Ausgabe

Immer noch rasend gut – Egon Erwin Kisch

Michael Bittner

Inhalt

Georg Pichler/ Joachim Gatterer: Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg. 

Wien: Atelier Edition 2026

 Gebunden, 306 Seiten, Euro 28,00.-

ISBN 978-3-99065-150-6

 

Georg Pichler und Joachim Gatterer haben ein Buch herausgegeben, das den Titel trägt: Egon Erwin Kisch. Der rasende Reporter im Spanischen Bürgerkrieg, es erschien 2026 in der Atelier Edition, Wien. Gibt es noch Neues von einem Mann, der bereits seit 1948 tot ist? Jawohl, dieses Buch bringt viele unbekannte Texte von Egon Erwin Kisch und über ihn, und neue Aspekte seiner Biografie. Was hat der österreichisch-deutsch-tschechische Vorzeigereporter nicht alles gemacht: von der  Aufdeckung der Affäre Redl über die kurzzeitige Gründung der österreichischen Volksdemokratie bis zu ausgedehnten Reisen durch die ganze Welt. Dabei besuchte er 1937 Spanien, dessen demokratisch gewählte, linke Regierung sich mit den faschistischen Militäreinheiten Francos einen blutigen Bürgerkrieg lieferte. Diese wurden von Nazideutschland und Italien (vor allem mit Bombenflugzeugen) unterstützt, die Regierung von den Internationalen Brigaden, gebildet aus Kommunisten und Sozialisten aus vielen europäischen Ländern. Diese waren der Grund für das Interesse des Reporters, und seine Berichte trugen dazu bei, dass dieser Bürgerkrieg für die Linke bis heute eine fast religiöse Verehrung hervorruft. Man denke an das umfangreiche Werk von Erich Hackl, der dieses Ereignis vielfältig zelebriert hat.

 

Der vorliegende Band bezieht seine Relevanz aus den Texten von Kisch, die denen von Zeitgenossen gegenübergestellt werden. Kisch war ein begnadeter Selbstdarsteller, ein Alpha-Mann, der sein Heldentum offen zur Schau trug. Dieses Selbstbild wird durch die Texte von Freunden konterkariert, die Kisch als kranken, erschöpften, alternden Mann sehen, dessen schwere Verletzung beim „Landfall“ in Sydney niemals verheilt war. Kisch kämpft sich keuchend durch die Frontlinien, berichtet in seinen Texten vom Heldenmut der Internationalen Brigaden, von ihrer „nationalen Vielfalt und ideologischen Einheit“, von ihrer Überzeugung, auf der Seite der „Guten“ zu stehen, im Gegensatz zu den Soldaten der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg, denen er „Drückebergerei“ vorwirft. Er lobt die Organisation der kommunistischen Regierung, die Einrichtung der Lazarette in enteigneten Villen, die Betreuung in den Kinderheimen. Er berichtet immer über die Geschehnisse hinter der Front, obwohl er sich zeitweise in der Gefahrenzone befindet, schreibt aber nichts über die militärischen Geschehnisse und Verluste. Seine Texte hatten die Absicht, die Öffentlichkeit für die republikanische Regierung einzunehmen, insgesamt entstanden so in fast einem Jahr in Spanien nur achtzig Seiten, die kein eigenes Druckwerk ergaben. Die Schrecken des Krieges sparte Kisch weitgehend aus.

 

Bei der Berichterstattung aus Spanien, die mit Verve und Pathos den Heldenmut der Internationalen Brigaden und die humanistische Politik der kommunistischen Regierung preist, erhebt sich die Frage, ob Kisch nichts von den gleichzeitigen stalinistischen Schauprozessen wusste. Er wusste, es traf ihn  tief, doch er meinte, dass die Sache des Kommunismus sei es wert. Erst bei Bekanntwerden des Molotov-Ribbentrop Paktes 1939 wollte Kisch aus der Partei austreten (was Ernst Bloch verhinderte).

 

Im Gegensatz zu den heute noch verbreiteten Spanien-Klischees der Linken vom Opfermut, der Kameradschaft und der übernationalen Verbundenheit wurde Kisch von Spitzeln der KPD, aber auch des spanischen Geheimdienstes überwacht. Da er einen grossen Bekanntenkreis hatte, eigenständige Meinungen vertrat und mit Menschen Kontakt hatte, die als „Trotzkisten“ gebrandmarkt wurden, legte man im Oktober 1937 einen Akt über ihn an, der erst 1940, nach seiner Ankunft in Mexiko, geschlossen wurde. Kisch hat nie erfahren, dass seine „Parteifreunde“ ihn ständig bespitzelten. 

 

Billy Wilder meinte, Egon Erwin Kisch sei der Thomas Mann der Reportage gewesen. Die Selbstzeugnisse und Aussagen von Freunden in diesem Buch lassen uns erkennen, dass dies eine Fassade für die Aussenwelt war. Kisch war ein feinfühliger Mensch, der an sich zweifelte, ein Reporter, der sich niemals schonte und ein Verzweifelter, der Schreibblockaden durchlebte Dieses Buch ist gut recherchiert und klug zusammengestellt: es beleuchtet ein entscheidendes Lebensjahr des „rasenden Reporters“ aus mehreren Blickwinkeln und ergänzt als umfangreiche Materialsammlung die Biografie des Reiseschriftstellers. Ein wichtiges Buch für jene, die auch heute noch meinen, der Spanische Bürgerkrieg sei eine linke Heldenerzählung, aber auch eine lesenswerte Einführung für Leser, die sich noch nicht in die Zwischenkriegszeit vertieft haben, die hervorragende Abhandlung über „Don Kischote“ von Georg Pichler ab Seite 255 ist dafür gut geeignet. 

 

Es bleibt zu hoffen, dass weitere Bände erscheinen können, die andere Lebensphasen von Egon Erwin Kisch beleuchten – etwa die Jahre in Wien, 1913 die Affäre Redl und 1918 den Umsturz, oder 1946/47 die Ereignisse in Prag. Faszinierend ist das Mosaik aus Selbst- und Fremdzeugnissen, das bei Schriftstellern des 20. Jahrhunderts noch möglich ist: Publikationen, Tagebücher, Artikel, Briefe werden ausgewertet. Wie wird das bei späteren Generationen sein? Wird es jemanden geben, der sich durch die Emails arbeitet und Internetarchive durchforstet? Nein, Kisch wird uns alle überleben.

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