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MEINER MEINUNG NACH: Über den Vortrag von Malachi Haim Hacohen – "Eine neue Theorie der jüdischen Geschichte?"

Michael Bittner

Professor Malachi Haim Hacohen ist Professor für Geschichte und Religion in einer Person

Inhalt

Malachi Haim Hacohen, 1957 in Tel Aviv geboren, Absolvent der Columbia University und Lehrender an der Duke, hat einige Werke publiziert, etwa zu Karl Popper („The Formative Years, 1902-1945“ und „Karl Popper im Exil“ sowie „Jacob & Esau: Jewish European History Between Nation and Empire“). Sehr spannend fand ich seinen Forschungsansatz einer neuen Theorie der Zyklizität der jüdischen Geschichte, die den heutigen Zustand, dass 43 Prozent der Juden in einem eigenen Staat wohnen, als "historische Anomalie" begreift. Den Zyklus der jüdischen Geschichte begreift Hacohen als Abfolge von Landnahme – Katastrophe – Exil und Rückkehr. Soweit die Theorie. Am 20. April 2026 war Malachi Haim Hacohen Vortragender im Internationales Forschungszentrum für Kulturwissenschaften in Wien. Dies ist ein Institut der Linzer Kunstuniversität, deren Vorträge man auch online über Zoom mitverfolgen kann, und Hacohen ist in diesem Semester Fellow dieses Instituts. Mit seinem zyklischen Geschichtsverständnis steht Hacohen auf dem Fundament der antiken Philosophie, aber auch in der Nachfolge Johann Wolfgang von Goethes und besonders Friedrich Nietzsches, der die „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ postuliert hat. Mit Fakten belegen liessen sich solche Theorien bisher nicht – die tatsächlichen historischen Ereignisse überraschen uns immer wieder.

 

Also war ich gespannt auf gänzlich neue Erkenntnisse über „The Future of Jewish History, Catastrophe, Diaspora, and Exile“. Doch leider wurde ich enttäuscht, denn Hacohen gab eine Bibelvorlesung mit den altbekannten Königreichen, Unterwerfungen, Exilen in Ägypten und Babylonien, Zerstörungen des Tempels. Alles, was aus dem Religionsunterricht hinlänglich in Erinnerung ist, wurde wiederholt. Dann zogen 638 die Römer ab, und was kam dann? Mich hätte brennend interessiert, wie die chaotisch anmutenden Wanderungen, Vertreibungen und Ansiedlungen im Mittelalter und in den neuzeitlichen Staaten von Polen bis Persien in diese Theorie passen, wo es gänzlich unterschiedliche Entwicklungen gab. Aber leider – Hacohen blendete 1.300 Jahre völlig aus und setzte 1947 fort, nach dem Holocaust, den er als „erste Katastrophe“ des Judentums bezeichnete, eine unglückliche Formulierung.  Dass in der Diaspora ein „Leben in der Erwartung“ geführt wird, leuchtet ein, man wünscht sich ja auch jedes Mal am Sederabend „Nächstes Jahr in Jerusalem“ und auf den Messias kann man ebenfalls warten, wenn man will, selbst in Eretz Israel. Doch die Theorie der zyklischen Abfolge von Katastrophe, Vertreibung und Exil konnte Hacohen für die Gegenwart nicht begründen und blieb dementsprechend den angekündigten Exkurs über die Zukunft Israels im Zeitalter der schwindenden Nach-Holocaust-Sicherheit schuldig. Wie es mit dem jüdischen Staat weitergehen soll, was die nächste Umdrehung des Rades der Geschichte bringen wird, erfuhren wir nicht. Hacohen ist kein Prophet, er wollte einen solchen auch nicht spielen.

 

Obwohl er einige interessante Gedanken entwickelte – etwa zum Topos des Hurban als Zusammenziehung zweier Zerstörungen des Tempels, die Redaktion der Torah im Exil, die Heiligung des Lebens in der Diaspora und die Vorstellung von der Torah als geistiger Heimat der vertriebenen Juden – konnte Hacohen seine Theorie nicht schlüssig darstellen. Stattdessen bildeten den Schlussteil seines Vortrages vermischte Gedanken zum Staat Israel, dem Zionismus und dem Messias als letzter Instanz. Die beste Zeit für das Judentum war für ihn die späte Franz-Josef-Zeit (wirklich, trotz Karl Lueger?). Dazu kamen eigenartige Sätze wie „Israel ist keine Nation, weil es keine stabilen Grenzen hat“. Tatsächlich? Was sollen da die Deutschen oder die Polen sagen? Und Israel ist eine Nation, die sich vom europäischen Judentum weit entfernt hat. Schade, dass es wieder keinen grossen Wurf einer Geschichte des Judentums gibt, wieder klafft die Lücke von den Römern bis zu Moses Mendelssohn, wieder gibt es keine durchgängige Struktur, die Orientierung schafft. Liest man Bücher zur Geschichte des Judentums in diversen Städten oder Ländern, dann fallen einem diese immer gleichen Muster auf: vor 1.000 Jahren gab es einen Juden in einer bestimmten Stadt, später keinen mehr, 1350 wurden welche vertrieben, 1420 wieder, ebenso 1670, dann gab es keine mehr, dann ein paar, und 1848 ganz viele Juden.  Was war dazwischen? So erscheint die jüdische Geschichte der Diaspora als ein kolossaler Emmentaler, mit einzelnen Ereignissen, zwischen denen Löcher klaffen. Wir hoffen nicht nur auf den Messias, sondern vor allem auf die Geschichtswissenschaft, welche aus dem Emmentaler dereinst ein schmackhaftes Fondue zaubern wird (ich weiss, dazu bräuchte man Greyerzer).

 

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Malachi Haim Hacohen. Foto: © Jan Dreer, ifk 2026, mit freundlicher Genehmigung.