Ausgabe

Der Komiker, der Historiker und der Ökonom Jerry Lewis, Fritz Stern und Alan Greenspan zum 100. Geburtstag

Tina Walzer

Drei unterschiedliche Ansätze, vor dem Hintergrund von Verfolgungs­erfahrungen osteuropäischer Juden des 19. Jahrhunderts in der Neuen Welt eine bessere Gegenwart zu schaffen

Inhalt

Der Komiker betrachtet die Welt durch die kritische Brille, der Historiker zeigt ihr den Spiegel vergangener Lösungen, der Ökonom greift ein. Alle drei, Jerry Lewis, Fritz Stern und Alan Greenspan entwickelten ihre Arbeitsgebiete vor ihrem familiären Hintergrund, nach Erfahrungen des Zusammenbruchs der gewohnten Ordnung im Zuge des Zweiten Weltkriegs und weltweiter Krisen. Zur Bewältigung setzten sie ihre Talente mit ganz unterschiedlichen Strategien ein: Humor, Analyse, Beratung.

 

Der Komiker

Joseph Jerome Levitch kam am 16. März 1926 in Newark, New Jersey zur Welt. Sein Vater Daniel, dessen Eltern noch aus dem Russischen Kaiserreich nach New York emigriert waren, trat als Vaudeville-Künstler auf, seine Mutter Rachel née Brodsky als Radiopianistin bei Bamberger‘s WOR in Newark, die Familie stammte aus Warschau. Unter dem Namen Jerry Lewis erreichte ihr Sohn Weltberühmtheit als „King of Comedy“, „Le Roy de Crazy“ oder auch „Der totale Filmemacher“. Markenzeichen des Komikers waren Plots, die in einem völligen Debakel kulminieren; seine clowneske Rolle hatte er aus der Figur des französischen Pierrot, des naiv-traurigen Clowns, heraus entwickelt. Seine Karriere begann er in Shows zusammen mit dem Sänger Dean Martin 1945, dann entstanden hintereinander sechzehn Filmkomödien, bis 1956. Nach der Trennung setzte Lewis alleine fort, mit weiteren 35 Filmen, bis 1984; daneben gab es von 1950 bis 1989 eine enge Zusammenarbeit mit Sammy Davis Jr. Insgesamt trat Lewis in 117 Kinofilmen und Fernsehproduktionen auf. 

 

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Jerry Lewis als Professor Julius F. Kelp (mit Stella Stevens). Werbefoto für den Film The Nutty Professor, 1963. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Nutty_Professor_1963_(publicity_photo,_Lewis_and_Stevens_-_cropped).jpg

 

The Day the Clown Cried

1972 versuchte er, einen ernsten Film über den Holocaust zu drehen – ein Clown (gespielt von Lewis) landet als Gelegenheitskritiker des NS-Regimes im KZ und versucht dort jüdischen Kindern den Alltag besser erträglich zu machen, bis er sie am Ende in die Gaskammer begleitet, damit sie abgelenkt sind und keine Angst haben, wenn sie sterben. Das Projekt scheiterte jedoch an der Finanzierung und an Urheberrechtsfragen, der Film wurde nie fertiggestellt und blieb bislang unveröffentlicht: The Day the Clown Cried (Regie und Hauptrolle: J. Lewis, französisch-schwedische Koproduktion). Lewis haderte nachher mit seiner eigenen Arbeit: „Es wäre fast wunderbar geworden (...) aber nur fast (...) Juden, die man vergast, wo soll denn da die Komödie sein?“ Lewis sagte noch Jahrzehnte später frustriert: „Dieser Film wird mich bis an das Ende meiner Tage verfolgen.“ Der gescheiterte Versuch führte zu gänzlich anderen Rollen, in denen Lewis mit seiner ganzen Bandbreite von schauspielerischen Fähigkeiten brillierte. Für einen Verein zur Unterstützung von Muskelatrophie-Patienten sammelte er zweiundfünfzig Mal in einer Telethon genannten Endlos-TV-Show, die jedes Jahr am 1. Mai im Fernsehen lief, über 2 Milliarden Dollar Spendengelder (1966–2009). Lewis starb am 20. August 2017 in Las Vegas, Nevada.

 

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Fritz Stern in der Dresdener Frauenkirche, am Kirchentag 2011. Foto: concord. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stern_Kirchentag_2011.jpg

 

Der Historiker

Der U.S. amerikanische Historiker Fritz Richard Stern wurde am 2. Februar 1926 in Breslau (heute Wrocław, Polen) geboren. Seine Eltern waren vom Judentum zur evangelischen Kirche A.B. konvertiert und beide sehr gut vernetzte Naturwissenschaftler, zu ihrem Bekanntenkreis zählte Albert Einstein. 1938 konnte die Familie nach New York ins Exil fliehen. Stern studierte an der Columbia University und begann dort seine akademische Karriere, doch bald zog es ihn zurück nach Deutschland: ab 1954 unterrichtete er regelmässig an der Freien Universität in Berlin (West). Sein Fachgebiet war deutsche und deutsch-jüdische Geschichte sowie Geschichtsschreibung; seine Haupttheorie bestand in der von ihm immer wieder beschriebenen „deutsch-jüdischen Symbiose“, als bestes Beispiel für dieses Phänomen bezeichnete er Einstein. Als Daniel Goldhagen 1996 sein Buch Hitler‘s Willing Executioners herausbrachte, zählte Stern zu dessen vehementesten Kritikern: er warf Goldhagen eine völlige Fehleinschätzung der Deutschen vor. Stern trat immer wieder beratend im Hintergrund politischer Entscheidungsprozesse in Erscheinung, so etwa in Grossbritannien während der Deutschen Wiedervereinigung; 1993/94 beriet er den amerikanischen Botschafter in Deutschland, Richard Holbrooke. Er starb am 18. Mai 2016 in New York. In seinem Vorwort zur Essay-Sammlung Zu Hause in der Ferne (C.H. Beck 2015) meinte Stern: 

„Die zweite deutsche Republik konnte sich friedlich entwickeln dank Menschen, die aus der Vergangenheit gelernt haben und sich für einen demokratischen Neuanfang engagierten. Aber auch Dank des amerikanischen Schutzes; und man kann mit Recht sagen, dass die Bundesrepublik den grössten Erfolg der amerikanischen Aussenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt.“ (S. 11)

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Alan Greenspan, ehemaliger Vorsitzender des Board of Governors of the Federal Reserve, 2007. Foto: Stephen Jaffe, für den International Monetary Fund. Quelle: Wikimedia commons, gemeinfrei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alan_Greenspan,_IMF_116greenspan2lg.jpg

 

 

Der Ökonom

Alan Greenspan geboren am 6.3.1926 in New York City, amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und -berater, Vorsitzender der U.S. Notenbank („Fed“) zwischen 1987 und 2006, ist bekannt als Verfechter einer Niedrigzins-Politik. Er wuchs im Stadtteil Washington Heights an der Nordspitze der Insel Manhattan auf; sein Vater Herbert Greenspan stammte aus einer rumänisch-jüdischen, seine Mutter Rose Goldsmith aus einer ungarisch-jüdischen Familie, ihre Eltern waren noch in Russland auf die Welt gekommen. Ursprünglich wollte Greenspan Musiker werden, er spielte Saxophon und Klarinette (wie sein Idol Benny Goodman), studierte am berühmten Konservatorium Juilliard School Klarinette und trat zusammen mit Stan Getz und in der Woody Herman Band auf. 

 

1945–48 studierte er Wirtschaftswissenschaften an der New York University, anschliessend setzte er seine Studien an der Columbia University fort und entwickelte sich vom Positivisten (nach Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Otto Neurath) über den Objektivismus von Ayn Rand (russisch-jüdische Autorin, 1905 St. Petersburg–1982 New York) und deren Partner, des ebenfalls russisch-jüdischen Psychotherapeuten Nathaniel Blumenthal Branden (1930–2014) zum entschiedenen Verfechter einer libertären Auslegung der Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre (nach Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek) und Monetaristen (nach Milton Friedman), 1977 dissertierte er schliesslich an der NYU. Daneben arbeitete er von 1955 bis 1987 in seiner Wirtschaftsberatungskanzlei Townsend-Greenspan & Company.

 

Währungspolitik

1968 diente Greenspan für Richard Nixon als innenpolitischer Berater im Wahlkampf, ab 1974 gehörte er drei Jahre dem wirtschaftlichen Beraterstab von U.S.-Präsident Gerald Ford an. Neben Leitungspositionen in den führenden Betrieben des U.S.-Banken- und Industriesektors fungierte er 1982–1988 auch als Direktor der aussenpolitischen Organisation Council on Foreign Relations. Als Vorsitzender des United States Federal Reserve Boards arbeitete er unter den vier U.S.-Präsidenten Ronald Reagan, George Bush sen., Bill Clinton und George W. Bush. In dieser Position wurde er oft als „mächtigster Mann der Welt“ tituliert, der Politik und Börsen weltweit durch seine Ansagen beeinflussen konnte: legendär ist der Greenspan Briefcase Indicator, ein Versuch von Wirtschaftsjournalisten, anhand des Umfangs von Greenspans Aktentasche auf dem Weg zu wichtigen Sitzungen abzulesen, ob Änderungen des Leitzinses bevorstünden (worauf umfangreichere Aktenstapel hindeuteten) oder nicht. Tatsächlich gehörte es zu Greenspans Prinzipien, die Märkte mit seinen oft bewusst unklaren Ansagen zu überraschen, da er der Meinung war, dies sei am förderlichsten für die wirtschaftliche und speziell geldpolitische Entwicklung (seine Kritiker nannten das immer wieder die Aktienmärkte erschütternde, gefürchtete Phänomen Greenspeak). 

 

Politisch im republikanischen Lager beheimatet, vertrat der „Zins-Eliminator“ seit den 1960er Jahren das Prinzip des Laissez-faire-Kapitalismus und befürwortete in der U.S.-Politik Steuersenkungen und eine Privatisierung des Sozialversicherungswesens. Als Greenspan Put wird eine Optionsstrategie bezeichnet, die als finanzpolitisches Instrument zunächst nach dem Börsenkrach 1987 von der Fed angewendet wurde, um durch gezielten Einsatz von Wall Street-Investmentbanken, sobald sich eine Finanzkrise zu entwickeln drohte und die Aktienmärkte fielen, die Aktienkurse wieder steigen zu lassen. Die Folge waren wiederholte spekulationsbedingte Zusammenbrüche der in „Blasen“ überhitzten Märkte, und eine ansteigende Inflation. Die Vermögensverteilung in den U.S.A. verschob sich immer weiter zugunsten weniger Superreicher, die Politik begann sich immer stärker in die Marktentwicklung einzumischen. Im Zuge der Finanzkrise 2008 revidierte Greenspan seinen Standpunkt erstmals und zeigte sich schockiert über das Versagen seiner Weltsicht. Zu seinen vielen Auszeichnungen zählen der Knight Commander of the Order of the British Empire (2002), Commandeur de l‘ ordre national de la Légion d‘ Honneur de la France (2000), die U.S. Presidential Medal of Freedom (2005 und die U.S. Department of Defense Medal for Distinguished Public Service (2006).

 

Nachlese

Fritz Stern: Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder. 1. Auflage Berlin/Frankfurt am Main, Ullstein 1978.