Ausgabe

Lüge und Wahrheit

Christoph Tepperberg

Inhalt

Claudia Erdheim: Lüge und Wahrheit. Zwei Essays

Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2025

Taschenbuch, 95 Seiten, 2 Abbildungen, Euro 18,00.- 

ISBN: 978-3-903522-33-6

 

Verteidigungsstrategien von österreichischen NSDAP Mitgliedern nach dem Krieg 

Der erste der beiden Essays beschäftigt sich mit der komplexen Materie der „Entnazifizierung“ im Nachkriegsösterreich und den Verteidigungsstrategien der betroffenen ehemaligen Nationalsozialisten. (S. 7-40) Ab 1945 sollten auf Betreiben der österreichischen Bundesregierung und der alliierten Besatzungsmächte die Nationalsozialisten entsprechend zur Verantwortung gezogen werden. Bei diesen sogenannten „Belasteten“ handelte es sich weder um Kriegsverbrecher noch um sonst strafrechtlich zu verfolgende Personen. Die Gesetzesnormen unterschieden bei diesen „Ehemaligen“ zwischen „Belasteten“ und „Minderbelasteten“. Zu den „Belasteten“ zählten unter anderem ehemalige Mitglieder der NSDAP und deren Gliederungen. Beide Personengruppen hatten sich unaufgefordert in die „Registrierungsliste“ eintragen zu lassen. Zuwiderhandeln war mit einer Strafe von bis zu fünf Jahren Kerker bedroht. Die „Registrierten“ waren vom Wahlrecht und bestimmten Berufen ausgeschlossen. Ausserdem wurden sie zu „Sühnemassnahmen“ verpflichtet. Diese konnten unter anderem aus finanzieller Wiedergutmachung oder der Abgabe von Wohnraum (Häusern, Wohnungen) bestehen. Nachvollziehbarerweise wollten die „Ehemaligen“ nach Möglichkeit von der Registrierungsliste gestrichen werden. Gegen die Aufnahme oder Streichung von der Registrierungsliste konnten die Betroffenen bei Einspruchs- und Beschwerdekommissionen berufen. Dabei sahen sich die Kommissionen mit einer Flut von Eingaben konfrontiert. Diese Eingaben enthielten die abstrusesten und dümmsten Argumente, vor allem wurde gelogen, was das Zeug hielt. Die überzeugtesten Nazis gerierten sich plötzlich als Antinazis, ja sogar als Widerständler und versuchten sich als politisch harmlos darzustellen. Nicht wenige wollen sogar Juden geholfen oder dies zumindest versucht haben. 

 

Die Autorin greift aus der Fülle der archivalisch überlieferten Eingaben exemplarisch zwei Beispiele heraus. Zunächst Dipl.-Ing. Ludwig Hammer (geb. 1876). Er war registrierungspflichtig, somit auch sühnepflichtig. Konkret musste er seine Genossenschaftswohnung räumen und in beengten Wohnverhältnissen bei seiner Schwester einziehen. Seine umfangreiche Eingabe ist eine Sammlung von dummen, durchschaubaren Argumenten bis hin zu flagranten Lügen: „Ich habe nie einer politischen Partei angehört.“ In Wahrheit war er 1932–1934 Mitglied der Illegalen NSDAP, dann bei der Vaterländischen Front (VF) des katholischen Ständestaates, ab 1941 wieder bei der NSDAP. Er sei jedoch niemals ein gesinnungsmäßiger Nazi gewesen, habe als politisch unzuverlässig gegolten und sei der NSDAP nur beigetreten, um Ruhe vor der Gestapo zu haben. Er habe sich nie politisch betätigt, sondern sich ausschliesslich den Naturwissenschaften gewidmet.

 

Das zweite Beispiel ist ein Prominenter: Univ.-Prof. Dr. Erich Heintel (1912–2000). 1 Heintel war 1940 der NSDAP beigetreten, um seine angestrebte Dozentur für Philosophie an der Universität Wien nicht zu gefährden. Auch Heintel bediente sich in seinen Eingaben beschwichtigender Argumente – allerdings deutlich geistvoller als die des Herrn Dipl.-Ing. Hammer. 

 

Bei manchen Eingaben sind Unwahrheiten offenkundig, bei anderen sind Lüge oder Wahrheit unerfindlich. Es geht auch um glaubhafte Zeugen, um persönliche Geschicklichkeit oder Vernetzung im neuen Österreich. Das hier aufgezeigte Verhalten der „Ehemaligen“ mag unmoralisch erscheinen, ist aber aus den damaligen Lebenssituationen nachvollziehbar. Anzumerken ist, dass sich solches Verhalten nicht auf ehemalige Nazis beschränkt. Dieses Phänomen lässt sich auch bei anderen Regimewechseln beobachten. So verteidigten sich Beamte gegenüber dem NS-Staat, sie seien der Vaterländischen Front des katholischen Ständestaates nur deswegen beigetreten, um ihren Posten nicht zu verlieren. 

 

Der Essay ist anhand von Originalquellen erarbeitet, zudem spannend und informativ. Die Autorin bedient sich allerdings einer emotionalen, moralisierenden Sprache. Die neuere Täterforschung ist inzwischen von moralisierend-verurteilenden Darstellungen von Verbrechern des Nationalsozialismus abgerückt. Man geht mittlerweile von der Prämisse aus, dass schlimmste Verbrechen von Menschen „aus der Mitte der Gesellschaft“ begangen wurden und widmet sich vorrangig der Frage nach den „beiden Gesichtern“ der Täter: vielfach liebende, treusorgende Familienväter und vertrauenswürdige Mitmenschen, die unter bestimmten Umständen zu Unmenschen mutieren und zu den schlimmsten Verbrechen fähig sind. Das gilt in Analogie auch für die hier dargestellte Personengruppe der „Belasteten“.

 

Hannah Arendts wundersame Liebe zu Martin Heidegger

Über die bekannte jüdische Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906–1975) ist viel geschrieben worden. 2 Dieser zweite Essay beschäftigt sich nicht primär mit ihrem Oeuvre, sondern mit der Liebesbeziehung der jungen jüdischen Philosophiestudentin Hannah Arendt mit dem gefeierten Existenzphilosophen und bekennenden Nationalsozialisten Martin Heidegger (1889–1976). 3 Claudia Erdheim beleuchtet diese ambivalente, schwer nachvollziehbare Beziehung anhand von Arendts Briefwechsel mit Freunden und mit Heidegger selbst. (S. 41-90) 

 

Heidegger war seit 1917 mit Elfriede Petri (1893–1992) verheiratet. Die beiden führten eine Art offene Ehe, fast gleichzeitig entwickelte sich seine Affaire mit der Pädagogin Elisabeth Blochmann (1892–1972). Hannah Arendt begann 1922 ihr Studium in Marburg. Dort verliebte sich die 18-jährige Studentin in den 35-jährigen Professor Martin Heidegger. Heidegger hatte Charisma, beeindruckte die Studenten durch seine neue Sprache: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Das ist die Frage. Vermutlich ist es keine beliebige Frage.“ So war auch seine junge Geliebte von ihm fasziniert, ihm regelrecht verfallen. Sie fühlte sich vielleicht als die Auserwählte eines Auserwählten. Dazu kam die Heimlichkeit der Beziehung mit einem älteren, erfahrenen, verheirateten Liebhaber. Bei dieser Liebelei ging es vorrangig um die Bedürfnisse Heideggers. Die junge Studentin wurde von ihm eher ausgenutzt beziehungsweise liess sich mit Hingabe ausnutzen. Letztlich wissen wir zu wenig über diese Liebesbeziehung, zum Beispiel, wieweit sie ins Körperliche ging. Anfang 1926 fasste Hannah auf Drängen Heideggers den Entschluss, den Studienort zu wechseln. Die nächste Geliebte stand schon vor der Tür. Arendt ging für ein Semester zu Edmund Husserl (1859–1938) nach Freiburg/Breisgau und promovierte 1928 bei Karl Jaspers (1883–1969) in Heidelberg. Die Beziehung des Liebespaares fand dennoch kein jähes Ende, sie wurde in einzelnen Treffen weitergeführt – bis Heidegger sie 1928 abschliessend beendete.

 

Als Jüdin emigrierte Hannah 1933 nach Frankreich (mit vorübergehender Gestapo-Haft) und verhalf jüdischen Jugendlichen zur Flucht nach Palästina. Seit 1941 lebte Arendt in New York City. Dort wurde sie zur kritischen politischen Theoretikerin und Publizistin. Bekannt wurde sie durch ihr Buch über Adolf Eichmann (1906–1962). 4 Heidegger hingegen verhielt sich als Rektor der Universität Freiburg (1933–1934) äusserst restriktiv gegenüber jüdischen und regimekritischen Kollegen. Überdies bekannte er sich Zeit seines Lebens zum Nationalsozialismus.

 

Von Heideggers philosophischen Denken hatte sich Hannah Arendt abgewendet, emotional jedoch konnte sie sich von ihm nie ganz lösen. 1952 besuchte sie ihren Ex-Geliebten in Deutschland, dabei kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung mit Heideggers eifersüchtiger Ehefrau, wobei Heidegger die Szene zu geniessen schien. 1969 hielt seine ehemalige Studentin eine Laudatio zu Heideggers 80. Geburtstag; die Rede wurde im Merkur abgedruckt. 

 

Nicht allzu überraschend erscheint der unverhohlene Blick von Arendt und ihren Freunden auf die Charakterlosigkeit des gefeierten Philosophen. Das charismatische philosophische Ausnahmetalent begegnet als selbstverliebter, gigantomanischer Egozentriker, als verbohrter Nationalsozialist und Antisemit, als unaufrichtig, als Lügner und Denunziant. Von manchen wurde er sogar als psychotisch beschrieben. Auch dürfte er neidvoll auf die publizistischen Erfolge seiner Ex-Geliebten geblickt haben. Umso unverständlicher erscheint uns Arendts starke und nachhaltige emotionale Bindung an diesen Menschen. Es war eben ihre erste grosse Liebe. Letztlich aber bleibt die Romanze zwischen der Jüdin und dem Nazi unverständlich. Dennoch ist es Claudia Erdheim gelungen, die Zusammenhänge auf wenigen Seiten pointiert und verständlich darzulegen.

 

Das Büchlein enthält Anmerkungen / Endnoten (S. 91-95) und Literaturverzeichnisse zu beiden Essays (S. 39-40, S. 89-90).

 

Anmerkungen

1 Siehe z.B. Franz Weisz: Der frühe Heintel. Leben, Werk und Lehre von 1912 bis 1949 mit einem kurzen Überblick über sein späteres Schaffen. Dissertation an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien. Wien: 2009.

2 Vgl. z.B. Thomas Meyer: Hanna Ahrendt. Die Biografie. München: Piper, 2. Aufl. 2023; Grit Straßenberger: Hannah Ahrendt und ihr Jahrhundert. München: C.H.Beck, 2025.

3 Elżbieta Ettinger: Hannah Arendt – Martin Heidegger. Eine Geschichte. München: Piper, 1995.

4 Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil. (englische Erstausgabe 1963); Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. (mehrere deutsche Ausgaben ab 1963).

 

Die Autorin

Claudia Erdheim, geboren 1945 in Wien, studierte Philosophie und Logik in Wien, München und Kiel; sie war von 1984 bis 2005 Lehrbeauftragte am Philosophischen Institut der Universität Wien; Aufenthalte in Lemberg (Ľviv, Ukraine), Russland und Israel. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Wien; zahlreiche Buchveröffentlichungen, diverse Preise und Stipendien. Siehe auch: https://www.erdheim.at/biographie/

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