Christoph Tepperberg
Stefan Karner, Gauleiter Uiberreither. Zwei Leben. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage. Graz-Wien: Universitätsverlag Leykam, 2025 (= Veröffentlichungen der Historischen Landeskommission für Steiermark, Band 46 und Veröffentlichungen des Ludwig Bolzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung, Sonderband 29)
Hardcopy, 511 Seiten, 140 Fotos, über 50 Abbildungen, 1 Karte; Preis: 40,00 Euro
ISBN: 978-3-7011-05997-7
Der Autor: Es ist kaum erforderlich, den Autor des vorliegenden Bandes vorzustellen: Stefan Karner (geb. 1952) ist einer der renommiertesten Zeithistoriker Österreichs. Er war bis 2018 Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz und Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz.
Sein Buch über Gauleiter Uiberreither stiess auf derart grosses Interesse, dass es schon wenige Wochen nach Erscheinen vergriffen war. Im April 2025 wurde eine zweite Auflage präsentiert. Die hier innerhalb des Jahres vorgelegte dritte, erweiterte und überarbeitete Auflage ergänzt den Band um wichtige Details und bietet viele zusätzliche Abbildungen.
Die buchstäblich unfassbare Geschichte der „zwei Leben“ Uiberreithers, die jeweils 37 Jahre dauerten, werden von Stefan Karner in penibel recherchierten Details, anhand zahlloser Originalquellen und mit einer Vielzahl von Fotos und Illustrationen rekonstruiert. Der Autor ruft damit – 80 Jahre nach Kriegsende – einmal mehr die Schrecken der NS-Herrschaft und insbesondere die Grausamkeit der sogenannten Endphaseverbrechen in Erinnerung. Andererseits offenbart sein Buch auf spannende Weise, wie lange und erfolgreich Nazi-Netzwerke in der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaft wirksam waren, wodurch Kriegsverbrecher ihrer gerechten Bestrafung entgehen konnten.
Der Band beginnt mit einer ausführlichen Einleitung. (S. 9-35) Diese beschäftigt sich auch mit der Genese des Buches, die bis in das Jahr 1986 zurückreicht,1 und mit den schwierigen Quellenstudien zu Uiberreither und seinem Umfeld. Die biographische Studie ist in 5 Kapitel gegliedert: 1. „Wie es wurde, was es war“ (S. 29-49), 2. „Ich ging meiner Arbeit nach“ – Die Herrschaft (S. 65-192), 3. „Ein überzeugter Anhänger des Führers“ – In Alliierter Haft (S. 235-280), 4. „Wer suchte nach mir?“ – Die Flucht (S. 293-302) und 5. „Wer stellte mich vor Gericht?“ – Das neue Leben in Sindelfingen (S. 311-367).
„Das erste Leben“
Wer war Siegfried Uiberreither? Hitler ernannte den kaum 30-Jährigen Siegfried Uiberreither (1908–1984) im Mai 1938 zum Gauleiter der Steiermark. Die neue Aufgabe fasste dieser als Berufung auf: eine 100-prozentige Erfüllung der Pflichten, die unbedingte Treue zu Hitler, ein vergrösserter Gau, dem 1938 das südliche Burgenland ein- und 1941 die ehemalige Untersteiermark (heute Slowenien) angegliedert wurden, waren die Basis seiner Herrschaft. Persönlich intelligent, musisch, kulturaffin, asketisch, korruptionsfrei, sportlich, bergverbunden, doch häufig unbeherrscht, jähzornig, überheblich und eitel. – Als Dr. Juris fühlte er sich nichtakademischen Gauleitern weit überlegen. Bei der Verfolgung politischer Gegner war er brutal und in der Befolgung gesetzlicher Vorgaben bis zur Peinlichkeit übergenau, was er auch von seinem Umfeld, seiner Familie, der Partei und Verwaltung verlangte. (Resümee S. 369-371)
Das Kapitel „Wie es wurde, was es war“ beschäftigt sich mit der Zeit bis 1938: Familie und Erziehung in Salzburg, Studium in Graz, Promotion zum Dr. juris 1933 in Graz, Arbeit als Sekretär der Krankenkassen, Beitritt zur SA und NSDAP, 1939 Übernahme des Amtes des Grazer Polizeidirektors mit ersten Inhaftierungen, darunter Ferdinand Stanislaus Pawlikowski (1877–1956), Fürstbischof von Graz-Seckau – ein einzigartiger Vorgang im „Dritten Reich“. 1939 heiratete er Käthe Wegener (1918–2012), Tochter des bekannten Polarforschers Alfred Wegener (1880–1930).
„Die Herrschaft“: Uiberreither leitete und exekutierte die nationalsozialistische Politik in der Steiermark mit eiserner Hand. Sein Wort war Befehl, seinen Anordnungen wagte niemand offen zu widersprechen. Er hatte Geiselerschiessungen und politische Morde zu verantworten oder beauftragt. Zu seiner Politik gehörte natürlich auch der Genozid an den Juden in seinem Wirkungsbereich.2 (S. 83-87) In unverbrüchlicher Treue zu seinem „Führer“ und zur NS-Ideologie liess er Regimegegner ermorden, Juden, Roma und Sinti deportieren bzw. in den Tod schicken und hunderttausende Slowenen der Untersteiermark durch Schädelmessungen rassisch bewerten. Im „Totalen Krieg“ (ab 1943) hatte Uiberreither die Kontrolle über die gesamte Kriegswirtschaft, den Einsatz von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. Dies alles verschafften ihm eine unglaubliche Stellung. Von sich selbst behauptete er, mehr Macht zu haben als Kaiser Nero im „Alten Rom“. (S. 13) Noch in den letzten Kriegstagen liess er Grazer Widerstandskämpfer ohne Gerichtsverfahren hinrichten und die berüchtigten Todesmärsche ungarischer Juden vom Südostwall, an dem sie unter Zwang gearbeitet hatten, durch die Steiermark Richtung Mauthausen zu. Als Reichsverteidigungskommissar trug er für die vielen Toten die Ermordeten entlang der Routen die Hauptverantwortung. Sein Verbrechensregister ist lang ...
„Das zweite Leben“
Im Juni 1945 wurde er von den britischen Militärbehörden festgenommen und zusammen mit dem Kärntner Gauleiter Friedrich Rainer (1903–1947) an wechselnden Orten interniert, zunächst in Klagenfurt, dann als Zeuge bei den Nürnberger Prozessen, schliesslich in Dachau. Ein Verfahren drohte dem Kriegsverbrecher nicht nur durch die britische Militärverwaltung in Österreich, sondern vor allem in Titos Jugoslawien. Anders als Uiberreither wurde Rainer in Ljubljana (Laibach) zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Uiberreither hingegen gelang im Mai 1947 die Flucht aus amerikanischer Haft in Dachau, die mithilfe eines Nazi-Netzwerkes, der Organisation Gehlen (dem späteren Bundesnachrichtendienst) und unter dem Schirm des amerikanischen CIC ermöglicht wurde. Bedingungen, Zeitpunkt, Täuschungen, Versteck und Unterkunft hatte der clevere Flüchtling selbst festgelegt. Seine neue Identität unter dem Namen Friedrich (Fritz) Schönharting und der Familiennachzug waren seine Konzeption, die gestreuten Desinformationen vor allem das Werk seiner Schwiegermutter Else Wegener (1892–1992). Er war somit der einzige Gauleiter, dem es gelungen war, 40 Jahre lang unter fremdem Namen und fremder Identität unterzutauchen. Seine Tarnung war wegen seiner eiserner Disziplin nahezu perfekt, auch deswegen, weil er seine engste Familie, selbst seine kleinen Buben, darauf eingeschworen und völlig abgeschirmt hatte. Damit blieben Uiberreithers Versteck, sein Tarnname, seine zweite Identität sogar viele Jahre über seinen Tod hinaus unentdeckt. (S. 312)
Der Lebensmittelpunkt der Familie war fortan Sindelfingen in Baden-Württemberg. Man lebte im Untergrund. Kontakte wurden zunächst auf ein Mindestmass beschränkt. Man konnte die Miteingebundenen an 10 Fingern abzählen: darunter der Bürgermeister von Sindelfinger Arthur Gruber (1914–1981), dessen Sekretärin Anneliese Thollembeck, die 1948 das gefälschte Melderegister anzulegen hatte, und schliesslich der evangelische Pfarrer Geert Tepperberg.
Der Gauleiter wusste um sein tausendfaches Unrecht, suchte aber stets nach Ausreden und Entschuldigungen. Doch nie hätte er dabei die NS-Politik als falsch klassifiziert. Er berief sich auf den Befehlsnotstand. Er schob letztlich die Schuld an seinen Verbrechen jenen zu, deren Befehle er begrüsst und denen er gehorcht hatte, in letzter Konsequenz Hitler, von dem er sich nach Kriegsende verraten fühlte: „Der Führer hat mich im Stich gelassen!“ Diese verharmlosende Darstellung war eine für viele NS-Potentaten nach 1945 die allgemein übliche und typische Haltung.
In den 1950er-Jahren verebbten die Nachforschungen nach dem Gauleiter, weil man Uiberreither aufgrund der bewusst gestreuten Desinformation in Südamerika vermutete. Anfang der 1960er-Jahre konnte daher die Familie ihre sozialen Kontakte intensivieren.
Der Gauleiter war in Sindelfingen samt Familie zum evangelischen Glauben übergetreten und besuchte regelmässig Pferrer Tepperbergs pietistische Bibelstunden. Der Geistliche war ein mitreissender Prediger und hatte eine evangelische Frauengruppe gegründet, die bald auch Käthe besuchte. Tepperbergs Pfarrgemeinde konnte Uiberreithers Buben auf Radtouren in die Schweiz und nach Vorarlberg an den Bodensee mitnehmen. (S. 342) In der Kirche konnte Uiberreither relativ gefahrlos am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Zudem bot sich in den Gesprächen mit Pfarrern und in den Bibelrunden eine geistige und weitgehend anonyme Auseinandersetzung mit essentiellen Themen – vor allem mit den Fragen seiner persönlichen Schuld, die ihn zunehmend belastenden, obwohl er diese weiterhin weit von sich schob. Doch hier musste er sich nicht deklarieren und hatte keine anklagenden Antworten zu gewärtigen. (S. 348) Er fühlte sich im kirchlichen Umfeld sicher, auch wenn dort immer wieder gegen den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen gepredigt wurde. Uiberreithers Glaube war wohl eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Überlebensstrategie. (S. 371) Andererseits lebte der Gauleiter in der ständigen Angst, dass ihm seine Untaten nicht vergeben werden. In der pietistischen Bibelstunde hatte ihn besonders beeindruckt und beruhigt, „dass letzten Endes Gott da sein [...] und einem alles vergeben wird.“
Zu Pfarrer Tepperberg hatte man ein besonderes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Uiberreither verstand sich bald sehr gut mit dem aus der Bukowina stammenden Alt-Österreicher. Siegfried und Käthe Uiberreither, nunmehr Schönharting, begriffen sich als kultivierte Menschen. Bei Familie Tepperberg fühlten sie sich als Akademiker unter ihresgleichen. Es bestand eine emotional-kulturelle Nähe. So wurden Tepperberg und Kirche zu Uiberreithers Zufluchtshort.
Die ursprünglich jüdische, dann evangelische Familie Tepperberg stammte aus Tarnopol in Galizien (Ternopil, Westukraine) und lebte nach dem Polnischen Aufstand (1863) in Radautz in der Bukowina (Rădăuți, Rumänien). Geert Tepperberg wurde 1909 in Suczawa, Bukowina (Suceava, Rumänien) geboren. Sein Vater war Richter, seine Mutter Lehrerin. Geert studierte Evangelische Theologie in Halle an der Saale, war später Seelsorger im Sudetenland und nach dem Krieg Pfarrer in Baden-Württemberg. Wie konnte ein vom NS-Regime aus rassischen Gründen Verfolgter zum Vertrauten und Beichtvater eines Massenmörders werden? Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die Tepperbergs hatten als Bukowina-Deutsche ein ausgeprägtes Nationalgefühl, das durch den Chauvinismus der rumänischen Nomenklatura noch befeuert wurde. Ein weiteres Bindeglied war sicher der Antistalinismus. Zudem war Tepperbergs Hilfsbereitschaft Ausfluss seiner christlichen Überzeugung von Vergebung und Nächstenliebe. Abgesehen davon unterlag Tepperberg als Geistlicher einer Verpflichtung zu Verschwiegenheit. Jedenfalls gingen die Uiberreithers bei Tepperbergs ein und aus.
Siegfried Friedl Uiberreiter alias Friedrich (Fritz) Schönharting starb am 29. Dezember 1984 in Sindelfingen an fortgeschrittener Demenz. Käthe überlebte ihren Mann um 28 Jahre und wohnte sehr zurückgezogen im Pflegeheim Burghalde zu Sindelfingen. Zum mittlerweile pensionierten Pfarrer Tepperberg hielt sie weiterhin Kontakt, besuchte ihn und dessen Gattin, kam regelmässig zum Kaffee. (S. 363)
Der Autor beendet seine profunde Studie mit einem echten Resümee (S. 369-371), also einer Zusammenfassung der zuvor dargestellten Inhalte. In vielen Publikationen werden bei solchen Gelegenheiten oft auch neue Fakten „untergebracht“. Der Band enthält einen umfangreichen Anhang: Anmerkungen / Fussnoten (S. 375-423), Kurzbiographien von Personen im Umfeld Uiberreithers (S. 425-470), Quellen (S. 485-486), Literaturverzeichnis (S. 487-506), Abkürzungsverzeichnis (S. 507-509), Foto- und Abbildungsverzeichnis (S. 511), Ortsregister (S. 513-517), Personenregister (S. 518-527) und eine Kurzbiographie des Autors (S. 528).
Anmerkung
1 Stefan Karner: Die Steiermark im Dritten Reich: Aspekte ihrer politischen, wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Entwicklung. Graz: Leykam Verlag, 1. u. 2. Aufl. 1986, 3. Aufl. 1994.
2 Vgl. auch Heimo Halbrainer / Marco Jandl / Thomas Stoppacher (Hrsg.): NS-Herrschaft, Verfolgung und Widerstand in der Oststeiermark 1938–1945. Graz: CLIO Verlag 2025; https://davidkultur.at/buchrezensionen/ns-verfolgung-und-widerstand-in-der-oststeiermark-19381945
