Ausgabe

Neue Flamme, früh erloschen

Michael Bittner

Die Zweite jüdische Gemeinde von Steyr, 1946–1949

Inhalt

Martin Hagmayr, der Direktor des Museums Arbeitswelt in Steyr, lud am 20. Dezember 2025 zu Vortrag und Geschichtscafé in sein Institut, das in einer historischen Fabrikhalle im Wehrgraben beheimatet ist. Viele historisch interessierte Steyrerinnen und Steyrer nahmen daran teil. Nach der Präsentation der neuen Forschungsergebnisse und der Kaffee-und-Kuchen-Pause ergab sich ein ungezwungener Austausch im Sesselkreis.

 

Viele Stadtbewohner wussten, dass es hier vor 1938 eine jüdische Gemeinde gegeben hatte, die klein war und schon vor dem Anschluss immer kleiner wurde, viele Steyrer Juden übersiedelten nach Linz, vor allem aber nach Wien. Doch von der „zweiten Gemeinde“, die sich nach Kriegsende in Steyr konstituiert hatte, wussten die allerwenigsten.

 

Die erste Gemeinde entstand in den 1870er Jahren, die jüdischen Familien stammten mehrheitlich aus Böhmen und Mähren, kauften ein Geschäftshaus, das sie zur Synagoge umbauten und legten einen Friedhof an. 1938 wurden die Juden aus Steyr vertrieben, die Kultusgemeinde aufgelöst, die meisten konnten auswandern, die unglücklichen, die kein Geld auftreiben konnten, gerieten in die Maschinerie der Shoah.

 

Obwohl in Steyr die Verfolgung 1938 „schaumgebremst“ war – Exzesse wie in Wien unterblieben, es gab einen Selbstmord – die 52-jährige Netty Schirok am 12. April 1938 –, der Novemberpogrom entfiel fast völlig, weil die Synagoge bereits in „arischem“ Besitz war und die meisten Juden versuchten, in Wien Geld und Papiere für die Emigration zu bekommen. Nach diesen Erfahrungen kehrten nach 1945 nur sehr wenige jüdische Menschen nach Steyr zurück. Auch wenn es im Exil schieflief, man wechselte lieber den Beruf und den Wohnort in den U.S.A. und dachte nicht an eine Rückkehr. So wurde aus dem Steyrer Immobilienmakler Alfred Schimmerling ein Autohändler in New York City, der dann mit seiner Familie nach Williston Park, N. Y. weiterzog, als ihm die Kriminalität in der Grossstadt zuviel wurde.

 

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Neugründung der Kultusgemeinde.

 

Die Zweite Gemeinde wurde nicht etwa von Rückkehrern aus dem Exil, sondern von Displaced Persons (DPs) gegründet. In drei Lagern lebten etwa tausend Juden im Stadtgebiet, eine grosse Zahl, verglichen mit den etwa 200 Mitgliedern der Kultusgemeinde vor dem Jahr 1938. Sie wurden jedoch nicht in die Gemeinde integriert und blieben bis zur Auflösung der Lager 1949 „outcasts“, die auch verwaltungstechnisch nicht zur Stadt Steyr gehörten. Diese DPs waren teils durch die Todesmärsche gegen Ende des Krieges ins KZ Steyr-Münichholz gekommen, teils aus anderen Lagern, teils waren sie nach Kriegsende vor den Judenverfolgungen in Polen geflüchtet. Am 9. Februar 1946 berichteten die Oberösterreichischen Nachrichten, in Steyr habe sich eine jüdische Gemeinde konstituiert, Ehrenpräsident war Captain Chaplin Ahroon Khaan von der U.S.-Armee, Präsident wurde Eugen Schwarz, befreit aus dem Konzentrationslager Mauthausen. Weiters wurden in den Kultusvorstand gewählt: Leo Gerstl, KZ-Überlebender ebenso wie Siegfried Süsskind, Josef Kanner, der im DP-Lager Münichholz lebte, Sekretärin war Emma Hunger, sie hatte in einer „privilegierten Mischehe“ in Steyr überlebt. Auf dem Foto vor der Synagoge posieren sie stolz, allerdings ist noch ein siebter Mann dabei, der im Zeitungsbericht nicht vorkommt. 

Sollte jemand einen der abgebildeten Herren erkennen, bitte ich um Nachricht! (Abbildung 1)

 

Die Menschen aus den Lagern sprühten vor Energie und es gab tatsächlich viel zu tun: die Kultusgemeinde neu zu organisieren, die Synagoge wieder herzurichten und einzuweihen, den Friedhof zu sichern und die Opfer des Todesmarsches zu beerdigen, Hilfs­pakete für jüdische Familien anzufordern und zu verteilen, Holocaust-Überlebenden zu helfen. Unter der Telefonnummer 302 konnte man jederzeit Hilfe erhalten.

 

Die DPs lebten weiter in den Barackenlagern, die man später abgerissen hat, doch es gab wenig Kontakt mit der Bevölkerung, es war eine kleine Welt für sich. Sie wurden gut versorgt und spielten gern Fussball, zwei der drei Lager hatten eine eigene Mannschaft, die Hakoah und die zweite jüdische DP-Mannschaft durften einmal im Steyrer Stadion spielen, als Anheizer für das Stadt-Derby, Vorwärts gegen Amateure. Überdies wurden in den Lagern 226 neue Erdenbürger geboren, die ebenso wie die Hochzeiten von der Stadtgemeinde registriert wurden.

 

Die Mühlen der Bürokratie mahlten langsam, aber sicher, sodass immer mehr Menschen Visa für Exilländer bekamen, vor allem für die U.S.A. und für Australien, die Lager begannen sich langsam zu leeren. Seit 1948 war dann auch die legale Ausreise nach Israel möglich, was das Ende der DP-Camps bedeutete, sie wurden 1949 geschlossen.

 

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Die Synagoge Steyr vor 1938.

 

Die Kultusgemeinde agierte nach dem alten Leitsatz „Zwei Juden, drei Meinungen“. Die führenden Mitglieder verliessen die Stadt, Emma Hunger wurde ausgeschlossen, neuer Vorsitzender wurde der Wiener Jonas Drucker, der in der Schweiz überlebt hatte, weiters waren die Steyrerin Grete Füreder, die in Ungarn Zuflucht gefunden hatte, der Pole Natan Klejnec und als einziger aus der alten Führungsriege Siegfried Süsskind im Vorstand tätig. Nach der Zählung vom 31. März 1949 gab es in Steyr nur noch 36 Juden ausserhalb der DP-Camps, davon 32 Nicht-Österreicher. Man wartete offiziell auf die vertriebenen Steyrer Juden, die es jedoch zumeist vorzogen, in ihren sicheren Exilländern zu bleiben. Der Rechtsanwalt Rudolf Schneeweis kehrte zurück, jedoch verliess er schon 1960 die Stadt Richtung Grossbritannien. 

Die Camps wurden geschlossen, die erwarteten Rückkehrer blieben aus, die Kultusgemeinde löste sich im Sommer 1949 auf, bis auf Jonas Drucker emigrierten die Vorstandsmitglieder. Das Ehepaar Fürnberg, das in der Synagoge eine Wohnung erhalten hatte, musste diese im Sommer 1950 verlassen, das Bethaus wurde ein Fahrradgeschäft, das noch 1958 als Ortsbezeichnung „Pachergasse, Tempel“ anführte.

 

In Steyr blieben weniger als zehn jüdische Rückkehrer, wie der Maler und Anstreicher Friedrich Uprimny, die Familie Fürnberg und einige Jahre lang der Rechtsanwalt Rudolf Schneeweis. Man war in Steyr dann wieder unter sich, die erste Generation der Ausgewanderten kam erst spät zu Besuch in ihre Heimatstadt, wo sich noch 1998 der damalige „grosse rote Volksbürgermeister“1 Leithenmayer weigerte, sie zu empfangen. Seither hat sich, auch dank dem Mauthausen-Komitee, alles zum Besseren geändert, es herrscht in Steyr grosses Interesse an der jüdischen Vergangenheit – und Gegenwart. Noch heuer soll in der ehemaligen Synagoge der „Lernort“ eröffnet werden, eine wichtige Initiative im Kampf gegen den Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober 2023 weltweit grassiert. Das Museum Arbeitswelt und das Steyrer Mauthausen-Komitee sind hierbei vorbildhaft.

 

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Neugründung April 1946.

 

Alle Abbildungen: Museum Arbeitswelt (USHMM Greenfield Papers), mit freundlicher Genehmigung: M. Bittner.

 

Anmerkung

1 https://www.nachrichten.at/oberoesterreich/nachrufe/Hermann-Leithenmayr-Politiker-der-seine-Herkunft-nie-vergass;art86198,446750 abgerufen 21.12.2025

 

Informationen

Museum Arbeitswelt
4400 Steyr, Wehrgrabengasse 7
https://museumarbeitswelt.at/¸office@museumarbeitswelt.at
+43 7252 77351–0

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag & feiertags von 10 bis 17 Uhr. Schulprogramme: Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr
Mauthausen Komitee Steyr
4451 Garsten
https://mkoe-steyr.at/; info@mkoe-steyr.at