zwischen 1936 und 1938 noch relativ unkomplizierten Einreise-und Aufenthaltsbestimmungen präsentierte sich trotz seiner Königsdiktatur als „fremdenfreundliche“ Alternative zu Westeuropa, dessen Staaten sich jüdischen Flüchtlingen gegenüber abweisend verhielten. Es kamen Jüdinnen und Juden, jüdische und nichtjüdische Sozialisten und Kommunisten, Intellektuelle, Kaufleute, Gewerbetreibende, Handwerker und Unternehmer.2

pen-kongress-1933-b.jpg

Vollversammlung des PEN-Klubs am 10. Mai 1933.

 

Schon 1933 entwickelte sich Zagreb wegen seiner günstigen geographischen Lage zum „hot spot“ der Emigration, führten doch einerseits Landwege Richtung Palästina, andererseits Schiffsrouten über die Adria zum Mittelmeer und zum Atlantik. 1933 eröffneten JOINT (Jewish Joint Distribution Committee) und HICEM (Hebrew Immigrant Aid Society) Büros in Zagreb.3 Die Katholische und die Evangelische Kirche stellten sich jüdischen Konvertiten zur Verfügung.4 In den Städten an der Adriaküste leistete
die italienisch-jüdische Flüchtlingshilfe DELASSEM (Delegazione Assistenza Ebrei migranti) gemeinsam mit den jüdischen Gemeinden in Split, Du­brovnik sowie Mostar in der Region Herzegowina den Flüchtlinge Hilfe.5 Als Jugoslawien ab 1936, im Interesse seiner wirtschaftlichen und politischen Annäherung an Nazideutschland, die Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen für Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich sukzessive verschärfte, litten darunter ganz besonders die nach Jugoslawien transferier-
ten Unternehmen und ­diversen Privatbetriebe deutsch-jüdischer Firmengründer – Jugoslawien schadete sich durch diese Politik selbst am meisten, denn die von den „Wirtschaftsemigranten“ angebahnten internationalen Beziehungen brachen ein und warfen die jugoslawische Wirtschaft in die Provinzialität zurück.6

 

Neben der wirtschaftlichen Internationalisierung Jugoslawiens profitierte das Land vom kulturellen Austausch zwischen den Nachfolgestaaten der 1918 untergegangenen Kaiserreiche und den ehemaligen kulturellen Zentren: Eine spezielle Form dieses Austausches leisteten die ehemaligen jugoslawischen Gaststudenten an österreichischen und deutschen Universitäten und wissenschaftlichen Instituten und Institutionen: Deren Personal sowie die ehemaligen Gastgeberfamilien kamen als Emi­granten und Flüchtlinge nach Jugoslawien und fanden bei ihren ehemaligen Gaststudenten Aufnahme. 

 

troller-wells-1933-dubrovnik-pen.jpg

Links im Bild Ernst Troller („Speak now or never“) und rechts im Bild H(erbert) G(eorge) Wells, der damalige Präsident des Internationalen PEN-Klubs: Quelle: Kroatisches Staatsarchiv – Staatsarchiv Dubrovnik, mit freundlicher Genehmigung.

 

Rollentausch zwischen Gastgebern und Gästen – die „Salonkultur“ als Zufluchtsort von Emi­granten 

In den Städten der ehemaligen Länder der Habs­burgermonarchie hatte die Salonkultur den Ersten Weltkrieg und die Krisen der Zwischenkriegszeit überlebt: Nicht nur in Zagreb wurde sie weitergepflegt; auch für kleinere Städte wie Warasdin, Osijek (dt. Esseg), Karlovac (dt. Karlstadt) gilt, was Friedrich Torberg für Prag und Budapest konstatiert hatte: Das Alte Österreich ging erst 1938 unter. Die Tradition der literarischen, philosophischen, wissenschaftlichen und auch politischen (vor allem der revolutionär-politischen) Salons wurde von den ehemaligen Gaststudenten an den Universitäten, an Akademien und Instituten der Monarchie – der habs­burgischen wie auch der deutschen Städte – weiter gepflegt. Gerade weil die jugoslawische Königsdiktatur den freien Meinungsaustausch in der Öffentlichkeit und in der Presse reglementierte, fanden kritische Stimmen und politische Strö­mungen wie Liberalismus, Sozialismus und Kommunismus, aber auch und gerade die besonders beargwöhnte Psycho­analyse Gehör und ein Betätigungsfeld.7

 

Zagreber Initiatoren solcher Salons waren Ärzte, die noch vor 1918 an österreichischen Universitäten studiert und vielfach Sigmund Freud und Alfred Adler kennengelernt hatten. Adlers Schüler wirkten in Berlin, in der Schweiz und in Osteuropa, von wo ihre Schüler nach Zagreb kamen – auf Einladung solcher Salons. In Zagreb eröffnete im Jahre 1914 der tschechische Internist Dr. Beno Stein8 eine Privatpraxis, in der nicht nur Patienten behandelt, sondern auch – in einem versteckten Hinterzimmer – Psychoanalytiker diskutierten, sowie auch die in Jugoslawien verbotenen Sozialisten und Kommunisten agitierten.

 

Dr. Beno Stein heiratete Vera Ehrlich aus der Zagreber Architektenfamilie Ehrlich (auch: Erlih). Sie und ihre Schwester Ina studierten an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb Psychologie und Pädagogik und nahmen in Privatkursen Unterricht in Rhythmik und Tanz. Veras Interesse galt primär dem künstlerischen Ausdrucktanz, während Ina sich auf medizinische Gymnastik und Bewegungstherapie konzentrierte – diese Spezialisierung kam ihr 1942/1943 im italienischen Internierungslager für Jüdinnen und Juden zugute; sie gab den internierten Kindern Unterricht in Schwimmen und Gymnastik.9 In den Zwanzigerjahren aber unternahmen die beiden Schwestern Auslandsstudien: Ina studierte in Dresden, München, Prag, Wien und Genf Germanistik, da sie Deutsch ebenso wie Französisch und Italienisch noch als Kind im Elternhaus gelernt hatte; später erwarb sie sich Sprachkenntnisse in Tschechisch und Bulgarisch. Vera liess sich im Berliner Institut zur Rehabilitation geistig und körperlich behinderter ­Personen für die Resozialisierung und Integration Behinderter ausbilden. Die damalige Leiterin dieser Anstalt und des Sonderkindergartens, Annemarie Wolff (verehelichte Wolff-Richter) wurde ab 1933 wegen des Sonderkindergartens und der Behindertenanstalt von der SS besonders schikaniert. Daher entschied sie sich 1936 zur Flucht aus Deutschland, wobei sie behinderte jüdische Kinder mitnahm. Sie fand in der Villa der Ehrlich-Schwestern in Zagreb Zuflucht und konnte die Behinderteninstitution fortsetzen und nahm auch jüdische Kinder aus Kroatien auf (die Autorin wurde auf diese Initiative durch ein ehemaliges Zagreber Kindergartenkind, nachmals Professor an der Zagreber Fakultät für Politikwissenschaft, Dr. Ivan Šiber, hingewiesen).

 

Im Berliner Kindergarten von Annemarie Wolff lernte Vera Ehrlich (damals schon verehelichte Stein) den Wiener galizisch-jüdischer Herkunft Manès Sperber10 kennen. Dieser wirkte dort als Schüler Alfred Adlers, des Begründers der Individualpsychologie (der Zweiten Psychoanalytischen Schule in Wien). Nach Berlin war Sperber auch gekommen, um sich der Deutschen Kommunistischen Partei anzuschliessen, denn in Österreich war die KP bis 1933 bedeutungslos; ab 1933 verboten.11 Manès Sperbers Ausbildung in der Adlerschen Individualpsychologie veranlasste Vera Ehrlich, Sperber zu Vorträgen nach Zagreb einzuladen. Sperber hielt zwischen 1929 und 1935 in Zagreb Vortragsreihen für interessierte Laien, sowie Kurse zur Zusatzausbildung für ausgebildete Psychologen. Dr. Beno Stein stellte ihm dafür seine Ordinationsräume im Stadtzentrum zur Verfügung, während ihn die Volkshochschule zu Kursen für interessierte Laien engagierte. Dank der Vermittlung von Dr. Stein kam Sperber mit den seit 1929 im Untergrund existierenden jugoslawischen Kommunisten in Kontakt. Sperber liess auch seine damalige Ehefrau Mirjam aus Berlin nach Zagreb kommen. 1934 wurde dort der gemeinsame Sohn, Vladimir Uri, geboren. Sperber selbst aber verliess die beiden 1935, um eine Tätigkeit in der Pariser Niederlassung der KOMINTERN (für Westeuropa) anzunehmen. Zagreber Bekannte sorgten dafür, dass 1941 Mirjam mit dem Kind rechtzeitig nach Italien flüchten und von dort nach Kanada emigrieren konnte. 

 

Teil II mit einem ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis folgt in der kommenden Ausgabe, DAVID, Heft 151, Chanukka 5787/Dezember 2026.

 

Alle Fotos vom PEN-Kongress in Dubrovnik 1933: Kroatisches Staatsarchiv Dubrovnik (Hrvatski Državni arhiv Dubrovnik), mit freundlicher Genehmigung: Bestand – Signatur. HR-DADU-967.9.13, Persönlicher Nachlass Vitold Galzinski, Fotografije P.E.N. 1933. 

 

Anmerkungen

1 Branko Matan, „Speak Now or Never: The 1933 Dubrovnik PEN Club Congress“, https://arka-knjiga.hr/knjige/11472/speak-now-or-never-the-1933-dubrovnik-pen-club-congress (benutzt 24.4.2026)

2 A.M. Gruenfelder, „Von der Shoa eingeholt. Ausländische jüdische Flüchtlinge im ehemaligen Jugoslawien, 1933-1945.“ (Böhlau-Verlag), Wien, Köln, Weimar 2013, S. 33-45.

3 Anna Maria Grünfelder, „Von der Shoa eingeholt“, S.55-87.

4 Ibid. S.41.

5 Ibid. S. 173-179.

6 Besonders die hochentwickelten Holzexporte nach Grossbritannien und in die Türkei brachen ein. A.M. Grünfelder, „Von der Shoa eingeholt“, S. 48.

7 Anna Maria Grünfelder, „Živjeti pravedno i istinito“ Manes Sperber i zagrebački Ijevičarski intelektualci „[„Aufrecht und in Wahrheit leben. Manes Sperber und die intellektuelle Linke in Zagreb“], Časopis za suvremenu povijest, ČSP ,Institut za povijest Radničkog pokreta, Zagreb) [„Zeitschrift für Zeitgeschichte“, hrsg. vom Institut für die Geschichte der Arbeiterbewegung, Zagreb], file:///D:/Mendels“ohn%20Berlin/04_GRUNFELDER_CSP_1-3_1989.pdf pristupljeno 24.4.2026.) – Zu den „Linken“ in Zagreb: Božo Kovačević, : „Psihoanaliza i ljevica“[„Die Psychoanalyse und die Linke“]. Nakladnik, Zagreb 1989.

8 Židovski biografski leksikon-online; izd.. Hrvatske Leksikografski zavod „Miroslav Krleža“, Zagreb (glavni urednik: Ivo Goldstein) [„Jüdisches biographisches Lexikon“, hrg. „Kroatisches Lexikografisches Institut Miroslav Krleža (Chefredakteur Ivo Goldstein)], auf https://zbl.lzmk.hr/?p=2328 (aufgerufen 24.4.2026). – Dr. Beno Stein (1890-1941), Internist, war Zionist und nahm an internationalen Zionistenkongressen teil. In Zagreb stand er der Loge B‘nai B‘rit vor. Er wurde 1941 von der Ustascha ermordet.

9 Državni arhiv Split (DAST), fond „Ž.O.“ bolesnički karton K-IV/II, Dispanzera za TBC. [Staatsarchiv Split, Bestand. „Jüdische Gemeinde“, Patientenkartons .....der TBC-Ambulanz“]- A.M.Grünfelder, „Von der Shoa eingeholt“, S. 179.

10 Manes Sperber (geb. 1905 in Zabłotów, im damals habsburgischen Kronland Königreich Galizien und Lodomerien, heute Ukraine. Kommunist und seit 1941 kommunistischer Dissident. Gest. 1983 in Paris. – Nach Zagreb kam Sperber 1934 nach einer einmonatigen SA-Haft in Berlin , nach der er nach Österreich abgeschoben wurde. Wegen des autoritären Kurses Österreich wollte er als Kommunist nicht dort leben: Manès Sperber, „Bis man mir Scherben auf die Augen legt“. Europa Verlag Wien-München-Zürich, 1977.

11 Anna Maria Grünfelder, „Živjeti pravedno i istinito: Manès Sperber i zagrebački ljevičarski intelektualci“. „[„Aufrecht und in Wahrheit leben. Manes Sperber und die intellektuelle Linke in Zagreb“]. Časopis za suvremenu povijest, ČSP, Institut za povijest Radničkog pokreta, Zagreb) [„Zeitschrift für Zeitgeschichte“, hrsg. vom Institut für die Geschichte der Arbeiterbewegung, Zagreb], https://hrcak.srce.hr/file/315360 (pristupljeno 24.4.2026.g.)