Ausgabe

Niederösterreichische Erinnerungen 1945–2025

Christoph Tepperberg

Inhalt

Danielle Spera (Hrsg.): Bewegte Zeiten. Erinnerungen für die Zukunft. 1945–2025

Wien: Amalthea Verlag, 2025

Hardcopy, 272 Seiten, 110 Abbildungen (meist in Farbe), Euro 40,00.-

ISBN-13: 978-3-99050-294-5

 

Die Herausgeberin

Prof. Dr. Danielle Spera, geboren 1957 in Wien, studierte Publizistik und Politikwissenschaft, ist seit 2018 Herausgeberin der jüdischen Zeitschrift NU, seit 2022 Executive Director von Kultur.Medien.Judentum und Autorin zahlreiche Publikationen. Die Journalistin und ehemalige ORF-Redakteurin, Korrespondentin und Moderatorin war 2010–2022 Direktorin des Jüdischen Museums Wien

 

Anlass der Publikation

Das Jahr 2025 bedeutet 80 Jahre Kriegsende, Befreiung vom Nationalsozialismus und Ende des Holocaust, 70 Jahre Staatsvertrag und Neutralität Österreichs, 60 Jahre österreichischer Nationalfeiertag („Tag der Fahne“) sowie 30 Jahre Beitritt Österreichs zur EU. 80 Jahre Zeitgeschichte: 1945, 1955, 1995, 2015, 2025, das sind die Schlüsseljahre, die (Nieder-) Österreichs Nachkriegsgeschichte mit der Zukunft verbinden. Der von Danielle Spera herausgegebene, repräsentative und reich bebilderte Band beleuchtet die jüngere Vergangenheit des Landes Niederösterreich, die Entwicklung von einem Agrarland zu einem Land mit moderner Landwirtschaft, Industrie, Kunst & Kultur und weiteren positiven Ausblicken. Der Band, der am 27. November 2025 im Museum Niederösterreich (St. Pölten) präsentiert wurde, besteht einerseits aus (wissenschaftlichen) Beiträgen, andererseits aus Interviews mit Zeitzeugen.

 

Die Beiträge

Der Band enthält zehn Beiträge von Autoren verschiedenster Berufssparten. Diese Artikel dienen der zeitlichen-thematischen Einordnung und Orientierung des Lesers: Erinnerungen für die Zukunft (Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner); Vorwort (Danielle Spera); Identität Niederösterreich (Psychiater Paulus Hochgatterer); Akte des Erzählens (Schriftstellerin Cornelia Travnicek); Niederösterreichs Transformation zur Kultur- und Wissensregion (Danielle Spera); Das Niederösterreich-Jahrzehnt Österreichs 1945–1955 (Zeithistoriker Stefan Karner); Niederösterreich 1955–1995 (Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx); Österreich zur Jahrtausendwende (1995–2005) (Kulturwissenschaftler Christian Rapp); Die „Fünfer-Jahre“ (Nieder-)Österreichs 2005–2025 (Journalist Gerhard Jelinek) und Zukunft denken in Niederösterreich (Trendforscher Tristan Horx). 

 

Die Interviews

Im Zentrum des Buches stehen die Interviews mit 23 Zeitzeugen. Die Interviews wurden von der Herausgeberin persönlich geführt. Der thematische Schwerpunkt der Gespräche liegt unter anderem auf der NS- und Nachkriegszeit, der Entwicklung des Landes Niederösterreich und den oben genannten Schlüsseljahren österreichischer Zeitgeschichte. Die Zeitzeugen wurden von Danielle Spera mit Bedacht gewählt. Es sind Personen verschiedener Altersgruppen (Jahrgänge 19352007) und Herkunftsorte, zugleich mit einem breiten beruflichen Spektrum: der Komponist Kurt Schwertsik, (1935 Wien); die Autorin Renate Welsh (1937 Wien); das Multitalent Theo Lieder (1937 Brüssel); der Medienexperte Herbert Binder (1937 St. Pölten); der Autor Fritz Rubin-Bittmann (1944 Wien); Bundeskanzler a.D. Franz Vranitzky (1937 Wien); Bundeskanzler a.D. Wolfgang Schüssel (1945 Wien); die Unternehmerin Elisabeth Gürtler (1950 Wien); Landeshauptmann a.D. Erwin Pröll (1946 Radlbrunn); Bürgermeister a.D. Michael Häupl (1949 Altlengbach); der Handballtrainer Gunnar Prokop (1940 St. Pölten ), Witwer von Innenministerin Liese Prokop (1941–2006); die Industriemanagerin und Politikerin Brigitte Ederer (1956 Wien); Diözesanbischof Alois Schwarz (1952 Hollenthon); die Schriftstellerin Zdenka Becker (1951 Cheb, dt. Eger); der Künstler Erwin Wurm (1954 Bruck/Mur); Rita Nitsch, Witwe des Malers Hermann Nitsch (1938–2022); die Ökonomin und Politikerin Monika Langthaler (1965 Wilhelmsburg), der Molekularbiologe Martin Hetzer (1967 Wien); die Zeithistorikerin Barbara Glück (1978 Wien); die Unternehmerin Lieselotte Pfeiffer (1947 Reinsberg); der Unternehmer Thomas Pfeiffer (1972 Wien); der Schülervertreter Robin Balogh (2003 Mödling) und die Schülervertreterin Mira Langhammer (2007 Wien). Es ist im Rahmen dieser Rezension unmöglich, auf alle Interviews einzugehen. Wir beschränken uns hier auf Personen mit jüdischem Hintergrund.

 

Renate Welsh 

Renate Welsh geb. Redtenbacher, geboren 1937 in Wien, arbeitete zunächst als Übersetzerin. Bekannt wurde sie als Autorin von Kinder- und Jugendbüchern, dann auch von Büchern für Erwachsene. 2019 erschien ihre Autobiografie Kieselsteine. Das Interview eröffnet bemerkenswerte Inhalte ihrer Biografie: die Instabilität ihrer (jüdischen) Familie, daraus resultierend eine gewisse Orientierungslosigkeit: Was ist wahr? Was Lüge? Was tatsächlich Erlebtes? Was Phantasie? „Zum Begräbnis meiner Mutter 1942 [Renate war 5 Jahre alt] kam auch Verwandtschaft aus Polen. Ich hatte mich unter dem Tisch versteckt und hörte meine Tante Hanka von einem SS-Mann erzählen, der einer jüdischen Mutter das Baby aus dem Arm gerissen und den Kopf des Kindes an der Hauswand zerschellt hatte. Danach zweifelte ich an allen Erwachsenen wie konnte ich wissen, wem ich die Hand geben durfte, ohne Angst haben zu müssen, dass sie Blut an den Händen hatten? Ich konnte nie sicher sein, was ich selbst gesehen hatte und was mir nur erzählt worden war.“ Sie hatte Österreich als beengend erlebt. Erst als junge Erwachsene, als sie wegen ihrer Sprachbegabung ein Stipendium in die U.S.A. bekam, eröffnete sich ihr ein positives Lebensgefühl. Am liebsten wäre sie für immer dortgeblieben. Ähnlich Positives erlebte sie durch das offizielle Abrücken vom Narrativ der österreichischen NS-Opfer-These nach der Waldheim-Affaire 1986, durch die Grenzöffnung 1989/90 und den EU-Beitritt 1995. Das Kapitel zeigt auch ein süsses Foto der kleinen Renate aus dem Jahr 1941. (S. 76-81)

 

Theo Lider

Unter dem Titel „Ich habe mich nie geschämt, Jude zu sein“ lesen wir das Interview mit Theo Lider, geboren 1939 in Brüssel. Seine Biografie war gekennzeichnet durch örtliche Flexibilität, die allerdings primär äusseren Umständen geschuldet war: Brüssel – Wien – Ägypten – Jerusalem – und 1948 (kurz vor der Staatsgründung Israels) zurück nach Wien. Lider bewies auch berufliche Flexibilität: Buchdrucker (Deutsch und Hebräisch), Uhrmacher, Tankwart, Taxifahrer, Sicherheitsmann in jüdischen Einrichtungen. Und alles umrahmt von seiner grossen Liebe, der Ziehharmonika. Wir lesen über die bescheidenen Lebensverhältnisse und die Wohnraummisere im Wien der Nachkriegszeit und am Rande auch seine Erfahrungen als Jude in Wien: „Heini [sein Zwillingsbruder] hat sich oft distanziert von Leuten, weil er gewusst hat, dass es Nazis waren. Ich war da eher blind.“ „Ich habe mich nie geschämt, Jude zu sein. Ich kann auch Arabisch. Ich bin ja ein Jerusalemer Kind.“ (S. 82-86)

 

Fritz Rubin-Bittmann 

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien geboren. Er überlebte als Kind den Holocaust mit seinen Eltern als „U-Boot“. „Meine Eltern haben einen schier aussichtslosen Kampf geführt. [...] Es war ein Leben im Wartesaal des Todes. Man musste schauen, dass man ein Quartier und entsprechende Nahrungsmittel hat [...]. Was mich auf meine Eltern besonders stolz macht, ist, dass sie als selbst Verfolgte anderen Juden bei der Quartiersuche und der Versorgung mit Lebensmitteln geholfen und bewirkt haben, dass einige dieser Menschen überleben konnten.“ Ein Erlebnis nach 1945 auf Sommerfrische am Semmering: „... bei manchen anderen Gästen war der Geist des Nationalsozialismus noch spürbar. Eine Frau etwa sagte beim Mittagessen verächtlich, jetzt können sich die Juden schon wieder alles leisten.“ Später wurde Fritz Rubin-Bittmann Arzt. Er schreibt heute unter anderem für jüdische Zeitschrift NU und engagiert sich als Zeitzeuge. (S. 92-99)

 

Die Interviews mit den mehrheitlich nichtjüdischen Personen sind nicht minder interessant, insbesondere deren Erzählungen über die (zumeist) russische Besatzung bis 1955. In einem Anhang finden sich ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren, ein Personenregister und der Bildnachweis. Der vorliegende Band enthält wesentliche Texte zur niederösterreichischen Zeigeschichte. Bildmaterial und aktuelle Fotos von Ouriel Morgensztern unterstreichen den Jubiläumscharakter dieser eindrucksvollen Publikation. Auch als persönliches Geschenk gut eignet. 

 

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