Ausgabe

Viele andere witzige Geschichten

Peter Bollag

Inhalt

Charles Lewinsky: Eine andere Geschichte. Zürich: Diogenes Verlag 2026.

416 Seiten, Euro 26,00.-

ISBN-10: 325707378X, ISBN-13: 978-3257073782

 

Zum 80. Geburtstag beschenkt sich Charles Lewinsky selbst: mit seinem neuen Roman

 

Mit dem Medium Film hat sich der Schweizer Autor Charles Lewinsky im Laufe seines 80-jährigen Leben oft beschäftigt. Zum einen als Drehbuchautor mit verschiedenen Film- und TV-Scripts. Zum anderen als Autor von Romanen wie Kastelau oder Gerron, in der die Leinwand keine geringe Rolle spielt. Nun, rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag im vergangenen April, kehrt der Autor literarisch zu seiner vielleicht alten oder auch ständigen Liebe zurück: In seinem neuesten Roman Eine andere Geschichte erzählt der Zürcher Geschichtenschreiber nämlich die Story von Curtis Melnitz – einer etwas schillernden Figur; einem Film-Produzenten nämlich, der tatsächlich gelebt hat, allerdings nichts zu tun hat mit dem Melnitz des gleichnamigen Werks, in dem Charles Lewinsky 2006 die Geschichte der Schweizer Jüdinnen und Juden im 19. und 20. Jahrhundert dokumentierte.

 

Curtis Melnitz stammte aus Leipzig und wanderte als junger Mann vor dem Ersten Weltkrieg in die U.S.A. ein – wie so viele seiner jüdischen Glaubensgenossen. Wegen einer Lungenentzündung zieht der zuerst als Reporter arbeitende Melnitz nach Kalifornien um, wo er bald im Filmbusiness landet – und mit keinem Geringerem als Charlie Chaplin ins Geschäft kommt. Von diesem wird er bald (zurück) nach Berlin geschickt, als Vertreter von Chaplins Filmfirma. 1930 gründet Melnitz seine eigene Filmfirma und erlebt ausgerechnet mit dem bekannten Theaterregisseur Max Reinhardt sein Waterloo – nach grossen finanziellen Verlusten muss er seine Firma bald wieder verkaufen. Nach 1933 arbeitet er in Paris und London wieder als Film-Agent und kehrt kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wieder in die USA zurück. Nicht, ohne vorher, nämlich 1938, einen ganz kurzen Abstecher in seine Heimatstadt Leipzig zu machen –sozusagen mit laufendem Motor warnt er dortige Verwandte, sie seien dem Untergang geweiht, wenn sie Deutschland nicht sofort verliessen. Genau diese Szene erzählte viele Jahre später Lewinskys Grossmutter ihrem Enkel als eine Art Familien-Legende – und dieser baut nun in Eine andere Geschichte eine (teilweise erfundene) Handlung um Curtis Melnitz`Leben.

 

Dies geschieht in Form eines Monologs, den der inzwischen ebenfalls 80-Jährige hält – mit einem stummen Zuhörer namens Dr. Cowan als Stichwortgeber. Lewinsky schmückt das Leben von Curtis Melnitz in seiner bekannt satirischen und oft leicht ironischen Weise aus, die an vielen Stellen des Buches aufblitzt. Etwa, als Melnitz einmal resümiert: „Wenn man dort, wo man gern wäre, nicht willkommen ist, muss man dort hingehen, wo sie einen haben wollen”, sagt er zu seiner Lebenssituation, die ihn immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Oder als Bilanz seines nur mässig erfolgreichen Lebens: „Die zweite Geige muss auch gut gespielt werden, sonst klingt das ganze Orchester falsch.” So wird Eine andere Geschichte zu einem Lesevergnügen, der ganz besonderen Art.

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