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MEINER MEINUNG NACH: Über den Vortrag von Michel Friedman"Demokratie braucht Widerspruch"

Michael Bittner

Am 12. April 2026 hielt Michel Friedman im Wiener Volkstheater bei der Eröffnung des Musikfestivals „Fremde Erde“, das Werke von verfemten Komponisten der Vergessenheit entrissen hat, einen Vortrag

Inhalt

Nach den üblichen Politiker-Reden, unterbrochen von wunderbaren Kabinettstücken von Fritz Kreisler, Alexander Zemlinsky, Erich Wolfgang Korngold und anderen kam Michel Friedman, endlich, ans Rednerpult. Michel Friedman braucht man nicht vorzustellen, er ist bekannt. Schon wie er seine Rede beginnt (“Und jetzt auch noch ich“), seine Körpersprache, seine nicht aufgesetzt wirkende Gestik, die mitreissende Strukturiertheit seiner Botschaft, die Höhepunkte, welche die Kernbotschaften verkünden, der leise, fast beiläufige Abschluss, das ist Redekunst, wie sie nur noch wenige beherrschen.

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Doch wie ist es mit dem Inhalt? Friedman betonte, dass den Sonntagsreden (der 12. April war ein Sonntag)  keine Taten gefolgt sind, dass man immer wieder das „Nie wieder“ und „wehret den Anfängen“ verkündet hat, als der Anfang schon längst da war. Undemokratische Parteien, namentlich die FPÖ und die AfD, würden die Schwäche der Demokratie ausnützen und stärker, ebenso wie die Diktaturen weltweit, vom Iran über Russland bis China. Undemokratisch seien diese Parteien deswegen, weil sie die Gleichheit und Würde aller Menschen negierten, die Menschenrechte missachteten, obwohl sie „wie Kickl als Demokrat tun“. Mitschuldig an der Schwäche der Demokratie seien auch die Parteien, namentlich die ÖVP, die mit den Feinden der Demokratie koalierten. Dass auch die SPÖ mit den Blauen regiert hat, weiss der Vortragende leider nicht, so beschuldigt er also drei Viertel der österreichischen Wähler, undemokratisch zu sein, weil sie nicht für Splitterparteien wählen. Ein sehr eigenartiges Demokratieverständnis, dem man widersprechen muss. Der Wähler hat immer recht, auch wenn die Linke ihr nicht genehme Regierungen mit Demonstrationen und Medienschelte verfolgt.

 

Gelernt habe die Gesellschaft aus der Geschichte nichts, meint Friedman, die mangelnde Empathie nach dem 7. Oktober zeige dies: Hass auf Menschen, nicht nur auf Juden, dürfe von keiner Ideologie oder Religion gerechtfertigt werden. Die Erinnerungskultur dürfe sich nicht nur auf die Vergangenheit beschränken, dadurch habe sich die Gesellschaft nicht verändert, der Antisemitismus sei geblieben. Entstanden sei er einst als „Erster Fake News der Geschichte“ durch die katholische Kirche, die Juden als Christusmörder apostrophierte, eine Lüge, die durch die Mission weltweit verbreitet worden sei. Das „Gerücht über die Juden“ habe es Theodor W. Adorno genannt. Man sollte sich nicht nur an die Zeit von 1933 bis 1945 erinnern, sondern auch an die Zeit danach, wo der Antisemitismus nicht verschwunden sei. Demokratie sieht Friedman eng mit Freiheit verbunden, Kultur, meint er, könne es nur in freien Ländern geben. Da hat er recht, kürzlich wurde in Frankreich eine Umfrage über den Kulturkonsum in der „Grande Nation“ veröffentlicht, nach der dieser seit Macrons Amtsantritt etwa um die Hälfte zurückgegangen ist. 1 

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Friedman bezeichnete sich selbst als Handlungsreisenden in Sachen Demokratie, der in seinem Köfferchen Freiheit, Respekt und Menschenwürde trage und überall propagiere. Die beste Diktatur sei schlechter als die schlechteste Demokratie, so sein Credo. Da der Mensch lernfähig sei (zumindest theoretisch), und die Lüge durchschauen könne, sei die Investition in die Bildung die wichtigste. Hier bekam der Redner spontanen Beifall, obwohl in Wien „Bildung“ falsch verstanden wird, als Aufbewahrung in Kindergärten. Kurz sprach er auch über den Rechtsstaat, doch wollte er offenbar das Gastland nicht blossstellen und schwenkte wieder auf die Demokratie um. Diktatorisches, undemokratisches Verhalten ortete er bei Donald Trump, dessen Drohung, eine ganze Zivilisation zu vernichten der einstmaligen Vorzeigedemokratie U.S.A. nicht würdig sei. Widerspruch gehöre zur jüdischen Kultur, und auch zur Demokratie. Nachdem die Institutionen versagten, liege es am Einzelnen, Widerspruch zu üben, demonstrieren zu gehen, sich zu engagieren für die Demokratie. Da streute Friedman auch einige persönliche Sätze ein: seine Familie war von Oskar Schindler gerettet worden, also einem, der auf eigene Faust gegen die Vernichtungspolitik der Nazis gekämpft hat. Abschliessend betonte Friedman nochmals die Wichtigkeit der Einzelperson, für Demokratie und gegen Antisemitismus aufzutreten, man solle nicht jüdische Institutionen besuchen, sondern mit jüdischen Menschen sprechen. 

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Friedman erhielt langanhaltenden Applaus für seine Ausführungen, schliesslich auch Standing Ovations. Nachdem sich seine Worte in mir gesetzt hatten, erkannte ich jedoch für mich, dass das Abschieben der Verantwortung auf den Einzelnen ein zum Scheitern verurteiltes Konzept ist.  Dieses geht vom Citoyen der Aufklärung aus: gebildet, unabhängig, selbstbestimmt, der wagt, sich seines Verstandes zu bedienen. Wie viele der neun Millionen Insassen dieses Landes entsprechen diesem Idealbild? Was ist mit den (teils völlig unbedarften) Einwanderern aus Ländern, in denen der Antisemitismus zum guten Ton gehört? Diese werden ihrem Feindbild jetzt abschwören, während sie weiterhin die Medien ihrer Heimatländer konsumieren? Und Deutschland hat das zusätzliche Problem der ehemaligen „Ossies“, die sich seit der Übernahme der DDR durch den Westen konsequent benachteiligt fühlen und als Opfer eines BRD-Kolonialismus sehen, dass sie AfD wählen, wundert mich daher nicht. Das alles sind Umstände, die Friedman ignoriert, er sieht alle Menschen als gleichwertig an – meiner Meinung nach eine fatale Fehleinschätzung. Zwar konzediert er, dass Diktaturen auf dem Vormarsch sind, doch übersieht er, dass die Demokratie in Europa seit Jahren abgebaut wird, auch durch die meiner Meinung nach undemokratisch organisierte Europäische Union: das Europäische Parlament hat weniger Kompetenzen als der Chinesische Volkskongress oder die Duma unter dem russischen Zaren Nikolaus II. 

 

Zu einfache, holzschnittartige Analysen falsifizieren sich schnell. Man muss seine ideologische Blase verlassen, in der es sich so bequem twittrig schwimmen lässt, wo alle immer nicken, dieselben Medien konsumieren, dieselben Bücher im Schrank haben, sonst versäumt man die Realität des Hier und Jetzt. Und die sieht in vielerlei Hinsicht, auch in Österreich, auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bezogen, heute sehr traurig aus.

 

Anmerkung

1 https://www.franceinfo.fr/culture/les-francais-consomment-de-moins-en-moins-de-culture-meme-si-86-d-entre-eux-la-jugent-essentielle-pour-leur-qualite-de-vie_7923725.html abgerufen 14.04.2026

 

Alle Abbildungen: I. Bittner, mit freundlicher Genehmigung.