Ausgabe

Die Emigration jugoslawischer Jüdinnen und Juden in den Staat Israel (1948–1952) (Autor: Milan Radovanović, Belgrad) Teil III

Anna Maria Grünfelder

Der Bund der jüdischen Kultusgemeinden Jugoslawiens übte sich in pragmatisch positiver Haltung zum kommunistischen Jugoslawien: er bemühte sich, die überlebenden Opfer des Holocaust in Jugoslawien zu halten und ihnen Jugoslawien als Heimat anzuempfehlen

Inhalt

Als aber die Emigration in den Staat Israel aktuell wurde und die Unterstützung des Bundes der jüdischen Kultusgemeinden Jugoslawiens gefordert war, leistete er sie: Der Bund vermittelte zwischen Einzelpersonen, lokalen Gemeinden und den zentralen Behörden, die die Entlassungspapiere aus dem jugoslawischen Staat und die Auswanderungsgenehmigungen ausstellten, besonders, wenn es zu Verzögerungen kam und die Reisetermine zu verfallen drohten. Den Zwiespalt zwischen dem Bestreben, in Jugoslawien beheimatet zu werden, zugleich aber die Auswanderung der jugoslawischen Juden nach Israel aktiv zu unterstützen, löste der Bund, indem er darauf verzichtete, die Emigration und seine eigene Mithilfe mit zionistischen Motiven zu unterfüttern. Genauso verhielten sich auch die potentiellen Auswanderer. (S.115)

 

Der Bund organisierte die Alija – gemeinsam mit den staatlichen Behörden, die die Dampfer im Hafen von Rijeka – den Dampfer „Radnik“ und das griechische Schiff „Kephalos“ – stellten. Die amerikanische Organisation für die Auswanderung der Juden JOINT finanzierte die Alija. Die Finanzierung durfte jedoch wegen der jugoslawischen Gesetzgebung nicht direkt an den Bund gehen: Er musste dafür einen eigenen, „Autonomen“ Fonds gründen (S. 193-196) – das kommt im Buch allerdings, unverdienterweise, nicht zur Sprache: dieses Thema betrifft nämlich den Status, den die Juden im kommunistischen Staat erhielten. Ein einziges Mal, bei der Volkszählung 1948, durften sich die Juden als eigenständige, „nationale und religiöse Gemeinschaft“, also als Religionsgemeinschaft bezeichnen, 1945 hatten sie sich als Jüdische Kultusgemeinden wie vor dem Krieg konstituiert. Eine Religionsgemeinschaft konnte im kommunistischen Staat allerdings keinen offiziellen Status beanspruchen und daher auch nicht direkt öffentliche, beziehungsweise ausländische Subventionen beziehen. Wegen dieser Schwierigkeiten zog sich JOINT aus der Finanzierung 1949 zurück.  

 

Obwohl Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg zu den europäischen Ländern mit hohen Verlusten an Menschenleben gehörte, legte die jugoslawische Politik der dauerhaften Ausreise seiner Bürger kein Hindernis in den Weg. Im Gegenteil: „Jedermann ist frei sein Land zu verlassen“, proklamierte das jugoslawische Innenministerium seine Haltung zu Anträgen auf dauerhafte Auswanderung. Die Auswanderungswilligen mussten nach Erhalt der Einreisegenehmigung durch die israelische Vertretung in Belgrad im Innenministerium die Ausreiseformalitäten erledigen und die jugoslawische Staatsangehörigkeit ablegen. 

 

Mit der grosszügigen Erteilung von Ausreisevisen demonstrierte Jugoslawien aller Welt, dass es das Bekenntnis der Juden zu einem eigenen Staat respektierte und Verständnis dafür bewies. So durften auch jüdische Wehrpflichtige aus Jugoslawien auswandern, ebenso Straffällige, deren Strafen nicht mehr als zehn Jahre betrugen: ihnen wurde im Falle der Ausreisegenehmigung ein Erlass der Strafverbüssung gewährt. Die Straftaten dieser Straffälligen lauteten auf „Spekulationen" oder „schwere Verbrechen gegen den Staat“, und schliesslich zählten dazu noch Juden, die behaupteten, sie wüssten gar nicht, warum sie verurteilt worden waren. Aus ihren Dokumenten ging hervor, dass sie sich im Konflikt zwischen Tito und Stalin falsch, nämlich zugunsten der Resolution des Informbüros positioniert hatten, also Informbiroovci waren. (S. 237-241) 

 

Die andere Seite der jugoslawischen „Freizügigkeit“ bedeutete: Das Land entledigte sich mit der Emigration auch jener Juden, die den kommunistischen Staat nicht akzeptieren wollten, und denen gegenüber der kommunistische Staat auch besonders misstrauisch war (S. 209): einerseits der orthodoxen Juden, die ihre religiöse Bindung nicht der jugoslawischen Ideologie von der Verbannung von Religion aus der Öffentlichkeit opfern wollten. Sie gründeten daher ihre eigene Organisation (Udruženje ortodoksnih jevrejskih veroispovednih opstina). Diese verstand sich als unabhängig vom Bund und geriet mit diesem wegen des Anspruches des Bundes auf die Alleinvertretung aller jugoslawischen Juden vor den Behörden in Konflikt. Nach der ersten Auswanderungswelle, in der Mitglieder beider Organisationen gemeinsam reisten, hörte die Organisation der Orthodoxen in Israel zu bestehen auf. In Jugoslawien selbst hatten sich die Unterschiede zwischen Orthodoxen und Neologen schon angesichts der gemeinsamen Gefährdung im Krieg nivelliert und wurden nach dem Krieg im kommunistischen Staat völlig irrelevant. (S. 213)

 

Auch die kleine Gruppe der „echten“ Zionisten, für die „Erez Israel“ ein realer Begriff war, liess Jugoslawien gerne ziehen. Sie sahen Jugoslawien ohnehin nur als vorübergehenden Aufenthalt an und hatten nicht vor, sich in den Aufbau Jugoslawiens einzubringen. (S. 113, 114)

Andererseits bauten jugoslawische Stellen im Laufe der Erteilung der Ausreisegenehmigungen wegen offenkundigen Bedarfs an Arbeitskräften auch in Jugoslawien Hindernisse für die Ausreise für bestimmte Berufe und Qualifikationen ein. 

 

Israel sandte dem Bund „Bedarfslisten“ für Fachkräfte zu. Da es auch in Jugoslawen selbst Bedarf an solchen gab, das Innenministerium aber daran festhielt, dass jedermann frei sei, das Land zu verlassen, gab es ad hoc verfügte, nachträgliche „Einschränkungen“, Verbote durch Vorgesetzte (so bei Beamten) und mehr oder weniger versteckten Druck auf Auswanderungswillige, in Jugoslawien zu bleiben. Ärzte, Apotheker, Krankenpfleger, ja sogar Tierärzte erhielten generell keine Auswanderungsgenehmigung. Viele von ihnen waren Militärangehörige – und ihnen gegenüber war das Verteidigungsministerium rigoros in seiner Ablehnung der Auswanderung. Ausnahmen gab es nur bei Zahnärzten und Allgemeinmedizinern. Bis 1949 liberalisierten sich die Verhältnisse für sie, wie für andere hochqualifizierte Berufe. (S. 246)

 

Die Auswanderung bedeutete einen spürbaren Verlust an Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Jugoslawien. Von insgesamt 135 jüdischen Gemeinden der Vorkriegszeit wurden nur 56 reaktiviert: Kriterium dafür war die Erreichung des Minjan, der zehn Männer für den G’ttesdienst. Fünfunddreissig Gemeinden erfüllten längerfristig dieses Kriterium. Aber keine Gemeinde wurde aufgegeben. Wenn sie nicht von den Mitgliedern finanziert werden konnte, sprang der Bund ein. Wegen der zunehmend feindseligen Haltung des kommunistischen Staates gegenüber allen Religionsgemeinschaften, auch gegenüber den jüdischen Gemeinden, zog sich JOINT 1949 aus Jugoslawien zurück. 

 

Im Jahre 1949 beschloss der Bund angesichts der Auswanderungswellen eine Neubestimmung der Gemeinschaft, und zwar durch seine Umbenennung im Geiste des marxistischen Jugoslawiens, das die Trennung von Staat und Religionsbekenntnis forderte: auch die jugoslawischen Juden gaben die Einheit von religiöser und säkularer Gemeinschaft auf. Ende Oktober 1949, nach dem Ende der 2. Alija-Welle, wurde diese Initiative gestartet, zusammen mit dem Innenministerium, Ziel war die Konstituierung als „nationale Gemeinschaft“ mit den Schwerpunkten Kultur und Soziales. Innerhalb der Kultursektion sollten die religiösen Agenden Platz finden. Als neue Aufgaben gab der Bund vor: Pflege und Ausgestaltung der national-kulturellen Identität, Propagierung der Ideen des antifaschistischen Kampfes und „Frontarbeit“, Pflege der Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen in aller Welt, Betreuung sozial bedürftiger Gemeindeangehöriger und schliesslich, aber nur auf ausdrücklichen Wunsch von Gemeindeangehörigen, Ermöglichung religiöser Betätigung. 

 

Eine Rückwanderung Enttäuschter aus Israel wurde von Jugoslawien erschwert. Die Heimkehrer mussten wieder die jugoslawische Staatsbürgerschaft annehmen, erhielten aber ihr Liegenschaftsvermögen nicht mehr zurück.

 

Warum ist eine Darstellung der jugoslawischen Alijah für das Bild Nachkriegseuropas aufschlussreich? Nach dem Bruch Titos mit Stalin 1 lag Jugoslawien besonders daran, sich als menschenfreundliche Alternative zum Sowjetkommunismus zu profilieren. Titos Weigerung, sich Stalin zu beugen, fand in den „sozialistischen Staaten“ Zustimmung. Gerade Juden, die unter einem neuen, stalinistischen „Antisemitismus“ litten, flüchteten nach Jugoslawien: Milan Radovanović nennt rumänische und ungarische Juden, die wegen ihrer Unterstützung zugunsten von Jugoslawien im Konflikt zwischen Moskau und Belgrad von ihren eigenen Behörden schikaniert und zur Ausreise veranlasst, ja, von den Behörden dazu gezwungen worden seien. Jugoslawien präsentierte sich in diesen Jahren als Land des humanen Kommunismus, in dem – im Unterschied zu den anderen Staaten des sowjetischen Blockes – Juden legal ausreisen und eine neue Heimat suchen konnten In Jugoslawien wurden sie wie die jugoslawischen Juden behandelt und in die Alija aufgenommen. Darunter befanden sich aber auch Personen, die die Hinwendung Jugoslawiens zum Westen benutzten, um selbst in den Westen zu gelangen. (S. 256-260) Auch dieser Aspekt der Geschichte des Kalten Krieges – Jugoslawien als Zufluchtsort für Juden angesichts ihrer Verfolgung durch den Sowjetkommunismus – wurde erst durch diese Studie erhellt. Aus Osteuropa kamen Agenten, die die Emigranten ausspionierten. (S. 168, 169) Anfangs schoben die jugoslawischen Stellen die Einreisenden wieder in ihre Herkunftsländer ab; die jugoslawienfeindliche Propaganda im gesamten Ostblock wegen des Bruches mit Moskau erhielt damit zusätzlich Nahrung. Daher entschloss sich Jugoslawien rasch, alle diese Einwanderer sofort aufzunehmen und sie in die jugoslawische Alija einzubeziehen, obwohl die aus Osteuropa ankommenden jüdischen Emigranten zumeist keine gültigen Reisedokumente besassen. (S. 170, 171) 

 

Jugoslawien verlautbarte seine Entscheidung zugunsten der Anerkennung des Staates Israel (auch) als „radikale Distanzierung“ von den stalinistischen Systemen des Ostblocks: Da die Resolution des Informbiro (Informationsbüros der KOMINTERN) vom 26.05.1948  mit dem Datum der Staatsgründung Israels (14.05.1948) praktisch zusammenfiel, gewann diese Interpretation auch international an Glaubwürdigkeit, zumal sich Jugoslawien als Freund des neuen Staates profilierte – als Schicksalsgenosse, aus dem Volksbefreiungskampf entstanden, wie Israel aus der Entscheidung der Juden aller Welt, sich eine neue Heimat zu schaffen, entstanden war. Man muss bedenken, wie sehr der Volksbefreiungskrieg Jugoslawiens die jugoslawischen Nationalitäten zusammengeschweisst hatte, um zu verstehen, wie aufrichtig diese Freundschaft Jugoslawiens zum Staat Israel in seinen Anfängen war, besonders nach dem Angriff der Koalition Ägypten–Syrien–Jordanien auf Israel am 15. Mai 1948.

 

Dieses Motiv hat Radovanović erstmals angesprochen – ihm gebührt daher das Verdienst, die Entstehungsgeschichte des Staates Israel mit der Geschichte des Kalten Krieges verknüpft zu haben: Jugoslawien hoffte, mit der Förderung der Emigration der Juden nach Israel neue Freunde in der internationalen Politik zu gewinnen. Jüdische Organisationen aus den U.S.A. versprachen im Gegenzug, Jugoslawien als glaubwürdig prowestlich zu akzeptieren. Diese Freundschaft zerbrach jedoch 1967, als Jugoslawien wegen der israelischen Besetzung des Westjordanlandes und der Sinaihalbinsel die Beziehungen zu Israel abbrach. Die exjugoslawischen Emigranten, die ihrer Heimat verbunden geblieben waren, bekamen diese Entwicklung tragisch zu spüren. Jugoslawien behandelte sie bezüglich der noch ungeklärten Statusfragen gegenüber Vermögensrestitution und Erbrecht genauso unfreundlich wie Staatsangehörige der Besatzungsmächte Jugoslawiens während des Zweiten Weltkrieges (Deutschland und Italien). Letztlich blieb Jugoslawien bis zu seinem Untergang 1990 als jener Staat in Erinnerung, der mit den Israel feindlich gesonnenen arabischen Ländern paktierte und seine Abneigung gegen Israel auch der Blockfreien Bewegung aufzwang, in der Jugoslawien eine gewichtige Rolle spielte.

 

Diese Aspekte der Alija-Auswanderung nach Israel hat der Autor in seiner Studie sehr ausführlich dargestellt, um damit deutlich zu machen, dass die Alija keine Randepisode der Nachkriegszeit darstellt. Die Alija war vielmehr eng mit der Entwicklung des Kalten Krieges verbunden und stellte überdies einen Wendepunkt in der Geschichte des jugoslawischen Judentums dar. Die kleine jüdische Gemeinde, die in Jugoslawien nach dem Abschluss der Alija (1952) verblieben war, verstand sich nunmehr als eine Gemeinschaft unter den anderen jugoslawischen Völkern, eng verbunden mit ihnen und trotzdem mit eigenständiger Kultur.  Im September 1952 eliminierte der Bund mit Zustimmung aller lokalen jüdischen Gemeinden Jugoslawiens die Bezeichnung „Kultus“ aus dem Titel und nannte sich hinfort nur mehr Bund der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens

 

Teil I dieses Beitrags ist in Heft 148, Pessach 5784, April 2026, S. 50f. erschienen. Die Fortsetzung Teil II finden Sie in der Printausgabe von Heft 149, Sommer 2026, S. 26f. Mit Teil III in der Online-Ausgabe von Heft 149, Sommer 2026, ist der Beitrag nun abgeschlossen.

 

Anmerkung

1 Am 28. Juni 1948 erliess die Kommunistische Internationale (KOMINTERN) durch ihr Informationsbüro (INFORMBIRO) die Resolution über den Ausschluss von Titos Jugoslawien aus der Gemeinschaft der sozialistischen Staaten. Der Bruch der Freundschaft zwischen Stalin und Tito hatte sich schon seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) angebahnt, weil Tito den Aufruf der UdSSR an die kommunistischen Parteien in ganz Europa, alle ihre Kräfte zur Verteidigung der UdSSR zur Verfügung zu stellen, zurückwies und an die eigene Besetzung durch Hitlerdeutschland erinnerte. In der Nachkriegszeit erweckte Tito mit seinen Einmischungen in die Politik der griechischen, albanischen und bulgarischen Kommunisten Stalins Verdacht, er wolle auf dem Balkan eine eigenständige, von Moskau unabhängige Politik führen und sich zu Stalins Konkurrenten aufwerfen. Tito war zu keinem Entgegenkommen gegenüber Stalin bereit. Am 26.Mai 1948 richtete die KPSSR an die Jugoslawische Kommunistische Partei die Aufforderung, zur Linie Moskaus zurückzukehren. Tito lehnte dies ab, der Bruch Jugoslawiens mit dem gesamten kommunistischen Block war damit vollzogen. Auf https://intersoz.org/vor-70-jahren-bruch-zwischen-stalin-und-tito/,  aufgerufen 26.08.2025

 

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