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Wer ist Antisemit? Versuch einer Definition

Theodor Much

Der Antisemitismus in Mitteleuropa – speziell in Österreich und Deutschland – ist ein uraltes und anscheinend unausrottbares Phänomen. Obwohl heute in Österreich, als Folge des Holocaust, nur noch rund 15.000 Juden – fast ausschliesslich in Wien – leben, zeigen alle repräsentativen Umfragen der vergangenen Jahrzehnte, dass sich an der negativen Grundeinstellung weiter Kreise der Bevölkerung zum Judentum nicht allzu viel geändert hat.

Inhalt

Das zeigt auch der neueste Jahresbericht der Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien von 2021, der eine beunruhigende Zunahme von antisemitisch motivierten Vorfällen (Beschimpfungen, Belästigungen und Übergriffe gegen Juden) in den letzten zwei Jahren feststellt. Der Schöpfer des Begriffs Antisemitismus war der Schriftsteller Wilhelm Marr, er gründete 1879 die erste antisemitisch-politische Vereinigung des Deutschen Kaiserreiches, die Antisemitenliga. Der Begriff Antisemitismus wird als feindliche Einstellung gegenüber Juden als Personen oder dem Judentum als Konfession definiert. Der Ausdruck ist geläufig, aber unsinnig, da Judentum mit angeblicher Rassenzugehörigkeit nichts zu tun hat. Antisemitismus ist nach den ausgewerteten Umfrageergebnissen der vergangenen Jahre zwar „nur“ noch bei einem „harten Kern“ von zehn bis fünfzehn Prozent der Österreicher und Deutschen deutlich ausgeprägt – bezeichnenderweise besonders in Gebieten, wo überhaupt keine Juden leben oder je gelebt haben; es handelt sich dort um einen Antisemitismus ohne Juden. Antijüdische Vorurteile hingegen, ohne ausgesprochene Hassgefühle gegen Juden, finden sich, wenig überraschend und je nach Fragestellung, bei rund 50 bis 75 Prozent der Befragten. Das bedeutet aber auch, dass nicht jeder Mensch, der bestimmte antijüdische Vorurteile hegt, automatisch als Antisemit bezeichnet werden kann, weil Vorurteile nicht zwangsläufig zu feindlichen Gefühlen führen müssen. Doch dass Vorurteile und Hassgefühle gegen bestimmte Menschengruppen eng miteinander zusammenhängen, kann nicht geleugnet werden.

 

Ein Historiker schreibt dazu: „Unter dem Begriff `Antisemitismus` versteht man eine Sammelbezeichnung für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit negative Eigenschaften unterstellen, um damit eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung, oder gar Ermordung ideologisch zu rechtfertigen. Anders formuliert: Es handelt sich um eine Feindschaft gegen Juden, weil sie Juden sind“1

 

Bei den typischen antijüdischen Vorurteilen muss zwischen vielfältigen negativen und andererseits positiven Klischees unterschieden werden, die trotzdem keineswegs als harmlos angesehen werden können. Denn wenn jemand beispielsweise meint, Juden seien „tüchtiger“, „schlauer“ oder „intelligenter“ als Nichtjuden (hier spricht man von Philosemitismus), heisst das, sie seien eben doch von Natur aus „anders“– eine nicht ungefährliche, weil biologistisch gefärbte Schlussfolgerung.

 

Antijudaismus – die korrekte Bezeichnung des Phänomens der Ablehnung des Judentums auf Grund religiöser Vorurteile – hat in christlichen Ländern eine fast zweijahrtausend Jahre alte Tradition. Selbst wenn Religion heute keine so dominierende Rolle im Leben der Bevölkerung mehr spielt wie in vergangenen Zeiten, ist dennoch unbestreitbar, dass schon seit Jahrhunderten junge Menschen mit den massiven antijüdischen Beschuldigungen und antijüdischen Klischees des Neuen Testaments aufwuchsen. Typische derartige Antijudaismen sind unter anderem: „geldgierige Gesellen“ (Mk 12,32 – 37); „G'ttes- und Prophetenmörder“ und „ Feinde aller Menschen“(1. Thes 2,14ff); Kinder des Teufels“ (Joh 8,37 – 44); „widerspenstiges Volk“ (Röm 10,21); „Diebe und Heuchler“ (Röm 2,22 – 37); „Schlangenbrut“ (Lk 3,7) und so weiter. Es kann daher nicht bestritten werden, dass der „moderne“ antisemitische Judenhass eng mit dem uralten Antijudaismus "heiliger Schriften", Neues Testament und Koran, zusammenhängt. Doch das Christentum des 20. und 21. Jahrhunderts hat längst einen Neuanfang gesetzt und sein Verhältnis zum Judentum grossteils neu definiert.

 

Schon im August 1948 haben bei der Gründung des Weltkirchenrates in Amsterdam 146 Kirchen den Antisemitismus als Sünde gegen G'tt und die Menschen verurteilt und mit dem 2. Vatikanischen Konzil (1959) kam es auch zu einer Kehrtwende der katholischen Kirche in Bezug auf sämtliche Formen des Judenhasses. Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche (mit Ausnahme einiger Untergruppierungen innerhalb der Kirchen) vertreten heute die Lehre, dass es keine Kollektivschuld der Juden geben kann für das was vor 2.000 Jahren mit Jesus geschah, dass die Juden nicht von G'tt verstossen wurden , und dass der alte Bund von G‘tt nie aufgekündigt wurde. Sie bekräftigen, dass Jesus, Maria und alle Apostel Juden waren, dass die Aufforderung zur Nächstenliebe ein Eckpfeiler der hebräischen Bibel, auch Altes Testament genannt, ist2 und, dass es zwischen Juden- und Christentum eine Art Mutter-Tochter- beziehungsweise Geschwisterbeziehung („älterer und jüngerer Bruder“) gibt. Das Umdenken der Kirchen in Bezug auf das Judentum und der intensive christlich-jüdische Dialog haben sicherlich sehr viel Positives bewirkt, doch solange viele Menschen immer noch in den alten Denkschemata verharren und antijüdische Vorurteile hegen – wie der längst noch nicht gänzlich überwundene Anderl von Rinn-Kult in Tirol beweist –, bleibt für alle Gutwilligen noch viel zu tun.

 

Neben dem bereits besprochenen religiösen Antijudaismus gibt es aber noch andere Formen der Judenablehnung. Bekannt sind: der soziale Antisemitismus („jüdische Machenschaften im Handel und im Geldverkehr“), der politische Antisemitismus („Beherrschung der Welt“ oder „Die Protokolle der Weisen von Zion“), der Rassenantisemitismus („Juden von Natur aus minderwertig und böse“) und – seit einigen Jahrzehnten – der antizionistische Antisemitismus, gekennzeichnet durch die „3-Ds“ des Nathan Sharansky, wobei die „Ds“ für Dämonisierung Israels, Delegitimierung des jüdischen Staates und Doppelstandard der Kritik stehen. Einzelmerkmale dieser neuartigen Variante des Antisemitismus, bei der man die „bösen“ Zionisten beschimpft und in Wirklichkeit „die Juden“ meint, sind: Ablehnung des Existenzrechts des jüdischen Staates; Verneinung des Anspruchs von Juden auf nationale Selbstbestimmung (auch Leugnung der Verbindung des Judentums mit dem Land Israel); Vergleiche von Israel mit Nazideutschland; die einseitige, meist schrille Verdammung Israels wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Menschenrechtsverletzungen, ohne sich jemals um entsetzliche Menschenrechtsverletzungen in anderen Weltgegenden durch Staaten wie China, dem Iran, Russland oder der Türkei zu kümmern; Negierung des Holocaust; Bezugnahme auf den „G‘tt der Rache“ im Alten Testament; Projektion der Politik Israels auf das Verhalten aller Juden der Welt; und das Gutheissen von Anschlägen gegen unschuldige Personen jüdischer Herkunft in- und ausserhalb von Israel. Diese Art des offenen und latenten Antisemitismus ist besonders bei Rechts- und Linksextremisten zu finden, aber auch im Rahmen des weltweit agierenden fundamentalistischen Islam. Diskriminierung von Juden und Antisemitismus sind in der gesamten islamischen Welt weit verbreitet und sicher kein Phänomen der Gegenwart. Dass Juden und Christen in islamischen Staaten weder diskriminiert noch verfolgt wurden, ist ein schönes Märchen. „Ungläubige“ – Juden und Christen – hatten in der gesamten islamischen Welt stets den Status von Dhimmis. Sie galten als „Bürger zweiter Klasse“, mussten eine „Kopfsteuer“ entrichten und wurden auch bewusst gedemütigt. Es war ihnen zum Beispiel verboten, nach Art des freien Mannes Waffen zu tragen, sie durften keine Pferde reiten (sondern nur Esel, im seitlichen „Damensitz“), sie waren gezwungen, spezielle Kleidung zu tragen, ihre G‘tteshäuser mussten stets niedriger gebaut werden als Moscheen, sie konnten bestimmte Berufe nicht ergreifen, durften keine muslimischen Sklaven halten und keine muslimischen Frauen heiraten, und ihre Stimme galt wenig vor Gerichten. Antijüdische – auch antichristliche – Massaker und Zwangsbekehrungen zum Islam waren in islamischen Ländern keine Seltenheit. Die Liste derartiger Ereignisse ist lang, auch wenn die Heftigkeit der Pogrome um einiges geringer war als die in europäischen Staaten. Bekannt sind unter anderem Pogrome in Fez im Jahr 1033 mit 6.000 Toten, in Granada 1066 mit 4.000 Toten und viele weitere Verfolgungswellen in allen islamischen Staaten zu allen Zeiten. Unvergessen sind auch die Massaker von Hebron 1929 und 1936, in Bagdad 1934 und Aleppo 1948. Eine besondere Rolle in der Judenhetze zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte der Grossmufti von Jerusalem, Amin Al-Husseini, ein enger Freund Hitlers und Mitschuldiger am Tod zigtausender Juden in Bulgarien und Rumänien.

 

Der Anlagebetrüger

Bis vor einigen Jahren hielten sich Antisemiten mit offen vorgetragenen Verleumdungen von Juden weitgehend zurück. Doch nach und nach ändert sich das Bild. Offener und versteckter Antisemitismus wird gesellschaftlich und politisch immer mehr toleriert und die Bereitschaft der Bürger, der Justiz und der Politiker, gegen antijüdische Hetzer vorzugehen, nimmt langsam, aber sicher ab. In diesem Zusammenhang muss gefragt werden, woran man einen Antisemiten erkennt? Hier kann zwischen Personen, die ihre Judenfeindschaft offen artikulieren (also Juden und das Judentum öffentlich oder auch im kleinen Kreis verleumden und herabsetzen) und solchen, die weit vorsichtiger formulieren, aber mit leisen Tönen Gleiches sagen wollen, unterschieden werden. Letztere sprechen gerne „von den Mächten der Ostküste“ (womit suggeriert werden soll, „dass die reichen und rücksichtslosen Juden der U.S.A. nach der Weltherrschaft trachten“) oder versuchen, Juden als „übermässig einflussreiche und heimatlose Gesellen“ darzustellen. Gleiches gilt für den Umgang mit kriminell gewordenen Personen, wie etwa dem Anlagebetrüger Bernard Medoff. Sobald es sich um Juden handelt, wird die Religionszugehörigkeit genüsslich hervorgehoben. Ein ähnliches Denkmuster zeigt auch das Verhalten des Vorarlberger FPÖ-Politikers Dieter Egger, der im Zuge des Vorwahlkampfes der Landtagswahl 2009 den Direktor des Jüdischen Museums Hohenems (einen gebürtigen Deutschen) als „amerikanischen Exil-Juden“ beschimpfte. Selbst wenn der Vorwurf, „Exiljude zu sein“, nicht als Straftat gewertet werden kann, ist die Absicht, die dahinter steckt, klar erkennbar, denn es kann angenommen werden, dass der Politiker bei der Erwähnung von nichtjüdischen Gegnern und Kritikern nie auf die Idee kommen würde, deren Religionsbekenntnis an die grosse Glocke zu hängen. Der Antijudaismus/Antisemitismus ist ein schwer zu behebendes und irritierendes Uralt-Phänomen, das nur durch konsequente Erziehung der Jugend, Aufklärung weiter Bevölkerungskreise, interkonfessionellen Dialog, öffentlicher und gesellschaftlicher beziehungsweise politischer Ächtung der Hetzer aus der Welt geschafft werden kann. Es erscheint daher dringend notwendig, in erster Linie die vielen Vorurteile gegen Juden gezielt zu bekämpfen, denn es reicht nicht, den Antisemitismus nur zu beklagen oder zu verurteilen.

 

 

Anmerkung

1 Prof. Dr. A. Pfahl-Traughber: „Antisemitismus in der deutschen Geschichte: Beiträge zur Politik und Zeitgeschichte“, 2002.

2 siehe: Lev 19,33 – 34; Dtn 10,19 und 27,19.