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Was wäre, wenn… Eine “hypothetische“ Diskussion über die Diaspora jüdischer Sefarden

Robert Schild

Eine Frage, die den Verfasser seit über zwanzig Jahren begleitet, lautet: 

Was wäre geschehen, wenn Westeuropa die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden mit derselben Grosszügigkeit aufgenommen hätte wie das Osmanische Reich?

Inhalt

Man darf sich vorstellen, welche geistige Synthese aus der Begegnung von Aschkenas und Sefarad hätte entstehen können – eine Verbindung zweier Traditionen, deren schöpferische Kraft die europäische Kultur vielleicht noch weit stärker geprägt hätte, als es Persönlichkeiten wie Freud, Einstein oder Marx ohnehin taten.

 

Nur einige Beispiele…

Baruch Spinoza, der aus Portugal in die Niederlande floh und dort – im Spannungsfeld zwischen religiöser Überlieferung und rationalistischer Moderne – zu einem der einflussreichsten Denker Europas wurde, mag als Beispiel dienen. Vielleicht hätten sich solche Biografien vervielfacht und mit ihnen jene Impulse, die Wissenschaft, Philosophie und Kunst verwandeln konnten. 

 

Gerade in der Philosophie hätte die Begegnung zwischen der rationalistischen Tradition der Sefardim und der spekulativen Tiefe der aschkenasischen Gelehrsamkeit eine intellektuelle Landschaft hervorbringen können, die weniger von dogmatischen Frontstellungen geprägt gewesen wäre. Man stelle sich vor, Maimonides’ bedeutendstes religionsphilosophisches Werk More Nevuchim (um 1190 auf Judeo-Arabisch verfasst) wäre nicht nur ein Manifest jüdischer Gelehrsamkeit geblieben, sondern hätte –durch eine stärkere sefardische Präsenz im Westen – eine ähnliche Wirkung entfaltet wie die Schriften von René Descartes oder Immanuel Kant

 

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Anonymus: Baruch Benedictus de Spinoza (1632–1677). Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, Gemäldesammlung. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spinoza.jpg

 

Spinoza und Maimonides wären definitiv nicht allein geblieben. Man denke an all die judeo-spanisch/portugiesischen Gelehrten, die im Exil im Osmanischen Reich wirkten, wie unter anderem

Salomon ibn Verga (1460–1554), ein sefardischer Historiker und Arzt, der als einer der originellsten Denker der Nach-Exilszeit gilt. Er erlebte die Vertreibung aus Spanien und das Zwangstaufen-Edikt in Portugal (1497) persönlich mit. In Edirne (im europäischen Teil der heutigen Türkei) verfasste er das Werk Schevet Jehuda, eine Chronik der jüdischen Verfolgungen, in der die Vertreibung erstmals auch aus soziologischer und politischer Sicht analysiert wurde, statt nur aus religiöser Perspektive

Joseph Karo (1488–1575), der wohl einflussreichste sefardische Gelehrte überhaupt. Er floh als Kind aus Spanien und verfasste im osmanischen Safed den Schulchan Aruch – das bis heute massgebliche Standardwerk des jüdischen Gesetzes. Es beinhaltet vier Teile, nämlich 1) Gebete, für Schabbat, Alltag und Feiertage; 2) Speisegesetze (Kaschrut) und rituelle Schlachtung; 3) Familienrecht, Ehe und Scheidung sowie 4) Zivilrecht, Finanzen und Gerichtswesen

Amatus Lusitanus (1511–1568), ein bedeutender Arzt und Humanist, den es von Portugal ins osmanische Saloniki verschlug und dessen medizinische Erkenntnisse in einem aufnahmebereiten Europa möglicherweise die Entwicklung der frühen modernen Medizin beschleunigt hätten. Und abgesehen von diesem Einzelfall – die angesehenen sefardischen osmanischen Hofärzte aus Sefarad, wie etwa Hakim Yakoub, Daniel Fonseca und Gabriel Buenauentura hätten sicherlich mehr zur europäischen Medizin beitragen können als im isolierten Konstantinopel

Doña Gracia Nasi (1510–1569), die von Lissabon über Antwerpen und Venedig schliesslich 1553 nach Konstantinopel kam, wo sie offen zu ihrem Judentum zurückkehrte. Als reiche Bankierin und Philanthropin hatte sie ihr riesiges Vermögen genutzt, um tausende Krypto-Juden vor der Inquisition zu retten. Sie war eine der bemerkenswertesten Frauen des 16. Jahrhunderts, deren wirtschaftliche Macht und politisches Geschick in einem toleranteren Europa vielleicht zu einer jüdischen Renaissance geführt hätten

 

Überhaupt lässt sich – leider – feststellen, dass diese maurisch-spanisch geförderte Elite im Osmanischen Reich, das weder eine Renaissance/Aufklärung noch eine wesentliche industrielle Entwicklung erleben konnte, in einer Art von „unwissendem Morast“ verkam – bis sie im späten 19. Jahrhundert durch das aus Frankreich importierte, jüdische „Alliance“-Schulwesen erweckt wurde!

 

Auch kulturell anderweitig hätte sich Europa in differenzierter Weise entwickelt. Die sefardische Musiktradition – geprägt von arabischen, kastilischen und mediterranen Einflüssen – hätte auf die polyphone Kunst Nordeuropas treffen können. Vielleicht wäre eine neue musikalische Sprache entstanden, eine Art „europäischer Andalusismus“, der die strengen konfessionellen Grenzen der frühen Neuzeit durchbrochen hätte.

 

… und hier die „Kehrseite der Medaille“?

Doch ebenso bleibt die düstere Möglichkeit, dass die Shoah in einem solchen Europa noch mehr jüdisches Leben vernichtet hätte. Eine grössere, sichtbarere jüdische Präsenz hätte den Antisemitismus vielleicht nicht gedämpft, sondern verstärkt. Die Geschichte kennt keine Automatismen, und die Vorstellung, dass kulturelle Blüte vor Verfolgung schützt, ist eine Illusion, die durch das 20. Jahrhundert grausam zerstört wurde.

 

Ebenso denkbar ist jedoch auch noch ein völlig anderes Szenario: ein Europa, in dem die fruchtbare Symbiose zwischen Aschkenas und Sefarad ein geistiges Klima geschaffen hätte, das Chauvinismus, rassistische Ideologien und schliesslich den Nationalsozialismus gar nicht erst hätte gedeihen lassen. Ein Europa, in dem die Vorstellung kultureller Reinheit lächerlich gewirkt hätte, weil die Realität längst eine andere war. Ein Europa also, in dem der Holocaust nicht nur unwahrscheinlich, sondern vielleicht undenkbar geworden wäre. Vielleicht hätte ein stärker kosmopolitisch geprägtes Bürgertum die politischen Extreme neutralisiert, die der Nazismus hervorgerufen und somit nicht nur dem Ostjudentum ein tragisches Ende bereitete, sondern auch Europa durch den Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche sinken liess. Vielleicht wären die Kategorien von „Fremdheit“ und „Andersheit“ gar nicht erst so scharf geworden. Vielleicht hätte die europäische Moderne eine andere Gestalt angenommen – weniger aggressiv, weniger von der Idee der Homogenität besessen, weniger anfällig für die Versuchung totalitärer Ideologien.

 

So wird die Frage nach dieser verpassten historischen Möglichkeit zu einem Spiegel, in dem sich sowohl die Tragik der europäischen Geschichte als auch das Potential kultureller Offenheit zeigen. Sie erinnert daran, dass Geschichte nicht nur aus dem besteht, was war, sondern auch aus dem, was hätte sein können – und aus dem, was vielleicht noch möglich ist.

 

Food for thought, wie man im Englischen sagt … und vielleicht wäre der eine oder die andere DAVID-LeserIn zur Teilnahme an einer solchen Diskussion bereit!

 

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Agnolo Bronzino: Donna Gracia Nassi, ca. 1540. Widener Collection, National Gallery of Art. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agnolo_Bronzino_-_A_Young_Woman_and_Her_Little_Boy_-_National_Gallery_of_Art.jpg