Erstmals ist in Wien ein Haus der Moderne öffentlich zugänglich
Das Hietzinger Cottage war das Versuchsfeld der Moderne: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts realisierte Adolf Loos hier die richtungsweisenden Häuser Steiner und Scheu, nach dem Ersten Weltkrieg jene für die Familien Strasser und Rufer. Nach Josef Hoffmanns Plänen entstand noch in der Monarchie die Villa Primavesi, die eher ein luxuriös ausgestattetes Palais ist. Dann gibt es die schlichten, aber raffinierten Häuser Weissmann (von Heinrich Kulka) und das eigene Haus des Architekten Hugo George, weiters die richtungsweisende Malfatti-Siedlung von Siegfried Drach, sowie als Gesamtschau der Moderne die Werkbundsiedlung in der Veitingergasse: bei diesen 70 Häusern ging es dem Initiator Josef Frank um einen Gegenentwurf zur „doktrinären“ Bauhaus-Moderne, es ging darum, die vielfältigen Strömungen der Moderne zu zeigen – ganz im Sinne von Franks Aussage: „Man kann in jedem Stil ein gutes Haus bauen“.
Mit der Villa Beer verwirklichte Josef Frank seine Ideen einer undoktrinären, „befreiten“ Moderne, die ohne die rituellen Rahmungen und Wandverkleidungen der benachbarten Villen eines Adolf Loos auskommt und weiss ausgemalte Räume für „mobiles“ Mobiliar schaffen wollte. „Akzidentismus“ nennt Frank seine Haltung, alles soll wirken, als sei es zufällig zusammengewürfelt.

Gesamtansicht der Villa Beer, 2026. Foto: Stephan Huger.
Alle Abbildungen: Villa Beer Foundation, mit freundlicher Genehmigung.
Das etwa achthundert Quadratmeter grosse Haus ist horizontal und vertikal entlang eines räumlichen „Rückgrats“ organisiert, das die verschiedenen Ebenen von Speiszimmer, Halle und Wohnzimmer mit einem Zwischengeschoss (einer Galerie für einen Konzertflügel und die Bibliothek) verbindet. Diese über drei Ebenen verteilte, türlose Raumsequenz mit einer 27 Meter langen Sichtachse schafft eine Bühne für gesellschaftliche Zusammenkünfte, kann aber durch Zuziehen der Vorhänge in eine intime Wohnsituation verwandelt werden.
Der Architekturkritiker Friedrich Achleitner bezeichnete das Haus als eines der wichtigsten Zeugnisse Wiener Wohnkultur der Zwischenkriegszeit. Es ist wie durch ein Wunder in weiten Teilen original erhalten geblieben. Sein Schicksal, seine Geschichte würde anderes erwarten lassen: Das Ehepaar Margarethe und Julius Beer beauftragte 1929 Josef Frank mit dem Bau. Die Zeitläufte waren schwierig, Beers Firma, der Gummisohlenvertreiber „Berson“ geriet in Schieflage, die Kreditraten für das eben fertiggestellte Haus zwangen zur Vermietung. Der Startenor Richard Tauber lebte hier sowie sein Kollege Jan Kiepura mit Ehefrau und Assistent, einem Herrn Marcel Frydman, der später als Marcel Prawy Operngeschichte schrieb. Die Schulden drückten weiter, das Haus wurde versteigert, eine Versicherung bekam den Zuschlag. Die verkaufte es wiederum 1941 an das Ehepaar Pöschmann, das durch Arisierung der Textilfirma Talalewsky zu Geld kam. Die Beers schafften fast alle die Flucht, Julius und Margarethe in die U.S.A., die Tochter Helene Sternschein nach Schottland. Die andere Tochter Lillie, eine Photographin, war gehbehindert, bekam kein Visum, musste in Wien bleiben, wurde dann deportiert und ermordet. Das Haus selbst wurde in mehrere Wohneinheiten unterteilt, stand ein Jahrzehnt leer, bevor es Lothar Trierenberg im Jahre 2021 kaufte, mit der Absicht, es zu restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Nach dieser tragischen, wechselvollen Geschichte nimmt es Wunder, dass durch Wegnahme der späteren Interventionen das Haus zwar sanierungsbedürftig, doch in weiten Teilen original erhalten war: die Fussböden, die Stahlfenster mit teils ursprünglicher Verglasung, die Türen und Einbauschränke, selbst die Beschläge und Türdrücker, ja sogar die meisten Bäder mit Originalverfliesung.

Eingangshalle Villa Beer, 1930. Foto: Julius Scherb.
Ein Restauratoren-Team unter dem Architekten Christian Prasser war bestrebt,
die Patina des Hauses, Gebrauchtspuren, zu bewahren. Verlorengegangenes wurden durch Repliken ergänzt, wie etwa die Lichtschalter. Lothar Trierenberg wurde gefragt, warum er denn nicht selbst in dem Hause wohnen wolle? Um die heutigen Wohnvorstellungen eines energieeffizienten Hauses zu erfüllen, hätte man zu viele Veränderungen vornehmen müssen, wie etwa den Austausch der feingliedrigen Stahlfenster. Im Dachgeschoss hat man für Forscher eine Dreizimmerwohnung eingerichtet, die auch angemietet werden kann. Die einzigen wirklichen Eingriffe gab es im Kellergeschoss, wo neben einem Veranstaltungssaal auch ein Archivraum und ein Museumsshop eingerichtet wurden. Die Villa Beer ist das einzige Wohnhaus der Wiener Moderne, das öffentlich zugänglich ist. Es blieb der Initiative eines Privaten überlassen, das zu schaffen. Weder die Stadt Wien noch der Bund zeigten – ganz im Gegensatz zur Situation in den Nachbarländern – Interesse daran, eine Ikone der Moderne anzukaufen. Es darf auch bezweifelt werden, dass die öffentliche Hand eine Restaurierung in dieser Qualität geschafft hätte.
Informationen
Website der Villa Beer:
https://www.villabeer.wien/home