Das sefardische „Aufblühen” im Orient
Ein eher wenig bekannter Aspekt in der Geschichte Europas ist die Vertreibung der spanischen Juden im Jahre 1492. Jahrhundertelang hatte die jüdische Bevölkerung der iberischen Halbinsel mit Christen und Moslems in Frieden und Eintracht gelebt. Mit dem königlichen Alhambra-Edikt wurden diese sefardischen Juden von Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón entweder gezwungen, zum Christentum zu konvertieren und ihre Traditionen, ihr Erbe aufzugeben, oder aber ihr komplettes Eigentum und alles, was ihnen vertraut war, für immer hinter sich zu lassen. Vier Jahre später wurden auch die Juden Portugals mit einem Dekret von König Manuel I., das 1497 in Kraft treten sollte, zur Konversion gezwungen oder zur Ausreise aufgefordert. Viele wanderten aus oder wurden zwangsgetauft, wonach sie als sogenannte „Neuchristen” (Marranos) oft in den Untergrund gingen.

Aussenansicht der Hesed le Avraham-Synagoge auf der Prinzeninsel Büyükada.
Noch weniger publik ist, dass der damalige osmanische Sultan Bayezid II. den nunmehr heimatlosen Sefardim neue Hoffnung brachte. Laut dem Historiker Bernard Lewis („The Jews Of Islam”) durften sich diese Juden nicht nur in den osmanischen Gebieten niederlassen, sondern wurden sogar dazu ermutigt, dabei unterstützt und manchmal sogar dazu gezwungen. Bayezid II. soll auch verlautbart haben, König Ferdinand sei „alles andere als ein weiser Herrscher”, da sein Land „durch die Vertreibung der Juden verarmte und die Türkei bereichert wird!” Und wer weiss schon, dass die Nachfahren dieser Volksgruppe heute, mehr als 500 Jahre nach ihrer Vertreibung, in der Türkei teilweise noch das Spanisch dieser Zeit sprechen, „gewürzt” mit lokalen und hebräischen Sprachpartikeln. Die Ankunft der Sefardim sollte ab dem 16. Jahrhundert sukzessive die Struktur der osmanisch-jüdischen Gemeinschaft gründlich verändern, und zwar vor allem durch Mischehen mit der dort ansässigen ursprünglichen Gruppe der Romanioten (den „ost-römischen”, später byzantinischen, Griechisch sprechenden Juden).1 Die Einwanderer liessen sich in verschiedenen osmanischen Städten, vor allem in Saloniki2 (heute Thessaloniki, Griechenland – und bis zur Shoah von über 50.000 Juden bevölkert) nieder, und erst im späten 16. Jahrhundert zogen sie weiter nach Konstantiniyye oder Dersaadet (wie Istanbul zur osmanischen Zeit genannt wurde) und südlich nach Smyrna (später Izmir genannt), einer bedeutenden Hafenstadt des Reiches mit schnell aufblühendem Handel. Allein die Druckerpresse war eine der bedeutendsten Innovationen, die die Sefardim ins Osmanische Reich brachten. 1493, nur ein Jahr nach ihrer Vertreibung aus Spanien, gründeten David und Samuel ibn Nahmias eine erste Druckerei in Istanbul. Der islamische Klerus wollte das jedoch nicht gutheissen, und daher beschränkte sich die Druckerei auf hebräische Texte.
300 Jahre nach der Vertreibung aus Spanien und Portugal konnten kaufmännischer Wohlstand wie auch wissenschaftlich-künstlerische Kreativität der osmanischen Juden durchaus mit Spaniens Goldenem Zeitalter konkurrieren. Istanbul, Edirne, Izmir, Safed (heute in Israel) und Saloniki wurden zu bedeutenden Zentren des sefardischen Judentums, obwohl in Izmir und Saloniki 1648 Schabbetai Zvi in Erscheinung getreten war, ein Pseudo-Messias und (unbeabsichtigter) Gründer der Sabbatäer-Bewegung.3 Die Affäre um seine religiöse Revolte und anschliessende „Rettung” durch Übertritt zum Islam führte zum überhaupt ersten Eklat zwischen den Juden und der „Hohen Pforte”. Als Reaktion auf Zvis Eskapaden zogen sich die Juden von Izmir aus allen säkularen Beschäftigungen zurück. Fest steht aber, das eine grosse Anzahl der osmanischen Hofärzte Sefardim waren – so etwa Hakim Yakoub, Joseph und Moshe Hamon, Daniel Fonseca und Gabriel Buenauentura, um nur einige zu nennen. Juden waren oft auch als osmanische Diplomaten tätig. Joseph Nasi, der zum Herzog von Naxos ernannt wurde, war der ehemalige portugiesische Marrano4 Joao Miques. Ein weiterer Marrano aus Portugal, Aluaro Mandes, wurde als Gegenleistung für seine diplomatischen Dienste für den Sultan zum Herzog von Mytilene ernannt. Salamon ben Nathan Eskenazi vermittelte die ersten diplomatischen Beziehungen zur Britischen Krone. Und auch jüdische Frauen wie Dona Gracia Mendes Nasi und Esther Kyra übten beträchtlichen (finanziellen) Einfluss am Hof aus.
Jüdische Theologie und Literatur erlebten einen grossen Aufschwung im toleranten Osmanischen Reich: Joseph Caro stellte den „Shulkhan Aruk”5 zusammen. Shlomo haLevi Alkabes komponierte die „Lekhah Dodi”, einen Hymnus, mit dem der Sabbat in sefardischen wie auch aschkenasischen Ritualen begrüsst wird. Jacob Culi begann in Konstantiniyye das berühmte „MeAm Loez”6 zu schreiben – und Rabbi Abraham ben Isaac Assa gilt schlicht als Vater der jüdisch-spanischen Literatur.
Nach osmanischer Tradition war jede nicht-muslimische Religionsgemeinschaft für ihre Institutionen, einschliesslich ihrer Schulen, verantwortlich. Anfang des 19. Jahrhunderts gründete Abraham de Camondo die moderne La Escola, und ab 1862 begann die säkulare jüdische „Aufklärung” mit der ersten, auf Französisch unterrichtenden Alliance-Schule, von denen sich in den kommenden Jahrzenten mehrere dutzende auf das gesamte Osmanische Reich ausbreiteten. Trotz der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg gelang es dem Staatsgründer Kemal Atatürk im Jahr 1923, dass durch den Vertrag von Lausanne die Türkei als vollständig unabhängiger Staat innerhalb ihrer (bis heute gültigen) Grenzen anerkannt wurde. Atatürk gewährte zugleich den drei wichtigsten nicht-muslimischen religiösen Gruppen des Landes (Griechen, Armeniern und Juden) sogenannte Minderheitenrechte: hiermit war diesen erlaubt, ihre eigenen Schulen, sozialen Einrichtungen und Fonds weiterzuführen.

Der Istanbuler Urbanist und Stadtplaner Aaron Angel s.A. (1916–2010).
Exkurs: Die Wiener Sefardim
Zu nennen wäre hier auch eine kleinere, jedoch einflussreiche Gruppe sefardischer Juden, die sich, im 18. und 19. Jahrhundert aus Istanbul kommend, in Wien niedergelassen hatten. Im Gegensatz zu den dortigen aschkenasischen Juden waren sie oft wohlhabend, kulturell stark westlich geprägt, sprachen Judäo-Spanisch (Ladino) sowie Türkisch. Eine wichtige Rolle spielten sie im Handel mit dem Osmanischen Reich. Da sie als osmanische Untertanen galten, genossen sie diverse Sonderrechte und waren vor allem als Händler von Teppichen und orientalischen Waren geschätzt. Diese Untergruppe der Wiener jüdischen Bevölkerung hatte ihre eigene Synagoge (in der Zirkusgasse; im Novemberpogrom 1938 von den österreichischen Nazis geplündert und niedergebrannt), nahm eine gehobene soziale Stellung ein und pflegte ihre eigenen Traditionen und Riten, die sich von den aschkenasischen Traditionen in Wien unterschieden. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938 kam aber auch ihr Ende – wohingegen der sogenannte „Österreichische Tempel” der türkischen Aschkenasim in Istanbul weiterhin aktiv besteht!

Innenansicht der Ahrida-Synagoge in Balat, Istanbul.
Sefardische Ausbildung, Sprache und Sozialleben heute
Die meisten jüdischen Kinder in Istanbul und Izmir besuchen heute staatliche oder private türkische oder fremdsprachige Schulen. Zusätzlich unterhält die Gemeinschaft eine eigene Grundschule sowie ein Gymnasium in Istanbul. Ihre Unterrichtssprache ist Türkisch, und Hebräisch mit 35 Stunden pro Monat ist obligatorisch; Judäo-Spanisch wird jedoch nicht unterrichtet. Während sich die ältere Generation mit Judäo-Spanisch wohler fühlte, sprechen jüngere Sefardim Türkisch als Muttersprache. Leider ist das Ladino damit als Sprache am Verschwinden, doch es wird in einigen Gruppen bewusst daran gearbeitet, das jüdisch-spanische Erbe zu bewahren. Lange Zeit hatten türkische Sefardim ihre eigene Presse, die in Judäo-Spanisch publizierte: La Buena Esperansa und La Puerta del Oriente begannen damit 1843 in Izmir, und die Zeitung Or Israel wurde zehn Jahre später in Istanbul gegründet. Heute existiert nur noch die Wochenzeitung ŞALOM (Schalom) in Istanbul; sie publiziert auf Türkisch. Pro Ausgabe erscheint sie mit je einer Seite Judäo-Spanisch, hat aber inzwischen immerhin damit begonnen, auch eine monatliche Beilage in dieser Sprache zu veröffentlichen.

Jüdischer Friedhof von Edirne, mit der ältesten Gabstätte von 1466.
Das jüdische Krankenhaus Or haHayim in Istanbul wurde aus wirtschaftlichen Gründen 2025 aufgelassen. Es bestehen jedoch ein Alten- und Seniorenheim sowie mehrere Wohlfahrtsverbände. Soziale Clubs mit Bibliotheken, kulturellen und sportlichen Einrichtungen sowie Theatergruppen bieten jungen Menschen die Möglichkeit, sich zu treffen. Mit derzeit nur rund 10.000 Mitgliedern in Istanbul und etwa 1.000 in Izmir ist die jüdische Gemeinde heute eine winzige Gruppe in der Türkei mit ihrer 85 Millionen überschreitenden, fast ausschliesslich muslimischen Gesamtbevölkerung. Sefardim machen 99 Prozent der jüdischen Gemeinschaft aus, neben einigen wenigen hundert Aschkenasim und Mizrahim sowie einer noch geringeren Anzahl von Karaim.7 Überhaupt ist die jüdische Gemeinde der Türkei als „alternde Gemeinschaft” zu bezeichnen; mit nur wenig Vermählungen und zurückgehenden Geburten beträgt das demographische Defizit etwa 250 Personen pro Jahr. In der Türkei gibt es an die zwanzig aktive Synagogen, davon je eine für die Aschkenasim und Karaim. Drei unter ihnen sind nur im Sommer, in Ferienorten in Betrieb. Einige von ihnen gehen auf eine Geschichte von mehreren Jahrhunderten zurück, insbesondere die Ahrida-Synagoge im alten Stadtteil Balat am Goldenen Horn, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt.
Trotz ihrer verschwindenden Anzahl sind die türkischen Sefardim auch im 21. Jahrhundert noch beachtenswert! Mehrere jüdische Professoren lehren an den Universitäten Istanbul und Ankara, und einige sind in Kunst – Literatur, Musik, Theater und Malerei – sowie Wirtschaft, Industrie und freien Berufen prominent.
Die Frage ist, wie lange noch?

Mosche Ben Hamun, Leibarzt der Sultane Selim I. und Sulejman des „Prächtigen‘‘ -
Alle Abbildungen: https://www.turkyahudileri.com/ , mit freundlicher Genehmigung R. Schild.
Anmerkungen
1 Siehe Robert Schild: Romanioten in der Türkei; DAVID, Heft 145; Juli 2025.
2 Siehe Ingrid Nowotny: Saloniki und die sefardischen Juden; DAVID, Heft 128; Januar 2021.
3 Dieses Thema wird als Exkurs zur Geschichte der türkischen Juden in der nächsten DAVID-Ausgabe behandelt.
4 Abwertende Bezeichnung für sogenannte „Neuchristen” bzw. Krypto-Juden.
5 Shulchan Aruch (wörtlich «gedeckter Tisch») ist der massgebliche Kodex des jüdischen Religionsgesetzes (Halacha), verfasst von Rabbi Yosef Karo im 16. Jahrhundert.
6 Me‘am Lo‘ez (hebräisch für „von einem fremden Volk“) ist ein monumentaler, ab 1730 von Rabbi Yaakov Culi begonnener Kommentar zur Tora, der in Ladino (Judäo-Spanisch) verfasst wurde.
7 Siehe R.Schild: Die letzten Karaiten der Türkei; DAVID, Heft 144; April 2025.