Im Herbst 1919 hat in Wien der Film „Zigarettenmädel“ Premiere, eine Komödie rund um einen Lottogewinn, in der die deutsche Schauspielerin Wanda Treumann agiert.
„Für Lustspiele habe ich eine Vorliebe,“ erzählt Wanda Treumann in einem Interview, „leider darf ich in meiner Serie nur zwei Lustspielfilme bringen, denn Dramen und Schauspiele gelten den Theaterbesitzern mehr.“1 Die Mimin spricht dabei auch als Unternehmerin, gehört sie doch zu den erfolgreichsten Produzentinnen der frühen Stummfilmära. Wer aber kennt heute noch ihren Namen?
Zelluloid konserviert Erinnerungen besser als so manches Zerebrum. Wenn das durchsichtige Trägermaterial mit 24 Bildern pro Sekunde durch einen Filmprojektor läuft, werden die darauf aufgenommenen Menschen wieder zum Leben erweckt. Doch was wissen wir über die Personen, die auf den laufenden Bildern für die Ewigkeit konserviert agieren und in zeitgenössischen Berichten als „unvergessliche“, „einmalige“ Erscheinungen gepriesen werden? Heute noch bekannte Namen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Asta Nielsen sind Ausnahmefälle, die meisten Stummfilmschauspielerinnen und -schauspieler sind längst vergessen und damit auch ihre Lebensgeschichten.
Zu diesen gehört Wanda Treumann, über die Leo Heller 1919 schreibt, sie wäre „furchtbar populär, beinahe wie Schiller und Goethe. In allen Warenhäusern und Schreibstuben mit weiblichem Personal schwärmt man für Wanda Treumann.“2 Ein Dutzend Jahre lang geniesst sie Ruhm und Ansehen als eine der populärsten Filmpersönlichkeit und -produzentinnen, danach hat sie vier Jahrzehnte Zeit, sich in das Vergessenwerden einzufinden. Die genaue Anzahl ihrer Filme kann nur mehr geschätzt werden, da der Grossteil davon verloren ging. Man vermutet, dass sie zwischen 1910 und 1922 in etwa neunzig Filmen spielte und fast ebenso viele produzierte.

Porträtpostkarte von Wanda Treumann zum Film Das Opfer der Yella Rogesius (1917).
Geboren wird sie am 17. November 1883 als Wanda Reich in der damals zu Preussen gehörenden oberschlesischen Stadt Loslau (heute: Wodzisław Śląski), wo die jüdische Familie Reich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ansässig ist und sich Wohlstand erarbeitet hat.3 Wandas Onkel Carl gehören eine Brauerei und ein Hotel, ihrem Vater Salomon Reich eine Spirituosen- und Likörfabrik, hinter der sich am Marktplatz von Loslau das ebenfalls in Familienbesitz stehende Haus Nr. 13 befindet, in dem Wanda als viertes Kind der Familie zur Welt kommt. Kurioserweise heisst Wandas Mutter Antonia vor ihrer Hochzeit so, wie sich ihre Tochter später ebenfalls schreiben wird: Treumann. Man darf sich das damalige Loslau als kleine, multireligiöse Stadt vorstellen, von deren 2.536 Einwohnern 2.104 katholischer, 302 jüdischer und 130 evangelischer Konfession sind.

Werbeanzeige zu einer Wanda Treumann-Filmserie in Der Filmbote (1917).
Elise, Felix Max, Arnold, Wanda und Betti Reich wachsen behütet auf. Schon auf der Höheren Töchterschule in Breslau (heute: Wrocław) träumt Wanda vom Theater und die Frauen in ihrer Familie sind durchaus selbstbestimmte Wesen. Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt Antonia Reich 1893 die Fabrik. Zehn Jahre später, am 17. Februar 1903, heiratet Wanda in ihrer Geburtsstadt den fast um zwei Jahrzehnte älteren, in Leipzig ansässigen Kaufmann Karl Treumann, den Besitzer einer Mühle in der Nähe von Gleiwitz (heute: Gliwice). Dass ihre am Standesamt geleistete Unterschrift als Wanda Treumann Jahre später tausende Fans begehren werden, kann zu jenem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Wanda schwebt allerdings keine Karriere als Unternehmersgattin vor, sie möchte Schauspielerin werden und ihr Mann unterstützt sie dabei.
Das Ehepaar übersiedelt von Leipzig nach Berlin, wo Wanda an der Reicherschen Hochschule für dramatische Kunst des Österreichers Emanuel Reicher Unterricht nimmt. 1910 debütiert sie am Trianon Theater, es folgen weitere Engagements in der deutschen Hauptstadt. Der dänische Filmpionier Viggo Larsen (1880–1957) verhilft ihr zu einer Karriere im aufstrebenden Medium der Kinematographie, der sie zunächst skeptisch gegenübersteht:
„Ganz erschrocken lehnte ich ab, denn ich hatte noch nie gefilmt und fürchtete, etwas zu verderben; doch Zureden half, und ich filmte zum ersten Male. Aus meinem Filmdebut habe ich viel gelernt; ich sah so manches an mir, das mir nicht gefiel, vieles, das besser hätte sein müssen. Merkwürdigerweise wurde der Film viel verkauft, und eine Berliner Firma begann sich für mich als Filmdarstellerin zu interessieren. Ich verliess die Bretter, die die Welt bedeuten, und ging zum Film.“4
In Entsühnt steht sie 1910 zum ersten Mal vor der Kamera. Drei weitere Filme folgen im selben Jahr, sieben 1911. Die Stummfilmproduktion jener Jahre arbeitet schnell, die Filme dauern nur etwa eine halbe Stunde, würden aus heutiger Sicht als Kurzfilme bezeichnet werden. Um finanziell erfolgreich bilanzieren zu können, gründet Wanda 1912 mit ihrem Mann und Viggo Larsen die Treumann Larsen Film GmbH und setzt damit einen Schritt, den Kolleginnen wie Henny Porten oder Erna Morena erst Jahre später wagen:
„Da machten wir uns – mein Meister und Partner im Lichtbild, Herr Oberregisseur Viggo Larsen und ich – ganz selbstständig. Das sind wir nun auch: die Fabrikation unserer neuen ,Treumann-Larsen-Serie`, deren Negative wir in unserem eigenen Aufnahme-Atelier mit unserem eigenen künstlerischen und technischen Personal selbst erzeugen.“5

Mit Fritz Achterberg in Das Teufelchen (1917).
Wandas Konterfei erscheint auf Postkartenserien, die europaweit verkauft werden, ihr Name bewirbt Filmserien, wird zum Erfolgsgaranten. Manchmal findet er sich sogar im Titel wie bei Wandas Trick (1918). „Wenn de Treumann spielt, dann jeh ick“ lautet in Berlin ein geflügelter Satz.6
Auffallend ist, dass Wanda Treumann noch nicht dem Idol der als „göttlich“ bezeichneten Filmschönheit wie etwa Greta Garbo entspricht, sondern das kultivierte, elegante Erscheinungsbild der 1910er Jahre verkörpert. Sie wirkt anmutig, die Augen in ihrem ovalen Gesicht sind mit dunklen Lidschattenfarben umrahmt, um einen geheimnisvollen, intensiven Blick zu erzeugen. Das Haar trägt sie hochgesteckt oder zu weichen Locken arrangiert, ein Look, der damals bei vielen Schauspielerinnen beliebt ist. In ihren Rollen agiert sie meist elegant kostümiert, in hochwertigen Stoffen und feinen Accessoires.
Im Jahr 1919 blickt Wanda Treumann auf ihre Karriere zurück und hält nüchtern fest: „Damen, die heute Filmstars werden wollen, haben es leichter wie wir, die wir vor mehreren Jahren die Laufbahn betreten haben. Heute braucht man nur tüchtig die Reklametrommel zu rühren, und der neue Star ist fertig. Vor einigen Jahren kannte man die Art, eine Filmdarstellerin durch Reklame hochzubringen, noch nicht. Man war einzig und allein von der Gunst des Publikums abhängig. Hatte man diese errungen, verlangten die Kinobesucher diese oder jene Schauspielerin im Film wiederzusehen, so wurde ein Film und später ein zweiter und dritter gemacht, und so hatte man sich durchgesetzt, bis man im Laufe der Zeit dazu überging, Serien herauszubringen.“7
1922 endet ihre Filmkarriere, sie ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt. Ein paar Jahre widmet sie sich noch dem Theater, allerdings ohne an ihre frühere Popularität anknüpfen zu können. 1927 stirbt Karl Treumann, die 1933 geschlossene Ehe mit dem Verlagsinhaber Hans Brenner endet 1937. Zu diesem Zeitpunkt verfolgt Wanda Treumann bereits den Plan, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen. Seit 1933 hat sie ihrer jüdischen Herkunft wegen unter Repressalien zu leiden, auf ihrer Karteikarte in der Reichsschrifttumskammer finden sich lediglich ihr Geburtsdatum und die Bemerkung „Volljüdin?“. Um einer Deportation in ein KZ zu entkommen, flüchtet sie Anfang 1938 mit ihrem Sohn Herbert Treumann an Bord der im Dienst der Lloyd Triestino Schifffahrtsgesellschaft stehenden SS Esquilino von Genua über Port Said nach Australien und lässt sich in Melbourne nieder.
In Europa wird sie rasch vergessen, erst die Wiederentdeckung der Stummfilmära ab den 1960er Jahren bringt ihren Namen wieder ins Gedächtnis von Fachleuten zurück. Sie selbst bleibt verborgen. „Das Todesdatum von Wanda Treumann ist nicht bekannt“ kann man lange Zeit lesen.8 Unbeachtet verwehen Meldungen wie jene der Association of Jewish Refugees, die 1958 schreibt:
„Wanda Treumann, star of the silent films, will celebrate her 75th birthday on November 17th in Melbourne, Australia.“9
Von der Fachwelt unbemerkt stirbt Wanda Treumann am 29. April 1963 im Alter von 79 Jahren in Melbourne und erhält im jüdischen Sektor des Fawkner Memorial Parks ihre letzte Ruhestätte. „May her dear soul rest in peace“ findet sich neben einem Davidstern auf ihrem Grabstein. Ein paar ihrer Filme haben sich erhalten, die Geschichte der Frau dahinter muss noch genauer erforscht werden. Erfreulicherweise gibt es seitens des Museums von Wodzisław Śląski mittlerweile Bestrebungen, sich im Zuge der Aufarbeitung lokaler Geschichte wieder an Wanda Treumann zu erinnern.

In der Maske zu Das Teufelchen (1917).
Alle Abbildungen: Österreichisches Filmmuseum, Filmbezogene Sammlung, mit freundlicher Genehmigung.
Anmerkungen
1 Die Frau im Film, Zürich 1919, S. 8.
2 Neues Wiener Journal, Nr. 9052, Mittagsblatt, 15. Januar 1919, S. 4.
3 In manchen Lexika findet sich fälschlicherweise Koclin als Geburtstort.
4 Die Frau im Film, Zürich 1919, S. 7.
5 Lichtbild-Theater, Nr. 41, 5. Oktober 1912, o. S.
6 Neues Wiener Journal, Nr. 9052, Mittagsblatt, 15. Januar 1919, S. 4.
7 Die Frau im Film, Zürich 1919, S. 7.
8
https://www.filmportal.de/person/wanda-treumann_
6513300812d347618256a8cbed4b8b1e
9 Association of Jewish Refugees Information, Nr. 11, London 1958, S. 9.