Der Song-Contest in der Stadt der Antisemiten – sie tun es schon wieder?
Wien war um 1900 – so wie Paris oder London – eine Hochburg des Antisemitismus. Nach dem 7. Oktober 2024 ist es wieder soweit, die Judenhasser in den drei Weltstädten schlagen zu. Jahrzehntelang schwafeln Politiker vom „Nie wieder“ und „Wehret den Anfängen“ – und was nun? „Anfänge“ sind das schon nicht mehr, der Mob hat sich Israel und gleich alle Juden dazu als Feindbild ausgewählt. In Paris und in London mit ihren grossen jüdischen Minderheiten (jeweils 150.000 bis 200.000 Menschen) sind die Vorfälle häufiger und heftiger, Blutvergiessen und Brandanschläge scheinen an der Tagesordnung. In Wien mit seiner im Vergleich dazu nahezu verschwindend kleinen Minderheit von 8.000 Menschen jüdischen Glaubens war der Antisemitismus bisher gebremst, doch zeigt sich, dass die Lippenbekenntnisse der Politiker über das blosse Geldausgeben nicht hinausgehen (vergleiche die unsägliche Schiefstellung des Lueger-Denkmals, eine absolut unnötige Aktion, die in einer Zeit des neuen Antisemitismus überhaupt nichts bringt, ausser Gewinn für eine Baufirma). Den Wiener Bürgermeister aber auszupfeifen, weil Israel beim Songcontest mitmacht? Das versteht niemand.
Für den Tag des ESC-Finales am 16. Mai 2026 war eine Grossdemonstration unter dem Titel „Keine Bühne für den Völkermord“ angekündigt, eine antisemitische Veranstaltung, zu der 3.000 Demonstrierende erwartet wurden: Judenhass mobilisiert immer (wie damals bei Lueger). Es kamen deutlich mehr Menschen zu diesem Auflauf, die Tageszeitung Kurier schrieb, sogar eine Pensionistin aus Deutschland sei gekommen (wie toll!). Man marschierte jedoch nicht über die Ringstrasse (danke!), sondern durch die entern Gründ des 15. und 16. Hiebes. Als Startpunkt gab man „Christian Broder-Platz“ an (nicht einmal den Namen konnte man korrekt schreiben). Auf der Webseite wurde gleich um Spenden gebeten und empfohlen, Rot zu tragen, „als sichtbares Zeichen gegen Völkermord“. Die Reden wurden nicht nur von heimischen Antisemiten gehalten, sondern auch vom Palästinensischen Botschafter Abdel Shafi, der im September 2025 für Aufregung gesorgt hatte, als er davon sprach, man solle dem Staat Israel „ein Ende setzen“. Diesmal reichte es nur dafür, die ESC-Beteilung Israels eine „Schande“ zu nennen. Schliesslich griff er noch Österreich als mitschuldig am Holocaust an – einem Mann, der die Hamas-Mörder verteidigt, steht dies meiner Meinung nach nicht zu. Hinter der Antisemiten-Demonstration standen Organisationen wie „Antiimperialistische Koordination“, „Dokustelle Islamfeindlichkeit“, „Graz for Palestine“ oder „Revolutionäre Kommunistische Partei Österreichs“ – insgesamt 53 obskure Gruppen.
Kurz vor ihrem Tod sagte die langjährige Zeitzeugin Helga Pollak-Kinsky in einem Interview, sie glaube, ihre jahrelange Aufklärungstätigkeit habe überhaupt nichts gebracht. Ich hielt dies damals für zu pessimistisch, doch heute erkenne ich, dass sie recht hatte. Seit der Waldheim-Affäre, vor allem seit dem „Bedenkjahr“ 1988 ging eine Flut von Informationen auf österreichische Schüler nieder: Broschüren, Filme, Aktionen wie „Letter to the Stars“, die Arbeit des Mauthausen-Komitees, des DÖW, verschiedenster Museen: war das alles für die Katz‘? Anscheinend wurden seither zwei Millionen Antisemiten nach Österreich importiert, die auch ein Grund dafür sein mögen, dass der Antisemitismus rasant angestiegen ist. Dennoch zeigt die heutige Situation, dass der Judenhass bestimmten Bevölkerungsgruppen, und zwar nicht nur „Ausländern“, eingebrannt ist wie das Brandmal der Kuh auf der Weide. Dazu kommt, dass der Antisemitismus von rechts ergänzt wird durch den neuen Antisemitismus von links, der sich nach dem Hamas-Massaker rasant vermehrt hat. Leider haben dies jüdische Politiker noch nicht mitbekommen und schiessen in Richtung FPÖ, was sie bei derzeit etwa 37 Prozent der Bevölkerung automatisch zum Feindbild macht. Wenn man die Linke – Teile von SPÖ, Grünen und die KPÖ – dazuzählt, sind zwei Drittel des politischen Spektrums judenfeindlich eingestellt. Was wirkt gegen solche Verblendung? Information und Aufklärung in den Schulen offenbar nicht, „Gedenkkultur“ schon gar nicht. Vielleicht ist das Versagen der Antisemitismus-Prophylaxe im andauernden Rückgriff auf den Holocaust und dessen negativen Botschaften begründet. Positive Formulierungen, eine Bezugnahme auf das heutige jüdische Leben, auf Zedaka (die Wurzel der Charity), auf die grossen Leistungen der jüdischen KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen – Ferenc Olti hat dies mit seinem „Museum der jüdischen Exzellenz“ in Balatonfüred, Ungarn versucht, dort bisher mit grossem Erfolg.
Dass Israel beim Song-Contest völlig überraschend den zweiten Platz belegen konnte, zeigt, dass die Hasswelle nicht aus der Mitte der Bevölkerung kommt, sondern von linken Medien provoziert wird. In der Stadthalle gab es während des Auftritts von Noam Bettam heftige Buhrufe und Pfeifkonzerte, doch bekam er von den Fernsehzuschauern in Österreich acht Punkte und vom ORF sieben, ein schönes Ergebnis. Auffallend demgegenüber die Abstimmung im Vereinigten Königreich: die Zuschauer gaben zehn, die BBC gab null Punkte. So funktioniert Meinungsmache. Aber es wird ja alles gut werden, es kommt irgendwann der Maschiasch:
„Reden zwei Juden (Polen, Vorkriegszeit) miteinander, der eine sagt, ich habe jetzt einen Job für die Ewigkeit. Totengräber? Nein, ich bin der Torwächter, der auf den Maschiasch wartet und werde dafür bezahlt! Nie wieder arbeiten!“
Nachlese
https://www.grossdemowien.at/2026.05.16/
https://kurier.at/chronik/wien/grossdemo-zieht-durch-wien-brandreden-gegen-israel/403160568
https://www.zsidokivalosagok.hu/

Noam Bettan 2025 Foto: Yair Sigron. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=181297988

Noam Bettan beim ESC 2026. Foto: Granada. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=191893216