Im deutschsprachigen Raum ist die Geschichte des sefardischen Judentums wenig bekannt, obwohl es eine bedeutende Rolle in der Geschichte hat
Bekannter sind die aschkenasischen Jüdinnen und Juden, die ihre Wurzeln vor allem im deutschen Rheinland haben und von dort aus auch nach Frankreich zogen. Wegen Verfolgungen und Vertreibungen im Spätmittelalter verlagerte sich das Aschkenasentum in Richtung Osteuropa. Bis 1650 waren allerdings die Sefarden die demografische Mehrheit im Judentum und sowohl kulturell als auch religiös tonangebend. Im Mittelalter kamen auf circa 1,5 Millionen Sefarden nur etwa eine halbe Million Aschkenasen, deren Bevölkerungszahl seit dem 17. Jahrhundert steil angestiegen ist und die heute 85 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung ausmachen.
Ein Grossteil der Iberischen Halbinsel, die die Sefarden als ihre Heimat sahen, wurde ab dem 8. Jahrhundert von Mauren und Arabern erobert. Die Reconquista war im 13. Jahrhundert abgeschlossen. Die sefardischen Jüdinnen und Juden lebten folglich zunächst unter muslimischer und später unter katholischer Herrschaft. Diese Arbeit soll die Unterschiede im jüdischen Leben unter den verschiedenen Herrschaftsbedingungen untersuchen. Im Jahr der Entdeckung des amerikanischen Kontinents kam es zur Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Spanien. Warum war das Zusammenleben der drei monotheistischen Religionen nicht mehr möglich? Schon unter den Westgoten wurden Zwangstaufen durchgeführt, im Laufe der Jahrhunderte konvertierten immer mehr Jüdinnen und Juden mehr oder weniger freiwillig zum Christentum und wurden eine bedeutende Macht in Spanien. Welche politischen Auswirkungen hatte dieser Umstand in Spanien? Gab es so etwas wie vormodernen Antisemitismus und Rassismus? Gibt es nachhaltige Auswirkungen, die über das iberische Gebiet hinausgehen?
Zunächst wird eine Annäherung über eine muslimische Quelle, den Pakt von Umar, versucht und einer katholischen Quelle – die das Judentum betreffenden Canones des 4. Laterankonzils – gegenübergestellt, um Unterschiede herauszuarbeiten und „Othering“ gegenüber „Racing“ zu definieren. Im Anschluss wird einem möglichen Ursprung des Wortes „raza“ nachgegangen, des im deutschen als „Rasse“ definierten Begriffs. Schliesslich muss auch untersucht werden, ob die gängigen Hypothesen über „race“, „race making“, und so weiter das Judentum zur Gänze überhaupt abbilden können und inkludieren. Zuletzt wird anhand wichtiger Ereignisse jüdisches Leben unter muslimischer und unter katholischer Herrschaft beleuchtet.
Historische Entwicklung und jüdische Kultur in Spanien vom 6. bis Ende des
15. Jahrhunderts
Jüdisches Leben in Spanien entwickelte sich sukzessive zwischen 200 vor und 200 nach der Zeitrechnung. Durch die römischen Eroberungen im Mittelmeerraum besiedelten jüdische Händler mit ihren Familien die neuen römischen Gebiete. Dies war auch durch die Freiheiten, die das Römische Reich dem Judentum zugestand, möglich. Jüdinnen und Juden konnten sich, solange noch nicht das Christentum als Religion vorherrschte, frei im Reich bewegen und ihrer Religion nachgehen, wenn sie die Autorität des römischen Herrschers anerkannten. In Spanien fand man bei archäologischen Ausgrabungen Grabsteine mit lateinischer Beschriftung und jüdischen Symbolen, aus denen man schliesst, dass die jüdischen Bewohner Spaniens nicht isoliert lebten und kulturelle Gewohnheiten der Römer übernahmen.
Der Westgoten-König Rekkared I. trat 587 vom arianischen zum katholischen Glauben über. Das Judentum wurde dadurch eine religiöse Minderheit im westgotischen Reich, und die bis zu diesem Zeitpunkt herrschende Toleranz gegenüber Jüdinnen und Juden war zu Ende. Im 3. Konzil von Toledo 589 wurde jüdischen Menschen der Erwerb von SklavInnen verboten. Sie durften keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden und Ehen zwischen Jüdinnen/Juden und ChristInnen wurden untersagt. Unter König Sisebut erfolgten 615/616 zum ersten Mal in der spanischen Geschichte Zwangstaufen und Ausweisungsdekrete. Die strengen Massnahmen Sisebuts können als Beginn des spanischen Antijudaismus und Basis für das „Converso-Problem“ gesehen werden.
711 wurde das westgotische Reich von den Mauren vernichtet. Die islamische Herrschaft über die Iberische Halbinsel musste zu Beginn vom Judentum, das seitens der Westgoten mit immer restriktiveren Massnahmen konfrontiert war als Befreiung empfunden worden sein. Es begann ein kulturell fruchtbares Zusammenleben zwischen Muslimen und Jüdinnen/Juden, das im Kalifat von Cordoba ab dem 10. Jahrhundert seinen Höhepunkt fand. Mit der Machtübernahme der Almohaden im 12. Jahrhundert, die einen intoleranten Islam vertraten, endete die Zeit des harmonischen Miteinanders: Jüdinnen und Juden mussten zum Islam konvertieren, sterben oder auswandern.
Schon unter der Herrschaft der Almoraviden begann eine Fluchtwelle in Richtung des christlichen Nordens Spaniens, nach Kastilien und Aragón. Vor allem die Könige schätzten die Kenntnisse des Judentums, besonders die medizinischen. Zu diesem Zeitpunkt gab es im christlichen Spanien noch keine antijüdische Propaganda seitens der Kirche. Im 13. Jahrhundert wurden die Muslime in Spanien – bis auf einen kleinen Bereich im Süden um Granada – aus Kastilien, Aragón und Portugal verdrängt. Die mehrheitlich muslimische Bevölkerung der rückeroberten Gebiete wurde vertrieben und enteignet, jüdische Menschen durften bleiben, freie Religionsausübung wurde garantiert. Ihre Fähigkeiten als Diplomaten, Steuereinnehmer und Ärzte wurden gebraucht, Juden gelangten in hohe Positionen im Finanzwesen und der Verwaltung. Jüdinnen und Juden übernahmen Autoren- und Übersetzertätigkeiten, durch die Weitergabe der Wissenschaften, wie etwa der Nautik, trugen sie einen wesentlichen Teil zu den späteren spanischen Entdeckungsreisen bei.
Im 14. Jahrhundert kam es in Europa zu zunehmender Judenfeindlichkeit. Grund war eine Pestepidemie 1348, für deren Auslöser das Judentum gehalten wurde („Brunnenvergifter“), auf spanischem Boden sind allerdings nur einzelne Ausschreitungen bekannt. Ein weiterer Grund war, dass der Geldverleih von Jüdinnen und Juden dominiert war. Christen war es verboten, von ihren Mitgläubigen Zinsen zu verlangen. Die Könige, der hohe Adel und Klerus waren dem Judentum gegenüber zunächst gewogen und beschützten es. Im Volk wurde die Zinslast zum Teil als bedrückend empfunden. Die Schuld dafür sah man nicht im System, man schob sie auf die Juden und Jüdinnen. Der Unmut wurde noch zusätzlich vom niederen Klerus und vereinzelten Mönchsorden, vor allem den Dominikanern, verstärkt. Man kreidete den jüdischen Menschen Wucher an („Wucherjuden“). Die kirchlichen Hetzreden fielen auf fruchtbaren Boden, und der Hass gegen alles Jüdische entlud sich 1391, von Sevilla ausgehend, in einer Welle von Gewalt. Dieses Pogrom war das erste in Spanien. Vielerorts brannten Synagogen und Judenviertel, die BewohnerInnen wurden entweder getötet oder in die Sklaverei verkauft. Die Massen zogen unter dem Ruf „Tod oder Taufe“ durch die Städte. Viele Jüdinnen und Juden liessen sich taufen, um ihr Leben zu retten. Es kam somit erneut – Jahrhunderte nach den westgotischen Zwangstaufen – zur Entstehung einer Anzahl von Conversos (Konvertiten, auch „Neuchristen“): Menschen, die nicht freiwillig zum Christentum konvertierten und weiterhin den jüdischen Traditionen im Verborgenen folgten, so genannten Kryptojuden. Das Verhältnis zwischen hohem Adel, Klerus und der jüdischen Oberschicht begann brüchig zu werden: Mit „echten“ Juden konnte man sich arrangieren, mit „falschen“ Christen aber nicht.
Papst Benedikt XIII. entschied sich gemeinsam mit anderen Geistlichen zu einer Disputation mit Vertretern des Judentums über die wahre Religion. Die Disputation wurde 1413 in Tortosa einberufen und dauerte 20 Monate. Georg Bossong bezeichnet sie als „grösste und erbittertste Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum im gesamten Mittelalter“1 , in der die jüdischen Teilnehmer eingeschüchtert wurden und der Papst in einer Bulle forderte, christenfeindliche Passagen im Talmud zu streichen. Eine weitere Welle an Konversionen vom Judentum zum Christentum war die Folge.
Die „Katholischen Könige“ Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón regierten gemeinsam ab 1476, drei Jahre später wurden Kastilien und Aragón zum Königreich Spanien vereint. Anfangs dem Judentum gegenüber wohl gesonnen, mussten sie dem Druck der kirchlichen Vertreter nachgeben und ersuchten 1478 den Papst um Errichtung einer eigenständigen spanischen Inquisition, mit dem Ziel, jede Art der Häresie zu bekämpfen. Darunter wurde in erster Linie die Eliminierung der Conversos verstanden. Bis 1490 wurden 13.000 Conversos wegen „Judaisierens“ von der Inquisition identifiziert und verurteilt. 1485 wurde Pedro de Arbués, der Grossinquisitor von Aragón, von Conversos ermordet, 1491 wurden zwei Juden und sechs Conversos beschuldigt, einen Ritualmord an einem christlichen Knaben begangen zu haben. Alle gestanden unter der Folter und wurden verbrannt, der angeblich ermordete Knabe, dessen Leiche nie gefunden wurde, wurde heiliggesprochen. Der Grossinquisitor Tomás de Torquemada, ein ehemaliger Beichtvater der Königin, überzeugte die Katholischen Könige, dass ein Zusammenleben zwischen Jüdinnen, Juden und Conversos nur Probleme verursacht und empfahl die Verbannung aller Jüdinnen und Juden aus Spanien. Am 31. März 1492 erliessen Isabella und Ferdinand das Alhambra-Edikt, das alle jüdischen Menschen aus Spanien auswies. Sie hatten drei Monate Zeit, das Land zu verlassen, ab 1. August 1492 wurde jeder in Spanien angetroffene Jude/Jüdin sofort hingerichtet. Eine weitere Welle von Konversionen war die Folge. Die neuesten Forschungen schätzen, dass zwischen 80.000 und 110.000 Jüdinnen und Juden Kastilien verlassen mussten, und ungefähr 10.000 bis 12.000 Aragón.
Othering am Beispiel des Paktes von Umar
Vom Pakt des Umar sind mehrere Versionen bekannt. Das ursprüngliche Original soll ein Brief an den Kalifen Umar ibn al – Khattab sein, der von 634 bis 644 regierte. Verfasst wurde das Schriftstück von Nicht-Muslimen (laut Mark R. Cohen von Christen), die schriftlich die Bedingungen im Austausch für den Schutz durch die Muslime („Dhimma“) festhielten. Dem Vertrag wurden im Laufe der Jahrhunderte Bedingungen hinzugefügt, beziehungsweise erfuhr er Abänderungen. Grundsätzlich regelt er das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen („Dhimmis“ – die Schutzbefohlenen) auf islamischem Herrschaftsgebiet. Für diesen Schutz ihres Lebens und Eigentums mussten ergo seitens der Dhimmis gewisse Regelungen befolgt werden. Man kann den Pakt von Umar als Regelwerk für das Zusammenleben von Muslimen und Nicht- Muslimen im Mittelalter bezeichnen, in dem versucht wurde, die religiösen Differenzen zu regeln, bei gleichzeitiger Unterordnung der Dhimmis in sozialer und rechtlicher Hinsicht. Dennoch wurde auf die unterschiedlichen Lebensweisen der Einwohner von eroberten Gebieten Rücksicht genommen und das Regelwerk laufend adaptiert.
Anhand des Konzepts von Otherness, wie Hans-Werner Goetz und Ian Wood es vorstellten 2, lassen sich folgende Punkte im Regelwerk von Umar 3 finden:
Jüdisches Leben unter muslimischer Herrschaft in Spanien
Als die muslimischen Truppen 709 erstmals die Iberische Halbinsel im Süden betraten, brachten sie das Regelwerk von Umar mit. Zu dieser Zeit begegnete der Islam den „Völkern des Buches“, also den monotheistischen Religionen des Judentums und des Christentums, mit Toleranz. Bei den jüdischen BewohnerInnen der eroberten Gebiete, die unter den westgotischen Repressalien gelitten hatten, erwartete die Muslimen nicht viel Widerstand. Es begann eine runde 400 Jahre anhaltende Zeit der geistigen Befruchtung zwischen Judentum und Islam, die auch als das „Goldene Zeitalter“ in der jüdisch-spanischen Geschichte bezeichnet wird.
Zunächst entstand zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert eine neue sefardische Identität: viele unter den Westgoten Vertriebene kamen wieder nach Spanien und Zwangsgetaufte kehrten zum Judentum zurück. Unter dem Kalifat von Córdoba im 10. Jahrhundert erreichte das „Goldene Zeitalter“ seine Blüte: Wissenschaften, Künste und auch die Wirtschaft erfuhren grossen Aufschwung. Córdoba wurde eine der grössten Städte in Europa, Ende des 10. Jahrhunderts umfasste die Bibliothek des Kalifen geschätzte 400.000 Bücher. Das Judentum konnte sich in diesem Umfeld geistig voll entfalten, die jüdische und die arabische Kultur verschmolzen ineinander. Diesen Prozess bezeichnet Georg Bossong als „welthistorisch einzigartig“ zwischen diesen beiden Kulturen. Arabisch wurde zur Muttersprache der sefardischen Juden dieser Zeit.
Chasdai ibn Shaprut (915–970), ein sefardischer Jude, wurde Leibarzt des Kalifen. Er übersetzte das Manuskript über Botanik und Arzneimittelkunde des Dioskorides aus dem Griechischen über Latein ins Arabische, was ein bedeutender Beitrag zur Entwicklung der Pharmazeutik in Westeuropa war. Er machte sich auch als Diplomat einen Namen, seine rhetorischen Fähigkeiten wurde gleichermassen von Juden, Jüdinnen, ChristInnen und Muslimen geschätzt. Durch die Förderung von Dichtkunst und der Talmudisten hatte er wesentlichen Anteil an der Wiederbelebung der hebräischen Sprache im Westen und der Emanzipation des Talmud-Studiums von den babylonischen Zentren. Letztendlich wurde Chasdai ibn Shaprut Oberrabbiner von Córdoba und Begründer der Talmud-Studien des Westens. Auch die hebräische Poesie erlebte zu dieser Zeit einen grossen Aufschwung und durch die Symbiose von hebräischer und arabischer Sprachkultur entstanden bedeutende Werke, auch in der Philosophie.
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts ging das Kalifat sukzessive unter, es zerfiel in kleine, lokale Fürstenhöfe, man nennt diese Epoche auch die Zeit der Taifa-Königreiche. Samuel (auch Schmuel) ha-Nagid (993–1056) prägte diesen Zeitraum. Auch er wirkte als Diplomat, Dichter und Förderer von Kunst und Wissenschaft und war ein angesehener Talmud-Gelehrter. Am Königshof von Granada bekleidete er eine für einen sefardischen Juden dieser Zeit einzigartige Position: er wurde Minister und General, begleitete den König auf die Schlachtfelder und verfasste dabei ein poetisches Tagebuch, das ein einmaliges Bild vom Kriegsleben Mitte des 11. Jahrhunderts darstellt. Sein Sohn Yehoseph scheint weniger begabt gewesen zu sein: protziges Auftreten und fragwürdiger Charakter provozierten eines der wenigen antijüdischen Dokumente aus muslimischer Hand, schliesslich wurde er 1066 von aufgebrachten Muslimen getötet. In der Folge ermordeten die tobenden Muslime rund 1.500 jüdische Familien, eine der wenigen blutigen Auseinandersetzungen im jüdisch-islamischen Zusammenleben während des „Goldenen Zeitalters“. Das harmonische Miteinander endete nach und nach mit der Eroberung Granadas durch die Dynastie der Almoraviden, bis es unter der nachfolgenden Berberdynastie der Almohaden vollkommen zerbrach: erstmals breitete sich auf der Iberischen Halbinsel ein muslimischer Antijudaismus aus. Die jüdischen Gemeinden wurden aufgelöst, die Synagogen zerstört, Akademien geschlossen. Jüdinnen und Juden flohen in alle Richtungen, wie zum Beispiel die Familie des berühmten jüdischen Philosophen und Rabbiners Mose ben Maimon, bekannt unter dem Namen Maimonides.
Die sefardische Geschichte unter islamischer Herrschaft zeigt mehrere Elemente des „Othering“ nach Goetz und Wood auf, die festhalten, dass Alterität im Mittelalter keine stabile Kategorie und abhängig von der Zeit und dem politischen Umfeld ist. Die Grenzen zwischen der Wahrnehmung von „Eigenem“ und dem „Fremden“, dem „Anderen“, wurden im Laufe der islamischen Herrschaft verschoben und neu definiert. Wurden zu Beginn die religiösen und kulturellen Unterschiede zum Judentum toleriert und sogar als Bereicherung des „Eigenen“ gesehen, wandelte sich 400 Jahre später, in dem der Islam im arabischen Raum eine andere Entwicklung als im iberischen Raum erfuhr, die Sicht der Muslime auf eine fremde Religion und Ethnie. Die Theorie des „Othering“ wird noch zusätzlich durch die Vielfalt der Formen von Alterität innerhalb einer sich selbst als Gemeinschaft wahrgenommenen Gruppe untermauert, da die Sichten der auf der Iberischen Halbinsel lebenden Muslime auf das Judentum sich komplett von den Wahrnehmungen und Annahmen der Muslime aus dem arabischen Raum unterschieden.
Racing und Rassismus: Zur Entwicklung des Begriffes „raza“
Es existieren mehrere Hypothesen, welchen Ursprung das deutsche Wort „Rasse“ hat. Einig sind sich die WissenschaftlerInnen darin, dass der Begriff sich ursprünglich im Bereich der Tierzucht entwickelt hat und im späteren Verlauf der Sprachgeschichte auf Menschen übertragen wurde. Dies stellte auch Charles de Miramon fest: in dem französischen Wörterbuch aus dem Jahr 1606 Thresor de la langue française von Jean Nicot wurden unter dem Begriff „race“ Pferde- und Jagdhundetypen verstanden:
„Rasse [Race], gebildet aus dem Genitiv des lateinischen radix durch Synkope der mittleren Silbe, bedeutet Ursprung. So sagt man von Menschen, Pferden, Hunden und anderen Tieren, sie seien von guter oder schlechter Rasse [...] Und man sagt, dass die Rasse der spanischen Pferde oder die Rasse der französischen Jagdhunde von ... abstamme. Unter Rasse versteht man auch Adel, Sorte, Art.“5
Diese „französische“ Hypothese, die den Begriff „Rasse“ im altfranzösischen „haras“, der eine Herde von Zuchtpferden bezeichnete, als Ursprung vermutet, geht weiters davon aus, dass „haras“ später zum französischen „race“ wurde, ins italienische und spanische mit „raza“ und in die deutsche Sprache als „Rasse“ übersetzt wurde. Diese Hypothese scheint den aktuellen Forschungen der Sprachhistoriker am plausibelsten. Die Quellen, die die Hypothese untermauern, stammen vom 13. bis ins 18. Jahrhundert.
Die zweite Vermutung, der Begriff könnte aus dem griechisch/lateinischen radix (Zweig, Wurzel, Generation, Geschlecht) und später über das lateinische ratio (Ordnung, System, Vernunft; im Akkusativ auch Art, Klasse, Geschlecht, Typ, Familie) entstanden sein, scheint weit hergeholt, wird aber von Brunetto Chiarelli vertreten. Seiner Ansicht nach zeigte sich das italienische „razza/rasa“ früher als das spanische „raza“, er datiert das Auftreten im Italienischen um 1400 in dem Gedicht „Intelligenzia“. Eine dritte Hypothese, die den Ursprung von „raza“ in der arabischen Sprache annimmt, wonach der Begriff auf der Iberischen Halbinsel in die spanische Sprache Eingang fand, ist plausibel. Wenn man die Zeitachse der Entwicklung des Rassebegriffs „raza“ betrachtet, ist die Verwurzelung im Arabischen denkbar. Wie bereits erwähnt, begannen die maurischen Eroberungen in Spanien bereits im 8. Jahrhundert. Der weitere Verlauf der spanischen Geschichte, wie die Entwicklung der limpieza de sangre ab dem 15. Jahrhundert und der Versuch des spanischen Adels, sich durch genealogische Konstruktionen abzugrenzen, lässt eine Verbreitung von „raza“ von der arabischen in die spanische Sprache, später in die französische und italienische Sprache und letztendlich ins Deutsche vermuten.
In der arabischen Sprache bedeutet der Begriff ra’s, rās so viel wie Kopf, Haupt des Viehs, Anfang, Ursprung. Als die Muslime Anfang des 8. Jahrhunderts an der iberischen Küste an Land gingen, brachten sie einige Tiere mit: Vollblutaraber. Bis heute gelten besonders edle Tiere dieser Pferderasse als Statussymbol. Nach einer Legende sind jene fünf Stuten, die der Prophet Mohammed bei seiner Auswanderung nach Medina bei sich hatte, die Stammmütter der Rasse. Ein Vollblutaraber geht in allen Abstammungslinien auf die Originalaraber aus der beduinischen Wüstenzucht zurück. Bis in die Gegenwart kommen Vollblutaraber als Veredler von Blutlinien in der Pferdezucht zum Einsatz. Das Arabische Vollblut zeichnet sich durch Ausdauerleistung und Härte aus und ist führend bei Distanzritten. Aus diesen Gründen waren für die nomadischen Beduinen auf der Arabischen Halbinsel die Pferde überlebenswichtig und von hohem Wert. Sie wurden für die Jagd und den Krieg, aber auch für Rennen verwendet. Der gute Ruf dieser Tiere breitete sich, ausgehend von der Iberischen Halbinsel, auf der sie ab dem 8. Jahrhundert gezüchtet wurden, bis nach Mitteleuropa aus. Berücksichtigt man diese besondere Bedeutung und den Wert dieser Pferde, scheint der Ursprung von „raza“ als Wort aus der Pferdezucht in Spanien, und nicht aus späteren französischen oder italienischen Zuchten, durchaus möglich. Die „Rasse der spanischen Pferde“, von der Nicot Anfang des 17. Jahrhunderts schreibt, existierte damals bereits seit fast neun Jahrhunderten in den maurischen Gebieten Europas. Ana M. Gómez-Bravo untersuchte die historische Entstehung und Bedeutungsentwicklung des spanischen „raza“. Sie sieht den Ursprung des Begriffes nicht als biologische oder ethnische Bedeutung, sondern als Entwicklung von semantischen Verschiebungen. Gómez-Bravo datiert die Bedeutung von „raza“ im Sinne von Abstammung und Herkunft in das Spätmittelalter und geht von einer ursprünglichen Verwendung in der Textilproduktion aus, die einen Makel im Material bezeichnen sollte.
Mit der Ideologie der limpieza de sangre („Reinheit des Blutes“) – so Gómez-Bravo – verschob sich die Bedeutung von „raza“ als Begriff aus der Tierzucht in Richtung genealogischer Abstammungsnachweis von Menschen, verband religiöse Zugehörigkeit mit der genealogischen Herkunft und diente zur Legitimierung sozialer Hierarchien. In Spanien wurde „raza“ als Bezeichnung für die Unterscheidungen zwischen „Altchristen“ und „Neuchristen/Conversos“, sowie Jüdinnen/Juden verwendet und mit Vorstellungen wie Makel und verdächtiger Herkunft konnotiert. Gómez-Bravo sieht diese Entwicklung als entscheidenden Schritt zur „Rassifizierung“, da die Unterschiede in den Bevölkerungsgruppen als dauerhaft und vererbbar angesehen wurden.
Racing an Beispielen der Canones 67 – 70 des 4. Laterankonzils
Das 4. Laterankonzil war das wohl bedeutendste Konzil im Mittelalter. Es wurde im November 1215 in Rom unter Papst Innozenz III. abgehalten. 71 Canones wurden beschlossen, davon betrafen vier das Judentum. Obwohl das Geldverleihwesen und die damit verbundenen Zinszahlungen ursprünglich den Jüdinnen und Juden überlassen wurden, damit ChristInnen sich an ihr religiöse Gebote halten konnten, schrieb Canon 67 nun Ersatzleistungen an kirchlichen Einnahmen für jüdische Geldverleiher vor, die ChristInnen aufgrund des aus päpstlicher Sicht „jüdischen Wuchers“ nicht mehr bezahlen konnten.
Race making erfolgt durch verstärkende Begriffe:
Im Canon 68 findet sich Race making durch Kennzeichnung über Kleidervorschriften. Als Rechtfertigung wird angeführt:
„Zumal sich in den Schriften des Mose (Numeri 15,37–41) findet, dass ihnen ein solches Gebot bereits auferlegt wurde.“
Dieser Canon betraf nicht nur das Judentum, sondern auch die Sarazenen. Die unterschiedliche Kleidung diene dazu, zu verhindern, „ dass Christen irrtümlich Beziehungen zu Frauen von Juden […] eingehen“.7 In den letzten drei Tagen vor Ostern durften Jüdinnen und Juden nicht ausser Haus gehen, da sie „wie wir hören, an diesen Tagen sich nicht scheuen, besonders prächtig gekleidet hinauszugehen und keine Furcht haben, die Christen zu verspotten“.8
Wir finden hier zum ersten Mal eine angeordnete äusserliche Kennzeichnung des Jüdisch-Seins.
In Canon 69 wird eine Erweiterung der Synode in Toledo (589) festgesetzt:
„Juden soll kein Vorrang bei der Vergabe öffentlicher Ämter eingeräumt werden, da sie in solchen Funktionen für die Christen besonders belastend sind“ und für bereits in Ämter eingesetzte Juden galt „das Amt, das er sich ehrfurchtslos angemasst hat, soll er unter Schande verlieren“. Man betrachtete es als widersinnig, „dass ein Lästerer Christi Macht über Christen ausübt“.9
Hier fand Race making statt, indem man das Christentum hierarchisch über das Judentum stellte. Eine weitere Abwertung erfolgte durch den Satz „Dies gilt ebenso für Heiden.“ Man sah folglich eine monotheistische Religion wie das Judentum auf derselben Stufe wie Ungläubige oder Anhänger eines polytheistischen Glaubens. Diese Sichtweise stand im Kontrast zu der Situation am Beginn der maurischen Herrschaft, in der der Islam den „Völkern des Buches“ mit Toleranz begegnete.
Für Canon 70 und die Vorschrift, dass Juden und Jüdinnen, die die Taufe empfangen haben, von den kirchlichen Autoritäten daran gehindert werden sollen, zu ihren früheren religiösen Praktiken zurückzukehren, wird als Begründung wieder ein Zitat aus der Bibel bemüht: „ein ‚aus Wolle und Leinen gemischtes Gewand‘ [Deuteronomium 22,11] (soll) nicht getragen werden“.10 Einmal getauft bedeutet für immer getauft. Es wird sich zeigen, dass dieser Beschluss besonders weitreichende Folgen für die Conversos hatte und der spanischen Inquisition Tür und Tor für Verurteilungen öffnete: denn wie beweist man, selbst als überzeugteR KonvertitIn, dass man die religiösen Praktiken und Vorschriften immer und überall rigoros befolgt? Die Beschlüsse des 4. Laterankonzils hatten weitreichende Konsequenzen für jüdisches Leben in Europa: antijüdische Stereotype wurden dadurch bei gleichzeitiger Legitimation von Verfolgung, Ausgrenzung und Gewalt verstärkt und inkludierten in den Auswirkungen auch die Conversos mit sefardischen Wurzeln. Aus religiösen Vorurteilen wurde ein politisch-rechtliches Programm der Ausgrenzung. Jüdinnen und Juden wurden somit nicht nur als religiös different, sondern auch als dauerhaft getrennte und untergeordnete Bevölkerungsgruppe definiert.
Die Problematik der Definition von vormodernem Rassismus und Antisemitismus im christlichen Spanien des Mittelalters
Über historischen Forschungen schwebt immer das Damoklesschwert, vergangene Zeiten mit heutigen Massstäben zu beurteilen und somit die Weltanschauungen und Taten der historischen AkteurInnen nicht richtig einordnen zu können. Dies gilt bei Betrachtungen von Ereignissen, die in der Antike stattfanden, genauso wie für Geschehnisse in der Neuzeit und Zeitgeschichte. Befasst man sich mit Elementen der jüdischen Geschichte, ist man mit zusätzlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Zum einen fällt es als nicht-jüdisch sozialisierter Mensch nicht leicht, die Shoah auszublenden, um einen ungetrübten und unvoreingenommenen Blick auf beispielsweise jüdisches Leben im Mittelalter zu werfen. Zum anderen besteht die Möglichkeit der Überforderung bei historischen Begriffsdefinitionen. Die verschiedenen wissenschaftlichen Ansätze, wie und was denn nun racing, race making, Rassismus, Antisemitismus et cetera in Bezug auf das Judentum im Mittelalter gewesen sein sollen, stellt den oder die historische ForscherIn vor Herausforderungen.
Zunächst gibt es den Lehrsatz, vormodernen, religiös motivierten Antijudaismus nicht mit dem auf der Rassenlehre des 19. Jahrhunderts basierendem Antisemitismus zu verwechseln. Dann gilt es, das deutsche Verständnis für das Wort „Rasse“ auszublenden und sich dem Thema über den vom deutschen Rassebegriff entkoppelten englischen Wort „race“ zu nähern. Schliesslich muss man sich auch noch vor Augen halten, ob die vorgelegten Konzepte Religion, Ethnie, rein körperliche Unterschiede, Herkunft und noch viele weitere Begriffe beinhalten oder ausschliessen. Ist nun „race“ nach Geraldine Heng eine universale Kategorie der Differenzierung und Diskriminierung und „race making“ eine Strategie, um diskriminatorische Ausübung von Macht zu instrumentalisieren? Oder nach Cord Whitaker nur auf physisches Aussehen oder genealogische Herkunft zu beziehen? Wird die Einsicht in die Alterität des Mittelalters durch Gleichsetzung der gegenwärtigen Begriffsdefinition von Rassismus und Antisemitismus gefährdet?
Wie kann man das sefardische Judentum des spanisch-christlichen Mittelalters in diese Ansätze adäquat einordnen?
Zu berücksichtigen ist, dass das Judentum nicht nur eine Religion ist, sondern auch ein Volk, eine Ethnie. Optisch sind und waren Juden und Jüdinnen nicht durch besondere körperliche Merkmale erkennbar, nicht alle tragen und trugen traditionelle Kleidung. Der rote Faden in der jüdischen Geschichte ist die Migration.
„Juden waren nicht immer auf Wanderschaft, aber Wanderschaft hat die jüdische Geschichte über sämtliche Epochen und Kontinente hinweg charakterisiert 11“, so Michael Brenner. Und weiter: „Die Geschichte der Juden zu erzählen ist nicht einfach, weil Menschen in fast allen Teilen der Erde nicht nur irgendetwas über die Juden gehört, sondern auch irgendeine Meinung zu ihnen haben […] Eine Geschichte der Juden muss den Horizont über solche Themen hinaus erweitern“.12
Rainer Walz meint daher folgerichtig:
„Angesichts der Tatsache, dass vor allem im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spanien rassische Momente so stark ins Spiel kamen, muss eine Typologie erarbeitet werden, in die sich rassische und und nicht-rassische Formen der Xenophobie einordnen lassen, ohne dass die Differenz zwischen diesen Formen verschwindet oder Rassismus […] ganz negiert wird.“13
Die Judenfeindschaft und die Abneigung gegen die Conversos im christlichen Spanien unterscheiden sich von früheren Formen der Feindschaft gegen Juden und Jüdinnen, da die Konversion zum Christentum keine Gleichberechtigung brachte. Die Anwendung von Rassegesetzen kann nicht nur als religiöse Xenophobie gesehen werden, sie kann aber auch nicht dem modernen „wissenschaftlichen“ Rassismus zugeordnet werden, weil es einen biologischen Begriff von „Rassen“ in dieser Epoche noch nicht gegeben hat. Rainer Walz schlägt aus den genannten Gründen vor, diese Form von Rassismus als „genealogischen Rassismus“ zu bezeichnen, der eine Brücke zwischen dem gentilen und dem modernen, anthropologischen Rassismus bilde. „Genealogischer Rassismus“ diene als Hilfsmittel, um schon vorhandene Unterschiede zu verstärken. Die wichtigste Unterscheidung zum modernen Antisemitismus sei, dass bei letzterem die rassistische Weltanschauung primär in seinem Selbstverständnis sei und er allgemeine und religiöse Vorurteile nutze, um die behauptete rassische Differenz zu unterstreichen. Walz bekräftigt seine Argumentationen für die Typologie des „genealogischen Rassismus“ auch damit, dass die entscheidende Frage nicht sein sollte, ob der mittelalterliche Antijudaismus mit dem modernen Antisemitismus identisch sei, sondern ob Antijudaismus Anschlüsse zu weiteren Entwicklungen geboten habe.
Jüdisches und Konvertitenleben auf der Iberischen Halbinsel vom 11. bis zum 13. Jahrhundert
Da im Zuge der Reconquista die muslimischen Einwohner aus den eroberten maurischen Gebieten vertrieben wurden, gab es nahezu entvölkerte Regionen, in denen SefardInnen aus Sicht der christlichen Herrscher gerne gesehen wurden und wo ihnen der Status von Schutzbefohlenen (analog zur Situation unter den muslimischen Herrschern) weiter gewährt wurde. Den jüdischen Gemeinden wurden weitgehende Selbstverwaltung zugestanden und freie Religionsausübung war gewährleistet. Jüdinnen und Juden wurden in den ehemaligen maurischen Gebieten vor allem als Ärzte, Dolmetscher und Steuereinnehmer gebraucht und erfuhren daher Förderung und Wohlwollen der christlichen Herrscher. Teilweise wurden jüdische Verdienste mit ehemals muslimischen Besitztümern belohnt. Auch der internationale Handel lag in jüdischen Händen. Durch diese regen Tätigkeiten entwickelte sich in den grossen Städten eine Form selbstbewusster, jüdischer Aristokratie. Vor allem der kastilische König Alfons X. (1221–1284), genannt „der Weise“, förderte das Judentum. Während seiner Herrschaft stiegen zahlreiche Juden im Verwaltungs- und Finanzwesen in hohe Positionen auf. König Alfons selbst verfasste Gedichte, beauftragte viele literarische Werke, schrieb über Philosophie und Chemie und genoss einen hohen wissenschaftlichen Ruf. An seinem Hof in Toledo beschäftigte er jüdische Mathematiker, Astronomen und Astrologen, aber auch Ingenieure. Er war Gründer einer Übersetzerschule, die aus Christen, Juden und Muslimen bestand und jüdisches sowie arabisches Wissen ins christliche Europa vermittelte. Das christliche Alte Testament wurde hier vom Lateinischen ins Kastilische übersetzt, wie auch klassische Schriften der Philosophie, Mathematik und Astronomie. Die Übersetzerschule am Hof in Toledo hatte wesentlich Anteil an der Entwicklung der spanischen Sprache zu einer universalen Kultursprache. Alfons X. war Initiator und wahrscheinlich auch Mitautor der Gesetzessammlung Las siete partidas, die geschaffen wurde, um einheitlich normierte Vorschriften für Kastilien zu haben und zwischen 1256 und 1265 sukzessive entstand. Alfons sah die Notwendigkeit, in den siete partidas auch das Zusammenleben zwischen ChristInnen und Juden/Jüdinnen zu regeln, indem er jüdische Rechte und Pflichten in das Gesetzbuch aufnahm:
Trotz aller Versuche der Regelung und Förderung konnten Spannungen zwischen den drei monotheistischen Religionen des mittelalterlichen Spaniens nicht allerorts ausgeräumt werden. Vor allem der katholischen Kirche und den Mitgliedern des Dominikanerordens war das Judentum ein Dorn im Auge. Sie schürten im Volk und im niederen Klerus Skepsis gegenüber Jüdinnen und Juden mit Argumenten, die wir heute als Stereotype kennen. Zunächst gab es Auseinandersetzungen über Grundsätze des jeweiligen Glaubens aber nur in Disputationen. Im Jahr 1263 fand in Barcelona unter Anwesenheit des aragonesischen Königs Jakob I. (1208–1276) ein solches Streitgespräch zwischen Vertretern der katholischen Kirche und des Judentums statt. Als jüdischer Vertreter trat Rabbi Moshe ben Nahman („Nahmanides“, 1194–1270) aus Gerona in die Disputation. Er argumentierte gegen das Christentum in zwei Punkten: erstens sei das wichtigste Dogma des Christentums hinfällig, da die Verbindung g’ttlicher und menschlicher Eigenschaften in Jesus Christus unlogisch sei. Zweitens trage die katholische Kirche die Verantwortung dafür, dass sie das Römische Reich von innen ausgehöhlt und dadurch zu Fall gebracht hätte, und somit trage sie auch die Verantwortung für Gewalt, Unrecht und Blutvergiessen unter den Völkern. Die anwesenden Dominikanermönche als Vertreter der katholischen Kirche erzwangen daraufhin den Abbruch des Streitgesprächs und klagten Nahmanides vor Gericht an. Der dem Rabbiner wohl gesonnene König schob die drohende Verurteilung auf, sodass Nahmanides nach Palästina fliehen konnte.
Die Disputation von Barcelona zeigte die unüberbrückbaren theologischen Gegensätze zwischen Christentum und Judentum. Als Konsequenz ordneten die kirchlichen Autoritäten an, alle christenfeindlichen Stellen aus allen Exemplaren des Talmuds zu entfernen. Maimonides Werke wurden verboten und verbrannt. Der Adel und der hohe Klerus konnten auf Dauer ihre philosemitische Einstellung gegen den wachsenden Judenhass im Volk, den Mönchsorden und niederer Klerus verbreiteten, nicht halten und durchsetzen. Der immer populärere Antijudaismus spaltete die spanische Gesellschaft und baute in ihr nach und nach grosse Spannungen auf.
Der Zwang zum katholischen Glauben
Ab 1370 kam es in Kastilien zu mehreren antijüdischen Gesetzgebungen. Den jüdischen Gemeinden wurde mit der Begründung, „dass die Gefangenschaft das natürliche Los der Juden sei, seit sie mit dem Kommen Jesu Christi ihre Souveränität verloren hätten“, die Gerichtsbarkeit entzogen. Das Konzil von Palencia stellte den Grundsatz vom getrennten Wohnen der Jüdinnen und Juden auf. Schulden von ChristInnen gegenüber Juden und Jüdinnen wurden teilweise aufgehoben oder – gemeinsam mit fälligen Zinszahlungen – für ungültig erklärt. Das sefardische Judentum reagierte auf diese Diskriminierungen anders als das Judentum jenseits der Pyrenäen. Durch die jahrhundertelange Verwurzelung in Kultur und Umgebung bedingt, entschlossen sich viele Jüdinnen und Juden, zum Christentum zu konvertieren – manche auch aus Bequemlichkeit, andere für ihre Sicherheit.
In einer aus 1380 von den Cortes aufgesetzten Petition heisst es, „dass zahlreiche Juden und Jüdinnen sich dem rechten Glauben an G’tt zugewandt hätten“.14 Im selben Jahr hielt ein Rabbi Schaprut fest:
„Zahlreiche Glaubensgenossen verlassen unsere Reihen und verfolgen uns mit ihrer Polemik, indem sie versuchen, uns den Wahrheitsgehalt ihres (neuen) Glaubens mit Hilfe von Versen aus der Heiligen Schrift und dem Talmud zu beweisen…“.15
Vor allem reiche und/oder gebildete Jüdinnen und Juden konvertierten, auch Rabbiner. Christliche Prediger, wie zum Beispiel Ferrando Martinez von Ecija, zogen von Stadt zu Stadt und hielten Hetzpredigten an das Volk. Ausgehend von Sevilla zeitigten die Reden Folgen: der aufgehetzte Volkszorn entlud sich 1391 in einem Pogrom. Die Unruhen reichten bis auf die Baleareninseln. Léon Poliakov vermutet die rasche Ausbreitung der Übergriffe durch von Martinez geschulte Fanatiker, die von Ort zu Ort zogen. Am Königshof von Aragón, an dem sich immer noch viele jüdische Ratgeber und Wissenschaftler aufhielten, regierte Johann I. (1350–1396), der Weitsicht bewies, in jedem Schreiben den „freien Willen“, den man den Juden schulde, betonte und Zwangstaufen als ein „schreckliches Verbrechen“ bezeichnete. Ein christlicher Zeitzeuge bemerkte dazu:
„Die Leute stürzen sich auf die aljamas16, wie wenn sie zu einer Schlacht, zu einem vom König befehligten Krieg aufbrechen würden“.17
In Barcelona begingen Dutzende Jüdinnen und Juden Selbstmord. In den meisten jüdischen Gemeinden herrschten aber Panik und Abfall vom Judentum vor. Es kam zu einer regelrechten Epidemie von Übertritten zum Christentum, und viele Rabbiner, gefolgt von den Gemeindemitgliedern, gingen mit diesem Beispiel voran.
Nach den Unruhen war das spanische Judentum in zwei feindselige Lager gespalten. Für die Jüdinnen und Juden waren die bekehrten Conversos Abtrünnige und Verräter. Umgekehrt waren jüdische Menschen für die nunmehr Bekehrten eine omnipräsente Verkörperlichung des Abfalls vom jüdischen Glauben, und sie führten gleichzeitig eine eventuell vollzogene Heuchelei vor Augen. Dennoch blieben Verbindungen zu Haus, Hof und Familie bestehen – Conversos wohnten nach wie vor in denselben Häusern und übten weiterhin dieselben Berufe aus. Probleme ergaben sich bei den Vermögensaufteilungen. In Lérida waren 1391 achtundsiebzig jüdische Gemeindemitglieder ermordet worden. Daher wurde der Friedhof den Conversos zugesprochen und die Synagoge in eine Kirche umgewandelt.
Die katholische Kirche nahm die „Neuchristen“ unter ihre Fittiche. Die Geistlichen beklagten, dass die Seelen der ohnehin zerrissenen oder widerspenstigen Conversos von Jüdinnen und Juden, die offen ihren Glauben praktizierten, gequält würden. Prediger, wie zum Beispiel Vinzenz Ferrer, drohten den ChristInnen mit Exkommunikation, sollten sie nicht jede Beziehung zum Judentum abbrechen. Bei der schon erwähnten Disputation von Tortosa, die von 1413 bis 1414 dauerte, trat als Verteidiger des Christentums der Arzt des Papstes, Josue de Lorca, auf. De Lorca war ein aus dem Judentum übergetretener Christ, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, alle Jüdinnen und Juden en bloc zu bekehren. Vierzehn Rabbiner aus Aragón waren gezwungen worden, ihm bei den Streitgesprächen entgegenzutreten. De Lorca forderte die Rabbiner auf, anzuerkennen, dass – bei "einwandfreiem" Lesen – der Talmud bestätigen würde, dass der Messias in Gestalt von Jesus Christus bereits gekommen sei. In seiner Argumentation zum Nachweis der Messianität Jesu benutzte de Lorca unter anderem Elemente der jüdischen Mystik, der Kabbala. Seine Ausführungen machten auf die anwesenden Jüdinnen und Juden, die zum Teil abkommandiert worden waren, einen derartigen Eindruck, dass nach jeder Sitzung einige an Ort und Stelle getauft werden wollten. Zumindest 3.000 jüdische Menschen wurden während der Disputation in Tortosa zu NeuchristInnen – eine angeblich notariell beglaubigte Zahl. Wahrscheinlich konvertierten von 1413 bis 1414 mehr Jüdinnen und Juden als im Pogrom-Jahr 1391. In den jüdischen Chroniken wurde dieses Jahr als „Jahr des Abfalls“ bezeichnet. Der Chronist Ibn Verga schrieb dazu:
„Von tausend aus dem von Jerusalem nach Spanien gekommenen Stamm der Juden ist nicht mehr einer übrig“18.
Die stetig wachsende Zahl an Conversos bewirkte eine Veränderung in der spanischen Gesellschaft. Anfang des 15. Jahrhunderts, konstatierte der spanische Historiker Juan de Regla, bestand die spanische Bevölkerung aus zehn Prozent Aristokraten und Patriziern und rund siebzig Prozent machten das „gewöhnliche“ Volk aus. Die restlichen zwanzig Prozent, die de Regla zwischen Aristokratie und Volk ansiedelte, waren „in einer gewissen Weise durch Kirchenmänner und Juden aufgefüllt, die […] eine wirkliche Mittelklasse bildeten“19. Ob der Autor unter „Juden“ nur die sich zum Judentum bekennenden Menschen meinte, oder ob er in diese Zahl die „Neuchristen“ mit einbezog, lässt sich nicht feststellen. Léon Poliakov ist der Meinung, dass diese zwanzig Prozent im übrigen Europa christlich waren und dem Bürgertum zur Bildung verhalfen.
Die sich weiterhin zum Judentum bekennenden Menschen versuchten, ihre Gemeinden neu zu organisieren. Die grossen jüdischen Gemeinden in Sevilla und Toledo gab es nicht mehr, die Jüdinnen und Juden lebten vor allem in mittleren und kleinen Städten. In manchen christlichen Gemeindeverwaltungen wurden jüdische Menschen mit Prostituierten auf eine Stufe gestellt. Es gab in ganz Spanien kein schlimmeres Schimpfwort als „judio“. Diejenigen der Conversos, die nur aus einer Notlösung konvertiert waren und sich innerlich nach wie vor zum Judentum bekannten, wanderten nach Portugal oder Nordafrika aus, sofern sie sich das leisten konnten. Dieselbe Gruppe, die in Spanien blieb, hielt Abstand zum Christentum, sie praktizierte ihr Judentum im Geheimen, einige liessen sich als Erwachsene beschneiden und auch ihre Nachkommen waren so genannte „judaisierende Christen“. Nicht wenige hielten dem permanenten Druck durch die religiöse Doppelgleisigkeit nicht stand und suchten Frieden in den Klöstern, sie wurden Mönche oder bekleideten ein christliches Amt. Im christlichen Spanien entstand die Bezeichnung „Marranos“ (dt. „Schweine“) für grundsätzlich alle Conversos – ob sie aus Überzeugung, zwangsweise oder nur zum Schein konvertiert waren. Man projizierte also ein Nahrungstabu des Judentums auf eine christliche Bevölkerungsgruppe.
Auch die Conversos, die aus aufrichtiger Überzeugung zum Christentum übertraten, waren mit vielerlei Problemen konfrontiert. Sie galten in der Gesellschaft grundsätzlich als verdächtig und wussten nicht, welche Handlungen sie setzen sollten, um als wahre ChristInnen anerkannt zu werden. Jüdische Herkunft wurde als Makel empfunden. Viele versuchten, ihre jüdischen Wurzeln zu verbergen. Diejenigen, die dichterisch begabt waren, versuchten ihr Leid und ihre Zerrissenheit in Versen Ausdruck zu verleihen. Die der Tradition verpflichteten Jüdinnen und Juden waren seit Jahrhunderten ein gewohnter Anblick – die Conversos versetzten ihre Umgebung in Unruhe. Ein getaufter Jude war suspekt, sogar seine Art der Speisenzubereitung:
„[...] Sie gaben niemals ihre jüdische Essensweise auf; sie richteten ihre Fleischgerichte mit Zwiebeln und Knoblauch und liessen sie im Öl aufschmoren, dessen sie sich anstelle von Speck bedienten, um keinen Speck essen zu müssen; Öl mit Fleisch zusammen ergibt einen sehr schlechten Geruch beim Atmen. So riechen ihre Häuser und ihre Türen sehr übel wegen dieser Fleischgerichte, und sie selbst schreiben diesen Fleischgerichten ihren jüdischen Geruch zu.“20
An dieser Stelle sei bemerkt, dass die Verwendung von (Oliven)Öl, Zwiebel und Knoblauch in der heutigen spanischen Küche zum Standard gehört.
Der Franziskaner Alfonso de Spina stellte in seiner Abhandlung Fortalitium fidei (dt. Festung des Glaubens) sämtliche Laster und Verbrechen zusammen, die man damals allen Jüdinnen und Juden – auch ausserhalb Spaniens – zum Vorwurf machte. Da seiner Meinung nach die Kraft des Taufwassers bei Jüdinnen und Juden keine Wirkung hätte, folgerte er daraus, Juden seien nicht nur wegen ihres Glaubens, sondern von Natur aus böse. Die judios publicos (sich öffentlich zeigende Juden) und die judios occultos (sich getarnt verhaltende Juden, also die Conversos) waren für de Spina beide von gleichem Wesen. Der Übergang von religiösem Judenhass auf einen von einer „Rasse“ ausgehenden Hass wird spürbar. Die Päpste und einzelne spanische Vertreter der christlichen Kirche wiesen umsonst auf die „Verteidigung der christlichen Einheit“ hin. Der niedere Klerus und die Mönchsorden, allen voran die Dominikaner, entzündeten mit ihren Ansichten über das Judentum und die Conversos die ohnehin schon vorhandene Skepsis bezüglich dieser beiden Bevölkerungsgruppen, es kam zu zahlreichen Ausschreitungen. Die „Altchristen“ beklagten sich über die schamlose Bereicherung der Conversos und unterstellten ihnen, ihre Frömmigkeit nur zu heucheln und prangerten das Praktizieren jüdischer Riten in der Öffentlichkeit an. 1449 erliessen die Ratsherren von Toledo eine Verordnung, die mit der Beschreibung von Verbrechen „der Conversos jüdischer Abstammung“ begann, deren Vorfahren vor 700 Jahren die Stadt den Muslimen ausgeliefert hätten. Folgende Verfügung trat in Kraft:
„Wir erklären, dass alle die erwähnten Conversos, die Nachkommen aus der perversen jüdischen Abstammung […] von Rechts wegen für ehrlos, ungeschickt, unfähig und unwürdig gehalten werden sollen, irgendein Amt zu bekleiden oder eine öffentliche oder private Pfründe […] innezuhaben […] Sie werden auch für unfähig erklärt, als öffentliche Schreiber oder als Zeugen Zeugnisfähigkeit und Glaubwürdigkeit geltend zu machen […] und über Altchristen des heiligen Glaubens Herrschaft auszuüben.21
Diese Verfügung war das erste verschriftlichte Statut, das den Nachweis von „limpieza de sangre“ („Blutreinheit“) für die Bekleidung eines Amtes in Spanien vorschrieb. Weitere Städte und ihre Zünfte sowie Universitätskollegien folgten. Sowohl kirchliche als auch weltliche Würdenträger mussten zu diesem Zeitpunkt „altchristlich“ sein, das hiess, man durfte keine jüdischen Vorfahren haben. Der Ausdruck „Neuchrist“, beziehungsweise Converso, mit dem ursprünglich nur jemand bezeichnet wurde, der zum Christentum konvertiert war, wurde somit auf alle Menschen ausgedehnt, die zumindest einen jüdischen Vorfahren hatten – „Neuchristen“ standen also in Verdacht, unaufrichtige Christen zu sein und unterlagen der Vorstellung, diese Eigenschaft an ihre Nachkommen zu vererben. Mitte des 16. Jahrhunderts erlangte die „limpieza de sangre“ Gesetzeskraft und wurde erst im 19. Jahrhundert abgeschafft.
Selbst manche der Konvertierten mutierten nun zu leidenschaftlichen Judenhassern und -verfolgern. An den ohnehin schon vorhandenen Rissen im sozialen Gefüge begann die vielfältige spanische Gesellschaft des 15. Jahrhunderts auseinander zu brechen und wurde in genealogisch definierte Kasten zementiert.
Inquisition und Vertreibung der Jüdinnen und Juden
Ab 1476 regierten Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón gemeinsam als „Katholische Könige“. Dem Königspaar wurde auf eindringliche Weise – vor allem von Dominikanern – das „Converso-Problem“ wiederholt vor Augen gehalten. Isabella und Ferdinand ersuchten den Papst, eine eigenständige spanische Inquisition zu errichten; die Erlaubnis dazu wurde Ende 1478 erteilt.
1480 nahm das Tribunal in Sevilla die Arbeit auf. Jüdinnen und Juden wurden als VerderberInnen der Conversos gebrandmarkt, man strebte die physische Segregation an. Daher wurden 1483 in Andalusien, der Hochburg der „Neuchristen“, alle Menschen jüdischen Glaubens vertrieben.
Kam das Inquisitions-Gericht in eine Stadt, hatten HäretikerInnen zunächst eine „Gnadenfrist“, in der sich die des „Judaisierens“ Verdächtigen selbst anzeigen konnten. Anschliessend mussten alle HäretikerInnen aus dem Familien- und Bekanntenkreis gemeldet werden, die als „Verdächtige ersten Grades“ oder als „leichte Fälle“ kategorisiert wurden. Ihre „Sünden“ wurden durch Geisselungen und öffentliche Demütigungen vergeben. Dazu zählte das Tragen eines Büssergewandes (sambenito) über der herkömmlichen Kleidung. Vermögen wurde eingezogen und die Betroffenen durften für den Rest ihres Lebens kein ehrbares Amt und keinen ehrbaren Beruf ausüben. Die Verbote wurden auch auf die gesamte Nachkommenschaft übertragen. Dieser Akt wurde als „Versöhnung“ bezeichnet. Weiters forderte das Gericht die „guten Katholiken“ dazu auf, die „Verdächtigen zweiten und dritten Grades“ zu identifizieren. Bei Zusicherung von Straffreiheit betonte man die Denunziation selbst von Mutter und Vater als Christenpflicht. Hilfestellung wurde in einem Sondererlass gegeben, in dem man aufzählte, wie man Häretiker erkennen könne.
Indizien für Häresie waren unter anderem das Begehen von jüdischen Festen und jüdischen Riten sowie der Verzehr von Fleisch in der Karwoche. Zur Anzeige kamen Menschen, die mit Öl kochten und die angeblich bei der Erwähnung der Heiligen Jungfrau gelacht hätten oder kein Schweinefleisch mochten. Wenn Leute nicht verstanden, was im Nachbarhaus gesprochen wurde, schloss man daraus, die Nachbarn würden sich auf Hebräisch unterhalten und zeigte sie bei der Inquisition an. Stieg am Samstag selbst bei grosser Kälte kein Rauch aus dem Kamin eines Hauses, in dem Conversos lebten, wurden die BewohnerInnen bezichtigt, die Schabbat-Regeln zu befolgen. Rabbiner wurden verdächtigt, Conversos bei einer „Zeremonie der Entchristlichung“ beschnitten zu haben. Wer sich nicht „versöhnen“ liess oder „rückfällig“ wurde, landete auf dem Scheiterhaufen. In Sevilla soll die Zahl der „Versöhnten“ 5.000 Conversos betroffen haben, 700 Menschen wurden verbrannt.
In der Hauptstadt Toledo regierte die Inquisition mit weniger strenger Hand. Die Gründe dafür waren sowohl politischer, als auch wirtschaftlicher Natur: ab einem gewissen Grad an Reichtum und Einfluss konnten sich Conversos des Schutzes des Königspaars und der Kirche sicher sein und sich „freikaufen“, wenngleich hier nur Einzelfälle bekannt sind. Königin Isabella und König Ferdinand nahmen sich das Recht heraus, selbst zu bestimmen, wer ChristIn sei und wer nicht. Durch die Beschlagnahmung der Vermögen von Conversos war es der spanischen Krone möglich, unter anderem Kriege und Forschungsreisen zu finanzieren. Als das Edikt (Alhambra Edikt) zur Vertreibung aller Jüdinnen und Juden aus Spanien am 31.3.1492 von dem Königspaar unterzeichnet wurde, enthielt es folgende Begründung:
„Wir sind von den Inquisitoren […] davon unterrichtet worden, dass der Verkehr der Juden mit den Christen allerschlimmstes Unheil nach sich zieht. Die Juden bemühen sich […] die (neuen) Christen zu verführen; dies geschieht dadurch ,dass sie ihnen jüdische Gebetbücher zukommen lassen, [...] auf jüdische Feiertage aufmerksam machen, [...] an Pesach ungesäuertes Brot beschaffen, […] über verbotene Speisen unterrichten und dass sie sie überreden, dem Gesetze Moses zu folgen. Daraus geht hervor, dass unser heiliger katholischer Glaube dadurch herabgesetzt und gedemütigt wird. Wir sind darum zu dem Schluss gelangt, dass das einzig wirksame Mittel zur Abstellung dieses Unheils in dem endgültigen Abbruch jeder Beziehung zwischen Juden und Christen besteht“.22
Man schätzt, dass etwa 50.000 Jüdinnen und Juden gewissermassen in letzter Sekunde zum Taufbecken schritten, unter ihnen der ranghöchste Jude Spaniens, der „Hofrabbiner“ Abraham Seneor. Viele Jüdinnen und Juden sahen die Vertreibung als Prüfung, verglichen sie mit dem Auszug aus Ägypten, einige waren sich aber einer Rückkehr sicher und vergruben nach dem Verkauf ihres Hab und Guts das Geld in der Erde des Landes, das sie als Mutterland ansahen. Den Aufbruch beschreibt Bernaldez folgendermassen:
„Innerhalb einiger Monate verkauften die Juden alles, was sie konnten; für einen Esel gaben sie ein Haus her und einen Weinberg für ein Stück Stoff oder Leinwand. Vor ihrem Aufbruch verheirateten sie all ihre Kinder, die älter als zwölf Jahre waren, damit jedes Mädchen die Begleitung durch einen Ehegatten hätte [...].“23 Der spanische Dramatiker Juan del Ecina merkte 1496, vier Jahre später, in einem Gedicht an: „Man weiss in diesem Königreich schon nicht mehr, was ein Jude ist.24
Der portugiesische König Johann II. bot gegen eine Kopfsteuer und einen Maximalaufenthalt von acht Monaten den spanischen Jüdinnen und Juden Exil an. Nach Verstreichen der Frist begann der König, die Verbliebenen als Sklaven zu verkaufen. Als einige Jahre später eine spanische Infantin nach Portugal verheiratet wurde, machte das spanische Königspaar die vollkommene Christianisierung Portugals zur Bedingung. Zu Ostern 1497 überschlugen sich die Ereignisse: jüdische Kinder wurden ihren Eltern entrissen und zum Taufbecken geschleppt, ein Zeitzeuge, der Bischof von Algarve, berichtet gesehen zu haben, wie Jüdinnen und Juden an den Haaren zur Taufe gezogen wurden. Auf Betreiben Papst Alexander Borgias ging man in Lissabon einen Kompromiss ein: in Portugal getaufte Jüdinnen und Juden durften dem jüdischen Glauben gemäss leben und ihn praktizieren. Diese Situation änderte sich 1536, als auch in Portugal die Inquisition nach spanischem Vorbild eingeführt wurde.
Folgen und Fazit
Die Vertreibung aus Spanien von 1492 war ein devastierender Einschnitt in der Geschichte des sefardischen Judentums. In keinem anderen Land war dieses so verwurzelt und seit Jahrhunderten beheimatet gewesen wie im mittelalterlichen Spanien. 1290 waren auch in England jüdisches Leben und jüdische Kultur durch Vertreibungen beendet worden, aber die Ausweisungen aus England zweihundert Jahre zuvor lassen sich qualitativ und quantitativ nicht mit denen aus Spanien vergleichen. Vergleiche mit dem Ersten Exil nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 drängen sich auf, Georg Bossong bezeichnet die Vertreibung aus Spanien als Zweites Exil. Durch die Ausweisungen fehlte plötzlich eine grosse, politisch und wirtschaftlich bedeutende Bevölkerungsgruppe, was für Spanien weitreichende Konsequenzen hatte. Von heute auf morgen mangelte es in den Städten an Handwerkern, es gab kaum noch diplomatisch versierte Berater, Dolmetscher und Steuereintreiber. Die kompetente Elite des Finanzwesens war verschwunden und dem Land fehlte Kapital für Grossprojekte. Zwar wurden die Geldkassen durch Unmengen an Gold aus dem neu entdeckten Amerika wieder aufgefüllt, dennoch führte die Vertreibung der Jüdinnen und Juden dem spanischen Staatswesen enormen Schaden zu. Die Gesellschaft war noch für Jahrhunderte mit dem „Converso-Problem“ beschäftigt, was zu weiteren massiven Brüchen im sozialen Gefüge führte. Das sefardische Judentum siedelte sich nach der Vertreibung aus Spanien in Nordwesteuropa, Italien, Nordafrika und im Orient an. Vor allem im Osmanischen Reich entwickelte es sich zu einer bedeutenden Bevölkerungsgruppe.
David Nirenberg bezeichnet das 14. und 15. Jahrhundert in der jüdisch-christlichen Geschichte in Spanien als jene Zeit, in der sich eine „genealogische Mentalität“ entwickelt habe, in der die Abstammung zentral für die Identität der Menschen geworden sei. Religiöse Zugehörigkeit allein reichte nicht mehr zur Definition von Identität. Herkunft und „Blut“ wurden stärker betont und die Abstammung wurde somit zu einer Form von „Archiv“ der Identität, die dadurch neu definiert wurde. Paradoxerweise wurde die christliche Identität vor der grossen Anzahl von Conversos durch die Existenz von Juden stabilisiert. Religiöse Differenz wird daher nun in eine biologistische Differenz überführt. Diese genealogische Denkweise führe zu neuen Formen der Historiografie: die Stellung von „Blut“ und Abstammung über den Glauben sind für Nirenberg ein entscheidender Schritt zu späteren Konzepten von „Rasse“.
Jerome Friedman sieht den Übergang vom mittelalterlichen, religiösen Antijudaismus zum modernen, „rassischen“ Antisemitismus nicht primär durch Martin Luther und die Reformation begründet, sondern in den „limpieza de sangre“ aus dem Spanien des 15. und 16. Jahrhunderts. Wie David Nirenberg vertritt er die Ansicht, die religiöse Zugehörigkeit als Unterscheidungskriterium sei durch die Conversos instabil geworden. Eine Konversion zum Christentum verlor für die „Altchristen“ die Bedeutung von „Reinigung“, was den Ruf nach biologischen Unterscheidungskriterien hervorrief. Auch Friedman betont den paradoxen Effekt, dass die Ausgrenzung von Juden aus der christlichen Gesellschaft immer stärker wurde, je erfolgreicher sich Juden integrierten. Durch die Betonung von „Blut“ und Abstammung wurde jüdisch-Sein zu einer erblichen, biologischen Eigenschaft. Antijüdische Denkweisen mutierten dabei von einer religiösen (änderbaren) zu einer biologischen (nicht änderbaren) Komponente. Gleichzeitig erfuhren die Conversos selbst eine Aufwertung, indem sie sich von ihrer jüdischen Herkunft distanzierten und aktiv die neuen gesellschaftlichen Kategorien unterstützen. Somit entstand ein „rassisches Denken“ auch innerhalb der betroffenen Gruppe.
Mit Beginn des 14. Jahrhunderts finden sich in Spanien antisemitische Stereotype, die in den Köpfen so mancher Zeitgenossen bis heute existieren und von der nationalsozialistischen Politik im 20. Jahrhundert aufgegriffen wurden:
Nachlese
Georg Bossong, Die Sefarden. Geschichte und Kultur der spanischen Juden, München, 2022.
Michael Brenner, Kleine jüdische Geschichte, München, 2008.
Mark R. Cohen, „What was the Pact of ‘Umar? A Literary-Historical Study”, in: Jerusalem Studies in Arabic and Islam, Band 23, 1999, 100-157.
Jerome Friedman, Jewish Conversion, the Spanish Pure Blood Laws and Reformation. A Revisionist View of Racial and Religious Antisemitism, in: The Sixteenth Century Journal, Vol. 18, Nr. 1, Spring, 1987, 3–30.
Jane S. Gerber, The Jews of Spain. A History of the Sefardic Expereince, New York, 1994.
Hans – Werner Goetz/Ian Wood, “Otherness” in the Middle Ages, in: International Medieval Research, Vol. 25, 2021, 11–35.
Ana M. Gómez – Bravo, The Origins of Raza. Racializing Difference in Early Spanish, in: Interface; A Journal of Medieval European Literature, Ausgabe 7/2020, 64–114.
Geraldine Heng, The Invention of Race in the European Middle Ages, Cambridge, 2018.
Milan Hrabovský, Genéza prvého významu slova rasa. The Origin of the First Meaning of the Term “Race”, in: Český lid , 2021, Vol. 108, No. 1, 2021, 83–101. (für die Übersetzung tschechisch – deutsch wurde KI benutzt)
Charles Miramon, Noble dogs, noble blood. The invention of the concept of race in the late Middle Ages. In: Eliav-Feldon/Ziergler (Hg.): The Origins of Racism in the West, New York, 2013, 200–216.
David Nirenberg, Mass Conversion and Genealogical Mentalities. Jews and Christians in Fifteenth - Century Spain, in: Past & Present, Feb. 2002, Nr. 174, Feb 2002, 3–41.
Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus IV. Die Marranen im Schatten der Inquisition, Worms, 1981.
Karl Ubl, Rasse und Rassismus im Mittelalter, Potential und Grenzen eines aktuellen Forschungs-
paradigmas, in: Historische Zeitschrift, Band 316, 2023, 306–341.
Rainer Walz, Religiöser Fanatismus oder Rassenwahn? In: Historische Zeitschrift, Jun 1995, Band 260, H. 3, 719–748.
Quellen
4. Laterankonzil https://sourcebooks.fordham.edu/basis/lateran4.asp,
abgerufen am 16.3.2026
Las Siete Partidas https://sourcebooks.fordham.edu/source/jews-sietepart.asp
abgerufen am 20.3.2026
Pakt von Umar:
Mark R. Cohen, „What was the Pact of ‘Umar? A Literary-Historical Study”, in: Jerusalem Studies in Arabic and Islam, Band 23, 1999, 106 -108.
1 Bossong, Sefarden, 49.
2 Hans – Werner Goetz/Ian Wood, “Otherness” in the Middle Ages, in: International Medieval Research, Vol. 25, 2021, 25.
3 Cohen, Umar, 106 – 107.
4 Cohen, Umar 107.
5 Charles Miramon, Noble dogs, noble blood. The invention of the concept of race in the late Middle Ages. In: Eliav-Feldon/Ziergler (Hg.): The Origins of Racism in the West, New York, 2013, 200
6 https://sourcebooks.fordham.edu/basis/lateran4.asp , abgerufen am 20.3.2026
7 Ein etwaiger umgekehrter Fall „dass Christinnen irrtümlich Beziehungen zu Juden eingehen“, wird nicht erwähnt
8 Siehe 29)
9 Siehe 29)
10 Siehe 29)
11 Brenner, Jüd- Geschichte, 11.
12 Brenner, Jüd- Geschichte, 10.
13 Rainer Walz, Religiöser Fanatismus oder Rassenwahn? In: Historische Zeitschrift, Jun 1995,
Band 260, H. 3, 722.
14 Poliakov, Antisemitismus, 9.
15 Poliakov, Antisemitismus, 9.
16 Jüdische Gemeinden
17 Poliakov, Antisemitismus, 13.
18 Poliakov, Antisemitismus, 23.
19 Poliakov, Antisemitismus, 28.
20 Poliakov, Antisemitismus, 38.
21 Poliakov, Antisemitismus, 40.
22 Poliakov, Antisemitismus, 57.
23 Poliakov, Antisemitismus, 58 – 59.
24 Poliakov, Antisemitismus, 59.