Im Rahmen der virtuellen Rekonstruktion der Synagoge in Česká Lípa (dt. Böhmisch Leipa, heute Tschechien) wurde nicht nur der historische Kontext aufgearbeitet und der Sakralbau baulich analysiert.
Durch die praktische Erstellung des 3D-Modells und die daraus hervorgehenden Visualisierungen konnte ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und zum digitalen Erhalt verlorener Kulturgüter geleistet werden.
Zur jüdischen Geschichte von Česká Lípa
Etwa ab 1570 existieren zuverlässige Nachweise über alle jüdischen Einwohner in Česká Lípa, zumindest 14 steuerpflichtigen Personen sind dokumentiert. Unter der Regentschaft Rudolfs II. von Habsburg entwickelte sich in Böhmisch Leipa eine jüdische Gemeinde mitsamt den traditionellen Einrichtungen. Das jüdische Viertel der Stadt lag vor den östlichen Stadtmauern und bestand im Jahr 1730 aus 15 Häusern. Dessen Ursprung, von dem ausgehend es über die folgenden Jahrhunderte wuchs, bildete die Kreuzung der Grabengasse und der Kreuzstrasse. Die jüdische Gemeinde blieb für viele folgende Jahrzehnte, auch in Zeiten geringeren Segregationsdruckes, mehrheitlich unter sich. Zum Zeitpunkt seiner grössten Ausdehnung reichte das jüdische Viertel von dort über die spätere Tempelgasse bis an das Ufer der Polzen (Ploučnice).

B. Janu: Gegenüberstellung der rekonstruierten Westansicht (rechts) und der Westansicht laut Historischem Plan (links, Grundlage der Darstellung ist die historische Westansicht). Unterlagen aus dem Akt: Archivbestand der Stadt Česká Lípa, Nr. 2384 – BI/c.4. Staatliches Kreisarchiv Česká Lípa, mit freundlicher Genehmigung, B. Janu mit freundlicher Genehmigung.
Erstes Synagogengebäude
Die jüdische Gemeinde in Česká Lípa hatte für viele Jahre kein eigenständiges Gebäude, das explizit dem Gebet oder dem hebräischen Unterricht vorbehalten war. Mehrere Jahrzehnte lang wurde der religiösen Praxis in diversen angemieteten Nebengebäuden, wie Scheunen oder Getreidespeichern nachgegangen. Etwa 1660 wurden erstmals in einem der jüdischen Wohnhäuser Räume eingerichtet, die religiösen Zwecken dienen sollten und als erste Vorstufe der späteren Synagogen angesehen werden können. Später wurde das beschriebene Gebäude um ein Stockwerk erweitert und diente im Erdgeschoss als Wohnraum für den Rabbiner und den Gemeindediener, im Ober- und Kellergeschoss waren die Betsäle, die hebräische Schule und das rituelle Bad untergebracht. Die Genehmigung zum Bau einer Synagoge wurde in Böhmisch Leipa erstmals 1699 durch den Bischof von Leitmeritz erteilt. Trotz der vorhandenen Genehmigung wurde das oben genannte Gebäude noch zumindest bis zu den Pogromen von 1744 im Zuge des Zweiten Schlesischen Krieges in seiner beschriebenen Form genutzt und vorerst kein Synagogenbau umgesetzt. Dessen genaues Errichtungsjahr kann aus den vorliegenden Unterlagen nicht abgeleitet werden, es erscheint aufgrund der dokumentierten Ereignisse aber wahrscheinlich, dass der Bau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts oder spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts stattfand. Im Jahr 1820 fielen grosse Teile der Stadt einem Feuer zum Opfer. Auch die Synagoge war betroffen und wurde stark beschädigt. Im Zuge des Wiederaufbaus wurde sie erweitert: Der im Erdgeschoss gelegene Betsaal wurde vergrössert, behielt aber seinen orthodoxen Grundriss, mit dem vergitterten Frauenbereich im seitlichen Teil des Raumes. Zusätzlich wurde im Obergeschoss des Gebäudes eine Frauenempore angelegt. Die Anzahl der Sitzplätze erhöhte sich durch die Erweiterung der Synagoge auf etwa 260.

Längsschnitt. Virtuelle Rekonstruktion.
Neubau
In den folgenden Jahren beeinflusste die Reformbewegung auch die Liturgie der G’ttesdienste in Böhmisch Leipa immer mehr. Es wurden regelmässig G’ttesdienste mit Chorgesang und in deutscher Sprache abgehalten. Die orthodoxe Synagoge erschien einerseits schon bald zu beengt für die steigende Zahl an Besuchern, andererseits erschien auch das Gebäude an sich nicht mehr passend für die veränderte Liturgie. In der Gemeinde wuchs der Wunsch nach einer neuen, repräsentativen Synagoge, woraufhin 1857 erstmals ein Komitee für den Bau einer neuen Synagoge eingesetzt wurde. Die Mitglieder dieses Komitees holten in weiterer Folge Beratung bezüglich der Umsetzung ihres Vorhabens in Raudnitz an der Elbe (Roudnice nad Labem), einer naheliegenden Gemeinde, die Česká Lípa mit dem Bau einer neuen Synagoge vorausgegangen war, ein.
Die Neue Synagoge von Česká Lípa entstand, wie viele andere Synagogen in Mitteleuropa, während der Reform- und Emanzipationsbewegung im Judentum. Während in den Grossstädten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts imposante Monumente wie der Leopoldstädter Tempel in Wien oder die Synagoge in der Oranienburgerstrasse in Berlin entstanden, strebten auch die kleineren jüdischen Gemeinden in ländlichen Gebieten nach Synagogen, die ihre neu gewonnene, gleichberechtigte Position in der Gesellschaft widerspiegelten. Die Synagoge von Česká Lípa kann stellvertretend für die Gruppe dieser Kleinstadtsynagogen im ländlichen Raum verstanden werden und stellt somit einen bedeutenden Teil jüdischer Geschichte dar. Wie viele Vertreterinnen dieser Gebäudetypologie ist weder sie selbst noch ihr Architekt Josef Goldbach oder der ausführende Baumeister Eduard Posselt überregional bekannt und detaillierte Unterlagen zu diesem Bauwerk, insbesondere zum Innenraum, waren nicht durchgängig aufzufinden.

Westansicht aussen. Virtuelle Rekonstruktion.
Zerstörung
Unmittelbar nach der Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938 durch die Nationalsozialisten und dem Eintreffen der Militärtruppen trat eine Fülle von Massnahmen in Kraft, die die Inhaftierungen politischer Gegner oder jüdischer Einwohner und deren Vertreibung nach sich zogen. Neben Mitgliedern „gemischter“ Familien blieben vor allem Menschen in den Grenzgebieten zurück, denen eine Flucht nicht möglich war und die vorerst von der Haft ausgenommen waren. Überwiegend handelte es sich um alte oder kranke Personen, die auf die Hilfe der bisher existenten jüdischen Wohltätigkeitsvereine angewiesen waren. Bereits in den ersten Tagen nach dem Einmarsch auf tschechisches Territorium wurde sämtliches jüdisches Eigentum, materiell oder finanziell, konfisziert. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde die Gestapo mit der Verwaltung des jüdischen Eigentums beauftragt.
In der Zwischenzeit erschütterten die Novemberpogrome jüdische Gemeinden in ganz Deutschland und Österreich, mitsamt den annektierten Gebieten. Die ersten Übergriffe in der Region Nordböhmen fanden am Morgen des 10. November statt. Neben Angriffen auf jüdische Einwohner und der Zerstörung jüdischer Geschäfte, wurden auch Synagogen in Brand gesteckt. In der Synagoge von Česká Lípa wurde am 11. November Feuer gelegt. Da man ein Übergreifen auf umliegende Gebäude befürchtete, wurde es gelöscht, die Synagoge aber dennoch zerstört und innerhalb der folgenden Jahre abgetragen. Ihre Überreste wurden vermutlich, wie in vielen anderen Teilen des Dritten Reichs, als Baumaterialien für Projekte der Nationalsozialisten verwendet. Als Abschluss der symbolischen Beseitigung jüdischen Lebens in Česká Lípa wurde die Tempelgasse, in der die Synagoge stand, nach den Pogromen in „Stürmergasse“ (wie die nationalsozialistische Wochenzeitung) umbenannt. Im Jahr 1939 wurde mit der offiziellen Liquidierung sämtlichen noch vorhandenen jüdischen Eigentums begonnen. Vorrangig handelte es sich hierbei um das Eigentum von Vereinen oder Organisationen, jüdisches Privateigentum hatten die Nationalsozialisten bereits unmittelbar nach der Annexion des Sudetenlandes beschlagnahmt. Die offizielle Auflösung der jüdischen Gemeinde in Česká Lípa erfolgte im September 1939. 1941 trat die verpflichtende Kennzeichnung durch den Judenstern in Kraft und ab 1942 wurde mit der Deportation aus dem Gebiet begonnen. Die meisten der noch verbliebenen jüdischen Einwohner in Česká Lípa wurden nach Theresienstadt oder später nach Auschwitz deportiert.

Axonometrie, Weissrendering der Synagoge im städtebaulichen Kontext. Virtuelle Rekonstruktion.
Städtebauliche Situation
Die südlich gelegenen Nachbargebäude, das Rote Haus und dessen direkte Nachbargebäude sind heute noch erhalten und vermitteln einen Eindruck, wie das Stadtgefüge vor Ort im 19. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Zum Zeitpunkt der Synagogenexistenz verlief direkt vor dem Roten Haus ein Seitenarm der Polzen und die Tempelgasse, die auf den Fotos am südlichen Ende eher als schmales Gässchen anmutet, endete an ihrem Ufer. Nur eine kleine Brücke führte über den Fluss zu den Eingängen der Häuser am Südufer. Bei einem Besuch des Ortes ist heute nichts mehr davon zu sehen: Die Polzen wurde reguliert, ihr Seitenarm ist verschwunden, die Strasse ist heute zweispurig mit Gehsteigen an beiden Seiten und ihr Verlauf wurde im südlichen Teil verändert. Sie läuft nicht mehr gerade auf das ehemals südlich der Synagoge gelegene Rote Haus zu, sondern in einer weitläufigen Biegung Richtung Westen. Ebenfalls aus dem Stadtbild verschwunden ist die damals direkt neben der Synagoge gelegene Hebräische Schule. Diese starken Veränderungen des Ortes machen ein aussagekräftiges Umgebungsmodell besonders wichtig, um sich die Synagoge in ihrem stadträumlichen Kontext vorstellen zu können. Um dies gewährleisten zu können wurde die direkte Umgebung der Synagoge detailliert ausgearbeitet und die Fassadenstrukturen wie Fenster, Türen oder Traufgesimse der Gebäude innerhalb der Tempelgasse angedeutet. Die noch erhaltenen Gebäude, das Rote Haus und seine Nachbargebäude, wurden vor Ort vermessen und entsprechend dieses Aufmasses modelliert. Die Gebäude ausserhalb der Tempelgasse wurden als reines Massenmodell erarbeitet, da die Relevanz der Fassadenrhythmik in diesen Fällen nicht gegeben ist.
Baubeschreibung
Die dreigeschossige, circa 19m breite und 29,5m lange Synagoge von Česká Lípa lässt sich bautypologisch klar als Emporenbasilika kategorisieren und folgt dem klassischen Aufbauschema der Reformsynagogen ihrer Zeit. Der rechteckige Baukörper war entlang der Ost-West-Achse ausgerichtet und wies in Längsrichtung einen dreischiffigen Aufbau auf, wobei in den Obergeschossen der Seitenschiffe die Frauenemporen angeordnet waren. Auch in Querrichtung lässt sich eine Dreiteilung im Grundriss feststellen, die sich an der Kubatur des Gebäudes klar ablesen lässt: Der westliche Bauteil ist zur Strasse orientiert und ist der breiteste Teil des Gebäudes, er beherbergt die Vorräume für Frauen und Männer, sowie die Stiegenhäuser und den Chor. Der mittlere Teil des Bauwerks, der schmalste Bereich des Gebäudes, beinhaltet den eigentlichen Betsaal. Im Erdgeschoss beteten die Männer, auf den links und rechts angeordneten Emporen im ersten und zweiten Stock sassen die Frauen. Im Mittelschiff des östlichen Baukörpers befanden sich Bima und Thoraschrein, in den Seitenschiffen dieses Bereiches waren Räume untergebracht, deren Nutzung nicht klar aus den vorliegenden Unterlagen ablesbar ist; naheliegend wäre, dass es sich hierbei um multifunktionale Nebenräume handelte.

Innenraumperspektive mit Blick auf Thoraschrein. Virtuelle Rekonstruktion.
Stilistische Einordnung
In der textlichen Beschreibung der Synagoge in Hugo Golds Werk Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart wird die Synagoge dem orientalisierenden Stil zugeordnet, was nach genauerer Analyse nur begrenzt bestätigt werden kann. Obwohl sich an der Synagoge von Böhmisch Leipa durchaus dezente orientalisierende Elemente finden, wie zum Beispiel minarettartig anmutende und von einer kleinen zwiebelförmigen Kuppel gekrönte Türmchen, oder ein Kranz aus spitz zulaufenden Zinnen oberhalb des Traufgesimses an der Fassade der Vorhalle und zarte, gusseiserne Stützen im Inneren, die die Frauenemporen trugen, wurde auf zu dominante Merkmale orientalisierender Formensprachen wie beispielweise Hufeisenbögen oder die typische horizontale Fassadengliederung in Gelb und Rot verzichtet. Die heute noch erhaltenen Pläne zeigen ein Gebäude, dessen Fassadengestaltung gänzlich auf Rückgriffe aus orientalisierenden Stilrichtungen verzichtete. Die orientalisch anmutenden Dekorationen dürften demnach erst im späteren Verlauf der Planung bzw. erst im Zuge der Ausführung ergänzt worden sein. Die vorliegenden Plandokumente zeigen ein dreischiffiges Bauwerk, das in seinen Grundzügen der Neuen Kasseler Synagoge nachempfunden zu sein scheint. Im Allgemeinen zeigt sich der Entwurf der Kasseler Synagoge als eher schlicht und konsequent dem Rundbogenstil verpflichtet, wohingegen der Entwurf für die Synagoge von Česká Lípa deutliche formale Ähnlichkeiten mit der Romanik aufweist. Da die Synagoge dem Zeitalter des Historismus entstammte und sich nicht am Prinzip der Stilreinheit zu orientieren schien, sind nicht alle Bauteile und dekorativen Elemente des Gebäudes eindeutig einer Stilrichtung zuzuordnen. Der orientalisierende Stil stellt ideologisch das Gegenbeispiel zum Rundbogenstil und der Neoromanik dar. Während anhand des Rundbogenstils und der Neoromanik die Integration der jüdischen Gemeinden betont werden sollte, stellten Synagogen im orientalisierenden Stil ein Zeichen der selbstbewussten Andersartigkeit dar, sie wurden von den jüdischen Gemeinden des 19. Jahrhunderts als stolzer Verweis auf ihre nahöstlichen Wurzeln genutzt.
Architektonisch wurde der orientalisierende Stil im Sinne einer formal-dekorativen Ausgestaltung verstanden, während die grundlegende Struktur der Reformsynagogen im 19. Jahrhundert in der Regel den drei Gebäudetypologien Emporenbasilika, Kreuzkuppel und Kuppelrotunde folgte.

Innenraumperspektive mit Blick von der Empore (Frauengalerie) in Richtung Chor. Virtuelle Rekonstruktion.
Innenausstattung
Die Einordnung der Wandmalereien im Inneren der Synagoge ist nur sehr grob möglich, da die Pläne die Wandmalereien nicht abbilden und der überwiegende Teil der fotografischen Dokumentation erst im Zuge der Brandbekämpfung oder der Schadensbegutachtung entstand, als die Malereien bereits zerstört waren. Ersichtlich ist anhand einer Innenfotografie, dass die Wände und Decken des Betsaals schlicht gehalten wurden. Die Wände waren vermutlich einfärbig, mit einem hellen Sockel ausgeführt. Die Untersicht der Emporen dürfte eine grossformatige, kassettenartige Bemalung aufgewiesen haben. Lediglich die Brüstungen der Frauengalerie waren, auf der dem Männerbetsaal zugewandten Seite, aufwendiger bemalt. Die genannte Innenfotografie zeigt diesbezüglich ein geometrisches Muster. Aufgrund der relativ schlechten Bildqualität kann keine Aussage darüber getroffen werden, ob die grossflächigen geometrischen Muster durch florale Elemente ergänzt wurden. Die Ostwand mit ihrer Nische für den Thoraschrein und die darüber liegende Decke wurde hingegen aufwändig bemalt. Die Innenfotografie zeigt den Thoraschrein in hellem Material, was nahelegt, dass er aus der Motivation heraus, dem heiligsten Ort in der Synagoge eine edle Materialität zu verleihen, in Marmoroptik bemalt wurde, wie es auch in anderen Synagogen beobachtet werden kann. Den Abschluss des Podiums, auf dem die Bima und der Thoraschrein untergebracht sind, scheint gemäss dem Innenfoto untypischerweise eine bemalte Brüstung anstelle des klassischen Gitters zu bilden.

Innenraumperspektive mit Blick in den Hauptraum von der Bima aus Richtung Chor. Virtuelle Rekonstruktion.
Virtuelle Rekonstruktion
Neben den Plänen, die das Gebäude zeichnerisch abbilden, liegen im Kreisarchiv von Česká Lípa auch schriftliche Dokumente auf, die mit dem Bau und der Planung der Synagoge in Zusammenhang stehen und für die Rekonstruktion eingesehen werden konnten. Das Vorausmass listet je nach Arbeitsschritt die unterschiedlichen Bauteile bzw. ihre Materialien auf und gibt ihre Menge bekannt, wobei die Mengenangabe aus heutiger Sicht auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar erscheint und aufgrund ihrer geringen Relevanz nicht weiter erforscht wurde. Das Dokument ist mit einem heute üblichen Leistungsverzeichnis vergleichbar und liefert für die Rekonstruktion wertvolle Informationen für die Bereiche, die weder fotografisch dokumentiert noch auf Plänen dargestellt sind. Besonders hilfreich war das Vorausmass bezüglich der Materialwahl, da es diesbezüglich häufig den einzigen Anhaltspunkt darstellte. Aber auch für die Geometrie der nicht oder nicht detailliert dargestellten Innenräume, insbesondere der Nebenräume war dieses Dokument relevant. Die Annahme, dass die Decken in den Nebenräumen und über dem Almemor als Gewölbe ausgeführt wurden, fusst auf diesem Dokument. Bei der Decke über dem Almemor konnte die Wölbung bereits anhand der Innenfotografie vermutet, aufgrund der geringen Qualität der Fotografie konnte diese Annahme allerdings nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Das Vorausmass bestätigt dies und macht diese Variante somit sehr wahrscheinlich.
Unter den handschriftlich verfassten Dokumenten befindet sich auch eine Beauftragung zur Herstellung der Leuchten mit einer Beschreibung derselben. Dieses Schreiben diente zusammen mit den Fotos als Grundlage für deren Modellierung. Weiters liegen Dokumente vor, die aufgrund ihrer geringen Relevanz hier zusammengefasst und ausschliesslich der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Es existiert eine allem Anschein nach vollständige Kostenschätzung des Projekts und diverse handschriftlich verfasste Dokumente, deren Betreff aufgrund der schwierigen Lesbarkeit nicht zuverlässig festgestellt werden konnte.
Fotografien bilden im Gegensatz zu Plänen oder textlichen Beschreibungen eines Gebäudes immer die tatsächlich erbaute Realität ab und sind somit die wichtigste und zuverlässigste Quelle für die Rekonstruktion. Das Planmaterial bildete die Grundlage der Rekonstruktion, anhand derer die Hauptmasse des Gebäudes definiert werden konnten. Auch das grundlegende Bauwerks- und Erschliessungskonzept, Raumabfolgen, das Tragwerkskonzept und viele weitere grundlegende Bausteine des Gebäudes wurden aus den Plänen abgeleitet. Die Fotografien hingegen waren zuverlässige Quellen für die Details des Gebäudes, die in den Plänen oft nicht dargestellt waren oder in der Realität von den geplanten Strukturen abwichen. Besonders wichtig waren die Aussenfotografien der intakten Synagoge für die Rekonstruktion des Daches und der Fenster. Da das Dach und die Fenster beim Brand vollständig zerstört wurden, war deren Gestaltung im Gegensatz zu den Fassadendetails nicht aus den zahlreichen Detailfotografien, die im Rahmen der Brand- und Schadensdokumentation entstanden, ablesbar. Gelangte die Rekonstruktion an einen Punkt, an dem es gänzlich an Informationen fehlte, unterschied sich die Herangehensweise je nach Anforderung. So wurden die Eingangsbereiche und Nebenräume der Synagoge aufgrund mangelnder Informationen sehr schlicht gehalten, die Rekonstruktion beschränkt sich in diesen Bereichen auf das Minimum. Im Betsaal hingegen wurden bei mangelnden Informationen Referenzprojekte herangezogen und als Grundlage verwendet, um anhand dieser Referenzen und den in anderen Gebäudeteilen dokumentierten Gestaltungsprinzipien der Synagoge ein plausibles Gesamtbild zu erarbeiten.
Visualisierung
Die Visualisierung schliesst die vorliegende Rekonstruktion ab und vermittelt, im Anschluss an die theoretische Aufarbeitung der Arbeit, einen Gesamteindruck der einstigen Synagoge von Česká Lípa. Durch die Erstellung der fotorealistischen Darstellungen mit Artlantis 2021 kann das Bauwerk in seiner Gesamtheit erfasst werden. Die unterschiedlichen Blickwinkel- und Tages- bzw. Jahreszeiteneinstellungen lassen es zu, das Gebäude in all seinen Facetten darzustellen. Durch die Visualisierung werden darüber hinaus auch fotografisch nicht dokumentierte Bereiche wie beispielweise die Stiegenhäuser wahrnehmbar. Weiters wird der städtebauliche Kontext der Synagoge, ebenso wie die Wirkung der Details im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung, für jeden Betrachter erlebbar.
Nachlese
Barbara Janu: Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Česká Lípa. Diplomarbeit: Technische Universität Wien 2025. Online, link: https://repositum.tuwien.at/handle/20.500.12708/220691