Von den Fachverbänden wurden zwölf jüdische Sportler und Sportlerinnen an das ÖOC für die Olympische Spiele 1936 in Berlin nominiert. Neun von ihnen gingen an den Start
Schwimmen
Judith DEUTSCH später DEUTSCH-HASPEL, geb. 18.08.1918 in Wien, gest. 20.11.2004 in Herzlia, Israel, S.C. Hakoah Wien
Lucie GOLDNER später GORDIAN, geb. 21.01.1918 in Wien, gest. 14.09.2000 in Melbourne, Australien, S.C. Hakoah Wien
Ruth LANGER später LANGER LAWRENCE, geb. 21.05.1921 in Wien, gest. 02.05.1999 in London, Grossbritannien, S.C. Hakoah Wien
Fechten
Hans LION, geb. 11.05.1904, gest. Sept. 1969, S. C. Hakoah, war Olympiateilnehmer 1928 in Amsterdam, 1932 in Los Angeles und 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin mit Platz Vier mit der Herren-Florett-Mannschaft (jüdischer Sportler laut Ignaz Hermann Körner: Lexikon jüdischer Sportler in Wien 1900–1938, Mandelbaum Verlag Wien 2008)
Ellen PREIS später MÜLLER (MÜLLER-PREIS), geb. 06.05.1912 in Berlin (als Tochter eines Steirers, Mutter Rheinländerin), gest. 18.11.2007 in Wien-Lainz, Evangelisch A.B., deutsche Staatsbürgerin, die deutsche Staatsbürgerschaft legte sie 1932 vor den Olympischen Spielen zurück und erhielt 1932 kurzfristig die österreichische Staatsbürgerschaft, Union-Fechtclub Wien, Olympiasiegerin im Damen-Florett 1932 in Los Angeles, Damen-Florettfechten Bronzemedaille 1936 in Berlin, Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1948 in London, Olympiateilnehmerin 1952 in Helsinki (im Halbfinale ausgeschieden) 1956 bei den olympischen Spielen in Melbourne (siebenter Platz im Finale), sie heiratete 1939 den Arzt Dr. Heinrich Müller (NSDAP-Mitglied seit 1944 und Arzt bei der Waffen-SS), Müller-Preis wurde zwar als Parteimitglied von der NSDAP abgelehnt, war jedoch während des NS-Regimes Fechtwartin des BDM im Obergau Wien, später Hochschulprofessorin an der Akademie für Musik und darstellende Kunst beziehungsweise o. Univ.-Prof. an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (jüdische Sportlerin laut Ignaz Hermann Körner: Lexikon jüdischer Sportler in Wien 1900–1938, Mandelbaum-Verlag Wien 2008 sowie laut International Jewish Sports – Hall of Fame: Holocaust History)
Gewichtheben:
Robert FEIN, geb. 08.12.1907 in Wien, gest. 02.01.1975 in Wien, K. Sp. V. Wien, Olympische Spiele 1936 Berlin: Leichtgewicht Goldmedaille (Jüdischer Sportler laut Ignaz Hermann KÖRNER: Lexikon jüdischer Sportler in Wien 1900–1938, Mandelbaum Verlag Wien 2008, sowie laut International Jewish Sports – Hall of Fame: Jewish Olympic Medalists)
Kanu:
Viktor KALISCH, geb. 04.12.1902 in Linz, gest. 21.07.1976, Enns-Wildwasserklub Steyr, gewann die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin (gemeinsam mit Karl STEINHUBER) im Kajak-Zweier über 10.000 Meter in 42:05,4 (jüdischer Sportler laut International Jewish Sports – Hall of Fame: Jewish Olympic Medalists)
Moderner Fünfkampf:
Alfred GUTH, geb. 27.07.1908 in Wien, gest. 13.11.1996 in Los Angeles, U.S.A., war mehrfacher österreichische Meister im Schwimmen und gehörte der Schwimmsektion des S.C. Hakoah an; er nahm an den Olympischen Spielen in Berlin teil: Moderner Fünfkampf 33. Platz (42 gestartet); wurde deswegen angeblich aus der Hakoah Wien ausgeschlossen (siehe Ignaz Hermann KÖRNER: Lexikon jüdischer Sportler in Wien 1900–1938, Mandelbaum Verlag Wien 2008)
Ringen:
Erich FINCSUS (FINCSUSZ), geb. 22.12.1912; gest. Nov. 1976 in ?, U.S.A., S.C. Hakoah Wien, Olympische Spiele 1936 in Berlin: im Ringen (griechisch-römisch) im Federgewicht verlor Fincsus in der ersten Runde gegen den Finnen Aarne REINI mit 0:3 und in der zweiten Runde gegen den Griechen Nikolaos BIRIS (Schultersieg), weshalb er ausschied (insgesamt 15. Platz)
Leichtathletik:
Alfred KÖNIG, geb. 02.10.1913 in Wien, gest. 1987 in Istanbul, Türkei, S.C. Hakoah Wien, türkischer Staatsbürger, legte diese Staatsbürgerschaft zurück und erhielt die österreichische Staatsbürgerschaft knapp vor den Olympischen Spielen in Berlin 1936: er nahm dort teil, schied im achten Vorlauf als Sechster über 200 Meter aus; im 8. Vorlauf über 400 Meter schied er als Vierter mit 49,4 Sekunden ebenfalls aus
Gerda GOTTLIEB, geb. 14.04.1916 in Wien, gest. 28.10.1992 in Ridgewood, New Jersey, U.S.A., WAC, ab 1936 S.C. Hakoah Wien, Österreichische Meisterin 1934 im 100 Meter-Lauf; sie war bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften der Leichtathletik 1936 im Hochsprung genannt und zählte dort zu den Favoritinnen (siehe Sport-Tagblatt vom 11. Juli 1936, Seite 6), kam jedoch nicht unter die ersten Drei (siehe Sport-Tagblatt vom 14. Juli 1936). Daher wurde sie auch vom Österreichischen Leichtathletik-Verband (ÖLV) für die Olympischen Spiele in Berlin 1936 nicht nominiert (siehe Sport-Tagblatt vom 15. Juli 1936 und 28. Juli 1936, Seiten 4-5: ÖLV-Nominierungen)
Veronika „Ronnie“ KOHLBACH eigentlich KOHN, später Ronnie WAGNER-KOHLBACH beziehungsweise Ronnie WAGNER beziehungsweise Veronica ALMER, geb. 03.01.1906, gest. 01.01.1996 in Wien, WAC (vorher WAF), Olympische Spiele in Berlin: sie startete über 80 Meter Hürden (im zweiten Vorlauf als Fünfte ausgeschieden), in der 4x100 Meter -Staffel (im ersten Vorlauf mit 49,9 als Vierte ausgeschieden; insgesamt achter Platz) und im Diskuswurf (Platz 13), 1938 startete sie nach dem Anschluss an das Deutsche Reich bei den Leichtathletik-Europameisterschaften für „Nazi-Deutschland“ und wurde Fünfte im Weitsprung; ausserdem war sie für den Verein Danubia mehrfache österreichische Gaumeisterin von 1938–1942 (jüdische Sportlerin mit Geburtsnamen KOHN laut Ignaz Hermann KÖRNER: Lexikon jüdischer Sportler in Wien 1900–1938, Mandelbaum Verlag Wien 2008)
Margarethe „Grete“ NEUMANN geb. SINGER, geb. 19.06.1912 in Wien, gest. 14.09.1946 in Wien, S.C. Hakoah Wien (vorm. WAC), nahm an den Olympischen Spielen in Berlin 1936 teil, schied im zweiten Vorlauf über 100 Meter mit 12,9 Sekunden als Vierte sowie im ersten Vorlauf mit der 4x100 Meter-Staffel in 49,9 Sekunden als Vierte aus
Von den zwölf von den jeweiligen Fachverbänden nominierten jüdischen Sportlern und Sportlerinnen traten neun, nämlich Robert FEIN, Erich FINCSUS, Alfred GUTH, Viktor KALISCH, Veronika „Ronnie“ KOHLBACH, Alfred KÖNIG, Hans LION, Ellen PREIS und Margarethe „Grete“ NEUMANN bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 an (davon fünf vom SC Hakoah), nur die drei Schwimmerinnen DEUTSCH, LANGNER und GOLDNER verweigerten eine Teilnahme
Die Leichtathletin Gerda GOTTLIEB konnte – wie in mehreren Publikationen (darunter John BUNZL: Hoppauf Hakoah, Junius-Verlag 1987, Seite 118) fälschlich zu lesen ist – die Olympischen Spiele in Berlin gar nicht boykottiert haben, weil sie sich dafür nicht qualifiziert hatte und daher vom Österreichische Leichtathletik-Verband auch nicht nominiert wurde.
Somit ist auch die Behauptung im vorzitierten Buch, der Läufer Alfred KÖNIG, die Läuferin Margarethe NEUMANN und der Ringer Erich FINCSUS hätten trotz Aufforderung zur Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin 1936 diese boykottiert, aufgrund der von diesen dort erzielten Ergebnisse unrichtig.