Ausgabe

Country, Mythos, Religion Bob Dylan zum 85. Geburtstag

Tina Walzer

Bob Dylan hat den Countrystil für sich selbst neu erfunden und seit Jahrzehnten folgt ihm dorthin ein Millionenpublikum

Inhalt

Country steht in den U.S.A. für eine republikanisch geprägte Musiktradition basierend auf europäischen Volksmusikelementen, von Zuwanderern ins neue Heimatland mitgebracht, oft begleitet vom Line Dance – es handelt sich um ein betont geordnetes massenkulturelles Phänomen. Bob Dylan als Nachkomme osteuropäisch-jüdischer Immigrantenkinder geht von Hibbing, der Eisenerzabbau-Siedlung in Minnesota, einen langen Weg der Assimilation, der Anpassung an etwas "uramerikanisches", aber, Kind seiner Zeit, aus einer politisch linken Perspektive, um Anti-Republikanern seinen amerikanischen Traum zu eröffnen, ihn zugänglich, erlebbar und erfahrbar zu machen zunächst in der Spielart seines Vorbildes Woody Guthrie (Sänger und Bürgerrechtler, 1912–1967), dem Folk. Ganz offensichtlich übt sein Programm schon immer eine grosse Anziehungskraft aufs amerikanische Publikum aus, Dylan selbst steigt bald zum Mythos auf.

 

Mag auch die Musik bei oberflächlichem Zuhören eher monoton einschläfernd als aufrüttelnd wirken, ist vielleicht genau das im Sinne des Singer-Songwriters, als eine Art ausgesprochen poetischer Gutenachtgeschichten für Erwachsene. Für das anglo-amerikanische Zielpublik mögen die hochkomplex-intertextuellen Konglomerate aus bodenständigen Liedtexten und Belletristik-Zitaten vertraut wirken, vielleicht sogar als traditionell durchgehen. Die städtischen Zuhörerschaften auf der Suche nach dem echt Ursprünglichen hingegen verlangen genau nach dieser Art von Exotik, die das Repetitive ausreichend zu würzen vermag, um Mythenstatus zu erlangen. Die U.S.-amerikanischen Kultautoren der Beat Generation, die den American Way of Life vermittels rebellischen Stils zeitkritisch reflektierten, werden von Dylan dazu oft und gern textlich herangezogen, namentlich der Fünfzigerjahre-Skandalautor Jack Kerouac.

 

Mythos

Von seinen New Yorker Village-Revoluzzeranfängen bewegt sich Dylan in den neunundsechzig Musikerjahren seiner Karriere kontinuierlich weiter, durchläuft unterschiedlichste Entwicklungen, schweigt phasenweise, wendet sich mit Malerei und Zeichnung der Bildnerischen Kunst zu und geht in den späten 1980er Jahren auf seine Never Ending Tour. Am 11. September 2012 veröffentlicht er unter dem nicht zufällig shakespearisch klingenden Titel Tempest sein 35. Studioalbum postmoderner Textcollagen, die im Gegensatz zu seiner früheren Protestphase erstaunlich bildungsbürgerlich wirken. 2016 bekommt Dylan schliesslich den Literatur-Nobelpreis verliehen. 

 

Die deutsche Carl Friedrich von Siemens Stiftung wollte dem auf den Grund gehen und beauftragte einen Literaturwissenschafter mit einer vergleichend-literarischen Analyse von Dylans Songtexten. Herausgekommen ist ein sehr anregendes, gut lesbares Buch mit dem schönen Titel Bob Dylans Mysterienspiele. Hier erfahren Leserin und Leser von Zusammenhängen, die sie allein mit Sicherheit nie hätten herstellen können (es sei denn, mithilfe des Einsatzes von KI oder von Plagiataufspürprogrammen): zwischen Dylans Songtexten und antiken Autoren wie Homer oder Ovid, über den Renaissance-Humanisten Petrarca hin bis zu Shakespeare, und ganz nebenbei werden dann noch die Beatles und Frank Sinatra in Beziehung zu Dylans Werken gesetzt. Liest man nur die Song-Texte, ohne sich zugleich in deren musikalische Umsetzung zu vertiefen, fällt es auch nicht amerikanisch Sozialisierten leicht, die mythische Anmutung zu finden – die Songs kann man hervorragend als Gedichte lesen, oder eben als Teile eines gigantischen Dylan-Epos, wie es uns das literaturwissenschaftliche Buch nahezulegen versucht. Jedenfalls wird im Laufe der Lektüre nachvollziehbar, dass es sich dabei um ein ungeheures Puzzlespiel aus Satzbausteinen handelt, und ob man eigentlich weiss, oder nicht, welchen Werken anderer Autoren diese entnommen wurden, tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Vielleicht nimmt er sich als nächstes den Minnesang des Mittelalters zum Vorbild: schön wäre das, Dylan als Troubadour.

 

Religion

Auch in anderer Hinsicht lebt Dylan den amerikanischen Traum von der grossen Freiheit vor, in diesem Falle der Religionsausübung. Die U.S.A. werden bekanntlich von einer überaus vielfältigen religiösen Landschaft mit unzähligen Splittergruppen der grossen Glaubensgemeinschaften geprägt – zwischen ihnen zu wechseln, sein jeweiliges religiöses Engagement öffentlich zu verkünden und zu vertreten, gehört genau so zur amerikanischen Alltagskultur.

 

Nachlese

Heinrich Detering: Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele

München: C.H. Beck 2016

256 Seiten, Hardcover, Euro 19,95.-

ISBN 978 3 406 68876 8

 

Bob Dylan: Lyrics. Sämtliche Songtexte 1962–2012. Übersetzt von Gisbert Haefs

Hamburg: Hoffmann und Campe 2016

1280 Seiten, Hardcover, zweisprachig Deutsch/Englisch, Euro 60,00.-

ISBN 978 3 455 00016 0

 

Bob Dylan, in Wien live zu hören am 11. und 12. November 2026 in der Stadthalle, in Salzburg am 14.11.2026 in der Salzburgarena.

 

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