Michael Bittner
Morgenstern, Soma: Der Sohn des verlorenen Sohnes
Zu Klampen-Verlag 2026
284 Seiten, Paperback, Euro 24,00.-
ISBN 978-3-98737-055-7
Morgenstern, Soma: Idyll im Exil
Zu Klampen-Verlag 2026
380 Seiten, Paperback, Euro 28,00.-
ISBN 978-3-98737-056-4
Morgenstern, Soma: Das Vermächtnis des verlorenen Sohnes
Zu Klampen-Verlag 2026
398 Seiten, Paperback, Euro 28,00.-
ISBN 978-3-98737-057-1
Kennen Sie Soma Morgenstern? Aber Joseph Roth, Alban Berg, Robert Musil, Ernst Krenek, Otto Klemperer, Josef Frank, Ernst Bloch, Stefan Zweig und Alma Mahler-Werfel schon? Alles bedeutende Menschen, die Morgenstern als „Freunde“ titulierte und mit denen er in „ungetrübter Freundschaft“ lebte. 1 Ein Networker, der zum Schriftsteller heranreifte, dem ungeliebten Journalismus abschwor und schliesslich Autor ohne Werk wurde. Ein „Womanizer“ par excellence, der eine On-off-Ehe mit einer Dänin führte, die ihm den Sohn Dan Michael (1929–2024) schenkte, doch sonst kaum eine Rolle in seinem Leben spielte. Er schrieb einen Nachruf auf seine Frühstückspartnerin Alma Mahler-Werfel, leider wissen wir nicht, ob ihn deren Antisemitismus störte, seine Autobiografie blieb typischerweise unvollendet.
Eigentlich beginnt sein Leben wie das vieler österreichischer Intellektueller in Galizien: im Dorf Budzanów wurde Salomo Morgenstern 1890 geboren, besuchte alle staatlichen und jüdischen Schulen, erlernte etliche Sprachen und lernte mit 19 Jahren Joseph Roth kennen. „Ungetrübt“ war diese Freundschaft gar nicht, den „heiligen Trinker“ nahm er dem Freund nicht ab, drei Jahre redeten sie nicht miteinander, bis Stefan Zweig als Friedensstifter auftrat.
Seine Frankfurter Zeitung schickte ihn als Kulturreporter nach Wien, wo er einen illustren Freundeskreis aufbaute und zumeist im Café Museum sass. Im März 1938 entkam er knapp vor dem Anschluss, ging nach Frankreich, wurde interniert, konnte flüchten – dann wieder Lager und Flucht, das falsche Visum, dann ein polnischer Pass und die Flucht über Casablanca und Portugal nach New York.
Das neue Leben in den U.S.A. gefiel ihm, er gab seine Romantrilogie Funken im Abgrund auf Englisch heraus, der erste Band war 1935 in Nazideutschland erschienen, seine verlorenen Manuskripte für die beiden Folgebände rekonstruierte er bis 1945. Seine Übersiedlung nach Kalifornien scheiterte, er blieb lieber in New York, das ihm mehr imponierte. Viele Manuskripte, die er dann begann, blieben unvollendet, er dachte auch an Selbstmord, er hungerte sich mit einer deutschen Opferrente durch. Ein grosser Erfolg wurde Die Blutsäule, ein Holocaust-Buch von 1972, das ein Puzzle aus historischen und religiösen Texten darstellt. Dass einer seiner Texte in das Gebetbuch für Yom Kippur aufgenommen wurde, erfüllt ihn mit grossem Stolz. 1976 starb er im Roosevelt-Hospital in New York.
Sein Gesamtwerk erschien erst 1994 bis 2001 beim Verlag zu Klampen, die meisten Texte waren Erstveröffentlichungen. Die Romantrilogie Funken im Abgrund stellt Morgensterns Hauptwerk dar, ein Abgesang auf die ostjüdische Welt, welcher der Autor entstammte. Der Sohn des verlorenen Sohnes war schon 1935 im Verlag Erich Reiss in Berlin erschienen und ein Verkaufserfolg geworden, obwohl damals nur Juden dieses Buch kaufen durften.
Der Sohn des verlorenen Sohnes ist Alfred, ein in Wien lebender, säkularer Jude, dessen Vater sich hat taufen lassen, angeblich der reichen Heirat wegen. Er lernt seinen strenggläubigen Onkel kennen, der aus der galizischen Provinz in die Hauptstadt zu einem Zionisten-Kongress reist. In das Land seiner Väter zu reisen, ist sein inniger Wunsch – wird er dortbleiben?
Der Roman spielt in Wien und in einem erfundenen Dorf an der Peripherie des Habsburgerreiches, eine Welt von Chassidim, Bauern und Gutsbesitzern, noch ursprünglicher als das oft strapazierte "Shtetl“. Es gibt autobiografische Elemente, wie den frühen Tod des Vaters – doch der starb nicht im Krieg, sondern an einem Reitunfall, und er war auch nicht getauft. Ob sich Morgenstern tatsächlich in seine Heimat zurücksehnte, ist fraglich, Wien, Berlin und später New York waren seine Lebensorte.
Die beiden Fortsetzungsromane Idyll im Exil und Das Vermächtnis des verlorenen Sohnes erschienen erst nach dem Krieg in den U.S.A. und in englischer Sprache. Sie führen Alfreds Geschichte weiter, der zweite und dritte Band sind in einem moderneren Deutsch verfasst, sie wurden aus der Originalsprache übersetzt und daher fehlt ihnen die Patina des ersten Bandes. Doch ist die Trilogie hervorragender Lesestoff für alle, die sich für Geschichte und Kultur des Judentums interessieren.
Meine Lieblingsstelle im ersten Band ist die Beschreibung der Mariahilferstrasse, die Alfred seinem Onkel vom Land zeigen will. (Seite 247-249) Ein literarisches Denkmal für einen Strassenzug, eine Hymne an die Flanier- und Einkaufsmeile, die damals auch Platz für „müde Arbeitslose und arbeitslose Strassenmädchen“ bot und vom Autor als lebender Organismus beschrieben wird. Wenn Sie Ihr Bücherregal nach dem Prinzip der „guten Nachbarschaft“ von Aby Warburg einräumen, dann stellen Sie die drei Bände Morgenstern zwischen die Bücher von Joseph Roth und Stefan Zweig, darüber den Musil und darunter eine Biografie von Alma Mahler, dann sind die Freunde wieder vereint.
Anmerkung
1 https://www.soma-morgenstern.at/freunde.php abgerufen 10.04.2026
