Bei einem Spaziergang auf der Strandpromenade in Tel Aviv, vom Norden zum Süden hin, trifft man heute auf zahlreiche direkt am Strand gelegene, hoch in den blauen Himmel aufragende Fünfsternhotels: Hilton, Herod’s, Crown Plaza, Grand Sheraton, Ultra, Orchid, Central Beach, David Kempinski, Geula Suites, Seven Seas, Intercontinental, um nur die grössten unter ihnen zu nennen – bis hinunter zum Dan Panorama, kurz vor der ehemaligen Hafenstadt Yafo oder Jaffa.
1971, bei meinem ersten Besuch in Israel, standen auf dieser Strecke von drei Kilometern allenfalls folgende drei Nobelhotels, in chronologischer Reihenfolge ihrer Eröffnung: das 1964 errichtete neue Dan Hotel (anstelle des ursprünglichen von 1953), das erste Sheraton (1961, heute gibt es ein neues) sowie das Hilton (1965). Unter diesen Vorläufern der Strandhotels an der populären Küstenpromenade trug nur ersteres einen „lokalen“ Namen, während die anderen zwei zu weltweiten Ketten gehörten – aber nur wenige am Dan-Hotel vorbeigehende Israelis kennen den Ursprung dieses heute im Lande sehr bekannten Markennamens.

Café Kaete Dan, 1935.
Zurück zu 1933
Die 1890 in Berlin gebürtige Lehrerin und Zionistin Käthe Danielewicz hatte kurz nach ihrer Ankunft im britischen Mandatsgebiet Palästina im Jahre 1922 ein kleines Gästehaus in Safed eröffnet, in einer der höchstgelegenen Städte Israels im oberen Galiläa, damals wie heute das historische Zentrum der Kabbala. Aus unbekannten Gründen – vielleicht nur, weil sie eine weitsichtige Unternehmerin war – wiederholte Frau Danielewicz dies in den frühen 1930er Jahren an der damals noch kaum frequentierten Küstenstrasse Hayarkon Nr. 97, mit direktem Zugang zum Strand von Tel Aviv. Erbaut wurde diese kleine, anfangs nur zwei Stockwerke hohe Pension mit vierzehn Zimmern von der auch aus Berlin stammenden Lotte Cohn, die sich peu à peu zu einer Star-Architektin Israels entwickeln sollte.
Mit der ein Jahr später hinzugefügten dritten Etage war die Pension Kaete Dan vollends nach europäischen Standards eingerichtet, und ihre somit einundzwanzig Zimmer verfügten sogar über ein eigenes Telefon! Dieses schlichte, weisse Bauobjekt, das sich zum Teil an den Bauhaus-Stil anlehnte, entwickelte sich für bestimmte, vor allem intellektuelle („Jecke”-)Kreise allmählich zum Wahrzeichen von Tel Aviv. Dieses Hotel war eigentlich für Strandgäste eröffnet worden mit der Vision, dass diese Küste in Zukunft ein wichtiges Touristikzentrum werden sollte. Trotz seines bescheidenen Namens „Pension” trat das Hotel durch seine modernistische Fassade hervor. Es war das erste beliebte Gästehaus der Stadt mit einem zeitgenössisch-europäischen Erscheinungsbild. Aus diesem Grund wurde auch sein Terrassencafé zum Treffpunkt vieler wichtiger Persönlichkeiten, unter anderem des Schwagers von Frau Danielewicz-Rosen und seines Freundeskreises. Eine Zeitlang beherbergte das Gebäude den Hauptsitz der Hagana, die wichtigste paramilitärische Untergrundorganisation der jüdischen Bevölkerung Jischuw im britischen Mandatsgebiet.
Die neuen Inhaber
Im Juni 1947 mieteten die aus Chemnitz eingewanderten Brüder Yekutiel und Shmuel Federmann dieses Objekt wie es war – und errichteten zwischen 1950 und 1953 das erste Luxushotel der Stadt, Hotel Dan Tel Aviv, gleich neben der 1933 erbauten Pension Kaete Dan. Kurz darauf, im Jahre 1956, kauften die Federmanns sowohl diese als auch die Rechte an dem Hotelnamen „Dan”. Die alte Pension und das neuere Hotel wurden abgerissen und im Jahre 1964 entstand das heute noch bestehende grosse Hotelgebäude, das seit 1986 seine markante Agam-Fassade trägt.
Dieses Unternehmen stellt mithin ein Beispiel für die erste Welle in der Strandentwicklung Tel Avivs dar – eher niedrig, bescheiden und funktional, situiert entlang einer noch schmalen und weitgehend unbebauten Küstenlinie. Das Dan Hotel dominierte die frühe Strandpromenade und setzte den Präzedenzfall für Hotels am Strand. Es spiegelte ein Tel Aviv wider, das immer noch intim, lokal und architektonisch zurückhaltend war.
Aus dieser noch bescheidenen Küstenlinie Tel Avivs und ihrer lokalen Strandpromenade sollten sich sukzessive zwei weitere Hauptwellen entwickeln, nämlich zuerst die „Internationalisierung” mit globalem Stil und Ambitionen, „importiert” vermittels des ersten Sheraton (1961) sowie des Hilton (1965); gefolgt in den 1970er bis 1990er Jahren von einem starken „Aufstiegsboom” mit dem neuen Grand Sheraton und anderen, vielstöckigen Hotels entlang der Skyline, wie wir sie heute kennen. Gerade diese Hotels zeigen, wie sich Tel Aviv von einer entspannten Küstenstadt in eine kosmopolitische Mittelmeerstadt verwandelt hat – natürlich auch mit dem ständig weiter in die Höhe schiessenden Hintergrund der City als solcher.
Selbst die Federmanns blieben dieser gigantischen Entwicklung nicht fern: 1957 erstanden sie das historische King David Hotel in Jerusalem. Derzeit umfasst die Dan Hotel-Kette eine stolze Anzahl von siebzehn Luxushotels an erstklassigen Standorten im ganzen Land, ein internationales Kongresszentrum, eine Hotelierschule und die Dan Lounges am Flughafen Ben-Gurion. Das Flaggschiff, Hotel King David Jerusalem, empfängt regelmässig politische und kulturelle Stargäste; es ist Mitglied der „World‘s Leading Hotels List“. Der CEO der Gruppe, Yekutiels Sohn Michael Federmann, ist ausserdem Vorstandsvorsitzender der Elbit Systems, eines grossen israelischen Rüstungskonzers mit Sitz in Haifa (spezialisiert auf Militärtechnologie und elektronische Waffensysteme), sowie Mitglied im Vorstand mehrerer bedeutender Organisationen in Israel.
Eine weitere Erfolgsgeschichte israelischer Jeckes – aus dem ehemaligen Deutschland vor und während des Zweiten Weltkriegs Eingewanderter.

Kaete Dan Hotel in Tel Aviv, 1933.
Alle Abbildungen: Quelle: https://itoldya420.getarchive.net/amp/topics/kaete+dan+danielewicz, mit freundlicher Genehmigung R. Schild.