Ausgabe

„Operation Machtergreifung“

Michael Bittner

Inhalt

Jörg H. Trauboth: Operation Machtergreifung. Ein Marc Anderson Thriller

Düsseldorf: ratio books - Gedankenkunst Verlag 2026

569 Seiten, Euro19,00.- € / Euro 28,00.- / Euro 13,99.- €

ISBN Paperback 978-3-96136-973-7 ISBN Hardcover: 978-3-96136-974-4 ISBN eBook: 978-3-96136-975-1.)  

 

Deutschland 2029: Die extremen Rechten putschen auf der symbolträchtigen Wewelsburg bei Paderborn und verschleppen den Bundeskanzler. Ein „Politthriller“, der in der Zukunft spielt, doch nach den Erfahrungen der letzten Jahre klingt die Story fast zu altmodisch, die Zukunft stelle ich mir schon technisierter vor, mit Drohnen, KI und flächendeckender Kamera-Überwachung. Der Autor, Jahrgang 1943, war Generalstabsoffizier der deutschen Luftwaffe und ist Experte für Sicherheitsfragen, kennt sich also aus.

 

Zu Beginn der Lektüre war ich etwas reserviert, doch mit fortschreitendem Textstudium bemerkte ich, dass der Roman gut geschrieben und ausführlich recherchiert ist, es stellt sich mit der Zeit das Lesevergnügen ein. Realitätssplitter sind in die Fiktion eingestreut, ab Seite 535 werden die Leser schliesslich über „Dichtung und Wahrheit“ aufgeklärt. Meine Zurückhaltung hatte damit zu tun, dass ich die extreme Rechte in dem Zustand sehe, wie Brendan Behan die IRA vor hundert Jahren beschrieb: Angeben, saufen, untätig bleiben. Doch bietet das Buch angenehme Lesestunden mit überraschenden Wendungen und einem fein gestrickten Plot, der das Interesse bis zur letzten Seite hochhält, an manchen Stellen wähnt man sich sprachlich in den deutschen Fernsehnachrichten, es wird ARD-ZDF-Jargon verwendet, was den Realitätsbezug noch verstärkt.

 

Dass der fiktive Bundeskanzler Münster, der mit den letzten deutschen Regierungschefs so gar nichts gemein hat (intelligent, kulturbeflissen, vernünftig, perfekte Rechtschreibung) auf der Wewelsburg entführt wird, also an einem Ort, wo die Gralsburg der SS entstehen sollte, ist gemeinsam mit dem zentralen Motiv der Schwarzen Sonne ein mächtiges Symbol. Warum der Bundeskanzler gerade an diesem Ort vor dem Rechtsextremismus warnen wollte und nicht in Dachau oder Buchenwald, bleibt dahingestellt.

 

Es passiert hier alles, was wir aus spektakulären Entführungsfällen kennen: ein vereiteltes Attentat, ein Flugzeugabsturz, gefälschte Bekennerschreiben und Videos, unbeteiligte Opfer. Profiler arbeiten Details heraus, Navy Seals durchstreifen den Forst, BND-Agenten sitzen nicht hinter dem Schreibtisch. Der Bundeskanzler braucht Medikamente zum Überleben, der Krisenstab ist überfordert, die Spannung hält sich durch die ganze Geschichte hoch. Der Fall erlangt internationale Dimensionen durch eine Nazi-Zelle in Argentinien (von einer finsteren Nazi-Diktatur regiert, nicht von Milei) sowie Verbindungen zum Ku-Klux-Klan und den „Proud Boys“ in den U.S.A. Man liest mit Spannung, auf welche alten Bekannten man noch stossen wird, sie heissen ein bisschen anders als in der Realität. Auch an zeithistorische Ereignisse wie die Schleyer-Entführung wird erinnert, der Autor kennt sich in der deutschen Geschichte gut aus, er weiss von den Querelen und Rangeleien, den Kompetenzstreitigkeiten in einem Machtapparat wie einem Krisenstab, welche die Entscheidungsfindung behindern – man denke nur an die tragischen Ereignisse von München 1972.

 

Es treten die üblichen Verdächtigen auf, Politiker, ein Milliardär, Aristokraten, Geheimdienstler, der Held Marc Anderson, ein Anti-Mike-Hammer, sowie die Kanzlergattin Verena Münster. Juden sucht man vergeblich, weder auf der guten noch auf der bösen Seite, Josef Schuster kommt nicht vor und auch keine Epstein-Karikatur, viele Männer, wenige Frauen, wie in der Realität auch. Dass keine gewaltbereiten Muslime mitmischen, ist enttäuschend, vielleicht gibt es ja noch einen Folgeroman, in dem die Geister, die Merkel rief, die Macht an sich reissen wollen.

 

Ein solcher Roman muss gut ausgehen: dafür, dass es die Bundesrepublik nicht mehr geben soll, ist die Leserschaft noch nicht bereit. Ich bin gespannt, ob in drei Jahren dann die Realität sich so anfühlt wie sie im Buch beschrieben wird, überraschend ist der Schluss, der Fragen offenlässt. Also gibt es eine Fortsetzung? Bei aller Begeisterung für das Buch meine ich allerdings, dass keine Kanzlergattin gemeinsam mit einem Elitesoldaten den Entführern nachjagen würde. Hätte etwa Frau Kohl so etwas gemacht? Ich glaube auch nicht an eine Machtergreifung der unorganisierten Rechten, trotz mancher Wahlerfolge der AfD, die im Roman PfD heisst. Da entfernt sich das Geschehen meiner Meinung nach allzu weit von der Realität. Eine „Machtergreifung“ sieht heute anders aus, leise, still und heimlich hat sich in den letzten Jahren die Linke das Meinungsmonopol in Westeuropa gesichert und dazu gleich die Wirtschaft gründlich ruiniert („Energiewende“, „Willkommenskultur“). Die Unterwanderung der Medien und der EU-Bürokratie, da hat sich doch vieles ohne Putsch, aber auch ohne demokratisches Zutun verändert. Was wollen die paar Nazis da noch? Deutschland, ja ganz Westeuropa ist weltpolitisch ins Abseits gerutscht und auch kein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor mehr. 

 

Im nächsten Marc-Anderson-Roman möchte ich lesen, wie es mit der fortschreitenden Verarmung Deutschlands, der geistigen und der materiellen, sowie der Auflösung staatlicher Strukturen weitergeht. Als Täter schlage ich den arabischen Clan-Häuptling vor, der ungestraft Gold und Juwelen aus deutschen Museen geraubt hat. Vielleicht kann ja Marc Anderson die grösste Goldmünze der Welt zurückbringen und die paar Klunker aus dem Grünen Gewölbe?