Ausgabe

Das Opfer einer gnadenlosen Zeit Ein Leben für Joseph Schmidt

Peter Bollag

Der Schweizer Tenor Alfred Fassbind will sein umfangreiches Schmidt-Archiv übergeben – dazu braucht es aber auch finanzielle Unterstützung

Inhalt

Alfred Fassbind erinnert sich genau an den Moment, als er zum ersten Mal von der Existenz des Sängers Joseph Schmidt (1904–1942) erfuhr und muss sich dabei weit zurückerinnern: „Da war ich noch im Vorschulalter, hörte ihn am Radio und war sofort von dieser einzigartigen Stimme verzaubert.“

 

Natürlich war es das vielleicht bekannteste Lied Schmidts: „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, das da zu hören war und das den gelernten Portefeuille-Macher sofort für den berühmten Sänger einnahm. Später sollte Fassbind entdecken, dass das Repertoire von Joseph Schmidt viel breiter war als nur dieses Lied und beispielsweise auch jüdisch-liturgische Stücke aus der synagogalen Musik umfasste. Eher ein Zufall war allerdings, dass Alfred Fassbind in geringer Distanz von dem Ort aufwuchs (und heute noch wohnt), wo Schmidt die letzten Wochen seines kurzen Lebens verbrachte: In Girenbad im Zürcher Oberland. 1967, aus Anlass des 25. Todestages von Joseph Schmidt, wurde im dortigen ehemaligen Restaurant Waldegg eine Gedenktafel zu Ehren des Sängers enthüllt: „In diesem Haus starb am 16. November 1942, einer der berühmtesten und beglückendsten Sänger der Welt als Flüchtling und Opfer einer gnadenlosen Zeit“. In jenem Jahr erinnerten auch der Schweizer Rundfunk und später selbst das Fernsehen an den Verstorbenen. In jenen Jahren traf Alfred Fassbind auch seinen späteren Gesangslehrer Max Lichtegg (1910–1994). Lichtegg stammte wie Schmidt aus der Gegend von Czernowitz (Bukowina, heute Tscherniwzi, Ukraine), sang im Zweiten Weltkrieg am Zürcher Opernhaus und besuchte den bereits schwerkranken Schmidt noch im Spital. Und zwar zusammen mit dem Sänger Marko Roth­müller, der ebenfalls am Opernhaus engagiert war; sie planten ein Konzert mit Joseph Schmidt und überbrachten dem Weltberühmten diese Nachricht, die ihn sehr freute: Der Tod Schmidts machte diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung.

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Als er später in Zürich Berty Rosetti und ihren Mann Fabio kennenlernte, erfuhr Alfred Fassbind, dass Frau Rosetti (gest. 1985) die Nachlassverwalterin des unter tragischen Umständen verstorbenen weltberühmten Sängers war. Einen Teil übergab die Nachlassverwalterin nach und nach an Alfred Fassbind, der in den Jahren ein regelrechtes Joseph Schmidt-Archiv aufbaute. Dazu gehören Schallplatten mit historischen Aufnahmen (nicht selten Mitschnitte-Platten, welche die Rundfunkanstalten oft in kleiner Auflage für den Eigengebrauch herstellen liessen) ebenso wie Autogramm-Karten, Radio-Programme, aber auch ein kleiner Reisekoffer des Sängers, der nach seiner Abreise aus Deutschland 1933 in verschiedenen Ländern lebte und sich eigentlich ganz auf seine Karriere als gefeierter Star auf den Opernbühnen Europas konzentrierte. Vieles von dem, was heute das Archiv ausmacht, kaufte Fassbind aber auf Auktionen oder bei anderen Gelegenheiten. In seinem Besitz sind auch Joseph Schmidts Pass sowie zwei Taschentücher mit einem Rosenmuster und dem Monogramm des Sängers. Einiges erstand der Schweizer im Laufe der Neunziger Jahren auch im Wiener Auktionshaus Dorotheum. Fassbinds Archiv ist derart umfangreich, dass sich daraus problemlos Ausstellungen gestalten lassen, was auch schon geschah, zum Beispiel vor einigen Jahren im Baden-Württembergischen Horb am Neckar: Jene Ausstellung war ein grosser Publikumserfolg. Fast eher am Rande sei zu erwähnen, dass Alfred Fassbind selbst auch eine Biographie des Sängers verfasst hat, auf die nicht nur in Fachkreisen noch gerne immer wieder zurückgegriffen wird, wenn es um das Leben und Wirken von Joseph Schmidt geht.

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Der Schweizer Tenor Alfred A. Fassbind. Foto: Dominik Landwehr. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_A.Fassbind_-_der_Biograf_von_Joseph_Schmidt.jpg

 

Dabei war Fassbind als ausgebildeter Tenor selbst ebenfalls viele Jahre unterwegs, er sang in zehn europäischen Ländern, das umfangreiche Joseph Schmidt-Archiv in seinem Haus im Zürcher Oberland wuchs in dieser Zeit aber immer weiter. Zu seiner Beschäftigung mit dem Nachlass von Joseph Schmidt gehört im Übrigen auch die Pflege von dessen Grab: „Selbstverständlich auf eigene Kosten“, betont der Zürcher im Gespräch.

 

Damit sind wir bei einem Hauptanliegen des passionierten Sammlers: Alfred Fassbind möchte nämlich das gesamte Archiv für die Nachwelt erhalten, und zwar komplett und als Ganzes. Der Zürcher wünscht auch, dass diese überaus wertvollen Unterlagen (Schmidts Autografen sind käuflich praktisch nicht zu erwerben) im Raum Zürich für die Öffentlichkeit in einer gewissen Form zugänglich sind. Inzwischen hat der Sammler nun auch einen Interessenten gefunden – und zwar einen mehr als valablen: Es ist nämlich die Zürcher Zentralbibliothek, die das gesamte Archiv sehr gerne übernehmen möchte. Allerdings steht für diese Übernahme bedauerlicherweise kein Budget zur Verfügung, das heisst, Alfred Fassbind könnte für die Kosten, die ihm im Laufe der Jahrzehnte entstanden sind, und für die Sammlung selbst, kein Honorar erhalten. Aus diesem Grund ergeht nun ein Aufruf an die Öffentlichkeit in der Schweiz, aber auch den Nachbarländern, und eventuell weiteren Staaten, sich an diesen Kosten zu beteiligen – zum Wohl der Sache und im Andenken an einen unvergessenen Sänger, dessen Ruhm auch nach Jahrzehnten seines traurigen Todes weiterhin glänzt und auch junge Menschen in aller Welt begeistern kann.

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Website: https://www.josephschmidt-archiv.ch/#!/page_home

 

Nachlese

Alfred A. Fassbind: Joseph Schmidt. Sein Lied ging um die Welt.

Überarbeitete Ausgabe. Zürich: rüffer & rub 2021.

288 Seiten, Euro 25,00.-

ISBN 978-3-906304-88-5