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Die Emigration jugoslawischer Jüdinnen und Juden in den Staat Israel (1948–1952) TEIL II

Anna Maria Grünfelder

Eine der seltenen historio­graphischen Studien (Autor: Milan Radovanović, Belgrad) zu dieser Thematik und ein Aspekt des „Kalten Krieges“ in Südosteuropa

Inhalt

Da sich in den Köpfen der westlichen Welt die Idee von Israel als einem Kolonialstaat festgesetzt hat, der die Palästinenser brutal unterdrückt und Genozid an ihnen verübt, muss bei aller berechtigten Kritik am israelischen Vorgehen im Gazastreifen daran erinnert werden, dass der Staat Israel als neue-alte Heimat der Jüdinnen und Juden in aller Welt gegründet wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollten die in den alliierten Lagern für „Displaced Persons“ (DPs) provisorisch untergebrachten Überlebenden des Holocaust aus ganz Europa grösstenteils nach Palästina. Es war nicht nur und nicht so sehr Zionismus, der sie motivierte, in der Ursprungsheimat Schutz vor neuen Verfolgungen zu suchen. Die Migranten nahmen dafür weite und nicht ungefährliche Umwege in Kauf, wie die beschwerliche Tour über die Alpenpässe in Tirol, in der damaligen französischen Besatzungszone, zu den Adria- und Mittelmeerhäfen, weil sich die Franzosen, zum Unterschied von den Briten und Amerikanern, gegenüber Migranten als hilfsbereit erwiesen.1

 

Jugoslawische Holocaust-Überlebende kehrten 1945 aus den nationalsozialistischen Lagern und den Ländern ihrer Flucht (1941–1945) nach Jugoslawien zurück – manche aber nur, um ihr dauerhaftes Verlassen der ehemaligen Heimat in die Wege zu leiten. Aus Rücksicht auf die guten Beziehungen zu Grossbritannien erlaubte der jugoslawische Staat seinen Staatsangehörigen nicht, an diesen von Hagana und Mossad organisierten, illegalen Migrationen über Jugoslawien nach Palästina teilzunehmen. Trotzdem riskierten Einzelne die illegale Auswanderung – insgesamt schätzungsweise an die hundert Personen. Erst nach der Ausrufung des Staates Israel durften die jugoslawischen Juden legal nach Israel auswandern. 

Die „Jugoslawische Alija“ brachte zwischen 1948 und 1952 mehr als 8.000 jugoslawische Jüdinnen und Juden – rund 60 Prozent der jugoslawischen Holocaust-Überlebenden (12.500 Personen) nach Israel. 

 

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Der Historiker der Belgrader Universität Milan ­Radovanovic2 

Alija ist das Thema des Buches von Milan Radovanović, “Iseljavanje Jevreja iz Jugoslavije u Izrael (1948–1952). Herausgegeben wurde dieses Werk vom Belgrader Museum der Genozide (Muzej genocida) im Jahre 2011. Es ist eines der seltenen historischen Werke zu diesem Aspekt der Geschichte des europäischen Judentums nach dem Holocaust.

 

Das Buch von Milan Radovanovic liegt derzeit nur in serbischer Sprache und zyrillischer Schrift vor. Dies ist zu bedauern, weil der Autor ein Thema bearbeitet hat, das eine spürbare Leerstelle in der Geschichte des europäischen Judentums nach dem Holocaust offenlegt. 3 Eine Übersetzung des Buches wäre für die Leser im deutschen Sprachraum ein Gewinn und eine wichtige Ergänzung zum Werk von Michael Brenner über die Juden in Deutschland unmittelbar nach Kriegsende. 

 

Leider fehlt im Buch eine Zeittafel der Alija-Fahrten 1948 – 1952. Dies ist aber auch schon das einzige fehlende Detail. Die hier rekonstruierten Daten wurden einem Aufsatz der Belgrader Historikerin Mladenka Ivančević4 entnommen:

 

1. Fahrt: November 1948, 4.115 Personen

2. Fahrt: Juni–Juli 1949, 2567 Personen 

Nach diesem Transport waren 1949 insgesamt 6.682 Personen emigriert. Die weiteren Fahrten wurden von erheblich weniger Emigranten genützt; die Personenzahlen beruhen auf Schätzungen.5

3. Fahrt: März 1950, 819 Personen

4. Fahrt: Mai 1951, --97 (?) Personen 

5. Fahrt: Juli 1951, 141 Personen 

6. Fahrt: Oktober 1952, 84 Personen. Diese Fahrt wurde (laut Ivančević) nicht mehr vom Bund organisiert, sondern der Eigenregie durch die Reiseteilnehmer überlassen. 

 

Die Gesamtzahl der von 1948 bis 1952 im Rahmen der Jugoslawischen Alija nach Israel emigrierten Jüdinnen und Juden belief sich auf 8.618 Personen, davon 4.517 aus Serbien, 2.747 aus Kroatien, 974 aus Bosnien und Herzegowina, 308 aus Makedonien (heute Nordmazedonien), 68 aus Slowenien und vier aus Montenegro.6 Radovanović geht nur von fünf Alija-Fahrten und insgesamt 7.739 jugoslawischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus.7

 

Israel gab jedoch relativ strenge Einreisebestimmungen vor: Die Zugehörigkeit zum Judentum als conditio sine qua non war in Jugoslawien von den Rabbinern festzustellen. Diesbezüglich mischten sich die israelischen Behörden nicht ein. Aber Jüdinnen, die mit Nichtjuden verheiratet waren, bekamen von den israelischen Behörden nur für sich Einreisegenehmigungen, nicht aber für den nichtjüdischen Partner, und auch nicht für die Kinder, wenn sie nicht jüdisch wurden. Umgekehrt konnten Juden mit nichtjüdischen Partnerinnen und Familie einreisen. Diese Härten wurden ab der Dritten Alija-Welle abgebaut. Die jugoslawischen Behörden und der Bund ignorierten diese Bestimmung vielfach in der Annahme, dass in Israel dies nicht bemerkt oder auch ignoriert werden würde, und behielten zumeist Recht. (S. 224)

 

Anmerkungen

1 Albrich Thomas, Exodus durch Österreich. Die jüdischen Flüchtlinge 1945-1948. Wien, Haymon Verlag 1987.

2 Angaben zum Autor: Milan Radovanović (geb. 1986) studierte von 2005 bis 2010 Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität in Belgrad mit Schwerpunkt Allgemeine Zeitgeschichte. Während dieser Spezialisierung wirkte er 2009 am Projekt des Amerikanischen Justizministeriums im Archiv der Stadt Belgrad, bei den Forschungen der internationalen Gesellschaft für historische und systematische Schulbuchforschung, sowie am Projekt „Bedeutende Juden Serbiens“ (organisiert vom Bund der Jüdischen Gemeinden Serbiens), sowie am Programm „Reckoning with the Recent Past in Post-Dictatorial Societies“ (Politologische Fakultät Bukarest, 2011) mit. Von Oktober 2012 bis Juli 2013 weilte er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes im Regensburger Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, im Herbst 2013 an der Universität Wien, wo er am Doktoratsstudium „Verflechtungsgeschichte des östlichen Europa im XX. Jahrhundert“ arbeitete. Als Forschungsmitarbeiter beteiligte er sich am Projekt „Die russische Emigration in der serbischen Kultur 1918–1941“ des Museums für Theaterkunst Serbiens. Seine Magisterarbeit galt der „Auswanderung der jugoslawischen Juden nach Israel 1948/1949“ (Belgrad 2011). Die Arbeit wurde 2011 mit dem Ersten Preis des Preisausschreibens des Bundes der jüdischen Gemeinden Serbiens „Ženi Lebl“ ausgezeichnet. Seine Dissertation beschäftigt sich, wie die Magisterarbeit, mit der jüdischen Emigration nach Israel, aber für die Jahre von 1948–1952. Auch sie wurde 2017 mit dem Preis des Bundes der Jüdischen Gemeinden Serbiens ausgezeichnet. Seither Forschungs- und Vortragstätigkeit zu Spezialthemen des Holocaust in Südosteuropa gemeinsam mit ausländischen Kulturinstituten in Serbien. 

3 Eines der seltenen Werke zu dieser Zeitspanne ist Michael Brenner, „Geschichte der Juden in Deutschland. Von 1945 bis zur Gegenwart.“ München, C.H. Beck Verlag, 2012, S. 90-95.

4 Mladenka Ivankovic, Iseljavanje Jevreja u Izrael 1946 – 1952. Godine. Online abrufbar: https://jevrejskimuzej-beograd.rs/dms/alije-digit-1948-1952/alije-pukovnik-projekat-2019/1239-iseljavanje-jevreja-u-izrael-1946-1952/file

5 Ebenda, S. 30.

6 Mladenka Ivankovic, „https://jevrejskimuzej-beograd.rs/dms/alije-digit-1948-1952/alije-pukovnik-projekat-2019/1239-iseljavanje-jevreja-u-izrael-1946-1952/file (aufgerufen 26.8. 2025.) Milan Radovanović hat diese Angaben übernommen: S. 81, 82.

7 Milan Radovanovic, „Migration Spawning Migration. On Continuity in Jewish Emigration from Yugoslavia to Palestine/Israel. Online: https://istorija20veka.rs/wp-content/uploads/2020/07/2020_2_9_rad_187-202.pdf (abgerufen am 26.8.2025)