Berthold Schäffner
Vladimir Vertlib: Der Jude der Kaiserin. Salzburg: Residenz Verlag 2026
416 Seiten, 28,00 Euro.-
ISBN: 978-3701718214
An Leopold I. (1640–1705), den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, erinnern die Namensgebungen „Leopoldinischer Trakt“ in der Hofburg und vor allem der Wiener Bezirk „Leopoldstadt“, der davor das jüdische Viertel „Im Unteren Werd“ beherbergte. Für Juden sind Leopold und besonders seine Gemahlin Margareta Teresa mit der Verfolgung und Vertreibung aus Wien verbunden.
Von dieser Zeit um 1670 handelt der historische Roman Der Jude der Kaiserin. Margareta Teresa, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches, stirbt 1673 mit 21 Jahren– es ist der traurige Höhepunkt eines fast nur unglücklichen und tragischen Lebens, das von sechs Schwangerschaften und zahlreichen Fehlgeburten geprägt ist.
Als sie erst zwölf Jahre alt ist, wird sie bereits im Ehevertrag an Kaiser Leopold I. „verkauft“. Es ist eine „Stellvertreterhochzeit“, denn der nicht anwesende Bräutigam wird vom österreichischen Botschafter ersetzt. Dies geschieht am Hof ihrer Eltern, König Philipp IV. von Spanien und Mariana von Österreich in Madrid. Sie hat von nun an die Aufgabe, männliche Erben auf die Welt zu bringen. Aber die Schwangerschaften – begleitet von Frustration und schwerer Depression – enden bis auf eine Ausnahme (Maria Antonia) mit Fehl- und Totgeburten.
Die Kaiserin klammert sich an jeden Strohhalm und nimmt neben ihrem spanischen Leibarzt Pedro de Rojas (ein zum Schein zum Christentum übergetretener Jude, ein Converso, der seinen Glauben im Geheimen praktiziert) eine äußerst kundige jüdische Hebamme Esther zu Hilfe. Am Ende ist auch sie erfolglos. Noch auf dem Totenbett gibt Margareta Teresa „den Juden“ die Schuld an allem Übel. Juden seien „Jesusmörder“, die „Ausgeburt des Teufels“, verhasst und verflucht. Es sei auch ihre eigene Schuld und große Sünde gewesen, die Juden vor den Toren Wiens zu dulden. 1670 ordnet Kaiser Leopold I. an, Juden aus Wien zu vertreiben. Vermutlich geschieht dies weniger aus religiöser und politischer Überzeugung, vielmehr will er seine Gattin gnädig stimmen. Margareta Teresa ist die treibende Kraft („Dafür wird der Vater im Himmel mich bestimmt belohnen“).
Das Buch ist „historisch“ fundiert, allerdings sind der jüdische Leibarzt und die jüdische Hebamme „der Phantasie des Autors entsprungen“, so der Autor Vladimir Vertlib, der selbst im Bezirk Leopoldstadt wohnt, in seinem Nachwort zum Roman. Wer das Buch liest, erfährt mit Hilfe des Genres „Historischer Roman“ viel über die Wiener Verhältnisse im 17. Jahrhundert.
