Ausgabe

Rabbiner-Jubiläen

Tina WALZER

Samson Wertheimer (1658 - 1724) und Lazar Horowitz (1804 - 1868)

 

Inhalt

Samson Wertheimer (17.1.1658 Worms – 6.8.1724 Wien) zählt zu den einflussreichsten Rabbinern seiner Zeit. Er lebte als kaiserlicher Hoffaktor in Wien, und zugleich als ungarischer Landesrabbiner in Eisenstadt. Dort errichteten ihm die Fürsten Esterházy aus Dankbarkeit für seine Kooperation ein Wohnhaus mitsamt Synagoge. Das Gebäude  ist bis heute erhalten und beherbergt seit 1972 das Österreichische Jüdische Museum. 

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Grabinschrift auf der Frontplatte des Sarkophags von Samson Wertheimer, verfasst von seinem Schwiegersohn Baruch Eskeles, Landesrabbiner Mährens; Friedhof Seegasse, Wien, 1724. Quelle: Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, Teil 2, Wien Braumüller Verlag 1917, S. 129.

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Grabmal Samson Wertheimers auf dem jüdischen Friedhof in der Wiener Seegasse, westseitige Prunksteckplatte. Quelle: Bernhard Wachstein, Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, Teil 2, Wien Braumüller Verlag 1917, Anhang, Tafel 7.

 

Als die Zweite Wiener jüdische Gemeinde im Jahr 1670 aus Wien vertrieben wurde, nahmen die Fürsten Esterházy die Flüchtlinge in ihrem Territorium auf. In Sieben Gemeinden (hebr. Schewa Kehilot) – Kittsee, Frauenkirchen, Eisenstadt, Mattersburg, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz - durften diese sich niederlassen. Wegen der besonders strengen Ausübung religiöser Gebräuche durch ihre Bewohner erhielten die neuen Niederlassungen den Beinamen „heilig“. Ihr Landesrabbiner war der Wiener Hoffaktor Samson Wertheimer.

Die Habsburger, die sich bald nach der Vertreibung der Juden aus Wien eines Besseren besannen und auf deren Dienste nun doch nicht verzichten wollten, beriefen Samson Wertheimer nur wenige Jahre später, 1684, als Hoffaktor an den Herrscherhof. Er arbeitete eng mit seinem Mentor, dem Oberhoffaktor Samuel Oppenheimer (1630 - 1703) zusammen und übernahm nach dessen Tod die verantwortungsvolle Position im Zentrum der kaiserlichen Administration. Um weiterhin seine  rabbinischen Aufgaben zu erfüllen, pendelte Wertheimer zwischen Wien und Eisenstadt – für damalige Verhältnisse ein gewaltiger Aufwand. Seine religiöse Praxis, in der er als Landesrabbiner Gelehrsamkeit mit Welterfahrung zu verbinden verstand, weist Wertheimer als talmudische Kapazität aus, und tatsächlich war er von seinen Zeitgenossen ebenso wie von der Nachwelt hochverehrt. In seinem Nachlass fanden sich diamant- und edelsteinverzierte Portraits des Königs von Polen, der Kurfürsten von Mainz, Bayern und von der Pfalz, sowie des Herzogs von Wolfenbüttel, und dazu noch sogenannte Gnadenketten einer ganzen Reihe dankbarer Herrscher, darunter die Habsburger Maria Theresia, Leopold I., Joseph I., die Kaiserin Amalia, und wiederum der König von Polen, die Kurfürsten von Mainz, Trier und der Pfalz, sowie der Herzog von Sachsen-Gotha. Damit ist auch sein weit über Europa gespanntes Netz an Geschäftsbeziehungen umrissen.

Wertheimer wurde auf dem damaligen Wiener jüdischen Friedhof, in der heutigen Seegasse gelegen, bestattet.  Sein Grabmal, aus weissem Marmor gestaltet, bestand aus zwei jeweils beinahe zweieinhalb Meter hohen, einander gegenüber stehenden Steckplatten und einem dazwischen über der eigentlichen Grabstelle errichteten Ohel (Zelt). Die Stirnplatte war mit zwei Löwen, die einen Eimer halten, der an einer Kette hängt, verziert. Heute ist davon, nach der Zerstörung des Friedhofs während der NS-Zeit, neuerdings eine Replika zu sehen, die von Nachkommen aus den U.S.A. in den 1990er Jahren errichtet wurde.

 

Der Rabbiner Lazar Horowitz in Wien

Lazar Horowitz, in der bayrischen Landjudengemeinde Floss am 14.01.1804 als Sohn des dortigen Rabbiners David Joshua Höschel in eine ehrwürdige Rabbinerdynastie hinein geboren, wählte selbst den Beruf des Rabbiners und heiratete die Tochter des Salomon Spiegel in Deutschkreutz. Seinen Sohn schickte er zum Studium an das von Abraham Geiger initiierte, erste deutsche Rabbinerseminar, nach Breslau. Ein weiterer Sohn, Maximilian, sowie die Töchter Cäcilie und Regina liegen auf dem jüdischen Friedhof Währing begraben. 

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Lazar Horowitz, zeitgenössische Darstellung. Quelle: http://www.ikg-wien.at/wp-content/uploads/2010/04/Lazar_Horowitz_10001.jpg

 

Als Horowitz‘ Vater 1813 als Rabbiner von Frauenkirchen in die Schewa Kehilot im damaligen West-ungarn berufen wurde, zog seine Familie dorthin mit. Aus Frauenkirchen ging der junge Horowitz zur Ausbildung in die ungarische Krönungsstadt Pozsony (dt. Pressburg, heute Bratislava, Slowakei) zu Moses Schreiber (1762 - 1839), genannt Chatam Sofer. Zurück in den Siebengemeinden, leitete er nach seiner Heirat im jüdischen Deutschkreutz eine kleine Jeschiwe. Als sein Vater starb, berief ihn die Frauenkirchner Gemeinde zu dessen Nachfolger. Doch Horowitz lehnte das Amt ab und folgte einer Einladung in die Reichshaupt- und Residenzstadt. Dort konstituierte sich gerade die Israelitische Kultusgemeinde Wien und suchte nach einem Interessensausgleich zwischen reformorientierten und konservativeren Gründungsmitgliedern. So wurde entschieden, dem reformfreudigen Prediger Isak Noah Mannheimer den als religiös traditioneller eingestuften Lazar Horowitz als fachlichen Beistand zur Seite zu stellen. De facto erfüllte Horowitz dann die Aufgaben eines Gemeinderabbiners, von der Koscherfleisch-Aufsicht bis hin zur Vornahme von Scheidungen. Er gilt als der erste Oberrabbiner der IKG Wien und amtierte von 1828 bis zu seinem Tod 1868.

 

Bald hielt er separate, stärker religiös orientierte G’ttesdienste im Lazenhof, ab 1836 diente er als Rabbiner am „polnisch-deutschen Bethaus“. Am 25.11.1859 schliesslich feierte er sein 30-jähriges Dienstjubiläum. 1864 wurde er an die neu gegründete „Schiffschul“ der Orthodoxen aus den ungarischen Gemeinden berufen. Dort, im ersten Stock, befand sich auch das 1862 gegründete Beth haMidrasch

 

Lazar Horowitz starb am 11. Juni 1868 im Alter von 65 Jahren in Bad Vöslau und wurde auf dem jüdischen Friedhof Währing in Wien bestattet. 1941, als die Entnahme von Gebeinen durch die anthropologische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien für „rassekundliche“ Forschungen drohte, wurden seine sterblichen Überreste samt Originalgrabstein zur alten jüdischen Abteilung bei Tor 1 des Wiener Zentralfriedhofs überführt und dort wieder beerdigt.